Geburt im Zwielicht

Matthäus 1, 18 – 25

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so:

Der Satz scheint eine Schilderung der Geburt Jesu anzukündigen. Aber im Folgenden geht es nicht um die Geburt und ihre Umstände. Es geht um Josef und Maria. Es geht um eine Engelbotschaft. Und es geht um die Konsequenzen, die Josef aus der Botschaft zieht.

Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.

Josef und Maria sind verlobt. Das ist ein bindendes Versprechen mit rechtlichen Folgen. „Eine Verlobung kann nur durch Scheidebrief gelöst werden.“ (U. Luz, aaO.; S.103) Nun aber, als Josef seine Frau heimholen will, erweist es sich, dass sie schwanger ist. Das griechische Wort für heimholen, συνελθεν, wird von manchen, vor allem östlichen Kirchenvätern, auch auf den Geschlechtsverkehr hin gedeutet.

Der Evangelist stellt gleich klar, was der Mann Josef noch nicht weiß: Maria ist schwanger vom Heiligen Geist. Kein Wort zu dem Wie. Kein Wort zu dem Warum. Einfach nur ein Faktum. Josef aber muss mit dieser Entdeckung fertig werden, zurecht kommen. Seine Lösung: Stillschweigender Rückzug. Kein Skandal. Das kennzeichnet ihn als „fromm“. Δίκαιος meint eigentlich „gerecht“, gewinnt hier aber unter dem Verhalten des Josef einen Beiklang von „barmherzig“. Er ist ein guter Mann, der seiner Verlobten die Bloßstellung ersparen möchte. Einer, der viel auf sich nimmt.

Alles wird knapp erzählt. Und ohne jedes Ausleuchten der Gefühle, der Emotionen. Da ist Matthäus, wie die ganze Bibel auch sonst, sehr karg. Mir leuchtet ein: „Auffällig ist, dass das Wunder der jungfräulichen Empfängnis nicht erzählt, sondern voraus gesetzt wird. Es ist Matthäus also aus der, wohl mündlichen, Tradition der Gemeinde bekannt.“(E. Schweizer, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 2, Göttingen 1976, S. 11)  

20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach:

            In die Überlegungen, die Josef beschäftigen hinein, ereignet sich eine Engelerscheinung an ihn, im Traum. Engelerscheinungen sind ein Bestandteil der Jesus-Geschichte, an ihrem Anfang und an ihrem Ende. Aber sie haben nie einen Eigenwert. „Während in der mystischen Religiosität damals und zu allen Zeiten großer Wert auf derartige besondere Erfahrungen als solche gelegt wird, sind sie im Christentum des Neuen Testaments immer nur dienende Glieder in einer Kette von Gottestaten, deren Ziel weit jenseits der außerordentlichen Einzelerfahrung liegt.“(J. Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 2, Göttingen 1964, S. 14) Nicht der Bote, die Botschaft ist das, was zählt.

Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

            Schon die Anrede ist bedeutungsvoll. Josef ist ein Davidssohn. Und damit wird der Sohn, der ihm durch Maria geboren werden wird, auch zum Davidssohn. Darauf kommt es dem Evangelisten mit seiner Botschaft an.  Der Engel zeigt sich als einer, der Gedanken lesen kann. Er antwortet mit seinem Wort auf die unausgesprochenen Gedanken des Josef. Josef ist kein betrogener Ehemann, Maria keine treulose Verlobte.

Es ist eine seltsame neutrische Formulierung: Was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Diese etwas umständliche Formulierung mag helfen „an das kreative Eingreifen Gottes durch den Geist und nicht an den (neutrischen! Hebräisch: weiblichen!) Geist als geschlechtlichen Partner Marias zu denken.“(U. Luz, aaO.; S.104) So wie ja auch der Verzicht auf irgendeine Schilderung der Zeugung den ganzen Vorgang bewusst nicht  veranschaulicht und vergegenständlicht.

Die moderne Frage, wie man sich so etwas denn vorstellen soll, beschäftigt Matthäus und seine Leser offensichtlich überhaupt nicht. Vielleicht sind sie uns Heutigen an dieser Stelle ein gutes Stück voraus im Verstehen von Sprache und Sprachbildern, von Unaussagbarem und vom Wunder.

Viel wichtiger ist Matthäus der Name, den Josef diesem Kind geben soll. Jesus. Auf der einen Seite ein jüdischer Allerwelts-Name: Jeschua. Gott hilft, Jahwe ist Heil. So heißen viele. Bis heute ist Jesus beispielsweise in Spanien ein durchaus gebräuchlicher Männervorname. Auf der anderen Seite das Lebens-Programm Jesu: Er ist der, der das Volk heilen wird, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

Darauf hofft Israel seit altersher.

