Zu der Zeit

Jesaja 4, (1).2 – 6

1 Und sieben Frauen werden zu der Zeit “einen” Mann ergreifen und sprechen: Wir wollen uns selbst ernähren und kleiden, lass uns nur nach deinem Namen heißen, dass unsre Schmach von uns genommen werde.

In diesem Chaos sind Frauen besonders übel dran, die nicht den Schutz eines Mannes und seiner Sippe haben. Aller Reichtum nützt nichts, wenn da kein Beistand ist, keiner, der in dem männlich geprägten Rechtsraum einsteht für eine Frau, seine Frau. Was für ein Abstieg: „Unter Zurückstellung aller weiblichen Scham werden die jetzt so stolzen Zionstöchter von sich aus einen überlebenden Mann aufsuchen und sich ihm als Konkubinen, als Nebenfrauen, antragen.“  (O.Kaiser,aaO.; S.40)

            Lass uns nur nach deinem Namen heißen – das ist kein bloßer Namenswechsel bei der Eheschließung, sondern ein Rechtsakt. Sie werden so Eigentum des Mannes, Sklavinnen. Alles, nur nicht schutzlos und rechtlos alleine bleiben. Wenn das Land und die Ordnung zusammenbrechen, ist selbst Sklaverei noch besser als die völlige Schutzlosigkeit.

Im Schicksal dieser Frauen spiegelt sich das Schicksal Jerusalems und Judas, wenn das Gericht Gottes in seiner ganzen Härte Wirklichkeit werden wird.

2 Zu der Zeit wird, was der HERR sprießen lässt, lieb und wert sein und die Frucht des Landes herrlich und schön bei denen, die erhalten bleiben in Israel.

            Wieder, wie schon in V. 1:  Zu der Zeit. Als Leser reibe ich mir verwundert die Augen: Wie denn nun? Geht das alles gleichzeitig? Gibt es doch mitten im Untergang Bewahrung, Rettung? Eine Lösung, auf die Exegeten dann leicht kommen, heißt: Das ist spätere Ergänzung. Aber eine Ergänzung, ganz im Geist des Jesaja. „Nicht das Gericht ist Gottes letztes Wort über sein Volk, sondern sein Heilswille.“ (O.Kaiser,aaO.;S.41) Wir heutigen Leser haben es zu lernen: Auch was später hinzukommt zu einem ursprünglichen Text ist nicht „unecht“, „minderwertig“, sondern es hat die gleiche Autorität wie die ersten Worte. Es ist Wort aus der Wirklichkeit Gottes.

Hier also: Der Herr lässt sprießen. Ganz weit greift das Wort zurück:  „Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so.“ (1. Mose 1, 11) Oder anders, voller Staunen, klingt es so:

Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen,            dass du Brot aus der Erde hervorbringst,                                                                   dass der Wein erfreue des Menschen Herz                                                                 und sein Antlitz schön werde vom Öl                                                                              und das Brot des Menschen Herz stärke.          Psalm 104, 14 – 15

Das ist Zeichen der Güte und der Macht Gottes, dass er auch in solchen Zeiten Wachsen und Gedeihen gibt, der Rhythmus von „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8,22) nicht aufhört.

Auch das eine erste Hoffnungs-Botschaft. Es gibt welche, die erhalten bleiben in Israel. Das Land wird nicht gänzlich menschenleer und die Vernichtung macht nicht alle zunichte. Hier mag im Hintergrund mitspielen, dass beim Untergang Samarias 722 v. Chr. nicht alle verschleppt worden sind, nicht der ganze Norden entleert worden ist.

 3 Und wer da wird übrig sein in Zion und übrig bleiben in Jerusalem, der wird heilig heißen, ein jeder, der aufgeschrieben ist zum Leben in Jerusalem.

            Ein Rest wird bleiben, übrig sein in Zion, auch nach dem Gericht. Sind das jetzt die Guten und verdanken sie ihre Verschonung ihrer moralischen Qualität? „Der Text bietet keinen Anhalts-punkt dafür, dass die Entronnenen diejenigen wären, bei denen während des richterlichen Ausschmelzungsprozesses „ein guter Kern“ zutage getreten wäre.“(D. Schneider, aaO.; S.106) Wer entronnen ist, kann nur staunend sagen: „Wir sind noch einmal davon gekommen.“ Aus einem einzigen Grund: „Weil Gott sie retten wollte.“(D. Schneider, aaO.; S.106)

In dieser Linie wird später ein Beter sagen:

„Die Güte des HERRN ist’s,  dass wir nicht gar aus sind,                                       seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,                                                                 sondern sie ist alle Morgen neu,                                                                                    und deine Treue ist groß.“                Klagelieder 3, 23-24

