Predigt-Anfang

Matthäus 4, 12 – 17

 12 Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.

Jesus ist zurückgekehrt aus der Wüste. Aus der so „unwirklichen“ Wirklichkeit des Ringens mit dem Versucher in die wirkliche Welt. Und hört, dass Johannes gefangen gesetzt worden war. Παραδίδωμι – dahingegeben heißt im Griechischen, was in der Luther-Übersetzung gefangen gesetzt istdas gleiche Wort, das für das Ausgeliefert Werden ( 20,18) Jesu in der Passion verwendet werden wird. Aber noch ist es nicht so weit. Er entzieht sich dem Machtbereich des Herodes und geht nach Galiläa. „Jesus geht allein deshalb nach Galiläa, weil es dem göttlichen Plan entspricht, dass er im Galiläa der Heiden wirkt.“ (U. Luz, aaO.; S.170) 

 13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, 14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht: 15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, 16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

             Nazareth, der Heimatort, ist nur eine Zwischenstation. Die Schrift muss erfüllt werden. Bis in die Ortswahl hinein. Einmal mehr deutet Matthäus mit Hilfe der Schrift, was sich im Leben Jesu ereignet. Dass Kapernaum seine Stadt wird. Und deutet zugleich: Mit diesem Weg wird es hell über denen, die so im Schatten des Todes, in Finsternis saßen. Wir wissen aus genauen Untersuchungen zur sozialen Situation in  Galiläa, dass es ein armes Volk war, ausgeliefert an Großgrund-Besitzer, oft genug ausgebeutet und missachtet. Gering geschätzt. Ihnen wird er „das Licht der Welt.“ (Johannes 9,5)       „Predigt-Anfang“ weiterlesen

Versucht – härter als wir

Matthäus 4, 1 – 11

 1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.

Matthäus erzählt nicht einfach vor sich hin. Er treibt in seinem „Erzählen“ Theologie. Er will uns verstehen lassen, wer Jesus ist. Was es mit ihm auf sich hat. Vor diesem Abschnitt steht die Proklamation durch die Himmelsstimme: „Dies ist mein lieber Sohn.“ (3,17) Jetzt wird es sich zeigen müssen, wie sich das verhält mit dem Sohn-Sein. Es ist der Geist, Gottes Geist, der ihn diesen Prüfungen aussetzt.

Der Teufel, διαβλος, ist nur der Ausführende. Er ist, wie auch sonst, kein gleichberechtigter, gleichwertiger Gegenspieler Gottes. „Matthäus denkt ihn sich als sichtbare Person…. Freilich wird er wie im ganzen Neuen Testament weder näher geschildert noch als Herr der Hölle vorgestellt. Auch bei Matthäus hört man den Teufel. Das Sehen wird nicht betont.“ (E.Schweizer, aaO.; S.33) Es ist ein Rechnen mit der Realität des Bösen, ob als Struktur, als überpersönliche Macht oder eben als Wirklichkeit, der sich der Einzelne gegenüber sieht, die mit dieser Vorstellung vom Teufel zum Ausdruck kommt.

damit er … versucht würde. Wir hören so etwas wie die Ankündigung eines Tests mit offenem Ausgang. Muss man diesen Weg so verstehen? Oder ist es nicht anders: Der Ausgang ist nicht offen. Der Weg, der mit der Taufe begonnen hat, soll bestätigt werden. Jesus auf dem Weg gestärkt. Durch das Bestehen dieser Versuchungen.

 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

            Es passiert erst einmal – nichts. Jesus fastet. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Wozu dieses Fasten dienen soll, wird nicht gesagt. Ob es ein Reinigungsfasten, ein Vorbereitungsfasten, ein Fasten in der Spur des Mose ist –  „Und er war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte“(2. Mose 34,28) – zu allem schweigt Matthäus. Kein Wunder, dass ihn hungert, dass ihn dürstet. Es ist ein elementares Lebensbedürfnis, das hier sein Recht fordert.

