Jesajas Psalm

Jesaja 12, 1 – 6

Der nachfolgende Text ist Antwort. Antwort auf die Heilsansagen, die Verheißungen. Antwort auf die Ankündigungen des Heilskönigs, des Friedensfürsten. Unverkennbar ein Lied, ein Psalm. Zu singen im Tempel, im Gottesdienst. Der gleiche Jesaja, der so harte Worte (1, 10 – 17) gegen einen folgenlosen Gottesdienst gefunden hat, der nur Worte produziert und nicht zur Lebenswende führt, sucht doch offensichtlich den Tempel, den Gottesdienst, um dort seiner Hoffnung Worte zu leihen und Stimme zu geben.

1 Zu der Zeit wirst du sagen:                                                                                             Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich                               und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.                                        2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht;                          denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

Das Du in diesen Worten ist das Du des Kollektivs – das Volk hat das Wort. Es ist nicht nur das Lied eines Einzelnen, sondern Jesaja spricht seine Worte dem Volk vor, damit es sie nachsprechen kann. Er ist gewissermaßen nur Vorsänger dieser Liedes.

Zu der Zeit – das ist Vorgriff in die Zukunft. Vorfreude. Aber es ist das Wesen der Vorfreude, dass sie schon heute Freude ist. Sie nimmt die Zukunft gewissermaßen vorweg, schon jetzt als Wirklichkeit. An jenem Tag wird Israel es anders sehen können, dass du bist zornig gewesen über mich. Es wird Gott Recht geben können in seinem Zorn, weil es die eigene Schuld sehen und eingestehen kann. Weil es erfahren hat, dass Gott durch seinen Zorn hindurch einen neuen Anfang gesetzt hat, getröstet hat und tröstet. 

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

Es ist alltägliche Praxis in einem von der Sonne durchglühten Land, sich auf die Suche machen nach Wasser, Wasser schöpfen aus dem Brunnen. Und damit es gutes, frisches Wasser ist und nicht abgestanden, dafür braucht es tiefe Brunnen und es kostet Mühe.

In Israel kennt man  alte Brunnen-Geschichten, wie die von Elieser, der an einem Brunnen die Frau für Isaak findet: „Lass mich ein wenig Wasser aus deinem Kruge trinken. Und sie sprach: Trinke, mein Herr! Und eilends ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken. Und als sie ihm zu trinken gegeben hatte, sprach sie: Ich will deinen Kamelen auch schöpfen, bis sie alle genug getrunken haben. Und eilte und goss den Krug aus in die Tränke und lief abermals zum Brunnen, um zu schöpfen, und schöpfte allen seinen Kamelen.“ (1.Mose 24, 17-20)

            Geschichten wie die von Jakob, der an einem Brunnen zum ersten Mal seiner Rahel begegnet. „Als Jakob aber Rahel sah, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter, und die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter, trat er hinzu und wälzte den Stein von dem Loch des Brunnens und tränkte die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter. Und er küsste Rahel und weinte laut.“ (1. Mose 29, 10-11)

            Israel kennt die Geschichte von Mose, der aus einem Felsen Wasser hervorlockt. „Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel.“(2. Mose 17,6) Das alles mag Hintergrund sein für dieses Wort vom Heilsbrunnen. Denn zuletzt ist es Gott selbst, der der Brunnen des Heils ist. Von ihm kommt „Wasser des Lebens“ (Offenbarung 22,17). Bei ihm gibt es Leben in Fülle, „lebendiges Wasser“ (Johannes 4,10).

So wird der alltägliche Vorgang des Wasserschöpfens durchsichtig auf das, was Gott tun will, wie er sein Volk neu beschenken will. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass dieses Bild vom Brunnen, vom Wasser Schöpfen, vom Trinken im Jesaja-Buch auftaucht als eine Heils-Ansage: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!“ (55,1)

4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit:                                                                          Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen!                                                      Machet kund unter den Völkern sein Tun,                                                             verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

Jetzt wird Israel zum Zeugen für die Güte Gottes. Hat Jesaja vorher Erde und Himmel angerufen als Zeugen gegen Jerusalem und Juda, um ihres verweigerten Glaubens willen, so werden sie jetzt zu Zeugen vor den Völkern. Für ihren Gott. Für seine Treue. Für sein Erbarmen.„Verherrlichung seines Namens und Verkündigung seiner geschichtlichen Großtaten sind … dasselbe.“ (O.Kaiser,aaO.;S.135)

Es ist eine Selbstaufforderung an die versammelte Gemeinde: Erhebt euren Gott. Rühmt seinen Namen. Es ist das, was der Lobpreis immer wieder wirkt, damals in Israel und heute, in so manchem Gottesdienst. Er öffnet den Mund, er lässt einstimmen in das Lob Gottes. Er macht Gott „groß“ – als ob wir das könnten. Die Lieder, Psalmensänger der Bibel scheinen das so zu denken.

