Jenseits der Zeit

Jesaja 33, 17 – 24

17 Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit; du wirst ein weites Land sehen.

            Unmittelbar vor diesem Abschnitt steht eine gewichtige Doppelfrage: .»Wer ist unter uns, der bei verzehrendem Feuer wohnen kann? Wer ist unter uns, der bei ewiger Glut wohnen kann?« (33,14) Sie erinnert an die Fragen aus Psalm 24:  

 Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                             und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?        Psalm 24,3

Beide Male geht es darum: Gibt es Voraussetzungen, die Menschen erfüllen müssen, um für eine Gottesbegegnung bereit zu werden? Ist es unsere Möglichkeit, Gott zu entsprechen, so dass wir bei dem verzehrende Feuer wohnen können, bei der ewigen Glut?  Es gibt, so der Psalm und so auch Jesaja, Verhalten, um sich auf Gottesbegegnungen vorzubereiten. Dazu gehört die Reinheit des Herzens, die Lauterkeit des Handelns, ein Ringen um Gerechtigkeit und Wahrheit.

Und doch bleibt im Letzten unableitbar und Geschenk, was hier gesagt wird: Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit. Wenn der König kommt, gehen die Augen über vor Staunen. So hat es Jesaja selbst auch erfahren in seiner Vision im Tempel. „Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (6,5) Staunen und Schrecken vermischen sich in diesem Ausruf.

Wer ist mit dem König gemeint? Von der Vision Jesajas im Tempel her könnte man sagen: Der HERR ist der König, von dem hier die Rede ist. Handelt es sich also „um eine Gotteserscheinung oder um das Sehen des Messias“? (O.Kaiser, aaO.; S.275). Das wäre ja die andere Möglichkeit.

            Aber vielleicht ist die Frage in ihrer Alternative ja falsch gestellt! „Wer mich sieht, sieht den Vater“(Johannes 14,9) Es könnte doch tatsächlich so sein: Im Messias leuchtet die Schönheit Gottes auf. Es kommt – und darauf hofft doch die Christenheit, eine Zeit des Heils, „in der man Gott und seinen Gesalbten oder Gott in seinem Gesalbten sehen wird.“ (D. Schneider, aaO.; S.450)

Darum, und nur darum können Christen ja auch so singen:

 Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Enden, Gottes und Marien Sohn:
Dich will ich lieben, Dich will ich ehren, Du meiner Seele Freud und Kron.

 Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfasst in Dir allein.
Nichts soll mir werden lieber auf Erden als Du, der schönste Jesus mein. 
               Münster 1677/Heinrich August von Fallersleben 1842, EG 403

            Wenn der König endgültig kommt, sichtbar wird vor aller Augen, ist es vorbei mit der Enge, vorbei auch mit der Angst. Diese Worte Jesajas sagen ein Sehen an, das nicht mehr nur ein paar Auserwählten zuteil wird. Alle werden sehen. Und in diesem Sehen wird das Land weit. Weil sie frei von Ängsten werden, darum haben sie auf einmal Augen für den weiten Horizont.

 18 Dein Herz wird an den Schrecken zurückdenken und sagen: »Wo sind nun die Schreiber? Wo sind die Vögte? Wo sind, die die Türme zählten?« 19 Du wirst das freche Volk nicht mehr sehen, das Volk von dunkler Sprache, die man nicht verstehen kann, und von stammelnder Zunge, die unverständlich bleibt.

            Die Zeit der Ängste ist vorbei. Es ist wie eine ferne Erinnerung an dunkle Zeiten, fremde Stimmen, an Türme der bedrängenden Macht. Aber diese Erinnerung hat allen Schrecken verloren. Sie ist nicht ausgelöscht, aber sie darf nicht mehr lähmen, nicht mehr festlegen, nicht mehr in die Enge führen.

Es ist ja eines, ob man etwas Schreckliches vergessen hat, aber wenn die Erinnerung hochsteigt., ist auch der Schrecken wieder da. Es ist aber ein ganz Anderes, ob die Erinnerung da ist, aber aller Schrecken, der in ihr wohnt, ist besiegt. So sind die Erinnerung, von denen hier die Rede ist: Sie haben keine Macht mehr. Sie dürfen nicht mehr binden.

 20 Schaue auf Zion, die Stadt unsrer Feiern! Deine Augen werden Jerusalem sehen, eine sichere Wohnung, ein Zelt, das nicht mehr abgebrochen wird. Seine Pflöcke sollen nie mehr herausgezogen und keines seiner Seile zerrissen werden.

Wie schön, den Zion so wieder neu zu sehen. Jerusalem, den Ort ungezählter Feiern. Wunderbarer Gottesdienste. Ort, der schon von weitem grüßte und lockte. Weil man es wusste: Hier ist eine sichere Wohnung, ein Zelt, das nicht mehr abgebrochen wird. Es sind die Wallfahrtspsalmen Israels, die zu diesen Worten stimmen, sie ausmalen.