Das ist der Gesprächseinstieg des Teufels: Er nimmt das Lebens-Bedürfnis auf und nimmt zugleich Jesus fragend bei dem, was er ist: Du bist doch der Sohn Gottes. Die tragende Wahrheit des Glaubens wird hier zum Ausgangspunkt gemacht. Nicht in Frage gestellt. Es wird verbunden mit der Behauptung: Du müsstest nicht hungern. „Versucht – härter als wir“ weiterlesen

Getauft – einer wie wir

Matthäus 3, 13 – 17

 13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

            Wieder, wie schon in 3,1:  Zu der Zeit. In diesen Tagen, als so viele zu Johannes strömen. Jesus ist einer unter diesen vielen. Einer, der sich auf den weiten Weg macht, von Galiläa nach Judäa, an den Jordan. Warum? Ist er angesprochen von dem, was man über Johannes erzählt, was als seine Predigt weiter gesagt wird? Ist er innerlich genötigt? Er ist nicht nur einer, der einmal neugierig schauen will. Er kommt mit dem ausgesprochenen Vorsatz, dass er sich von ihm taufen ließe.

14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

Sofort türmen sich die Fragen: Warum wehrt Johannes sich gegen Jesu Taufanliegen? Im Nachhinein ist das verständlich. Aber im Gang der Geschichte doch nicht. Da steht einer vor Johannes wie tausend andere. Kein Heiligenschein. Matthäus weiß nichts zu berichten von Augen, die zwingen, von einer Ausstrahlung, die unwiderstehlich ist. Eben nicht „eine eigenartig zwingende Hoheit in Jesu Haltung und Antwort.“ (J. Wilkens, aaO.; S. 35) Keine Andeutung von einem Wesen, das sofort ahnen lässt: Hier ist mehr im Spiel.

Nichts dergleichen. Aber Johannes sagt: Verkehrte Welt. Dass Petrus das sagen wird, in der Nacht der Fußwaschung, dass er Einspruch erhebt: „Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“(Johannes 13,6-8) das ist ja nach einem gemeinsamen Weg durch Jahre hin einigermaßen einleuchtend. Aber hier bei Johannes? Er ist doch der, der Zulauf ohne Ende hat, zu dem die Menschen nur so strömen, auch dieser Jesus?

Was also ist es, das Johannes so abwehren lässt? Unter Exegeten wird öfters gemutmaßt, dass Jesus ursprünglich ein Johannes-Jünger gewesen sein könnte, der sich dann von ihm gelöst hätte. Ich halte das nicht für schlüssig. Wenn es so gewesen wäre, dann müsste hinter der Frage ja Bitterkeit stecken: Wenn du schon weggehst, warum dann noch die Taufe? Was versprichst du dir davon? Aber nichts ist in dieser Richtung spürbar.  „Getauft – einer wie wir“ weiterlesen

Der Vorläufer

Matthäus 3, 1 – 12

 1 Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa 2 und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! 3 Denn dieser ist’s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat (Jesaja 40,3): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«

Ganz unbekümmert knüpft Matthäus an: In diesen Tagen. Dabei ist es ein Zeitsprung von etlichen Jahren zwischen der Rückkehr aus Ägypten, der Ansiedlung der „heiligen Familie“ in Nazareth  und den Auftreten des Täufers. Für Matthäus aber rücken diese Zeiten zusammen, weil sich in ihnen die Zeit verdichtet.

In der Wüste von Judäa tritt der Täufer Johannes auf. Muss er auftreten, damit sich die Schrift erfüllt mit ihrem Wort von der Stimme eines Predigers in der Wüste. Mit diesem Zitat wird zugleich deutlich, wer der Täufer ist. Der Wegbereiter. Der Vorläufer. Johannes ist nicht der, auf den zu warten ist. Nicht der Erwartete.

            Seine Botschaft: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Umkehr, μετάνοια  predigt der Täufer.  Das ist mehr als ein paar neue Gedanken zu denken. Mehr auch als eine neue Gesinnung. Es ist eine neue Lebenspraxis. Und sie ist möglich und nötig, weil  das Himmelreich nahe herbeigekommen ist.