Die, die so davon kommen, werden heilig heißen. Nicht, weil sie Heilige sind, wohl aber, weil sie ihr Dasein Gott verdanken, der der Heilige ist. Wer so gerettet ist ist einer, der aufgeschrieben ist zum Leben in Jerusalem. Das könnte man lesen als einen Hinweis auf den „sich gerade (in dieser Zeit) im Judentum stärker durchsetzenden Prädestinationsglauben“ (O.Kaiser,aaO.;S.43) Nur: Hier ist nicht ausdrücklich vom „Buch des Lebens“ (Lukas 10,20, Offenbarung 13,8;17,8; 20,12.15)  die Rede. Und in anderen Texten – 1. Chronik 9, 3 – 33 und Nehemia 11 – wird in der Tat sorgfältig aufgelistet, wer alles in Jerusalem wohnt, wohnen darf und wohnen muss. Ist das nicht auch ein Stück Gnade: Weiter dort leben zu dürfen, wo sich das Haus Gottes befindet?

 4 Wenn der Herr den Unflat der Töchter Zions abwaschen wird und die Blutschuld Jerusalems wegnehmen durch den Geist, der richten und ein Feuer anzünden wird, 5 dann wird der HERR über der ganzen Stätte des Berges Zion und über ihren Versammlungen eine Wolke schaffen am Tage und Rauch und Feuerglanz in der Nacht.

            Dass es zu einem solchen Entrinnen kommt, ist Gottes Tat. Er reinigt das Volk. Er wäscht den Unflat der Töchter Zions ab.  Er nimmt die Blutschuld Jerusalems weg. Alles ER. „Es gibt keine Erneuerung des Volkes Gottes ohne die voraufgegangene Beseitigung der Schuld und ihrer Folgen.“(D. Schneider, aaO.; S.107) Das aber kann Jerusalem nicht selbst leisten. Niemand kann sich selbst „entschuldigen“.  Dieses „Entschuldigen“ ist immer ein Geschehen von außen, immer ein Widerfahrnis der Gnade.

Und ein Hinweis auf den großen Versöhnungstag für alle Welt, wie ihn das Spiritual besingt.

„O happy day, when Jesus washed my sins away“

Das aber geht “wie durchs Feuer.”(1.Korinther 3,15) So weit wirken die Bilder, die Jesaja hier verwendet. Und greifen zugleich weit zurück: „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule“ 2. Mose 13,21) Es sind Bilder, in denen die Gegenwart Gottes gefasst wird, in der das Volk geborgen ist.

 Ja, es wird ein Schutz sein über allem, was herrlich ist, 6 und eine Hütte zum Schatten am Tage vor der Hitze und Zuflucht und Obdach vor dem Wetter und Regen.

So auch hier. Es geht um eine schützende Gegenwart Gottes in schutzlosen Zeiten. Um Hilfe, wo dem Herzen bange ist, um Zuflucht vor den Unbilden der Witterung und des Lebens. „Wo Gott gegenwärtig ist, haben alle Schrecken der Welt Macht verloren.“ (O.Kaiser,aaO.;S.44)

Für mich ist es eine Hilfe, diese ganze Textpassage nicht irgendwie ans Ende der Zeit oder gar jenseits der Zeit zu platzieren. Ich glaube, dass sie davon redet, wie es ist, dem geschichtlich fassbaren Untergang entgangen zu sein oder zu entgehen. Es ist ein durchaus „eigentümlicher“ Blick auf Jerusalem und Juda zu sagen: `Wir sind verschont geblieben und der großen Wegführung entgangen. Wir dürfen hier weiterleben. Das ist Gnade.’  Wenn dieses Verständnis bedeutet, zu akzeptieren, dass es sich bei diesen Worte um „Fortschreibungen“ durch eine „Schülergruppe“ des Jesaja handelt, durch Leute, die sich an seinen Worten über die Zeiten hinweg orientieren und die sie deshalb in ihre Zeit hinein neu „aktualisieren“, so nimmt das diesen Worten nicht ein Jota an Bedeutung. Im Gegenteil: Mir bringt es sie näher, weil es mich hoffen lehrt: Es gibt Bewahrung und Weiterleben auch in der Zeit, auch in den Untergängen unserer Tage.

 

Du heiliger Gott, in den Schrecken der Welt lässt Du Deine Güte nicht, gibst Du Tag und Nacht Wachsen und Gedeihen, Geboren werden und neues Leben. In den Schrecken der Welt hältst Du fest am Geschenk des Lebens, auch wenn es unter die Räder kommt, oft genug nur Spielball der Mächtigen. Und doch, Du wirst den längeren Atem haben. Das Leben siegt, weil Du das Leben bist und Leben willst in dieser Welt, die aus tausend Wunden blutet. Amen