Hoffnungsworte

Jesaja 8, 23 – 9,6

23 Doch es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Hat er in früherer Zeit in Schmach gebracht das Land Sebulon und das Land Naftali, so wird er hernach zu Ehren bringen den Weg am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden.

Unheil über Unheil hatte Jesaja anzusagen. Zuletzt eine regelrecht verhängte Dunkelheit und Gottesfinsternis: „Sie werden über sich blicken und unter sich die Erde ansehen und nichts finden als Trübsal und Finsternis; denn sie sind im Dunkel der Angst und gehen irre im Finstern.“ (8,21.22) – Und jetzt ein anderer Ton. Noch ist nicht alles heil, aber das Dunkel wird schon gebrochen. Ein neuer Tag, ein anderer Tag wird angesagt. Weil er, Gott, den Wandel herbei führt. „Der Zorn ist nicht das Ende der Wege Gottes, sondern ein Durchgang zu neuer Gnade.“(O.Kaiser,aaO.;S.99) Das Galiläa der Heiden, so das ein wenig abfällige Urteil über diese merkwürdige Mischbevölkerung im Norden aus der Sicht der Jerusalemer, das wird Gott zu Ehren bringen. Wie, weiß Jesaja nicht. Warum, muss er auch nicht wissen. Es ist einfach so.

            Es ist kein Wunder, dass sich die Hoffnungen des Advents in der Christenheit mit solchen Worten verbunden haben. Zumal in einer Landschaft, in der die Dunkelheit doch mehr und mehr im Herbst das Regiment zu übernehmen scheint. „Die Nacht ist schon im Schwinden.“ (J. Klepper)

9,1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

            Wenn es wieder hell wird, regt sich neues Leben. Mir fallen die Berichte von Leuten ein, wie sie nach der langen Polarnacht um Ostern die ersten Sonnenstrahlen feiern. Mir fallen Oster-Nacht-Gottesdienste ein, wie es einem durch und durch geht, wenn sich das Licht den Weg bahnt ins Dunkel. Was für ein Jubel: Neues Licht. Ein großes Licht.

Das, was sich da „in der Natur“ ereignet, ist dem Propheten doch zugleich durchsichtig auf  die Wirklichkeit Gottes hin, auf die geistliche Wirklichkeit. „Wenn Finsternis die Erfahrung der Abwesenheit Gottes meint, dann ist das Aufgehen des Lichtes die Erfahrung der Nähe und der Zuwendung Gottes.“ (D. Schneider, aaO.; S.199) Von dieser Erfahrung sind ungezählte Lieder der Christenheit inspiriert und singen gegen das Dunkel in der Welt an, singen Gott herbei.    

            „Unvermittelt wird dem Propheten die Beschreibung zum Hymnus, der die große Gottestat vorweg feiert.“ (O.Kaiser,aaO.;S.100) Es ist eine Eigenart des Lobes Gottes, dass es schon besingen kann, was noch nicht ist, was noch werden wird. Zu beobachten ist das auch bei den großen Lobgesängen der Offenbarung. Auch sie nehmen lobpreisend Zukunft vorweg

             Das sind Bilder, die die Hörer des Jesaja unmittelbar verstehen – das Bild vom Jubel, wenn die Ernte eingebracht ist, von der Freude, wenn die Beute, gedacht ist, hoffentlich, wohl an Jagdbeute, erlegt ist und ausgeteilt wird. Bilder aus der Alltagswelt. Freude, die sich im alltäglichen Leben Bahn bricht.

 3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Das ist die Begründung für den Jubel. Die Zeit der Knechtschaft ist vorbei. So wie unter Gideon (Richter 7) die Herrschaft der Midianiter über Israel gebrochen worden ist, an einem Tag, so kommt es auch zur Wende der Herrschaft der Assyrer über Juda, über ganz Israel. Wo und wann vermag Jesaja nicht zu sagen. Aber das „Dass“ sagt er an. Und wird mit seinen Worten zur Vorlage für ein Hoffnungslied, über 2000 Jahre später.

 Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.                                             Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.                                            Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,                                         bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.                                                                             Schalom Ben-Chorin, “Das Zeichen” [1942]  EG-EKHN 613

            Und auch das folgende Wort des großen jüdischen Mannes unserer Zeit mag Jesaja mit angestoßen haben: “Aber muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?“ Wenn nicht ein bisschen verrückt, dann doch aufmerksam für die Alltagszeichen, die Gott gibt, dass er auf dem Weg ist zur großen Wende.

5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Kein neuer Gideon. Aber ein Retter, ein Heiland. Einer, der die Not seines Volkes wendet. Es sind Worte wie bei der Inthronisation eines Königs. Aber darauf kommt alles an: Die Passivform ist ein Hinweis: Hier handelt Gott selbst. Mag sein, ein natürlicher, ganz normaler Vorgang. Ein Kind wird geboren, ein Sohn. Aber darin handelt Gott für sein Volk, für uns.

Ich verstehe es ja, dass Alttestamentler sagen: Nicht gleich auf Christus hin lesen. Nicht gleich christlich vereinnahmen. Nein, es ist die Erwartung, dass es einen neuen König auf dem Thron Davids geben wird, der wirklich ein König nach dem Herzen Gottes ist, der Gott mit ganzem Herzen sucht, der sein Volk zur Ruhe (Josua 1,15;23,1) bringen kann, der Recht und Gerechtigkeit so fördert, dass das Volk aufblühen kann, der das Land so ordnet, „dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“(Psalm 85,11).

            Und doch: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Diese Worte sprengen das Menschenmaß. Das ist auch für eine blumenreiche orientalische Sprache hoch gegriffen, zu hoch für irgend einen König. Deshalb ist es kein Wunder, dass diese Worte über alle nachfolgenden Könige hinweg gehört worden sind als die Verheißung des einen Kommenden, des Messias, des Gesandten Gottes, auf dem sein Geist ruht. Und es ist auch nicht wirklich verwunderlich, dass die Christen sich dieser Worte „bemächtigt“ haben, um sie auf Jesus hin zu lesen, der ihnen das alles ja geworden ist: Gottes Wunder und Gottes Held, Bild des ewigen Vaters und der, in dem die Seele Frieden findet.

Ich habe diese Worte so oft am Heiligen Abend im Gottesdienst gelesen, der Gemeinde vorgelesen und darin ja auch zugesagt: Darauf dürft ihr hoffen im Dunkel der Welt, dass einer kommt aus der Wirklichkeit Gottes, der die Welt erhellt, in dem Gott gegenwärtig wird unter uns, so dass wir ihn  erkennen können als den Heiland, an dem Die Welt und wir gesunden. Und ich habe diese Worte dann immer als Prophetie des Jesaja auf Jesus hin geglaubt.  Daran ändert sich auch heute nichts. Sie weisen auf ihn hin und sie werden sich endgültig, für immer erfüllen, wenn er wieder kommt.

 Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Es ist wie eine Unterschrift unter eine Abschlusserklärung. Für diese Ansage steht der HERR Zebaoth ein. Er ist der Garant dieser Erklärung. Er wird tun, was er durch seinen Propheten ankündigt. ποιήσει ταῦτα: Er macht dieses alles. So übersetzt die Septuaginta. Weil er es gesagt hat, ist es schon wie geschehen.

 

Mein Gott, ich hänge an diesen Worten von dem Kommenden, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Sie sind mir Trost, Licht im Dunkel, Hoffnungsworte, die meiner Seele voraus sind. Worte, die das Dunkel durchdringen, die mich Ausschau halten lassen nach dem Licht, nach dem Helfer, der allein das Heil wirken kann, das alles Dunkel der Welt verwandelt, in das helle Morgenrot Deines Tages. Lass mich so immer wieder aufsehen auf Jesus. Amen