Tausend Jahre

Offenbarung 20, 1 – 10

1 Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. 2 Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre 3 und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach muss er losgelassen werden eine kleine Zeit.

             Eine Polizei-Aktion. Mehr ist nicht nötig, um dem Spuk ein Ende zu machen. Um den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan festzusetzen, braucht es  einen Engel und seine Handschellen. „Eine untergeordnete Persönlichkeit aus der Welt Gottes.“(E. Schnepel, aaO.; S.240) Nicht einmal der Name des Engels wird genannt. Demnach ist es keiner von den „Großen“ – Gabriel oder Michael oder… Ist das zu harmlos gedacht? Fehlt mir der Respekt vor dem Bösen? Ich glaube, dass Johannes uns den übergroßen Respekt, die Angst nehmen will, indem er so schreibt, was er sieht.

Es gibt eine Heidenangst vor dem Bösen, die vergisst, dass Christus der Sieger ist. Wahrscheinlich müssen wir die Angst-Freiheit neu lernen, die sich in den alten Worten spiegelt:  „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?…Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!“ (1. Korinther 15,55.57)

             Eine Zeit, in der die Macht des Teufels gebannt ist. Weggesperrt. So eine Zeit kennt das Lukas-Evangelium für das Handeln Jesu. „Und als der Teufel alle Versuchungen vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeit lang.“ (Lukas 4,13) Eine solche Zeit sieht der Seher nun für die ganze Welt. „Der große Sabbat der Weltgeschichte hat begonnen.“ (E. Schnepel, aaO.;  S.241)

 4 Und ich sah Throne und sie setzten sich darauf, und ihnen wurde das Gericht übergeben. Und ich sah die Seelen derer, die enthauptet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen und die nicht angebetet hatten das Tier und sein Bild und die sein Zeichen nicht angenommen hatten an ihre Stirn und auf ihre Hand; diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre.

             In diesem Sabbat wird nicht nur Christus in seiner Herrlichkeit erkennbar, sondern auch die Gemeinde. Sie gewinnt Anteil an seiner Macht, an seinem Regieren. „Die unter der Anfechtung Gottes und Christi besonders gelitten haben, erhalten von Gott eine besondere Rechtsgabe.“(M. Karrer, aaO.  78) Sie werden beteiligt an der Aufrichtung der Rechtsdurchsetzung Gottes. In der das Handeln geprüft, unterschieden wird. Das Gute belohnt. Ihr Gericht ist nicht Rache. Die selbst zu Märtyrern gemacht worden sind, zu Blutzeugen, machen jetzt nicht andere zu Blutzeugen. Ich verstehe ihr Richten und Regieren so: Sie haben Anteil am Leben Jesu und geben es weiter. Ungehindert.

Es geht ja darum, in der Spur Jesu zu bleiben. Er sagt „Ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette.“ (Johannes 12,47) Sein Richten ist: das Leben anbieten, zum Leben rufen, in die Gemeinschaft mit dem Vater rufen. In die Gemeinschaft mit sich selbst stellen. Wer diesem Ruf folgt, der gewinnt das Leben. Wer ihm nicht folgt, schließt sich selbst aus. Von der Gemeinschaft mit Jesus, von dem Weg, auf der uns nach Hause führen will. Von daher verstehe ich auch das Richten und regieren. Es ist die Fortsetzung des Rufes zum Leben mit Gott.

 5 Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis die tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung. 6 Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über diese hat der zweite Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre.

             Es folgt die fünfte Seligpreisung. Sie erklärt sich als Teilhabe an der ersten Auferstehung, als die Einsetzung als Priester Gottes und Christi. In einer Heilszeit von tausend Jahren. Sozusagen: für immer.

             Wenn es eine erste Auferstehung gibt, gibt es auch eine zweite? Was ist mit dem Ausdruck gemeint? „Erste Auferstehung nennt er ihre Auferstehung, soweit wir erkennen können, um sich von der gelegentlich im Urchristentum aufkommenden Vorstellung abzusetzen, die Auferstehung geschehe schon mit der Neuprägung der christlichen Existenz vor den Tod ( vgl bes. 2. Timotheus 2,18) Ein Neuerstehen des Christen etwa bei der Taufe oder durch den Geistempfang ist für Johannes betont nicht Auferstehung. Die „erste“ Auferstehung ist erst und und nur die Auferstehung nach dem Tod. Eine „zweite Auferstehung“, die einzelne Ausleger vermuten, folgt nicht.“ (M. Karrer, aaO.;  S.78) 

             Dreimal taucht in dem Abschnitt 20, 1 – 7 diese Zeit auf, tausend Jahre. In der Geschichte der Kirche hat das gewaltige Folgen gehabt. Auf das tausendjährige Reich haben die Christen der Anfangszeit gehofft. Sollte es doch ein Reich der Freiheit von aller Angst vor Verfolgung sein. Als die Kirche selbst groß und mächtig wurde, hat sich das Blatt gewendet. Und plötzlich wurden die, die auf das Reich der Freiheit hofften, verfolgt, auch durch die Kirche selbst. Kein Ruhmesblatt.

