Noch eine kleine Weile

Jesaja 29, 17 – 24

Die Ansagen von Gericht und Heil wechseln im Jesaja-Buch hin und her. Eines folgt dem anderen. Aber eines hebt das andere nicht auf. Es ist wichtig, das zu verstehen: Es ist nicht so, dass die Ankündigungen des Heils das Gericht aushebeln, auch umgekehrt nicht so, dass die Gerichtspredigt das Heil unmöglich machen. Beides wird angesagt – und beides wird kommen. Die ganze Wirklichkeit der Welt ist Heil und Gericht, Gericht und Gnade. Die Bibel erlaubt es nie, sich in eine „heile Welt“ zu flüchten.

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

Wohlan ist eines der Worte, die Jesaja liebt. Es kommt doch öfters vor. Ich übertrage für mich selbst mit „Nun denn“. „Habt Acht.“ Hier folgt darauf ein Versprechen: Nicht mehr lange. Nur noch eine kleine Weile. Es hört sich an wie eine Antwort auf banges Fragen: Wie lange noch? Wann wird sich das Geschick Jerusalems, unser Geschick zum Guten wenden?  Und Jesaja sagt: noch eine kleine Weile.

Es kommt eine Wende, die tief greifen wird. Sogar die Landschaft wird sich wandeln. Der Libanon wird fruchtbar, Und wo jetzt dem Land mühsam ein karger Ertrag abgerungen wird, da wird Wald sein, nicht nur hier und da ein Baum, sondern wirklich Wald, das Zeichen üppiger Vegetation.

Diese Wende spiegelt sich in der Wende, die sich an Menschen vollzieht, begleitet sie, unterstützt sie wohl auch. Taube hören. Die Augen der Blinden werden aufgetan. Beide Aussagen meinen nicht nur wunderbare Heilungen, die die Welt neu erschließen. Die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen. Es ist ein geistliches Erwachen, ein neues Hören auf das Wort des Buches, ein neues Sehen seiner Wirklichkeit. Es ist die neue Öffnung, die die Verstockung des Volkes, nicht zu hören und nicht zu sehen, aufbricht. Weil Gott ein neues Hören und Sehen schenkt.  

Diese Wendung Hören auf das Wort des Buches mag ein kleiner, unauffälliger Hinweis darauf sein, dass es einen Prozess der Verschriftlichung der Worte der Propheten, auch der alten Erzählungen und Geschichten gegeben hat. Nicht mehr nur ein aktuelles Hören. Das Wort ist Schrift, Buch geworden. Ohne diesen Vorgang wüssten wir nichts von Jesaja. Kein Grund also, das Buch-Werden der Propheten-Worte gering zu schätzen oder abzuwerten.

Diese Wende erfasst, ob zuerst oder vor allem steht dahin, die, die sonst nicht auf der Sonnenseite des Leben stehen. Die Elenden und die Ärmsten unter den Menschen. Ob das feste Gruppierungen sind, die sich in solchen Worten auch wieder erkennen, ist für mich nicht sicher. Es gibt, verbunden mit dem Wort (anawīm, „die Demütigen“,  Selbstbezeichnungen (R Albertz, aaO.; S.56), die in diese Richtung weisen.  Aber es hat ja auch dann Sinn, wenn es unbestimmte, nicht definierte Gruppen sind. Wer leere Hände hat, kann sich besser nach Hilfe ausstrecken wie der, der alle Hände voll zu tun hat. Wer in Ängsten ist, im Elend, wird neu empfänglich für die Gaben, die ihm wohltun.

 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

Diese Wende hat aber auch „Verlierer“. Es sind die, die bis dahin die Macht in Händen hatten, die sie nur für sich gebraucht haben, die das Recht gebeugt haben und sich durch Unrecht die eigene Position, und wohl auch den eigenen Reichtum, gesichert haben. Mit ihnen ist es aus. So nüchtern wird das festgestellt. Die alten Seilschaften haben verspielt.

