Eine grschändete Welt

Jesaja 24, 1 – 23

1 Siehe, der HERR macht die Erde leer und wüst und wirft um, was auf ihr ist, und zerstreut ihre Bewohner.

Es ist eine erschreckende Vision. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.“ (1. Mose 1,1-2) Diese Sätze hat wohl jeder Leser des Jesaja-Buches im Gedächtnis. Und hört so diesen Auftaktsatz der Vision als die Umkehrung der Schöpfung.  Sie wird umgedreht. Zurückgenommen. Das Tohuwabohu (hebräisch für: wüst und leer) kehrt zurück. Gott widerruft die Wohltat (T.von Aquin), die er den Menschen mit der Schöpfung geschenkt hat.

Heutzutage gibt es Bücher, Romane, in denen dieses entstellte Gesicht der Erde wieder und wieder eine Rolle spielt. Es entsteht durch die Unvernunft der Menschen, durch ihre Maßlosigkeit, durch Machtgier und ungezügelte Feindschaft. Von alledem ist hier nicht die Rede. Sondern unheimlicher Weise davon, dass es der HERR ist, der die Erde wüst und leer macht. Es ist sein Werk, dass „die Schöpfung rückgängig gemacht wird“. (D. Schneider, aaO.; S.348)  

2 Und es geht dem Priester wie dem Volk, dem Herrn wie dem Knecht, der Frau wie der Magd, dem Verkäufer wie dem Käufer, dem Verleiher wie dem Borger, dem Gläubiger wie dem Schuldner. 3 Die Erde wird leer und beraubt sein; denn der HERR hat solches geredet. 4 Das Land verdorrt und verwelkt, der Erdkreis verschmachtet und verwelkt, die Höchsten des Volks auf Erden verschmachten.

            Die Folge dieser umgedrehten Schöpfung ist eine Zerstörung aller menschlichen Ordnungen. Nichts bleibt mehr bestehen. Kein Stand kann sich allein behaupten. Alles löst sich auf. Auf den ersten Blick könnte man denken: Herrschafts-Strukturen zerbrechen. Es gibt keine  Priester, Herren, Knechte, Frau (=Herrin), Magd, Verkäufer, Käufer, Verleiher, Borger, Gläubiger und Schuldner mehr. Es entsteht ein Reich der Freiheit. Aber es ist kein Zweifel: Der Prophet sieht dieses Reich der Freiheit als ein einziges großes Chaos. Alles, was verlässliche Beziehungen garantiert hat, ist dahin.

Mich erinnert das an manche Beschreibungen unserer gegenwärtigen Zeit, die ihren Finger darauf legen, dass es keine Ordnungsstrukturen mehr gibt, dass alles daran liegt und daran hängt, dass der einsame Einzelne sich seinen Platz erkämpft und verteidigt. Mit allen Mitteln. Es entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der Solidarität ein Fremdwort ist.

Diese aufgelöste soziale Ordnung schlägt durch in die Verwüstung der Erde. Modern gesprochen: die Zerstörung der Umwelt folgt der Zerstörung der sozialen Ordnungen. Manchmal mag es auch umgekehrt sein: Der Zerstörung der sozialen Ordnungen folgt die die Zerstörung der Umwelt. Wie herum die Reihenfolge richtig beschrieben ist, ist eher eine akademische Frage.  Übrig bleibt eine Welt zum Ausbeuten, preisgegeben an die Profitgier und wirtschaftliche Interessen.

Die merkwürdige Zeitlosigkeit der Jesaja-Vision, oder muss ich sagen: Überzeitlichkeit – sie lässt sich keiner historischen Zeit des Jesaja-Buches wirklich präzise zuordnen – lädt ja geradezu dazu ein, sie als eine Vision zu lesen, die das Wesen einer sich auflösenden Ordnung erfasst, unabhängig von der konkreten historischen Situation.

  5 Die Erde ist entweiht von ihren Bewohnern; denn sie übertreten das Gesetz und ändern die Gebote und brechen den ewigen Bund.6 Darum frisst der Fluch die Erde, und büßen müssen’s, die darauf wohnen. Darum nehmen die Bewohner der Erde ab, sodass wenig Leute übrig bleiben.

Hier wird, gewissermaßen als Diagnose, der tiefste Kern des Unheils benannt. Gebote werden umgeschrieben, Gesetze nur noch als Optionen verstanden, der ewige Bund wird gebrochen. Gemeint ist wohl der Noah-Bund. Das passt auch deshalb, weil der Inhalt dieses Bundes ja gerade die Beständigkeit der Schöpfung ist: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,21-22) So schlimm sind die Verhältnisse auf Erden, dass Gott diesen Bund zur „Kündigung“ zu bringen genötigt ist. Seine Treue zur Erde wird durch das Verhalten der Menschen zutiefst in Frage gestellt.