            Das Himmelreich, βασιλεα τν ορανν ist ein Ausdruck, der so nur bei Matthäus begegnet. Da aber gleich 32-mal. Die geläufigere Wendung bei den anderen Evangelisten ist das „Reich Gottes“. Βασιλεύειν, königlich herrschen, ist die Verbform, die beide Wendungen verbindet. Auch sie ist bei Matthäus häufiger als bei allen anderen Evangelisten zu finden. Vom theologischen Inhalt her sind diese beiden Wendungen – Reich der Himmel und Reich Gottes – nicht wirklich deutlich unterschieden. Es kann sein, dass Matthäus mit seiner Wendung einen Sprachgebrauch aufnimmt, der ihm aus der Gemeinde vertraut ist. Oder, dass er, aus dem Judentum kommend, das direkte Reden von Gott aus Ehrfurcht vor dem Gottesnamen meidet und deshalb vom Himmel spricht.  Auch Evangelisten schreiben nicht im luftleeren Raum. „Der Vorläufer“ weiterlesen

Kindermord damals wie heute

Matthäus 2, 13 – 23

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach:

              Die Weisen sind gegangen. Josef, von dem in der Begegnung mit den Weisen keine Rede war, ist aber da. Es fällt mir auf, dass in der Geburtserzählung des Matthäus Josef eine weitaus aktivere Rolle einnimmt als Maria, im Unterschied zum Lukas-Evangelium. Josef also empfängt erneut einen Traum und im Traum einen Engel. Nicht irgendeinen Allerwelts-Engel, sondern den Engel des Herrn. Diese so bestimmte Formulierung wirkt wie ein Rückverweis in alt-testamentliche Erzählungen. „Und der Engel des HERRN kam und setzte sich unter die Eiche bei Ofra; die gehörte Joasch, dem Abiësriter. Und sein Sohn Gideon drosch Weizen in der Kelter, damit er ihn berge vor den Midianitern. 12 Da erschien ihm der Engel des HERRN“ (Richter 6,11-12) Es hat also Tradition: Gott selbst nimmt sich durch seinen Boten seiner Leute an, hier des Josef und seiner Maria und des Kindes.

 Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. 14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten 15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Ein Befehl zur Flucht. Zum Ausweichen vor dem Unheil. Ausgerechnet nach Ägypten. Dorthin, wo Israel 400 Jahre in der Knechtschaft war. Dorthin, wo die Flucht von Israeliten nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 in einem Desaster geendet ist. Aber angesichts der Mordpläne des Herodes ist sogar Ägypten besser als tapferes, aber sinnfreies Bleiben.

Und wieder der Gehorsam aufs Wort und auf der Stelle. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten. Keine Diskussion, kein Warum, kein Wenn und Aber. Schlichter Gehorsam. Noch in der gleichen Nacht.

Es wird eine lange Zeit in Ägypten. Bis nach dem Tod des Herodes. Matthäus deutet diesen Weg und dieses Bleiben mit Hilfe des Hosea-Zitates. Das bezieht sich ursprünglich auf Israel als den „Sohn Gottes“ auf den Auszug aus Ägypten. Matthäus aber sieht es als eine Prophetie, die nicht schon mit dem Auszug unter Mose erfüllt worden ist, sondern die über die Zeit der Jahrhunderte hinweg hindeutet auf den Weg Jesu. „Kindermord damals wie heute“ weiterlesen

Aus Anatolien – von weit her

Matthäus 2, 1 – 12

 1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

            Nur wie nebenbei wird es erwähnt. Jesus ist in Bethlehem geboren, in Judäa, zur Zeit des Herodes. Es wirkt, als würde der nachfolgenden Erzählung damit Haftpunkte in der Geschichte gegeben, in Raum und Zeit. Aber eigentlich brauchen würde sie die nicht.

Weise aus dem Morgenland kommen nach Jerusalem. Die fromme Tradition weiß mehr über sie als Matthäus erzählt: Es waren drei, Könige. Kaspar, Melchior und Balthasar. Einer davon schwarz.  Das alles interessiert Matthäus nicht.

Matthäus nennt sie Weise. Μγοι  Aus Anatolien kommen sie. So klingt Morgenland auf Griechisch! Sie sind „Wissenschaftler“, die sich mit den Sternen auskennen. Wohl auch mit der Kunst der Traumdeutung. Mehr gibt der karge Text nicht her.

2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.

            Sie kommen mit einer Frage: Wo ist der neugeborene König der Juden? Vielleicht kennzeichnet das ja den Wissenschaftler, dass er ein fragender Mensch ist, einer auf der Suche, nach der Wirklichkeit, nach dem Verstehen der Zusammenhänge. Sie haben einen Stern gesehen, bei sich zu Hause, in Anatolien, und diesen einen Stern mit Hilfe ihrer Wissenschaft identifiziert: Als Königsstern, als den Stern eines Königs aus Juda. Und weil sie gesehen haben, sind sie aufgebrochen. Ihre Wissenschaft hat sie nicht zu Hause bleiben lassen, sondern in Gang gesetzt.

