Neues Sehen

Jesaja 32, 1 – 20

1 Siehe, es wird ein König regieren, Gerechtigkeit aufzurichten, und Fürsten werden herrschen, das Recht zu handhaben, 2 dass ein jeder von ihnen sein wird wie eine Zuflucht vor dem Wind und wie ein Schutz vor dem Platzregen, wie Wasserbäche am dürren Ort, wie der Schatten eines großen Felsens im trockenen Lande.

Jesaja darf auch – wieder einmal – andere Zeiten ansagen. Zeiten, in den der König für Gerechtigkeit steht und die Fürsten im Land für Zuflucht. Man kann sich bei ihnen bergen. Es ist ein „realistischer Zug“(O.Kaiser, aaO.; S.256), dass es nicht nur einen gerechten König, sondern auch gute Beamte, gleich Fürsten,  braucht, damit das Land auf die Beine kommt. Was für ein Segen für ein Volk, das sich stetig ängstigen muss – vor den Mächtigen im eigenen Land und vor den Feinden von außen, wenn es Fürsten gibt, die das Recht lieben und es auch tun.

 3 Und die Augen der Sehenden werden nicht mehr blind sein, und die Ohren der Hörenden werden aufmerken. 4 Und die Unvorsichtigen werden Klugheit lernen, und die Zunge der Stammelnden wird fließend und klar reden. 5 Es wird nicht mehr ein Narr Fürst heißen noch ein Betrüger edel genannt werden.

            Die Verhältnisse werden zurecht gerückt. Das fängt damit an, dass Menschen neu sehen lernen, Durchblick gewinnen, und neu hören lernen, aufmerksam werden für Wahrheit und Unwahrheit. Die Verstockung wird aufgehoben werden, unter der die Verkündigung des Jesaja seit Beginn gestanden hat. (6,10). Es kommt zu so etwas wie einer „Aufklärung“.. Wenn man so will: Lebensweisheit setzt sich durch. Es geht ja nicht um eine messbare Zunahme von Intelligenz und Wissen, ab-prüfbar durch so etwas wie Pisa-Tests. Es geht um Urteilsfähigkeit im Blick auf das Leben. Um Klarheit im Reden, Denken und Handeln.

 6 Denn ein Narr redet Narrheit, und sein Herz geht mit Unheil um, dass er Ruchloses anrichte und rede über den HERRN lauter Trug; dadurch lässt er hungrig die hungrigen Seelen und wehrt den Durstigen das Trinken. 7 Und des Betrügers Waffen sind böse, er sinnt auf Tücke, um die Elenden zu verderben mit falschen Worten, auch wenn der Arme sein Recht vertritt. 8 Aber der Edle hat edle Gedanken und beharrt bei Edlem.

Dem wird das Andere gegenüber gestellt: Narrheit, Torheit, Bosheit. Jesaja findet Worte, die auch aus der Weisheitsschule Israels stammen könnten, wie wir sie in den Sprüchen Salomos und beim Prediger finden. Ob sie deshalb nicht aus seiner Zeit stammen können, sondern erst sehr viel später zugewachsen sein müssen, ist für mich fragwürdig, auch zweitrangig. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Prophet wie Jesaja auch solche Worte findet und formt. Schon um das Jahr 700 herum.

Und doch: das alles wir einmal vorbei sein. Irgendwann. Noch nicht heute, sondern in Zukunft. Aber in einer Zukunft, die gewiss kommt, auch wenn es keinen Terminplan für dieses Kommen gibt.

9 Wohlan, ihr stolzen Frauen, hört meine Stimme! Ihr Töchter, die ihr so sicher seid, nehmt zu Ohren meine Rede! 10 Über Jahr und Tag, da werdet ihr Sicheren zittern; denn es wird keine Weinlese sein, auch keine Obsternte kommen. 11 Erschreckt, ihr stolzen Frauen, zittert, ihr Sicheren! Zieht euch aus, entblößt euch und umgürtet eure Lenden!

Einmal mehr: Wohlan! Das ist hier ein Ruf wie: Achtung! Jetzt dagegen ist andere Zeit. Eine Zeit, in der die Gewinnerinnen des Wohl-Lebens, die Frauen der Oberschicht gewarnt werden. Wie von selbst höre ich die Stimme des großen Propheten Amos, weniger Jahre früher im Nordreich Israel:  „Hört dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid und den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen!“ (Amos 4,1) Jesajas Worte sind eine drohende Botschaft, die nicht von fernen Zeiten redet. Es wird rasch, über Jahr und Tag vorbei sein mit der Sicherheit und dem Wohlleben. Die Obsternte fällt aus, auch die Weinlese, normalerweise beides Festtage. Statt dessen ist Trauerkleidung angesagt.

 12 Man wird klagen um die Äcker, ja, um die lieblichen Äcker, um die fruchtbaren Weinstöcke, 13 um den Acker meines Volks, auf dem Dornen und Hecken wachsen, um alle Häuser voll Freude in der fröhlichen Stadt. 14 Denn die Paläste werden verlassen sein, und die Stadt, die voll Getümmel war, wird einsam sein, dass Burg und Turm für immer zu Höhlen werden, dem Wild zur Freude, den Herden zur Weide,

Es beginnt eine Zeit der Klage um zerstörte Äcker, zerstörte Lebensgrundlagen. Städte werden verlassen und verwüstet, Paläste und Villen stehen leer. Ausblick auf das menschenleere Land, wie es sich im Nordreich nach 722 findet, in Juda und Jerusalem nach 587. Was bleibt, sind Wüstungen.

