Worauf wir zuleben

Offenbarung 19, 1 – 10

 1 Danach hörte ich etwas wie eine große Stimme einer großen Schar im Himmel, die sprach: Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Kraft sind unseres Gottes! 2 Denn wahrhaftig und gerecht sind seine Gerichte, dass er die große Hure verurteilt hat, die die Erde mit ihrer Hurerei verdorben hat, und hat das Blut seiner Knechte gerächt, das ihre Hand vergossen hat.

             Einmal mehr so ein krasser Blick- und Bildwechsel, wie er für die Offenbarung auch charakteristisch ist. Eben noch die Klageschreie, das Totenlied und jetzt Anbetung im Himmel. So weit ist die Erde vom Himmel, der Himmel von der Erde. In der Sicht des Sehers ist das so. Da reichen die Schreie der Leute aus Babylon nicht bis in den Himmel. Sie können den himmlischen Lobgesang nicht stören.

Während ich das schreibe, spüre ich: Das ist nicht mein Bild. Ich hoffe darauf, dass alle Angstschreie den Himmel erreichen, das Ohr Gottes finden. Die von Juden und Christen, Moslems und Hindus, Gläubigen und Ungläubigen. Die Angstschreie der Gejagten und Gefolterten, und auch die Angstschreie derer, die von ihren Taten gerichtet werden und sich den Bildern, die sie selbst geschaffen haben, nicht mehr entziehen können.

Hier aber: Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Kraft sind unseres Gottes! Lobpreis. Anbetung. Gott ist nicht der ohnmächtige alte Mann, der um Anerkennung betteln muss,  mit schlechtem Gewissen, weil er nicht besser aufgepasst hat auf uns. Gott ist, und daran lässt der Seher und lässt der Lobgesang keinen Zweifel, gerecht. Und seine Gerichte sind gerecht. Sie entsprechen unseren Taten. Sie bringen die Folgen unserer Taten ans Licht.

  3 Und sie sprachen zum zweiten Mal: Halleluja! Und ihr Rauch steigt auf in Ewigkeit. 4 Und die vierundzwanzig Ältesten und die vier Gestalten fielen nieder und beteten Gott an, der auf dem Thron saß, und sprachen: Amen, Halleluja! 5 Und eine Stimme ging aus von dem Thron: Lobt unsern Gott, alle seine Knechte und die ihn fürchten, Klein und Groß!

             Es ist, als würde der Lobpreis sich verselbständigen. Alle, die Repräsentanten des Alten Bundes und die Repräsentanten der Gemeinde Jesu, die vierundzwanzig Ältesten, sie alle sehen Gott  auf dem Thron und können gar nicht anders als ihn loben, seine Größe besingen, ihn anbeten. Nicht gezwungen, sondern innerlich überwunden dazu gebracht. Durch seine Majestät.

  6 Und ich hörte etwas wie eine Stimme einer großen Schar und wie eine Stimme großer Wasser und wie eine Stimme starker Donner, die sprachen: Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen!

             Und ein viertes Mal: Halleluja. „Halleluja im Neuen Testament nur hier.“(M. Karrer, aaO.  S. 76) Dreimal erklingt im Tempel das Heilig (Jesaja 6,3). Hier viermal vor dem Thron: Halleluja. Formgebend für unser Halleluja im Gottesdienst, mit dem wir auf das Wort der Schrift, das Wort Gottes antworten. Und im Lobpreis wird es vorweggenommen, neu gesagt, was schon in der großen Thronsaal-Vision angesagt wurde: Der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen! Es ist so weit. „Seither tragen Gottes Handeln und die Gewissheit, niemand könne Gott und das hochzeitliche Fest der Vereinigung mit dem Lamm antasten, das christliche Halleluja.“(M. Karrer, aaO.;  S.76) 

 7 Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet. 8 Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit schönem reinem Leinen. Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.