Sie wollen ihn anbeten. Sich vor ihm niederwerfen. Ihn verehren. Da steht das Wort  προσκυνσαι, das im Neuen Testament eine große Rolle spielt. Proskynese steht einzig und allein nur Gott zu. Das unterscheidet die Gläubigen von den Ungläubigen. Ungläubige beten alles Mögliche an. Gläubige allein Gott. Wenn nun diese Magier kommen, um anzubeten, so ist das zugleich eine Deutung: Sie wissen in dem neugeborenen Kind schon Gott. Sie sind wie Leute, die das Alte Testament gelesen und verstanden haben: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen“(4. Mose 24,17) Diesen Stern suchen sie. „Aus Anatolien – von weit her“ weiterlesen

Geburt im Zwielicht

Matthäus 1, 18 – 25

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so:

Der Satz scheint eine Schilderung der Geburt Jesu anzukündigen. Aber im Folgenden geht es nicht um die Geburt und ihre Umstände. Es geht um Josef und Maria. Es geht um eine Engelbotschaft. Und es geht um die Konsequenzen, die Josef aus der Botschaft zieht.

Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.

Josef und Maria sind verlobt. Das ist ein bindendes Versprechen mit rechtlichen Folgen. „Eine Verlobung kann nur durch Scheidebrief gelöst werden.“ (U. Luz, aaO.; S.103) Nun aber, als Josef seine Frau heimholen will, erweist es sich, dass sie schwanger ist. Das griechische Wort für heimholen, συνελθεν, wird von manchen, vor allem östlichen Kirchenvätern, auch auf den Geschlechtsverkehr hin gedeutet.

Der Evangelist stellt gleich klar, was der Mann Josef noch nicht weiß: Maria ist schwanger vom Heiligen Geist. Kein Wort zu dem Wie. Kein Wort zu dem Warum. Einfach nur ein Faktum. Josef aber muss mit dieser Entdeckung fertig werden, zurecht kommen. Seine Lösung: Stillschweigender Rückzug. Kein Skandal. Das kennzeichnet ihn als „fromm“. Δίκαιος meint eigentlich „gerecht“, gewinnt hier aber unter dem Verhalten des Josef einen Beiklang von „barmherzig“. Er ist ein guter Mann, der seiner Verlobten die Bloßstellung ersparen möchte. Einer, der viel auf sich nimmt.

Alles wird knapp erzählt. Und ohne jedes Ausleuchten der Gefühle, der Emotionen. Da ist Matthäus, wie die ganze Bibel auch sonst, sehr karg. Mir leuchtet ein: „Auffällig ist, dass das Wunder der jungfräulichen Empfängnis nicht erzählt, sondern voraus gesetzt wird. Es ist Matthäus also aus der, wohl mündlichen, Tradition der Gemeinde bekannt.“(E. Schweizer, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 2, Göttingen 1976, S. 11)   „Geburt im Zwielicht“ weiterlesen

Stammbaum – Zeichen der Treue Gottes

Matthäus 1, 1 – 17

 1 Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.

            Mit einem ersten großen Satz wird das Thema genannt. Es geht um die Geschichte Jesu Christi. Ganz so einfach ist es aber dennoch nicht. Ββλος γενσεως – diese Wendung wird vielfältig auch anders übersetzt: „Buch des Ursprungs“(Neue evangelistische Übersetzung, Elberfelder); „Stammbaum“(Einheitsübersetzung); „Geschlechtsregister“ (Schlachter); „Dieses Buch berichtet über die Herkunft und Geschichte von Jesus Christus“ (Gute Nachricht). Wörtlich steht da „Buch der Abstammung“. Eine neue Genesis. Ein neuer Anfang Gottes am Anfang des Neuen Testaments.

Das Problem, das sich stellt: Der Satz kann als Überschrift, Inhaltsangabe für das ganze nachfolgende Evangelium gelesen werden. Es geht um Jesus Christus. Er kann aber auch nur auf den unmittelbar folgenden Stammbaum bezogen werden. Dann geht es „nur“ um seine Herkunft. Wahrscheinlich liegt diese Deutung näher. „Stammbaum – Zeichen der Treue Gottes“ weiterlesen

Der Heimweg

Jesaja 35, 1 – 10

1 Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. 2 Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unsres Gottes.

