Kein Rückzug

Jesaja 3, 1 – 15

1 Siehe, der Herr, der HERR Zebaoth, wird von Jerusalem und Juda wegnehmen Stütze und Stab: allen Vorrat an Brot und allen Vorrat an Wasser, 2 Helden und Kriegsleute, Richter und Propheten, Wahrsager und Älteste, 3 Hauptleute und Vornehme, Ratsherren und Weise, Zauberer und Beschwörer.

Diesem Text ist im Abschnitt 2, 6 – 22 eine Gerichtsankündigung voraus gegangen. Krise wird auf Krise folgen. Und alles, weil das Volk sich Gott verweigert, die großen Herren und die kleinen Leute. Und jetzt treibt das Gericht auf die Spitze zu. Stütze und Stab werden weggenommen. Nichts Verlässliches ist mehr da. Das Chaos bricht aus, weil Gott Gericht hält.

Die Vorräte werden verbraucht. Die Führungskräfte fallen genauso aus wie die Kriegsleute, die das Land und die Stadt schützen sollten. Und die Ratlosigkeit greift so um sich, dass weder die geistliche Führung noch die verpönte Kunst der Wahrsagerei irgendeine Orientierung geben kann. „Da schwatzen und da plappern die Gelehrten“ (C. Bittlinger) Es wird noch viel geredet, getalkt, aber es gibt kein Orientierung mehr.

Mir kommt die Frage: In welche Situation hinein sagt der Prophet das alles? Steht Jerusalem „am Abgrund“, kurz vor dem Fall? Ist es eine belagerte Stadt, in der nur noch eine Devise zu gelten scheint: Rette sich, wer kann? „Jesaja beschreibt, wie vor aller militärischen Niederlage die Auflösung der inneren Ordnung Judas Wirklichkeit werden wird.“ (D. Schneider, aaO.; S.94)

Das ist eine erschreckende Botschaft: Es ist nicht ausgemacht, dass sich ein Land nur dann innerlich auflöst, ins Chaos verfällt, wenn es militärisch geschlagen wird. Es gibt auch diese Auflösung aller Ordnungskräfte eines Landes, eines Volkes vor jeder Niederlage durch Feinde von außen. Oder noch schlimmer: Diese Selbstzerstörung durch den Verlust aller Ordnungen, durch das Überschreiten aller Haltelinien ist viel schlimmer, tiefergreifend als jede Niederlage im Kampf. Ein Volk, das die Orientierung verloren hat, das in seiner Seele verwirrt worden ist, ist schlimmer dran wie ein Volk, das „nur“ einen Krieg verloren hat.

4 Und ich will ihnen Knaben zu Fürsten geben, und Mutwillige sollen über sie herrschen.

            Als Führungskräfte finden sich nur noch Junge, Knaben. In der Gesellschaft, zu der Jesaja gehört, gibt es eine Hochschätzung des Alters. Die Alten haben Lebenserfahrung, kenne sich aus. Sie haben auch am Leben gelernt, nicht kurzfristig zu denken. Es ist eine Situation, die nur noch erschrecken kann. „Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist und dessen Fürsten schon in der Frühe tafeln!“ (Prediger 10, 18) Führungseliten, die keine Verantwortung mehr kennen, sondern nur noch das eigene Wohlergehen. Wo das der Fall ist, da ist Gottes Gericht im Gange.

 5 Und im Volk wird einer den andern bedrängen, ein jeder seinen Nächsten. Der Junge geht los auf den Alten und der Verachtete auf den Geehrten. 6 Dann wird einer seinen Nächsten, der in seines Vaters Hause ist, drängen: Du hast noch einen Mantel! Sei unser Herr! Dieser Trümmerhaufe sei unter deiner Hand! 7 Er aber wird sie zu der Zeit beschwören und sagen: Ich bin kein Arzt; es ist kein Brot und kein Mantel in meinem Hause! Macht mich nicht zum Herrn über das Volk!