Meine Seele erhebt den Herrn,                                                                                        und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.       Lukas 1, 46

             Es ist – so denke ich – die vor allem, wenn auch nicht ganz allein wirksame Weise, Gott unter die Leute zu bringen: Seine großen Taten zu rühmen. Nicht argumentativ, nicht propaganda-mäßig, nicht in Lehrsätzen, sondern im Erzählen, Berichten, sondern im Zeuge Werden für das, was der Herr getan hat.

“Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,                                              so werden wir sein wie die Träumenden.                                                               Dann wird unser Mund voll Lachens                                                                            und unsre Zunge voll Rühmens sein.                                                                           Dann wird man sagen unter den Heiden:                                                                     Der HERR hat Großes an ihnen getan!                                                                            Der HERR hat Großes an uns getan;                                                                                   des sind wir fröhlich.“                                  Psalm 126, 1 – 3

             Psalmen legen Psalmen aus. So einfach ist das.

5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen.                            Solches sei kund in allen Landen!

            Es kommt nicht von ungefähr, dass in diesen Worten das Lied des Mose und der Mirijam am Schilfmeer anklingt.

 „Ich will dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan;                       Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.“   2. Mose 15, 1 ; 15,21

So wie Israel am Schilfmeer vor dem Untergang gerettet worden ist, so wird es auch in jener kommenden Zeit sein: gerettet wie aus dem Untergang.  Gerettet vor dem Zorn, vor dem es kein Entrinnen gibt. Gerettet und bewahrt in der Liebe, die den Zorn besiegt.

6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion;                                                                        denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Was für ein Kontrast: Diese Worte richten sich an die Tochter Zion, von der der gleiche Jesaja zuvor gesagt hatte: sie, „die Tochter Zion sei wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte im Gurkenfeld“ (1,8). Sie wird zum Jauchzen und Rühmen gerufen. Sie, die so jämmerlich verlassen dastand, soll jubeln. Nicht gegen ihre Wirklichkeit. Sondern weil Gott, der Heilige Israels groß ist bei dir! Das macht den Zion groß und herrlich. Das macht den Zion stark. Das macht ihn zum Anziehungspunkt für alle Völker, alle Welt: Der Heilige Israels ist groß bei dir!

Sollte Gott aus dem Zion auswandern, wird der wieder zum Berglein, zu einem Häuslein, zur Nachthütte. Es ist das Versprechen, die Verheißung Gottes, die den Zion höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben (2, 2) sein lässt. „Die Gemeinde des Alten Bundes erwartete diese Vollendung in der Kontinuität der währenden raum-zeitlichen Welt und ihrer eigenen Stiftungen, wenn auch erst jenseits der Schwelle des großen Gerichtes.“ (O.Kaiser,aaO.;S.136) Das mag uns davor warnen, die Erfüllung der Verheißungen Gottes allzu rasch ins Jenseits der Zeit (C. Bittlinger) zu verlegen. Im Lobpreis bricht die Erfüllung schon in die Zeit hinein und beflügelt auch Hände und Füße, sich dieser Erfüllung tatkräftig zur Verfügung zu stellen. Wenigstens anfangsweise.

 

Mein Gott, manchmal geht es nicht anders in unserem Singen, als dass wir ansingen gegen alle Angst, gegen allen Zweifel, über den Augenblick hinaus.

Manchmal singe ich Lieder, die weit über das hinausgreifen, was gerade ist, die Deine Zukunft besingen, auf die ich hoffe, der ich mich singend entgegen glaube.

Ich danke Dir, dass Du immer wieder neue Lieder in unseren Mund legst, ein Singen, das die Hoffnung am Leben hält. Amen