Es ist schon so: „Gerechtigkeit und Heil lassen sich im Alten Testament nicht voneinander lösen.“ (O.Kaiser, aaO.; S.222) Die neue Heilszeit ist darum auch eine Zeit, in der das Recht siegt und die Ungerechtigkeit ihr Ende findet und damit auch die, die mit Unrecht ihr Spiel gespielt haben, keinen Raum mehr für ihre Aktionen haben.

  22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

Einmal mehr greift der Prophet weit zurück. An Abraham hat sich Gott als der erwiesen, der ihn erlöst hat. Ich ergänze und erkläre mir „erlöst“: Herausgeführt aus dem Heidenland in Mesopotamien.  Genauso wird der HERR an Jakob handeln, an den Nachfahren. Das Handeln Gottes in der Vergangenheit ist das Modell für sein Handeln auch in der Zukunft. Darin bleibt Gott sich treu.

Darum werden die aus dem Hause Jakob sich nicht mehr schämen müssen, sich nicht mehr ducken müssen, sich nicht mehr klein gemacht erleben. Es ist wohl wahr: „Das prophetische Wort greift der tatsächlich vor Augen liegenden Wirklichkeit vor.“ (D. Schneider, aaO.; S.408) Und doch zugleich: was für ein Aufatmen muss durch Jerusalem gegangen sein, als Sanherib seine Truppen zurückzog, als das Asyrrerheer den Belagerungsring um die Stadt öffnete und verschwand.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

             Das werden sie sehen als Zeichen der Wende: Die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte. Was für ein Zeichen! Es wird weiter Kinder in Jerusalem geben. Aber ein Prophet, der die Geburt eines Kindes als das große Zeichen der Treue Gottes, dass Gott mit uns ist, (9,14)  ansagen kann, der kann auch in der fortgesetzten Generationenfolge sehr wohl die Treue Gottes entdecken. „Wenn du ein Kind sieht, entdeckst du Gott auf frischer Tat.“ (M. Luther)

Das zu sehen, wirklich zu sehen, wird zu einer Wandlung im Inneren und im Verhalten von Menschen führen. Sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Sie bleiben nicht die Unbelehrbaren und Unverbesserlichen. „Wem Gott in seiner Macht offenbar geworden ist, der wird seinen Namen künftig nicht mehr missbrauchen, sondern durch seine eigenen Worte und Taten in Ehren halten.“ (O.Kaiser, aaO.; S.223)

Noch eine kleine Weile, sagt Jesaja, dann ist es so weit. Das ist vor 2700 Jahren. Wir aber warten immer noch. Was also ist mit der kleinen Weile? Hat Jesaja zu viel versprochen? Ich glaube: diese Worte haben sich erfüllt und sind gleichzeitig immer noch offen nach vorne. Alle Erfüllung von Prophetenworten weist über sich selbst hinaus, hat einen unerfüllten Überschuss. Deshalb warten wir der großen Wende immer noch entgegen. Gewiss, dass sie kommen wird.

            Es ist wunderbar zu sehen, wie dieser Prophet Jesaja, der es ja bei seiner Berufung angesagt bekommen hat, dass seine Predigt auf taube Ohren, blinde Augen und harte Herzen treffen wird (6,10), dennoch daran glaubt, davon spricht, dass es zur Wende kommen kann, zu einer Wende, die Gott selbst herbei führen wird. Es wird die Selbstmitteilung Gottes sein, die solch eine Wende möglich macht. Nicht erst am Ende der Zeiten, sondern in der Zeit. Zur rechten Zeit.

 

Mein Gott, Du suchst einen neuen Zugang zu Deinem Volk, zu Deinen Leuten. Du willst nicht, dass wir taub und blind bleiben für Dich, unser Lebenswille erlahmt, unser Glaube verstummt.

Du willst, dass wir frei werden von den Herren, die über uns herrschen, von Ängsten, die uns tyrannisieren, Bedenken, die uns lähmen, von Menschen und Mächten, die uns auf ihren Weg zwingen wollen.

Du willst, dass wir Dich sehen, Deine Herrlichkeit, dass wir in Liebe zu Dir und Gottesfurcht Freiheit gewinnen, Hoffnung uns den Rücken stärkt, wir uns zu Recht finden auf Deinem Weg. Amen