Wo ist Zuflucht?

Jesaja 30, 1 – 17

1 Weh den abtrünnigen Söhnen, spricht der HERR, die ohne mich Pläne fassen und ohne meinen Geist Bündnisse eingehen, um eine Sünde auf die andere zu häufen, 2 die hinabziehen nach Ägypten und befragen meinen Mund nicht, um sich zu stärken mit der Macht des Pharao und sich zu bergen im Schatten Ägyptens!

Im harten Kontrast zu dieser angekündigten Heils-Wende stehen die neuen Worte Jesajas. Manchmal frage ich: Wie hält einer das eigentlich aus, diesen stetigen Wechsel von Gnadenwort  und Gerichtswort, von Ansage des Heils und den Drohworten, die er auch sagen muss. Aber die psychologische Situation eines Prophet ist kein Thema im Jesaja-Buch. Es geht nicht um ihn, sondern um das Volk von Juda und Jerusalem in seiner Beziehung zu Gott.

Es ist ein Verhängnis, das die handelnden Personen selbst auf sich ziehen.  Schon dadurch, dass sie als abtrünnige Söhne agieren. Sie fragen nicht nach Gott. Sie verlassen sich nicht auf ihn. Sie sind geistlos, darin, dass sie sich nur auf ihre eigenen Ideen verlassen. Sie, die als Volk unter dem Schatten seiner Flügel Zuflucht (Psalm 36,8) hatten, sie wollen sich in die Macht des Pharao flüchten. Sie vergessen völlig, dass Ägypten das Haus der Knechtschaft war. Sie vergessen das 1. Gebot: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ (2. Mose 20,2) Damit aber vergessen sie auch die eigene Identität.

            In diesem Handeln sind sie wirklich dabei, eine Sünde auf die andere zu häufen. Weil sie Gott verlassen. Sünde, das ist hier überdeutlich, ist eben kein moralischer Defekt, sondern ein Handeln, das gottvergessen ist. Es könnte von Erfolg gekrönt sein, intelligent begründet. Aber es ist kurzsichtig darin, dass es den Weg Gottes verlässt. Deshalb sind auch alle Erfolge nur Schein-Erfolge, alle Sicherheit ist nur Lug und Trug.

 3 Aber es soll euch die Stärke des Pharao zur Schande geraten und der Schutz im Schatten Ägyptens zum Hohn. 4 Denn ihre Fürsten sind zwar in Zoan, und ihre Boten sind nach Hanes gekommen, 5 aber sie müssen doch alle zuschanden werden an dem Volk, das ihnen nichts nützen kann, weder zur Hilfe noch sonst zu Nutz, sondern nur zu Schande und Spott. 6 Dies ist die Last für die Tiere des Südlandes: Im Lande der Trübsal und Angst, wo Löwe und Löwin, wo Ottern.und feurige fliegende Drachen sind, da führen sie ihre Habe auf dem Rücken von Eseln und ihre Schätze auf dem Höcker von Kamelen zu dem Volk, das ihnen nichts nützen kann. 7 Denn Ägypten ist nichts, und sein Helfen ist vergeblich. Darum nenne ich Ägypten »Rahab, die zum Schweigen gebracht ist«.

Sie haben sich blenden lassen in Jerusalem. Sie haben Ägypten noch als die Großmacht im Sinn, der sich keiner entziehen und entgegen stellen kann. Das ist eine Fehleinschätzung, die  dieser Bündnis-Politik zu Grunde liegt. Sie rechnen mit der Hilfe Ägyptens, aber sie wird ausbleiben. „Der Pharao Schabako hat im Aufstand der palästinensischen Staaten gegen Assyrien der Jahre 713-711 v.Chr. sowohl die philistäischen Staaten als auch Juda schmählich im Stich gelassen.“ (D. Schneider, aaO.; S.412) Auch Hiskia bleibt im Jahr 701, als Jerusalem belagert wird, ohne Hilfe aus Ägypten. Es ist bitterer Hohn: Da senden sie Karawanen mit Gütern nach Ägypten in der Hoffnung auf Hilfe und kehren doch mit leeren Händen zurück.   