 7 Der Wein ist dahin, der Weinstock verschmachtet, und alle, die von Herzen fröhlich waren, seufzen. 8 Die Freude der Pauken ist vorüber, das Jauchzen der Fröhlichen ist aus, und die Freude der Harfe hat ein Ende. 9 Man singt nicht beim Weintrinken, und das Getränk ist bitter denen, die es trinken. 10 Die Stadt ist zerstört und wüst, alle Häuser sind verschlossen, dass niemand hineingehen kann. 11 Man klagt um den Wein auf den Gassen, dass alle Freude weg ist, alle Wonne des Landes dahin ist. 12 Nur Verwüstung ist in der Stadt geblieben, und die Tore sind in Trümmer geschlagen. 13 Denn so geht es zu auf Erden und unter den Völkern, wie wenn ein Ölbaum leer geschlagen wird, wie bei der Nachlese, wenn die Weinernte aus ist.

Wo es so um die Welt steht, um die Ordnungen steht, das ist kein Raum mehr für frohe Feste. Der Wein ist schal geworden, das Lachen verstummt. Die Festplätze stehen leer. Zwischen Ruinen gibt es nichts zu feiern. Die Zeilen lesen sich wie der Beginn einer Totenklage.

Ich phantasiere: Das Oktoberfest und der Weihnachtsmarkt fallen aus. Die Bundesliga wird abgesagt. Mir fallen Jahre ein, in denen Karneval abgesagt worden ist, so 1991 während des 1. Golfkrieges. Es ist kein Raum mehr für öffentliche Feste und auch keiner mehr für privaten Feiern. Bilder aus westafrikanischen Staaten, Guinea, Sierra Leone, Liberia drängen sich auf. Dort zerstört die Ebola nicht nur Einzelne, sondern das ganze Gefüge des Landes. Beklemmende Erinnerungen an Pestzeiten, die früher Europa überzogen haben, gehen mir durch den Sinn. Und ich kenne das alles nicht aus eigenem Erleben, sondern nur „literarisch“. Das aber ist schon hart genug.

            So geht es zu auf Erden. Das liest sich wie ein Resümee. Alles ist leer, nackt, kahl, eine Welt zum Fürchten.

14 Sie erheben ihre Stimme und rühmen und jauchzen vom Meer her über die Herrlichkeit des HERRN: 15 »So preiset nun den HERRN an den Gestaden, auf den Inseln des Meeres den Namen des HERRN, des Gottes Israels.« 16 Wir hören Lobgesänge vom Ende der Erde: »Herrlichkeit dem Gerechten!«

Es ist irgendwie absurd. Mitten in diese Bilder der Verwüstung hinein ein Zwischenruf, ein Lobpreis Gottes. Wer sind die, die rühmen und jauchzen vom Meer her über die Herrlichkeit des HERRN? Wer sind dies Lobsänger Gottes? Und: Wie kommen sie dazu, so zu jauchzen, zu rühmen? Beide Fragen sind kaum zu beantworten.

Es ist eine naheliegende Vermutung, aber eben nur eine Vermutung: Hier erheben Leute aus dem Volk Israel ihre Stimme. Ist doch das Gericht über die Welt, das sich hier vollzieht, ein Gericht des HERRN, des Gottes, dem sich Israel verdankt und dem es – in seinen Gerichten! – vertraut. Er erweist sich als der Gerechte und darin seine Herrlichkeit. Mir fällt auch auf, dass es eine Nähe dieser Lob-Rufe zu den Lob-Rufen der Offenbarung gibt. Auch da die gleiche Struktur: Inmitten des Gerichtes über die Welt erheben sich die Stimmen derer, die anbeten und Lob singen.

Aber: Es ist schon so, es gibt keine Brücke zwischen dem, was vorher geschildert wird und diesen Lobgesängen. Keine Begründung. „Hätte man ihn („den Apokalyptiker“ – so nennt O. Kaiser den Autor dieser Passagen) gefragt, wie sich beides zusammen denken lasse, die alle Welt heimsuchende Dürre mit ihrer Dezimierung der Menschheit und die sich anschließende Verherrlichung Israels, und ob bei dem ersten nicht auch die Israeliten daheim und in aller Welt dezimiert würden, hätte er vielleicht auf das Wunder der Passahnacht oder gar das der ägyptischen Finsternis verwiesen.“ (O.Kaiser, aaO.; S.151)

Ich versuche zwei schlichte Hinweise: „Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.“ (Apostelgeschichte 16, 25) Ein Gefängnis ist heute schon kein sonderlich erbaulicher Ort. Erst recht wohl nicht um das Jahr 50 n.Chr. in Philippi. Und doch singen die beiden.