Meine Seele wartet auf den Herrn                                                                                 mehr als die Wächter auf den Morgen;                                                                    mehr als die Wächter auf den Morgen                                                                           hoffe Israel auf den HERRN!                                                                                             Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.                            Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.        Psalm 130, 6-8

            Das sagt der Engel über dieses noch nicht geborene Kind und sagt damit: Er ist der Heiland – das klingt in diesem Namen schon mit an. Und sein Retten ist Vergebung der Sünden. „Sündenvergebung ist im Alten wie im Neuen Testament das Wort, in dem sich das ganze Heil Gottes zusammenfasst. Sündenvergebung bedeutet weit mehr als die Tilgung einzelner verkehrter Taten: sie bedeutet, dass die Scheidung zwischen Gott und Menschen aufgehoben ist.“ (J. Schniewind, aaO.; S. 14) Es ist der Heilswille Gottes, der in Jesus Person wird. Heiland.

 22 Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Es folgt, und das fasst die Schilderung zusammen, ein “Reflexions-Zitat”. (E.Schweizer, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 2, Göttingen 1976, S. 10) Das Zitat deutet die vorher erzählte  Situation. Es ist also nicht der Boden, von dem aus eine Geschichte erzählt wird, sondern umgekehrt: Die Geschichte wird durch das Zitat erhellt. Hier also: Was geschehen ist, entspricht der Botschaft des Jesaja in bedrängter Zeit.

Leser des Jesaja-Buches wissen: Mit diesen Worten wird in der Stadt Jerusalem, die belagert ist, eine Heilswende angesagt. Dargestellt an einem so alltäglichen Vorgang wie dem, dass eine junge Frau schwanger wird und einen Sohn gebiert. Mehr wollte Jesaja wohl auch nicht sagen. Wir aber lesen mit Matthäus mehr. „Gewiss aber gilt für Jesaja wie für das ganze Alte Testament das Gesetz der verkürzten Perspektive: Erwartungen, die endzeitliche Züge tragen, werden so ausgesprochen, dass ihre Erfüllung in nächste Nähe geschaut wird.“ (J. Schniewind, aaO.; S. 15) In meinen Worten: Jesaja sieht mehr und sagt mehr, als er sehen und sagen kann.

            Im ursprünglichen, hebräischen Text ist bei Jesaja nur von „einer (verheirateten oder unverheirateten) jungen Frau“ (E.Schweizer, aaO.; S. 11) die Rede. Aber schon die Septuaginta, die griechische Übersetzung des AT, verwendet dann das Wort παρθένος, das hier auch bei Matthäus steht.

Mit aller Vorsicht: Es ist nicht in erster Linie die Jungfrauengeburt, um die es Matthäus geht. Wie ja die Jungfrauengeburt im Neuen Testament insgesamt eher eine Nebenrolle spielt. Es geht Matthäus, auch mit diesem Ausdruck, darum zu zeigen, dass in der Geschichte dieses Jesus Gott von Anfang an am Werk ist, nicht erst später, nach einer „Bewährungszeit“ einsteigt. Und es geht Matthäus massiv darum, von Anfang an zu bezeugen, was es mit Jesus auf sich hat. Er ist der  Immanuel, Gott mit uns. Er ist der, durch den Gott auf die Seite der Menschen tritt.    

Dieses Zitat hat auch dieses Anliegen, zu zeigen, dass sich hier die Treue Gottes zu seinem Volk manifestiert. So wie er Jerusalem zur Zeit des Ahas in bedrängter Zeit ein Zeichen gegeben hat, so gibt er jetzt in Jesus ein Zeichen in die konkrete Jetzt-Zeit hinein, unüberbietbar. Zugleich aber gültig für alle Zeit. Ein Zeichen seiner Treue.

 24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.25 Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Josef erwacht – und gehorcht. Er folgt dem Wort des Engels. Er macht Hochzeit mit Maria. So das Wort, das Luther zurückhaltend  mit: er nahm seine Frau zu sich übersetzt. Aber er erkennt sie nicht. So wörtlich im Griechischen. Kein Geschlechtsverkehr mit Maria. Aus Scheu? Aus Ehrfurcht vor dem Geist? Um dem Wunder nicht „dazwischen zu funken“? Oder schlicht aus Respekt vor der Schwangeren? Manchmal könnte ja so eine überaus menschliche Erklärung die am nächsten Liegende sein.

Als der Sohn da ist – so wenig Aufmerksamkeit liegt bei Matthäus auf der Geburt! – gibt Josef ihm den Namen, den der Engel ihm genannt hat. Jesus. Auch darin bewährt sich Josef als der, der gehorcht. Das zeichnet Josef in den Augen des Matthäus aus, macht ihn zu einem „Frommen“, einem „Gerechten“, und so wohl auch zum Vorbild für alle Lesende des Evangeliums.

 

Manchmal braucht es einen Engel, damit wir verstehen, damit wir einwilligen in Deine Wege, erkennen, dass Du am Werk bist auch in dem, was uns zu schaffen macht.

Manchmal haben wir es uns anders gedacht mit unserem Leben, unserer Liebe und müssen Enttäuschungen erleben. Enttäuschungen, die uns dann doch Deine Wirklichkeit entdecken lassen.

Manchmal braucht es auch bei uns den schlichten einfältigen Gehorsam, damit wir einverstanden werden mit Deinem Weg. Amen