8 So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, dass es bleibe für immer und ewig.

            Eine direkte Anweisung an den Propheten. Ein Schreib-Befehl. Das alles soll festgehalten werden. Plakativ. Aber eben vor aller Augen. Damit keiner sagen kann: Wir haben das alles nicht gewusst. Wir sind nicht gewarnt worden. Und damit keiner in späteren Zeiten sagen kann: Gott hat sein Volk ungewarnt ins Verderben rennen lassen.  Auch, damit spätere Generationen daraus lernen. So sieht es Jahrhunderte später Paulus: „Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ (Römer 15,4) Das ist für Paulus so: Worte, gerade auch Prophetenworte haben ihre Bedeutung weit über die eine Zeit ihrer Entstehung hinaus.

 9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Söhne, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN, 10 sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«, und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was das Herz begehrt! 11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Lasst uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«

Durch diese Inschrift, dieses Plakat soll es auch aufgedeckt werden: Sie verweigern sich der Weisung des HERRN. Sie wollen weder die Seher noch ihre Visionen. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“. (Altkanzler Helmut Schmidt) Dem gegenüber gilt: „Wer dem Seher verwehrt, seine Gesichte zu haben und deren Inhalt weiter zu geben, richtet sich damit nicht nur gegen den Seher als Menschen, sondern auch und vor allem als Werkzeug Gottes.“ (O.Kaiser, aaO.; S.235) 

Das gibt es immer wieder: Erwünscht, willkommen sind nicht unbequeme Wahrheiten, die mahnen und zur Umkehr rufen. Gewünscht sind Worte, die streicheln, schmeicheln, schön klingen. Die Wahrheit ist oft so hart. Darum:  Lasst uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!« Ein Gott, der Ansprüche macht, der stört die eigenen Wege und wird mit Missachtung gestraft. Ein Gott, der die Linie des Mainstream nicht einhält, der kann nicht auf Zustimmung hoffen, damals nicht und heute nicht.

 12 Darum spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und verlasst euch auf Frevel und Mutwillen und trotzt darauf, 13 so soll euch diese Sünde sein wie ein Riss, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt; 14 wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, sodass man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.

Es ist nicht gleich zu sehen, dass Ungemach droht. Der Riss in der Mauer ist noch kein Alarmzeichen. Das gibt es schließlich oft und man kann sich daran gewöhnen. Solange es kein Erdbeben gibt, ist ein Riss in der Wand keine Gefahr. Es rieselt ja nur ein wenig.

Aber dann, von einem Augenblick auf den anderen, plötzlich, unversehens, ist alles anders. Die Gefahr hat sich angekündigt, aber es gab keinen Termin im Kalender. Warnzeichen sind nicht wirklich wahrgenommen worden.

Das kann ich tausendfach deuten – auf Vorgänge in der Politik. Es gibt unzählige Fachleute, die mahnen und mahnen und immer die gleiche Antwort erhalten: Hinten anstellen. Wir haben andere Prioritäten. Und unversehens ist die Krise da – Bankenkrise, die marode Infrastruktur, der Fachkräftemangel, die Verwahrlosung junger Leute, überfüllte Universitäten, irreparable Schäden am Öko-System Erde … Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Immer gab es Warner, aber immer haben sie kein Gehör gefunden.

