Die größere Hoffnung

Jesaja 26, 7 – 19 (20-21)

Der nachfolgende Psalm knüpft an das vorher gegangene Lied an. Schreibt es weiter, denkt in seiner Spur nach über das Handeln Gottes. Mir kommt er vor wie die Glieder einer Kette. Ein Gedanke hängt am anderen, manchmal nur lose verknüpft, aber doch nicht wirklich gut voneinander zu trennen. Die Betenden, Singenden, tasten sich regelrecht, Schritt für Schritt, in ihren Worten voran. –

7 Des Gerechten Weg ist eben, den Steig des Gerechten machst du gerade.

Das könnte auch in einem weisheitlich geprägten Buch stehen. In den Sprüchen, beim Prediger. Es wirkt wie eine Summe aus den Beobachtungen und Visionen. Gott lässt seine Leute auf geraden Wegen gehen.  Da ist er ganz der fürsorgliche Gott. Ein bisschen ist es so, als würden hier schon die späteren Worte des Jesaja-Buches mitschwingen: „In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“(40, 3-4) Auch da die beiden Worte eben und gerade. Gewiss nicht ganz zufällig. Dem Gott, der seine Gerechten auf geraden und ebenen Wegen führt, dem soll sein Volk den Weg ebnen und seinem Kommen gradlinig zuarbeiten.

8 Wir warten auf dich, HERR, auch auf dem Wege deiner Gerichte;                   des Herzens Begehren steht nach deinem Namen und deinem Lobpreis.     9 Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,                                                      ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.

Auf diesen Gott zu warten ist Sehnsucht. Ein Herzensanliegen. Nicht nur eine Festzeit im Jahr, die mehr oder weniger intensiv begangen wird. Es ist sachlich richtig, dass aus dem Wir der Wartenden ein Ich wird: Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts. Es ist immer so, dass der Glaube das Wir braucht, damit er anfängt und wächst, dass er aber auch das Ich braucht, die ganz persönliche Aneignung dessen, was alle glauben, hoffen, bekennen. Nie nur wir, nie nur ich, Sondern immer ein Ich, das aus der Gemeinschaft des Wir erwächst und auch wieder in sie zurückführt.

Auch in der Nacht, nein, besonders in der Nacht verlangt den Beter nach Gott. Wenn das Leben hart wird, wenn man konfrontiert ist mit den eigenen Unzulänglichkeiten und dem eigenen Versagen, wenn es nicht mehr funktioniert, sich verfahrene Situationen schön zu reden, dann ist die Nacht-Zeit der Seele. Und dann erwacht bei denen, die sich an Gott gebunden und gewiesen wissen, die Sehnsucht nach ihm, dem Helfer und Heiland, noch einmal anders brennend als in guten Tagen.    

Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir. Herr, höre meine Stimme!                        Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!                                    Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?                 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.                                           Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.                 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.                    Psalm 130, 1 – 6

Über Jahre hinweg habe ich das, Schüler einer katholisch dominierten Schule, Morgen für Morgen zum Beginn des Latein-Unterrichtes gebetet – auf Lateinisch natürlich:

De profundis clamavi ad te, Domine ;  Domine, exaudi vocem meam.                Quia apud te propitiatio est ; et propter legem tuam sustinui te, Domine.            Sustinuit anima mea in verbo ejus ;  speravit anima mea in Domino.                                        Psalm 129(!) 1.4-5 nach der Vulgata 

Damals habe ich das wohl nicht verstanden, auch nicht wirklich ernst genommen. Aber es sind, so meine Sicht heute, 50 Jahre später, Samenkörner der Hoffnung in meine Seele eingelegt worden, einfach durch die fast tägliche Übung des äußerlichen Wortes.

 Denn wenn deine Gerichte über die Erde gehen,                                                        so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit.                                           10 Aber wenn dem Gottlosen Gnade widerfährt,                                                        so lernt er doch nicht Gerechtigkeit,                                                                           sondern tut nur übel im Lande, wo das Recht gilt,                                                     und sieht des HERRN Herrlichkeit nicht.                                                                     11 HERR, deine Hand ist erhoben,  doch sie sehen es nicht.