Was aber ist das Ziel dieser Rede vom tausendjährigen Reich? Mir hilft, was ich lese: „Hier wird in fast phantasieloser Nüchternheit nur die Tatsache bezeugt, dass Gottes Schöpferwille und Heilswille auch innerhalb der Geschichte noch zu seinem Ziele kommt. Darüber hinaus ist für irgendwelche ausschmückende Phantasietätigkeit kein Raum.“(H. Lilje, aaO. S. 227) Also kein Vertrösten und keine Flucht ins Jenseits. In dieser Welt will Gott sein Heil aufrichten.

Auch die folgende Aussage finde ich bedenkenswert: „Die Vision des tausendjährigen Reiches kann nicht mehr mit der uns zur Verfügung stehenden Vorstellung von Raum und Zeit aufgegriffen werden. Christus ist zu diesem Zeitpunkt wiedergekommen. Die Dimensionen von Raum und Zeit sind bereits aufgelöst. Jeder Versuch, die Wiederkunft Christi in unsere Raum- und Zeitordnung zu pressen, muss damit als Schwärmerei betrachtet werden.“ (K. Henning,aaO.  S.) 

             Ich spüre: Diese Bildersprache eignet sich nicht zur Entwicklung lehrhafter Sätze. Sie will das Herz erreichen, trösten, ermutigen, Mut machen. Wer glaubt, mit ihrer Hilfe den Fortgang der Weltgeschichte Klären und erklären zu können, glaubt mehr als er um seiner Seelen Seligkeit willen glauben muss.

7 Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis 8 und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und sie zum Kampf zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer. 9 Und sie stiegen herauf auf die Ebene der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel Feuer vom Himmel und verzehrte sie. 10 Und der Teufel, der sie verführte, wurde geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der falsche Prophet waren; und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

             Noch einmal Kampf. Der Satan wird losgelassen werden – das deutet nicht auf eine Befreiung durch eigene Macht aus dem Gefängnis. Es scheint fast so, als müsste das so sein, als wäre es eine Notwendigkeit. Er muss losgelassen werden, damit er offenbar wird, enthüllt in seinem Wesen und dann – ein für alle mal – gerichtet. Die Bilder, die Johannes hier sieht, haben ihr „Vorspiel“ beim Propheten Hesekiel, in den Kapiteln 38 und 39. Von dort kommen die Namen Gog und Magog.

Aber wieder, wie schon  in 19, 19 – 21, liegt dem Seher nichts an einer Schilderung der Schlacht. Man hat den Eindruck: Es kommt gar nicht zu einer Schlacht. Da werden Truppen gesammelt, wird ein Heerlager bezogen, ein Ring um die geliebte Stadt gezogen. Aber dann bricht der Angriff in sich zusammen, noch bevor er überhaupt beginnen konnte. „Das stürmische Tempo, mit dem jetzt die Schau des Sehers dem wirklichen Ende zueilt, verkürzt die Schilderung sehr.“ (H. Lilje, aaO.; S.230) Aber es liegt vor allem aus inhaltlichen, theologischen Gründen nichts an der Schilderung eines Kampfes. Er hat keinen Eigenwert. Weil alleine das zählt, dass die Macht des Tieres zu Ende ist.

In seinem großen Auferstehungskapitel sagt Paulus einen auf den ersten Blick unanschaulichen Satz: „Wenn aber alles ihm (ich ergänze: dem Sohn) untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.“ (1. Korinther 15, 28) Wenn Gott alles in allem ist, ist kein Raum mehr für die dramatischen Bilder. Braucht es keine Kampfgeschichten mehr. Genau darauf aber läuft die Offenbarung ja zu.

 

Über mir ist der Himmel offen. Manchmal stehe ich staunend da, schaue in das Blau des Himmels, ahne die Weite, in der sich mein Blick verlieren kann und spüre gleichzeitig die Nähe Gottes, Deine Nähe, auf den alle Welt in ihrer Geschichte zulebt.

Damit ich unter dem weiten Himmel Deine Nähe, mein Herr, ahne und spüre, brauche ich den anderen Blick auf Dich, mein Jesus, wie Du nahe zu uns kommst, unsere Wege teilst, unseren Tod stirbst, uns mit Deinem Leben beschenkst. Und alle Furcht fällt von mir ab. Dafür danke ich Dir. Amen