Das alles liest sich wie ein Ausblick auf die kommende Katastrophe. Dabei fällt auf: Von einer Zerstörung Jerusalems und von einer Vernichtung des Tempels ist nicht die Rede. Aber genau so stelle ich mir eine Vision vor, die die Zeit übersteigt: Sie sieht nicht historische Details. Sie ist nicht exakte Beschreibung. Das würde allenfalls eine Prophetie leisten, die nachträglich erstellt wird, ex eventu. Aber die echte Prophetie sieht das Unheil, das sich anbahnt und sieht es vor allem in den Folgen, die es hat, nicht in den genauen Abläufen. „Dem Propheten kommt es jetzt nur darauf an zu sagen, dass die Trauer über das Kommende das Aufhören des Lebens und aller Lebensäußerungen ist.“ (D. Schneider, aaO.; S.439) Es sind Bilder einer großen Resignation und Traurigkeit, die sich hier zeigen.

15 so lange bis über uns ausgegossen wird der Geist aus der Höhe. Dann wird die Wüste zum fruchtbaren Lande und das fruchtbare Land wie Wald geachtet werden. 16 Und das Recht wird in der Wüste wohnen und Gerechtigkeit im fruchtbaren Lande. 17 Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein, 18 dass mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe.

HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen?                                                Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?           Psalm 13,2

            So klingt es aus dem Mund eines Einzelnen. So könnte auch das Volk fragen. So könnte auch Jesaja fragen. Und erhält Antwort: Bis über uns ausgegossen wird der Geist aus der Höhe. Wenn Gott seinen Geist gibt, wird alles anders werden. Diesem Geist kann nichts mehr widerstehen. Diesen Geist kann nichts hindern. Wenn er fließt, blüht das Leben auf.

Die Wüste wird zum Kulturland. Das Kulturland blüht üppig auf. Und dieser Vorgang in der Schöpfung, der Natur, ist zugleich Bild dafür, dass die Sozialbeziehungen in Ordnung kommen, dass Friede und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Unaufhaltsam.

Aus dem Land voller Ängste, voller Unsicherheit, voller Ungerechtigkeit wird ein guter Ort, so, dass mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe. Es ist, als würde jetzt endlich das Versprechen bei der Landnahme eingelöst, dass Israel zur Ruhe kommt. Ein Versprechen, das im Neuen Testament eindrücklich wieder aufgenommen wird: „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.“ (Hebräer 4,9-10) 

Bis in Grabsteine hinein wird die Sehnsucht nach dieser Ruhe dokumentiert. R.I.P. steht auf manchen Grabsteinen, sogar heute noch: Requiescat in Pace. Rest im Peace. Ruhe in Frieden. Jesaja und das Neue Testament wissen und bezeugen: Diese Ruhe, dieser Friede ist ganz Gabe Gottes.

19 Aber der Wald wird niederbrechen, und die Stadt wird versinken in Niedrigkeit. 20 Wohl euch, die ihr säen könnt an allen Wassern und könnt die Rinder und Esel frei gehen lassen.

            Ein bisschen ratlos stehe ich vor diesen Worten. Haben sie sich hierher verirrt? Oder ist es das Kontrast-Programm: hier das Aufblühen aus dem Geist Gottes – dort das Zusammenbrechen und Untergehen alles dessen, was auf eigener Kraft beruht? Dann wäre V. 19 eine Aussage über die, die auf sich selbst vertrauen, ob es nun Feinde Israels sind oder Leute in Israel, die sich Gott nicht anvertrauen. Sondern wie ungebärdige Kinder sagen: `Alleine. Ich will selbst.’

V.20 könnte, so gelesen, ein erneutes Heilsbild sein. Es gratuliert denen, die einen Alltag vor sich haben, in dem sie ihre Arbeit tun können. Frei von Furcht. Es ist die „bescheidene Freude“ am Leben, die auch in weisheitlich geprägten Worten zu finden ist. „Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Prediger 3,13)

Diese Nähe könnte ein Hinweis sein, dass wir es in dem ganzen Abschnitt mit Worten zu tun haben, die aus späteren Zeiten stammen, aus der Zeit, in der die „Weisheit“ gewissermaßen theologisch schul-bildend war. Das wird dann häufig ins 3. oder 2. Jahrhundert datiert. Aber es kann auch anders sein. So leuchtet es mir auch ein, als ein Hinweis darauf, dass Jesaja nicht der einsame Prophet in einer stillen Kammer ist, sondern Anteil hat, auch an der geistigen Umwelt. Und in dieser Umwelt gibt es eben auch schon viel früher weisheitlich lebenskluges Denken und vielleicht sogar Gruppen, in denen das ausgesprochen gepflegt wird.

 

Mein Gott, schenke uns einen neuen Durchblick, dass wir die Zeichen der Zeit verstehen. Schenke uns ein neues Hören, dass wir die leise Stimme Deiner Wahrheit hören. Schenke uns ein neues Reden, dass unsere Worte aufrichten und zurecht helfen. Schenke uns ein neues Handeln, dass wir zum Leben helfen.

Mein Gott, mache Du uns zu Leuten, die dem Leben dienen, die aus Deiner Kraft Gutes tun, die in den Wüsten unserer Zeit Liebe säen, kleine Zeichen der Hoffnung in der Freiheit, die sich Deiner Liebe anvertraut. Amen