Alle fallen übereinander her. Einer drängt den anderen, Verantwortung zu übernehmen. Alle fürchten sich, aber alle wollen, dass andere den Karren aus dem Dreck ziehen. „Niemand weiß, wo er mit dem Wiederaufbau beginnen soll.“ (O.Kaiser, aaO.; S.33) Und der gleiche Exeget geht weit über die bloße Exegese hinaus, wenn er schreibt: „Wer sich an die ersten, dem Mai 1945 folgende Monate in Deutschland erinnert, wird sich bei der Lektüre unmittelbar in jene Zeit zurück versetzt fühlen.“ (O.Kaiser,aaO.;S.33)

 8 Denn Jerusalem ist gestrauchelt, und Juda liegt da, weil ihre Worte und ihr Tun wider den HERRN sind, dass sie seiner Majestät widerstreben. 9 Dass sie die Person ansehen, zeugt gegen sie; ihrer Sünde rühmen sie sich wie die Leute in Sodom und verbergen sie nicht. Wehe ihnen! Denn damit bringen sie sich selbst in alles Unglück.

Jetzt folgt der Schilderung der chaotischen Zustände die Begründung. Woher kommt das alles? Wo hat es seine Wurzel? Es ist die Abkehr von Gott. Es ist das eigensinnige Wesen, das glaubt, selbstbestimmt den Weg wählen und gehen zu können, ohne jedes Fragen nach dem Willen Gottes. Ihre Worte und ihr Tun sind wider den HERRN. Und sie sind schamlos. Es muss für die Ohren jüdischer Hörer eine der schlimmsten Beschimpfungen sein, wenn Jesaja sagt:   Ihrer Sünde rühmen sie sich wie die Leute in Sodom.

„Der Prophet denkt an die Ungeniertheit, mit der die herrschenden und besitzenden Kreise ihre sich im Alltag beweisende faktische Untreue eingestehen.“(O.Kaiser,aaO.;S.34) Mir geht im Aufnehmen dieses Gedankens manche eigene Beobachtung durch den Kopf, wo ich im Fernseh-Programm Zeuge werde, wie einer sein Unrecht schön redet, es als Fortschritt, als Ausdruck von Liberalität verkauft, sich dafür noch Beifall holt. Bordell-Betreiber, Waffenhändler, Betrüger, skrupellose Geschäftemacher, Menschen, denen Erfolg und Reichtum alles ist – sie nützen die Bühne des Fernsehens für ihre Schamlosigkeit. Und vergrößern die Orientierungskrise im Land.

10 Heil den Gerechten, sie haben es gut! Denn sie werden die Frucht ihrer Werke genießen. 11 Wehe aber den Gottlosen, sie haben es schlecht! Denn es wird ihnen vergolten werden, wie sie es verdienen.

            Es ist wie ein Zwischenruf aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, in der man glaubt, dass es den Guten gut und den Bösen schlecht gehen wird, weil Gott doch gerecht ist. Es ist, als würde einer das alles, diese harten Worte, die das Chaos als Gericht Gottes ankündigen, nicht aushalten und sagen: Es gibt aber doch auch noch andere und ein anderes Leben. Es gibt auch noch Gerechte. Und es gibt die Hoffnung, dass sie die Früchte ihrer Werke, ihrer Gerechtigkeit genießen. Die Gottlosen dagegen werden ernten, was sie säen. So sucht einer sich vor dieser Botschaft vom Chaos zu schützen. Und übersieht, dass die Gerechten oft genug mitgerissen werden in den Untergang. Und dass die Gerichte Gottes auch  nicht für immer aufgehalten werden durch das Leben einiger Gerechter.

 12 Kinder sind Gebieter meines Volks, und Frauen beherrschen es. Mein Volk, deine Führer verführen dich und verwirren den Weg, den du gehen sollst!

             Es ist, als würde jetzt Gott versuchen, seinen Leuten die Augen zu öffnen. Seht euch eure Führungskräfte an: Kinder, Wucherer (so nach der Septuaginta) Leute voller Willkür. Verführer. Dass bei Luther Frauen steht, verdankt sich alten Handschriften, ist aber nicht die einzige Möglichkeit. Wenn in den Alten Handschriften zum Teil „Frauen“ steht, dann, weil die patriarchalische Gesellschaft Kindern und Frauen nur „begrenzte Handlungsfähigkeit“ (D. Schneider, aaO.; S.100) zuschreibt und zugesteht. Diese Führer jetzt haben ihr Handwerk nie gelernt.

