Das Zeichen Gottes

Jesaja 7, 10 – 17

10 Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: 11 Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! 12 Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Was für eine verdrehte, verrückte Situation. Der Prophet Gottes bietet – doch wohl im Auftrag Gottes, anders ist: der HERR redete doch nicht zu verstehen  Ahas ein Zeichen an. Irgendeines. Sofort fühle ich mich an Gideon erinnert: „Er aber sprach zu ihm: Hab ich Gnade vor dir gefunden, so mach mir doch ein Zeichen, dass du es bist, der mit mir redet.“ (Richter 6, 17) Gideon, der Richter mit dem verzagten Herzen, hat keine Hemmung, von Gott Zeichen  einzufordern, zu erbitten und wird auch nicht dafür getadelt.

Wovor also fürchtet Ahas sich, dass er diese Einladung abschlägt? Er riskiert doch nichts, wenn er Jesaja folgt. Oder glaubt er im Ernst, Jesaja wolle ihn dazu bringen, Gott, den HERRN zu versuchen? Oder scheut er das Risiko, sich ganz Gottes Willen und Zukunft auszusetzen? „Hinter der theologischen Korrektheit des Ahas verbirgt sich zweifellos der Mangel an Mut zum Wagnis des Glaubens.“(D. Schneider, aaO.; S.162)  So gesehen ist der Verzicht auf das Zeichen eine Absage an Gott. Nach dem Muster: Es ist doch sowieso alles zu spät.

13 Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? 14 Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben:

            Jesaja reagiert. Genervt? Nein, er bringt es auf den Punkt: Es ist ermüdend, es nimmt den Mut, wie Ahas sich in dieser Krise verhält. Menschen werden mutlos und matt, müde. Soll Gott auch müde werden, es Leid werden, sich um sein Volk zu mühen? Das ist ja das Risiko, das Ahas eingeht, wenn er Gott so vergeblich suchen lässt, rufen lässt, seine Zukunft anbieten lässt. Er riskiert, dass Gott sagt: Ich bin es müde.

Und doch reagiert der HERR nicht so. Er hält fest an seiner Zusage, so sagt es Jesaja. Er wird selbst, von sich aus, ungefordert, ungesucht, ungerufen, ungefragt ein Zeichen geben. Sein Zeichen.  

Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

            Achtung so heißt siehe! Seht genau hin. Das ist das Zeichen: Eine Schwangerschaft. Eine Geburt. Eine Namensgebung. ImmanuelGott mit uns. So wird dieses Kind heißen, geboren in einer Situation, in der sich Ahas von Gott verlassen vorkommt.

Es ist ein merkwürdiges Zeichen. Eines, das man übersehen kann. Das Wort, das fast alle Übersetzungen mit Jungfrau wiedergeben – ‛almā – heißt eigentlich: „junge Frau.“ Es ist die Septuaginta, die Übersetzung aus dem Hebräischen ins Griechische, die zu der Jungfrau führt. Da steht nämlich παρθένος – und die Vulgata, die lateinische Übersetzung, die in der Alten Kirche höchst Autorität besitzt, verdeutlicht weiter: virgo.

Aber vom hebräischen Urtext ist das Zeichen ein sehr normaler Vorgang. Eine junge Frau wird schwanger und sie bringt einen Sohn zur Welt. Kurz und knapp: Das Leben geht weiter. Man könnte über die Zeit des Jesaja hinaus weiter spinnen: „Jedes Kind bringt die Botschaft, dass Gott die Lust am Menschen noch nicht verloren hat.“ (Rabindranath Tagore)

Es ist einer der für uns Christen emotional hoch besetzen Sätze im Buch des Jesaja. Weil er im Neuen Testament auf Jesus ausgelegt wird. Durch die Engel-Botschaft an Josef: »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“(Matthäus 1,23) Das ist die Fortschreibung der Sätze des Jesaja, aber nicht ihr erster, ursprünglicher Gehalt. Der erste Gehalt geht schlicht darauf aus, dass im bedrängten, belagerten Jerusalem ein Lebenszeichen gegeben wird, von Gott selbst. Durch die Geburt eines Kindes, eines Sohnes.

Das Neue Testament, der Evangelist Matthäus, wiederum macht das, was oft auch schon im Alten Testament geschieht. Er greift auf, schreibt einen „heiligen Text“ weiter, tritt ein in die Fußspuren der früheren Propheten und redet so selbst – prophetisch. An uns ist es dann, dieses Wort hörend und handeln zu glauben und zu beglaubigen.

 15 Butter und Honig wird er essen, bis er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. 16 Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen zwei Königen dir graut.

Der Prophet bleibt bei seinem Bild. Noch bevor der neugeborene Knabe urteilssfähig sein wird, noch bevor er entwöhnt sein wird, wird die Gefahr von Jerusalem abgewendet sein. Das, wovor es Ahas so graut, der Angriff der Könige Rezin und Pekach, wird sich in Luft auflösen.  Ihr Land wird verödet sein, nicht Juda verwüstet. Ob Ahas das zu sehen, zu glauben vermag? Wenn er aber nicht glaubt, nicht vertraut, dann ist das Gericht nicht aufzuhalten.

17 Der HERR wird über dich, über dein Volk und über deines Vaters Haus Tage kommen lassen, wie sie nicht gekommen sind seit der Zeit, da Ephraim sich von Juda schied, nämlich durch den König von Assyrien.

Mir kommt es so vor, als müsste man eine Zäsur lesen, zwischen den Versen 16 und 17. Denn das, was nach dem Wort Jesajas jetzt erfolgen soll, wird nur verständlich, wenn die Entscheidung des Ahas heißt: Zeichen hin oder her – ich traue Gott nicht. Ich verlasse mich lieber auf meinen politischen Instinkt, auf meine Bündnis-Pläne.

Weil Ahas aber dem Wort des Propheten kein Vertrauen schenkt, nicht glaubt, wird das Heilszeichen zu einem Unheilszeichen. „Weil Ahas nicht glaubt und das diesen angebotenen Glauben bestätigende Immanuels-Zeichen nicht annimmt, kommt es zum Gericht über ihn und sein Haus.“(D. Schneider, aaO.; S.168) Seine Bündnis-Politik wird Juda ins Unglück stürzen. Gerade durch den, von dem er sich Hilfe erhofft, durch den König von Assyrien. Einmal mehr vollzieht sich Gottes Gericht so, dass die Akteure die Folgen ihrer Taten zu tragen haben.

 

Jesus, Du bist das eine große Zeichen Gottes, in die Welt gegeben, damit wir glauben, uns der Treue Gottes anvertrauen, uns bergen in die Liebe, die wir an Dir sehen.

Jesus, Du bist die Erfüllung der Verheißungen, die weit über den Tag hinausgehen, sich ausstrecken nach Dir, und in Dir Hand und Fuß gewinnen.

Jesus, Du bist Immanuel, Gott mir uns. Darüber werde ich froh und preise Deinen heiligen Namen. Amen