            Wie lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit? An den Gerichten der Menschen?  An dem Recht, das im Tor gesprochen wird? Es gibt den tief skeptischen Satz der Römer: „summum ius, summum iniuria.“ Die Summe des Rechtes ist die Summe der Ungerechtigkeit.  Der Beter dieser Worte hier sagt: Gerechtigkeit lernt sich in den Gerichten Gottes. Noch genauer: in der Erfahrung der Gnade.

Das aber wirkt nicht bei den Gottlosen, den „Frevlern“(so die Einheitsübersetzung). Wenn sie Gnade erfahren, hören sie nur: Weiter so: Alles halb so wild. Sie machen weiter wie gehabt und spüren nicht, dass sie umkehren müssten. Das ist die Gefahr, wenn die Gnade billig (D. Bonhoeffer, Nachfolge, 1937, (München 1976), S. 20 – 24) wird. „Wieder klingt Jesajas Hauptpunkt der Verkündigung auf: Der, der nicht das Gericht Gottes erfährt, fürchtet nicht die Hoheit Jahwes. Dann aber ist er der Eitelkeit seines ungebrochenen Herzens ausgeliefert und damit gerät die Welt erst recht aus den Fugen.“ (D. Schneider, aaO.; S.366)

Es gibt ein Blindwerden für Gott, das beängstigend ist. Ein Blindwerden, das seine Herrlichkeit nicht sieht, das seine warnend erhobene Hand nicht sieht, das sein Wort nicht mehr achtet.

Aber sie sollen sehen den Eifer um dein Volk und zuschanden werden.             Mit dem Feuer, mit dem du deine Feinde verzehrst,                                                  wirst du sie verzehren.                                                                                                      12 Aber uns, HERR, wirst du Frieden schaffen;                                                           denn auch alles, was wir ausrichten, das hast du für uns getan.

            Wer sind die sie, die den Eifer Gottes um sein Volk sehen sollen? Sind es nur die Heiden?   Dann müsste man ja, rückwärts gelesen, auch die Gottlosen, die Frevler (26,10) nur unter den Heiden suchen. Mich überzeugt das nicht. Das würde aus dem ganzen Psalm so eine Art „Fensterrede“ machen, bezogen auf Leute, die gar  nicht im Gegenüber zu dem Propheten sind. Deshalb denke ich, dass es hier um Leute in Juda, in Jerusalem, in ganz Israel geht, die Gott abgeschrieben haben, nicht mehr mit ihm rechnen. Dass sie dann sehen müssen, dass Gott doch Gott ist, voller Macht und Kraft, wird für sie zum verzehrenden Feuer. Ihre Theorien über Gott gehen in Flammen auf.

Im Gegensatz dazu wird die andere Erfahrung stehen, jetzt wohl derer, die an Gott treu  festgehalten haben: Uns, HERR, wirst du Frieden schaffen. Es lohnt sich, an Gott festzuhalten. Weil er seinem Volk Frieden schafft. Im Josua-Buch und bei den Richtern heißt dieser Friede für Israel: Ruhe. Und ist ganz Gabe Gottes. Das geht den Frommen auf: Alles, was sie ausrichten ist empfangen. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ (M. Claudius 1783)

13 HERR, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du,        aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens.

Diesem Hoffnungsbild steht die gegenwärtige Wirklichkeit entgegen. Juda und Jerusalem, auch Israel, das Nordreich, sie alle sind nicht unabhängig. Nicht frei. Es ist eine lange Geschichte der politischen Abhängigkeit und schließlich des völligen Verlustes staatlicher Selbstständigkeit, der mit dem Fall Samarias 722 beginnt, im Fall Jerusalems 587 seinen Höhepunkt findet und danach stete Wirklichkeit ist. Immer sind es andere Herren, die über  das Volk Gottes verfügen. Oft genug schrecklich verfügen. Nicht erst von 1933 – 1945.