13 Der HERR steht da zum Gericht und ist aufgetreten, sein Volk zu richten. 14 Der HERR geht ins Gericht mit den Ältesten seines Volks und mit seinen Fürsten: Ihr habt den Weinberg abgeweidet, und was ihr den Armen geraubt, ist in eurem Hause. 15 Warum zertretet ihr mein Volk und zerschlagt das Angesicht der Elenden?, spricht Gott, der HERR Zebaoth.

            Und nun fordert der HERR zum Gericht, nach dieser Anrede an das Volk. Auf den ersten Blick sieht man einen Gott, der einschreitet, aufräumt, durchgreift. Aber mir drängt sich der  andere Gedanke auf: In dem, was sich da als Auflösung aller Ordnungen vollzieht, ereignet sich das Gericht. Es ist nichts, was irgendwie „dazu kommt“, sondern es ist in diesem Geschehen.

Genau das findet ich doch beängstigend für uns heute. Vieles, was hier beschrieben wird, wird uns ja als „humaner Fortschritt“ verkauft, von Kinderrechten angefangen über Frauenquoten bis hin zur Abschaffung von Autoritätsverhältnissen, die bei uns heute immer nur autoritäre Verhältnisse genannt werden. „Kinder an die Macht“ gilt als ein Ruf zur Freiheit. Der Prophet seht es anders, als Schritt ins Chaos. Dass man Frauen um der Karriere willen ihren Kindern regelrecht fortnimmt, gilt als Schritt in die Emanzipation. Welche psychischen Langzeitschäden sich die Gesellschaft damit womöglich einhandelt, scheint niemand zu interessieren. Das ist meine Frage, ob das de verborgene Wahrheit unserer Zeit und Gesellschaft ist: Wir sagen Fortschritt und sind mitten im Gericht.

Das Gericht fängt dann doch oben an – bei den Ältesten, bei den Fürsten. Sie werden zuerst benannt, wohl doch, weil sie ihre Aufgabe als Wegweiser so pervertiert haben. Sie klagt an, dass sie Gewalt geübt haben. Sich bereichert, das Volk zerschlagen, Leute zugrunde gerichtet, geschändet, entehrt. Es ist wohl wahr: Das ganze Volk ist abgewichen vom Weg Gottes. Auch die kleinen Leute. Sie können sich nicht auf die „Großen“, die Führungsclique, „die da oben“ heraus reden. Aber diese haben doch ein Mehr an Verantwortung für den Weg des Volkes. Sie haben mehr Einfluss, mehr Macht, mehr Möglichkeiten und deshalb auch mehr Verantwortung. „Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12,48)   

Liest man genau, so spürt man so etwas wie Fassungslosigkeit in dieser Anklage: Warum tut ihr das? Was seid ihr für Leute, dass ihr so mein Volk – denn das ist Juda ja, sind die Leute in Jerusalem ja: Gottes Volk – schindet und schändet. Fast möchte ich als Frage ergänzen: Wisst ihr nicht, dass das, was ihr einem von diesem Volk tut, Gott trifft? Habt ihr vergessen, was die Weisheit lehrt: „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer.“ (Sprüche 14,31) Gott, der HERR Zebaoth, lässt das nicht durchgehen, sieht nicht länger weg.

Was für ein Wort, damals wie heute, über eine Gesellschaft, die nur die Kosten-Nutzen-Analyse für sich selbst zu kennen scheint, die die Ellenbogen weit ausfährt, Effektivität gottgleich verehrt  und deren Wahlspruch heißt: Mach was aus dir. Koste es, was es wolle.  Mir wird kalt, wenn ich das bedenke.

 

Was bleibt, mein Gott, wenn alle nur noch an sich denken, keiner mehr den anderen sieht, wenn die Not nebenan und in der Ferne uns gleichgültig macht, die Herzen hart werden, keiner mehr Verantwortung übernimmt.

Bleibt dann nicht nur eine Eiswüste, Herzenskälte so weit das Auge reicht, Rückzug in die Bunker der eigenen Sicherheit.

Mein Gott, Du willst, dass wir bleiben, uns berühren lassen, einmischen, Wunden verbinden, den Schmerz mit tragen und zurückrufen in das Leben, in das Leben mit Dir. Amen