 Ich freute mich über die, die mir sagten:                                                                      Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!                                                               Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem.                                        Jerusalem ist gebaut als eine Stadt,                                                                                  in der man zusammenkommen soll,                                                                            wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme des HERRN,                                 wie es geboten ist dem Volke Israel,                                                                                 zu preisen den Namen des HERRN.                                                                           Denn dort stehen die Throne zum Gericht,                                                                  die Throne des Hauses David.                                  Psalm 122, 1 – 5

Und auch diese Worte sind hier, so denke und lese ich,  mit zu hören

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.                                  Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?                        Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,                                                     weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?                                                Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst:                        wie ich einherzog in großer Schar,                                                                                  mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes                                                                           mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.     Psalm 42, 3 – 5

Die ganze Sehnsucht Israels, nach seinem Gott, nach dem Frieden über Jerusalem, nach der Gegenwart Gottes, fließt in diesen Worten des Propheten zusammen. Eine Sehnsucht, die Christen ja auch kennen und wie sie sich vor allem, aber nicht nur, in unseren Adventslieder wieder findet.

Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen, / o meiner Seelen Zier?                                                            O Jesu, Jesu, setze / mir selbst die Fackel bei,                                                                damit, was dich ergötze, / mir kund und wissend sei.      P. Gerhardt 1653 EG 11

 21 Denn der HERR wird dort bei uns mächtig sein, und weite Wassergräben wird es geben, auf denen kein Schiff mehr fahren, kein stolzes Schiff mehr dahinziehen kann. 22 – Denn der HERR ist unser Richter, der HERR ist unser Meister, der HERR ist unser König; der hilft uns! – 23 Seine Taue hängen lose, sie halten den Mastbaum nicht fest, und die Segel spannen sich nicht.

            Auf den ersten Blick irritierend: Rund um Jerusalem gibt es weder Meer noch tiefe Wasserläufe. Woher also kommt dieses Bild? Zunächst einmal: In einem so heißen, dürren Land wie Israel ist Wasser kostbar – und Wasser im Hülle und Fülle ist ein unglaubliches Geschenk. Davon zeugt ja schon die Vorstellung, dass der Paradiesgarten von gleich vier Strömen bewässert wird. (1. Mose 2) Davon zeugt auch die Vorstellung vom Strom, der dem Tempel entspringt und Leben mit sich bringt (Hesekiel 47). Diese Vorstellung wird wiederum aufgegriffen im Bild vom Strom, der vom Thron Gottes ausgeht. „Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes.“ (Offenbarung 22,1)

Hier also: Ein Strom, ein Meer, von dem keine Gefahr mehr ausgeht. Einfach nur Wasser des Lebens. Wasser, das ganz von Gott kommt. Geschenk. Und er, Gott, hilft dazu, dass die Stadt fest bleibt und das Meer sicher.

 Dann wird viel Beute ausgeteilt werden, und auch die Lahmen werden plündern. 24 Und kein Bewohner wird sagen: »Ich bin schwach«; denn das Volk, das darin wohnt, wird Vergebung der Sünde haben.

Es sind Bilder des Heils, aber gesprochen in einer Zeit, in der das Heil noch weit weg ist und das Leben auch vom Kampf geprägt. So funkt das Beute-Schema regelrecht dazwischen. Es wehrt der Versuchung, aus diesen Bildern eine heimelige Idylle zu machen. Es trägt auch dem allzu Menschlichen noch Rechnung, dass es Rachegelüste gibt, Hoffnungen derer, die im Leben immer zu kurz gekommen sind, weil sie klein und kurz gehalten worden sind.

Das kann man als „Miserabilismus“ aburteilen, auch moralisch fragwürdig finden, weil es keine sonderlich sympathische Vorstellung ist: Einmal werden die Verhältnisse umgekehrt – die Reichen werden arm, die Armen reich, die Ohnmächtigen mächtig und die Mächtigen verlieren ihre Macht. Ich bin vorsichtig, weil ich nie arm war, nie unterdrückt, nie gefoltert worden bin, nie lahm gelegt.

Ich kann es verstehen, dass es ein Traum ist: Einmal zupacken zu können und nicht zu spät zu kommen beim Verteilen, weil man als Lahmer ja keine Chance hat, rechtzeitig da zu sein. Einmal nicht der Schwache zu sein, der Kleine, der sich immer hintenan stellen muss. Es ist mir keine sympathische Vorstellung, aber ich kann sie nachvollziehen.

Was mich bewegt, berührt, mich auch froh macht: Diese neue Stärke der Schwachen lebt aus der Vergebung der Sünden. Was für ein Glück: Keine Anklagen mehr gegen mich von der letzten Instanz. Keine Furcht mehr vor meiner Vergangenheit. Nichts mehr, was noch irgend jemand als schwarzen Fleck bei mir ausgraben könnte. Keine Leichen mehr im Keller, die ich verstecken müsste. Alles ist bereinigt, weil Gottes Vergeben allen Schaden heilt. Das macht stark, lässt Leib und Seele gesunden. Darüber bin ich froh wie einer, der große Beute gewonnen hat.

 

Einmal, jenseits der Zeit, mein Gott, werde ich Dich sehen, satt werden an Deinem Bild, zur Ruhe finden vor Dir, in Dir.

Einmal, jenseits der Zeit, werde ich staunen, weil Deine Schönheit mich staunen lässt, Deine Liebe mich erfüllt, Deine Treue mich umhüllt, Dein Vergeben mich aus allem befreit hat, was gegen mich sprechen könnte.

Einmal, jenseits der Zeit, werde ich bei Dir sein, an den ich geglaubt habe mit meinen tausend Fragen, auf den ich gehofft habe in all meinen Ängsten. Jesus, Du, mein Herr und Heiland. Amen