Einige der schönsten Kirchenlieder sind in den Pestzeiten in Deutschland entstanden, so die von Philipp Nicolai. „Als Nicolai in Unna lebte, starb dort ein Drittel der Einwohner an der Pest, darunter zwei seiner Schwestern. Nicolai pflegte die Kranken, war Seelsorger und Leichenbestatter. Und er dichtet Lieder: Wachet auf, ruft uns die Stimme und Wie schön leuchtet der Morgenstern sind noch heute im evangelischen Gesangbuch enthalten. Nicolai will mit diesen Chorälen die unter der Pest leidenden Menschen wieder aufrichten, sie trösten und ihnen Mut machen. Seine Botschaft lautet: Wer nicht in der Düsternis versinken will, der blickt auf die Verheißung Gottes.“ (zit. nach: regiowiki.hna.de, Waldeckische Allgemeine vom 18. Februar 2004)

Aber ich muss sagen: Wie bin ich so elend! Wie bin ich so elend! Weh mir! Denn es rauben die Räuber, ja, immerfort rauben die Räuber. 17 Über euch, Bewohner der Erde, kommt Schrecken und Grube und Netz. 18 Und wer entflieht vor dem Geschrei des Schreckens, der fällt in die Grube; und wer entkommt aus der Grube, der wird im Netz gefangen. Denn die Fenster in der Höhe sind aufgetan, und die Grundfesten der Erde beben. 19 Es wird die Erde mit Krachen zerbrechen, zerbersten und zerfallen. 20 Die Erde wird taumeln wie ein Trunkener und wird hin und her geworfen wie eine schwankende Hütte; denn ihre Missetat drückt sie, dass sie fallen muss und nicht wieder aufstehen kann.

            Es ist das Leid des Propheten, dass er nicht von einem Ort außerhalb der Welt die Welt betrachten kann. Was er als Unheil kommen sieht, allen Lobliedern zum Trotz, das macht ihn fertig. Darum sein Aufschrei: Wie bin ich so elend! Weh mir! Es ist der Zustand der Welt, der ihm zusetzt, zu schaffen macht, ihn klagen lässt. Man versteht diese Worte nicht, wenn man in ihnen nicht den Schmerz dessen hört, der so reden muss, so Gericht und Untergang ansagen muss. Seit seiner Vision im Tempel in dem Wissen: Ich rufe vergeblich.

               „Die Welt ist wie ein betrunkener Bauer“(M. Luther) Dieses Wort Luthers aus den Tischreden hat hier seinen Haftpunkt. Die Erde wird taumeln wie ein Trunkener. Sie ist völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Sie hat, wie der Betrunkene, keinen Halt mehr in sich selbst.

 21 Zu der Zeit wird der HERR das Heer der Höhe heimsuchen in der Höhe und die Könige der Erde auf der Erde, 22 dass sie gesammelt werden als Gefangene im Gefängnis und verschlossen werden im Kerker und nach langer Zeit heimgesucht werden. 23 Und der Mond wird schamrot werden und die Sonne sich schämen, wenn der HERR Zebaoth König sein wird auf dem Berg Zion und zu Jerusalem und vor seinen Ältesten in Herrlichkeit

            Zu der Zeit – das erlaubt keine historische Festlegung. Es ist wohl so: hier hat der Prophet eine Vision, die die Zeit durchbricht, überschreitet, die auf alle Zeiten geht. Eine Vision, in der Gericht und Gnade ineinander verwoben sind. Deutlich wird das am Wort „heimsuchen“. Die lateinische Bibelübersetzung Vulgata gebraucht dafür das Wort visitare (=besuchen), das gleiche Wort, mit dem sie auch den Lobpreis des Zacharias beginnen lässt: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.“ (Lukas 1,68) 

Wenn Gott an jenem Tage, zu der Zeit das Heer der Höhe heimsuchen wird und die Könige der Erde, dann ist das beides ineinander – Gericht und Gnade. „Wenn Gott sich aufmacht zu richten, kann kein Geschöpf so bleiben, wie es war.“  (D. Schneider, aaO.; S.353) Das Ziel aber dieses Richtens ist, dass die Herrlichkeit Gottes aufleuchtet. „Alle eigene Herrlichkeit, die ein Geschöpf hat, muss erblassen vor Gottes Herrlichkeit.“(D. Schneider, aaO.; S.354)

            Einmal mehr fällt mir auf, wie nahe solchen „apokalyptischen Bildern“ aus Jesaja  die Bilder der Offenbarung sind. „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (Offenbarung 21, 23) Hier wie dort ist die Zeit der Gestirne begrenzte Zeit, sind sie nur Leuchten für die Zeit jetzt. Wenn der Herr Zebaoth in seiner Herrlichkeit offenbar wird, als König aller Könige sichtbar wird, braucht es keine anderen Lichter, Leuchten, Lampen mehr. Das ist die Hoffnung, die mir Mut macht, mich Zuversicht behalten lässt.

 

Manchmal überfällt mich die Angst, Gott, die Angst, dass Du die Welt sich selbst überlässt, dass Du uns preisgibst an unsere Entscheidungen, dass Du uns ausbaden lässt, was wir uns als Menschheit so einbrocken, eine zerstörte Erde, vergiftet Flüsse und Meere, überdüngte Felder………. Und dazu zerstörte Familien, aufgelöste Ordnungen, Verlust an allen Werten und Normen, Nur noch das Ich soll gelten, und der Kampf aller gegen alle um die besten Plätze.

Mein Gott, wenn mich so die Angst packt, hoffe ich, dass ich aufwache und aufatme. Nur ein böser Traum. Gib Du, dass wir rechtzeitig erwachen, damit es kein böses Erwachen gibt. Amen