             Das Bild vom Reich wird präzisiert: Die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet. Wunderbar. Mit dem Reich, das Gottes Reich ist, verbindet sich als erstes keine Machtdemonstration, sondern ein Liebesbild. Bräutigam und Braut. Wir spüren kaum noch, was für ein kühnes Bild das ist. „Das AT kennt weder eine Hochzeit Israels mit Gott noch eine mit einem Gotteslamm.“ (A. Pohl, aaO.; S.246) Wohl aber kennt es die Freude, die sich mit einer Hochzeit verbindet. Um diese Freude geht es auch hier. Und darum, dass die Braut, doch wohl die Gemeinde, sich schmückt für den Bräutigam. Mit den Kleidern der Gerechtigkeit.

  9 Und er sprach zu mir: Schreibe: Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind.

             Die vierte Seligpreisung der Offenbarung. Denen kann man gratulieren, die sind gut dran, die Gäste bei dieser Hochzeit sind, mit in dem Festsaal, dazu gehören zu denen, die der Bräutigam gerufen hat. Einmal mehr heißt es: Schreibe! Es liegt so unendlich viel daran, dass diese Botschaft unter die Leute kommt, dass sie nicht verloren geht. Ich weiß kein biblisches Buch, in dem sich der Schreibbefehl so gehäuft findet wie in diesem letzten Buch der Bibel.

  Und er sprach zu mir: Dies sind wahrhaftige Worte Gottes.

             Wahrhaftig ἀληθινοί meint zuverlässig. tragfähig. Darauf kann man sein Leben gründen. Der Leser hat ja noch die anderen Worte in den Ohren, die leeren Versprechungen des Drachen und des Tieres. Die hohlen Worte der Mächtigen. Und deshalb ist es ja eine Frage, an der unendlich viel hängt: Sind denn die Worte, die ich hier höre anderer Art? Ja. Es sind wahrhaftige Worte Gottes. Wer auf diese Worte baut, hat nicht auf Sand gebaut. (Matthäus 7,24)

  10 Und ich fiel nieder zu seinen Füßen, ihn anzubeten. Und er sprach zu mir: Tu es nicht! Ich bin dein und deiner Brüder Mitknecht, die das Zeugnis Jesu haben. Bete Gott an! Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der Weissagung.

So bewegt ist der Seher, dass er vor dem himmlischen Boten niederfällt. ihn anbeten will. Es ist ein Kennzeichen des himmlischen Boten, dass er hier Einhalt gebietet. Dass er nicht die eigenen Ehre sucht. Dass er den überwältigten Menschen nicht an sich selbst binden will.

Bete Gott an. In einer Zeit, in der Engel Konjunktur haben, ist das so ein wichtiges Wort. Die wahren Engel Gottes weisen die Menschen immer zu Gott hin. Sie wollen keine Engelverehrung, keine Anbetung für sich selbst. Sie wollen einzig und allein die Verehrung und Anbetung Gottes. Sind sie doch selbst die, die ihn anbeten, ohne Anfang und ohne Ende.

Der Engel ist nur ein Mit-Knecht, ein Diener. Er gebraucht hier ein Wort, mit dem auch Paulus gerne seine Dienst bezeichnet, σύνδουλός, und schließt sich so mit dem menschlichen Boten des Evangeliums zusammen. Und das Ziel seines Dienstes ist das Zeugnis Jesu. Darauf zielt alles hin, dass das Zeugnis Jesu laut wird, das Zeugnis von dem Lamm.  Wo das geschieht, da ist der Geist Gottes am Werk.

 

Manchmal, mein Gott, frage ich mich: Worauf lebe ich zu? Was ist die Zukunft jenseits der Zukunft des Lebens-Kalenders? Was ist die Zukunft jenseits der Zeit? Worauf hoffe ich?

Ich hoffe auf die Erfüllung der Liebe, die den Tod überwindet, auf die Liebe, die zärtlich ist, aufrichtet, zurecht bringt, die die Wunden heilt.

Ich hoffe auf Deine unverstellte Gegenwart und dass ich in ihr Dich schauen darf, den Geliebten, der mich und uns geliebt hat vor aller Zeit und durch alle Zeiten. Amen