Und doch hält Israel, halten Israeliten am Namen Gottes fest, beugen sie sich nur vor ihm, beten sie ihn alleine an. Das bezeugen so überaus plastisch die späten Geschichten im Buch Daniel, von den Männern im Feuerofen und vom Propheten in der Löwengrube (Daniel 3; 6)

14 Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf;                             darum hast du sie heimgesucht                                                                                           und vertilgt und jedes Gedenken an sie zunichte gemacht.                               15 Du, HERR, mehrst das Volk,                                                                                         du mehrst das Volk, beweist deine Herrlichkeit                                                       und machst weit alle Grenzen des Landes.

Wieder so ein Kontrastbild. Mit den Toten ist es vorbei. Da ist keine Hoffnung mehr. Da ist keine Wiederkehr. Sie sind heimgesucht – an dem Ort, der ihnen beschieden ist. Ganz anders aber ist es mit dem Volk. Tausendmal tot-gesagt, lebt es und Gott mehrt es. An ihm leuchtet die Herrlichkeit des HERRN auf. Es ist , als würde Jesaja sich selbst zitieren: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, / sieht ein großes Licht. Licht strahlt auf über denen, / die im Land der Todesschatten wohnen.“ (9,1)  Es ist die gleiche große Hoffnung, die einem Hesekiel das Bild von dem wiederbelebten Totenfeld zuwachsen lässt als Vision aus dem Geist Gottes. (Hesekiel 37,1-14) 

16 HERR, wenn Trübsal da ist, so suchen wir dich;                                              wenn du uns züchtigst, sind wir in Angst und Bedrängnis.                                17 Gleich wie eine Schwangere, wenn sie bald gebären soll,                                sich ängstigt und schreit in ihren Schmerzen,                                                               so geht’s uns auch, HERR, vor deinem Angesicht.                                                      18 Wir sind auch schwanger und uns ist bange,                                                         und wenn wir gebären, so ist’s Wind.                                                                             Wir können dem Lande nicht helfen,                                                                             und Bewohner des Erdkreises können nicht geboren werden.

Ein neuer Aspekt wird sichtbar. Im Bild von der Schwangeren, die gebären soll, wird etwas deutlich vom Ausgeliefertsein des Volkes. Es ist in einer Situation, an der es selbst nichts ändern kann. Man kann, damals wenigstens, dem Vorgang der Geburt nicht auf die Sprünge helfen, auch nicht so etwas wie eine schmerzfreie Geburt initiieren. Es bleibt nur das Durchstehen der Schmerzen der Geburt. Als etwas, was Gott „verhängt“ hat. „Mit Schmerzen wirst du Kinder gebären.“(1. Mose 3,16)

So ist es auch mit den Trübsalen, durch die das Volk geht. Es gibt nur den Weg hindurch, keinen Weg, auf dem man sie sich ersparen könnte. Keinen Weg, auf dem man sie selbst lösen könnte. Es ist eine bittere Erkenntnis: Wir können dem Lande nicht helfen. Das ist ein Eingeständnis, das schon damals wohl unendlich schwer fällt: Wir können nicht alles. Wir vermögen nichts gegen schicksalhafte Wirklichkeiten. Wir sind „Kinder des Todes“.

19 Aber deine Toten werden leben,  deine Leichname werden auferstehen.      Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde!                                                    Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau,                                                                              und die Erde wird die Toten herausgeben.

            Angesichts der letzten Sätze, die einen resignativen Bei-Klang haben, ist es wie ein Triumph-Ruf: Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Es ist nicht zu Ende mit den Leuten Gottes, wenn es zu Ende ist. Der Tod ist nicht die Zielstation des Lebens.

Das wird in diesem so kühnen Wort deutlich. Das so ungewöhnlich ist: Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde!  Hatte nicht der gleiche Psalm noch kurz zuvor gesagt:  Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf. (26,14) Und jetzt ein Weckruf an die Toten! Eine direkte Anrede an sie!

