Noch ist Zeit

Jesaja 1, 10 – 20

 10 Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!

Was für eine Attacke! Wenn es stimmt, dass diese ganze Szene im Tempel spielt, beim Opferfest im Herbst, „in Verbindung mit einem Klagegottesdienst, wie er in Israel ausgerufen wurde, wenn ein nationaler Notstand das Land erschütterte“(D. Schneider, aaO.; S.58), dann wird die Schärfe in den Worten  des Propheten erst richtig spürbar.  Es ist die gottesdienstliche Gemeinde, Führer des Volkes und „Fromme“, die Jesaja so angeht: Sodoms-Fürsten. Gomorra-Volk. Was für eine Parallele. Und ist das nicht schon Urteil über die, die so dastehen? Aber Jesaja sagt ihnen: Hört! Nehmt zu Ohren!  So, als rechnete er immer noch damit dass es über den Hören zu einem Umkehren kommen könnte.

 11 Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. 12 Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? 13 Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! 14 Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen.

            Das hat in Israel Tradition: Opfer im Überfluß. „Der König aber und das ganze Volk opferten vor dem HERRN; zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe opferte der König Salomo.“ (2. Chronik 7,4-5) Viel hilft viel. So ist der Gedanke und er ist bis heute kaum verändert in Kraft.

Gott aber, der HERR, lässt seinen Propheten sagen: Ich habe diese Opfer satt. Ich bin sie satt. Ich will mich nicht an ihnen sättigen. Der ganze Betrieb am Tempel gerät in die Kritik, nicht von Menschen, die die Verschwendung geißeln, sondern von Gott, der sich einen anderen Gottesdienst wünscht, nicht nur einen „etwas anderen Gottesdienst“. Und noch schärfer: Wenn sie so vor ihn kommen, zertreten sie den Vorhof. Der falsche Gottesdienst der Opfer schändet den Tempel. Was für Worte in den Ohren von Leuten, die am Tempel hängen, ihn als Zufluchtsort suchen. 

15 Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.

Nicht einmal Beten findet mehr das Ohr Gottes. Das Gebet, “die Uräußerung des Glaubens, Ausdruck der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, trifft bei ihm auf taube Ohren!” (O.Kaiser, aaO.;S.12) Mehr Verweigerung und Zurückweisung geht kaum.

16Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! 17Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

             Wascht euch, reinigt euch! Geht das denn? Kann ich mich selbst entschuldigen? So wie das ja bis heute gerne gesagt wird: `Ich entschuldige mich. Ich habe doch gesagt: es tut mir Leid.’ Jetzt muss alles wieder gut sein. Aber so einfach geht es nicht. „Schuld lässt sich nicht mit Wasser abspülen, sie lässt sich nicht einmal durch künftige, bessere Taten beseitigen. Sie muss vergeben werden.“ (O.Kaiser, aaO.; S.13)

                 Der folgende Ruf zur Umkehr zeigt den Weg zu solcher Vergebung. Gott hat sein Volk noch nicht abgeschrieben. Dieses Volk, das er so heftig attackiert. Aber es braucht radikale Änderung. Statt Opfer Ablassen vom Bösen. Statt folgenloser Worte Gutes tun, das Recht aufrichten. Für die da sein, die so am Rand der Gesellschaft stehen, für die keiner einsteht – Witwen und Waisen. Wir würden das eine soziale Botschaft nennen. Für Jesaja ist es offensichtlich die Konsequenz aus dem Glauben, die Folge des Erkennens Gottes. „Würde das alles geschehen, dann brächte der Gottesdienst dem Volk und seinen Führern die erwünschte Erhörung durch Gott.“ (D. Schneider, aaO.; S.61)

Es gibt einen grundlegenden Zusammenhang zwischen dem Hören im Gottesdienst und dem Tun. Wenn aus dem Hören der Worte Gottes kein Tun erwächst, resultiert daraus irgendwann  die Unfähigkeit zu hören. Dann ist das Geschehen im Gottesdienst nur noch belangloses weißes Rauschen. Das Tun des Gerechten öffnet die Ohren – und das Herz.

Solche Kritik am Gottesdienst, der sich im Ritual erschöpft, ist nicht allein Sache des Jesaja. Im Nordreich Israel, vielleicht nur kurze Zeit vor Jesaja, hört sich das aus prophetischem Mund als Wort Gottes ganz ähnlich an: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“(Amos 5, 21-24) Das Ringen um den richtigen Gottesdienst kennt keine Staatsgrenzen.

 18 So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden. 19 Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen. 20 Weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden; denn der Mund des HERRN sagt es.

            Noch einmal haben wir die Szenerie des Rechtsstreites vor Augen. Gott lädt dazu ein, miteinander zu rechten. Das Recht zu suchen. Und baut eine Brücke für die, die da stehen. Wie soll das gehen, fragt der gesunde Menschenverstand: blutrot zu schneeweiß, scharlachrot zu unbefleckter Wolle? Die Antwort liegt auf der Hand: Das geht nicht.

             Doch, es geht, wenn es die Gemeinde sich gefallen lässt, sich zurück rufen zu lassen auf den Weg des Gehorsams. Wenn sie es sich gefallen lässt, dass Gott die Schuld wegnimmt. „Die durch ihre eigene Sünde um Reich und Land gebrachte Gemeinde kann beides von ihrem Schöpfer und Herrn neu geschenkt bekommen, wenn sie jetzt endlich mit ganzen Ernst seinen Willen tut, wenn sie Gerechtigkeit übt.“ (O.Kaiser,aaO.;S.14) 

             Das also steht jetzt den Hörern vor Augen: „Noch ist es Zeit zur Umkehr.“(D. Schneider, aaO.; S.63) Diese Zeit ist nicht unbegrenzt. Sie kann vertan werden, wenn der Ruf nicht gehört wird, wenn das Volk mit seinen Wegen einfach „weiter so“ macht.

 

Heiliger Gott, solange Du rufst, ist noch Zeit zur Umkehr. Solange Du noch Deine Boten sendest, ist es noch nicht zu spät.

Gib Du uns in unserer Zeit, dass wir Dein Rufen hören in den Stimmen derer, die warnen, klagen, auch anklagen, die zur Umkehr mahnen.

Gib, dass wir Dein Rufen hören auch in den Stimmen derer, die Deinen Namen rühmen, auf Dein Wort hören und es weitersagen, die sich sammeln im Gottesdienst, Kraft suchen bei Dir für ihren Alltag, Kraft aus Deiner Gegenwart. Amen