Mich beschäftigt, dass diese Vorgänge sich ja auch im kirchlichen und geistlichen Leben wieder finden. Auch da Warnende ohne Gehör. Der Ruf zur Mitte, zu einer neuen Hinkehr zu Gott wird irgendwie „eingeordnet“, theologisch klassifiziert. Die Krise der Kirche sei eine Krise in ihrem innersten Kern, lese ich. „Der Ansatzpunkt für die Erneuerung der Kirche liegt darin, dass sie ihre eigene Botschaft ernst nimmt.“ (W. Huber, Kirche in der Zeitenwende, Gütersloh 199, S. 13)  Wie wahr, möchte ich sagen. Es gilt, den Rissen zu wehren, dem schwindenden Wissen über den Glauben, dem schwindenden Wissen darum, wie das eine Gestalt gewinnen kann: Glauben. Aber: Ist wirklich das Augenmerk der Kirchen auf allen Ebenen auf diese Aufgabe gerichtet?

15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.

Jesaja wird nicht müde, über Jahre hin, so mein Eindruck, immer wieder die gleiche Botschaft, zu sagen, auch hier erneut, ein wenig variiert: Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Es ist wie der Grundton des ganzen Buches. „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.“ (7,9) – „Wer glaubt, der flieht nicht.“(28,16) Aus dem Glauben erwächst Widerstandskraft, Gelassenheit, Zuversicht. Es ist nicht alles gleich gut, aber es gibt Kraft, in  der Not beständig zu bleiben.

Aber ihr wollt nicht 16 und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen. 17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.

Statt dessen das Vertrauen auf die eigene Lagebeurteilung. Auf die eigenen Stärken und die eigenen Pläne. Aber sie werden scheitern. So gut kennt der Herr, kennt auch der Prophet als der Sprecher des Herrn das Volk. Die vor Pekach und Rezin zittern wie Espenlaub, die sollen vor den Kämpfern der Assyrer plötzlich tapfer sein und standhalten?

Es sind, aus der Sicht der militärischen und politischen Führungsschicht zweifelsfrei destruktive und subversive Reden, die Jesaja hier führt. Er untergräbt die Bereitschaft zum Kampf, zum Widerstand. Mit seiner Botschaft, dass es zwecklos ist, weil die Assyrer Gerichtswerkzeuge Gottes sind.

Ich lerne: Es ist nicht zwangsläufig so, dass die Worte, die einer im Auftrag Gottes spricht, staats-tragend sein müssen, den Parolen derer, die die Macht haben, religiösen Glanz dazu verleihen. Es kann auch so sein, dass das Lügengewebe der  öffentlichen Meinungen und der Meinungsbilder zerrissen wird, dass das Wort im Auftrag Gottes zum Widerspruch wird zu dem, was alle gerne hören wollen. Um diese Freiheit zu gewinnen, sich so gegen den Strom zu stellen, braucht es die Verankerung in Gott, das Stillesein vor ihm, das Schöpfen der eigenen Hoffnungen aus ihm.

Es braucht auch das Freiwerden von der Angst um die eigene Existenz – beim Einzelnen so gut wie bei der Kirche. Eine Kirche, die nur noch die Angst um den eigenen Fortbestand kennt, wird diese Freiheit nicht finden. Erst wenn sie sich löst von den Bildern der Vergangenheit, als sie groß und stark und mächtig war, das Ohr der Mächtigen für sich hatte, wird sie wieder frei sein,  das Ohr bei Gott zu haben und seine Stimme zu sein.

 

Wo suche ich Zuflucht in den Krisen unserer Zeit? Bei denen, die uns führen, uns Sicherheit durch Stärke versprechen, die Gefahren klein reden, mit raschen Rezepten alles in den Griff kriegen wollen, oder im Rückzug in meine kleine überschaubare Welt, im Schließen der Augen vor der Gefahr.

Mein Gott, bewahre mich davor, den Versprechungen zu glauben, die von allen Seiten kommen. Bewahre mich davor, Dich zu vergessen, blind und taub zu werden für Dein Wort, weil es nicht direkte Lösungen verspricht.

Gib mir die innere Kraft, mich in allen Krisen der Zeit nach Dir auszustrecken, mich darin festzumachen, dass ich es glaube: Selbst in der tiefsten aller Krisen bist Du, Herr, uns dennoch nah. Amen