Das geht doch nur, wenn da ein Glaube ist, dass die Toten eben nicht in der Hand irgend eines Totengottes sind, sondern immer noch in der Hand und der Rufweite des Gottes, der das Leben ist und das Leben will. Jesus führt genau diesen Gedanken an, wenn er sagt: „Was aber die Auferstehung der Toten überhaupt betrifft: Habt ihr nicht gelesen, was Gott euch sagt: ‘Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs’? Das heißt doch: Er ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden!”(Matthäus 22, 31-32)

Einmal mehr will es mir scheinen, dass sich eine Langzeit-Wirkung der Worte Jesajas beobachten lässt: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken.“ (Offenbarung 20,13) Mag sein, diese Erwartung der Auferstehung der Toten entsteht spät in der Glaubens-Geschichte Israels. Aber sie ist eine Konsequenz des Glaubens an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. An Gott, der sich mit den Menschen verbindet und keinen menschenleeren Himmel will: An Gott, der Mensch wird und sich dem Leben und dem Tod aussetzt, wie unsereiner.

20 Geh hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür hinter dir zu! Verbirg dich einen kleinen Augenblick,bis der Zorn vorübergehe.             21 Denn siehe, der HERR wird ausgehen von seinem Ort,                             heimzusuchen die Bosheit der Bewohner der Erde.                                                 Dann wird die Erde offenbar machen das Blut, das auf ihr vergossen ist,         und nicht weiter verbergen, die auf ihr getötet sind.

            Nur ein Nachtrag? Ein Nachhall? Es ist, wie so oft: Dem Ausblick auf die helle Zukunft folgt der Blick in die Gegenwart. Die ist bedrängend, beängstigend. Und sie ist, davon muss Jesaja ja wieder und wieder reden, Zeit des Gerichtes. Vor diesem Gericht soll sich Juda, soll sich Jerusalem bergen. In der Kammer. Hèder. Nicht im Grab. Das kann ja nicht bergen.

             Mir legt sich Anderes näher: „Und Mose berief alle Ältesten Israels und sprach zu ihnen: Lest Schafe aus und nehmt sie für euch nach euren Geschlechtern und schlachtet das Passa. Und nehmt ein Büschel Ysop und taucht es in das Blut in dem Becken und bestreicht damit die Oberschwelle und die beiden Pfosten. Und kein Mensch gehe zu seiner Haustür heraus bis zum Morgen. Denn der HERR wird umhergehen und die Ägypter schlagen. Wenn er aber das Blut sehen wird an der Oberschwelle und an den beiden Pfosten, wird er an der Tür vorübergehen und den Verderber nicht in eure Häuser kommen lassen, um euch zu schlagen.“ (2. Mose 12, 21 – 23)

            Das ist das Urbild dieses Verbergens, den Ort aufzusuchen, den der Herr selbst bestimmt hat als Ort der Verschonung. Für mich als Christ ist dieser Ort das Kreuz Christi. Da ist ja das Gericht vollzogen an ihm, an Jesus, dem Christus. Und ich bin frei. Und muss mich nicht mehr in Scham verbergen, sondern darf aufatmen, erlöst, gerettet, befreit durch ihn.

 

Wie klein sind meine Hoffnungen oft, mein Gott. Aber wie groß ist die Hoffnung, die Du uns ins Herz legen willst, dass es einmal vorbei sein wird mit dem Tod, vorbei mit dem Schmerz, vorbei mit der Ungerechtigkeit, vorbei mit allen Tagen ohne Hoffnung.

Dass einmal genug da sein wird für alle, genug Brot, genug Wein, genug Glück, genug Kraft, genug Ruhe, genug Liebe. Das willst Du uns glauben machen. Und uns dazu bringen, dass wir verschwenden und verschenken – Brot und Wein, Liebe und Vertrauen, Zeit und Kraft.

Weil wir wissen: Bei Dir ist genug davon. Im Überfluss. Amen