            Die Wüste lebt auf. Ein unübersehbares Meer von Schönheit entfaltet sich vor den Augen Jesaja. Nicht mehr karg, nicht mehr verbrannte Erde. Blütenpracht, so weit das Auge reicht.  In der Herrlichkeit, die so vor Augen ist, spiegelt sich die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unseres Gottes. Damit ist für mich angedeutet: die das alles sehen, sind Glieder des Volkes Gottes. Ihnen gehen die Augen auf.

            Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.

             Und doch ist sie seiner Füße reich geschmückter Schemel nur,
ist nur eine schön begabte, wunderreiche Kreatur.

                     Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein,
o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein.                                                                        K.J.P. Spitta 1827 EG 510

            Das ist mehr als Staunen über die Schönheit der Natur. Es ist das Sehen der Natur in ihrer Schönheit als Schöpfung, die durchsichtig auf den hin ist, der sie ins Leben gerufen hat und der in ihr seinen Willen zeigt, das Leben neu zur Entfaltung kommen zu lassen. Diese Art zu sehen versteht sich nicht von selbst.

3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! 4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« 5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.

Neben diese Bilder von der aufblühenden Schöpfung treten sofort die anderen, die auf  Menschen ausgerichtet sind. Mut-Mach-Bilder in Mut-Mach-Worten. Nach dem langen  und so mühsamen Weg ist jetzt Aufatmen angesagt. Die, die den Mut fast haben fahren lassen, die sollen Rückenwind erhalten. Die keine Kraft mehr haben, sollen fest stehen können. Warum: Weil sie sehen:  Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Die Zeit der Gottesfinsternis ist vorbei. Die Zeit, in der Gott sich verborgen hat, verstellt im fremden Werk des Gerichts, geht zu Ende, ist zu Ende.  „Der Heimweg“ weiterlesen

Jenseits der Zeit

Jesaja 33, 17 – 24

17 Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit; du wirst ein weites Land sehen.

            Unmittelbar vor diesem Abschnitt steht eine gewichtige Doppelfrage: .»Wer ist unter uns, der bei verzehrendem Feuer wohnen kann? Wer ist unter uns, der bei ewiger Glut wohnen kann?« (33,14) Sie erinnert an die Fragen aus Psalm 24:  

 Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                             und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?        Psalm 24,3

Beide Male geht es darum: Gibt es Voraussetzungen, die Menschen erfüllen müssen, um für eine Gottesbegegnung bereit zu werden? Ist es unsere Möglichkeit, Gott zu entsprechen, so dass wir bei dem verzehrende Feuer wohnen können, bei der ewigen Glut?  Es gibt, so der Psalm und so auch Jesaja, Verhalten, um sich auf Gottesbegegnungen vorzubereiten. Dazu gehört die Reinheit des Herzens, die Lauterkeit des Handelns, ein Ringen um Gerechtigkeit und Wahrheit.

Und doch bleibt im Letzten unableitbar und Geschenk, was hier gesagt wird: Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit. Wenn der König kommt, gehen die Augen über vor Staunen. So hat es Jesaja selbst auch erfahren in seiner Vision im Tempel. „Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (6,5) Staunen und Schrecken vermischen sich in diesem Ausruf.

Wer ist mit dem König gemeint? Von der Vision Jesajas im Tempel her könnte man sagen: Der HERR ist der König, von dem hier die Rede ist. Handelt es sich also „um eine Gotteserscheinung oder um das Sehen des Messias“? (O.Kaiser, aaO.; S.275). Das wäre ja die andere Möglichkeit.

            Aber vielleicht ist die Frage in ihrer Alternative ja falsch gestellt! „Wer mich sieht, sieht den Vater“(Johannes 14,9) Es könnte doch tatsächlich so sein: Im Messias leuchtet die Schönheit Gottes auf. Es kommt – und darauf hofft doch die Christenheit, eine Zeit des Heils, „in der man Gott und seinen Gesalbten oder Gott in seinem Gesalbten sehen wird.“ (D. Schneider, aaO.; S.450) „Jenseits der Zeit“ weiterlesen