Untergang – wo ist Rettung?

Offenbarung 18, 1 – 24

 1 Danach sah ich einen andern Engel herniederfahren vom Himmel, der hatte große Macht, und die Erde wurde erleuchtet von seinem Glanz. 2 Und er rief mit mächtiger Stimme: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große, und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister und ein Gefängnis aller unreinen Vögel und ein Gefängnis aller unreinen und verhassten Tiere. 3 Denn von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken, und die Könige auf Erden haben mit ihr Hurerei getrieben, und die Kaufleute auf Erden sind reich geworden von ihrer großen Üppigkeit.

             Ein himmlischer Urteilsspruch über Babylon, die Große. Ein Urteilsspruch, der das Urteil schon vollstreckt sieht. Das macht es so schwer, das hier Gesagte historisch zu verorten. Von einem Fall Roms kann ja über Jahrhunderte hinweg keine Rede sein. Erst in der Völkerwanderung zerbricht Roms Macht und wird die Stadt erobert.

Also ist wohl wieder einmal andere Tiefenschicht und Tiefensicht im Spiel. Es geht um das Gefängnis, das sich selbst baut aus den unkündbaren Regeln der von der Gier nach Geld getriebenen Welt, des kapitalistischen Systems. „Die Könige der Erde haben den Geist des materiellen Reichtums zu ihrer Ideologie erhoben und in vielen Bereichen auswuchernden kapitalistischen Strukturen keinen Einhalt geboten. Die Unternehmer, Kaufleute, Manager sind reich geworden an den Überflüssen einer überentwickelten Zivilisation.“ (K. Henning,aaO.  S.269)

Ist das nur längst überholte Kapitalismus-Kritik, ausnahmsweise aus dem Mund eines Christen? Oder trifft es eben doch die Wirklichkeit einer Gesellschaft, die allabendlich den DAX-Kurs wie ein Himmelszeichen wahrnimmt – hoffend und bangend?

 4 Und ich hörte eine andre Stimme vom Himmel, die sprach: Geht hinaus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen!

             Es ist ein bisschen merkwürdig: Diese Aufforderung, hinaus zu gehen geht dem Urteilsspruch nicht voraus. Sie folgt ihm. Sie will, dass die Christen nicht mit in den Strudel der Ereignisse gerissen werden. Von der Geisteshaltung des Kapitalismus soll sich die Gemeinde Christi trennen. Sich nicht infizieren lassen. Sich nicht gemein machen. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“( Th.W. Adorno, Minima Moralia, Gesammelte Schriften 4, Frankfurt 1997, S. 43) Das ist kein moralischer Satz, sondern eine Konsequenz aus dem Wesen dieser Lebenshaltung. Darum braucht es inneren Abstand und äußere Trennung. Wo dieser Abstand nicht gewahrt wird, dringt die  Geisteshaltung des Kapitalismus tief in das Denken auch der Kirchen ein.  

 5 Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel und Gott denkt an ihren Frevel. 6 Bezahlt ihr, wie sie bezahlt hat, und gebt ihr zweifach zurück nach ihren Werken! Und in den Kelch, in den sie euch eingeschenkt hat, schenkt ihr zweifach ein! 7 Wie viel Herrlichkeit und Üppigkeit sie gehabt hat, so viel Qual und Leid schenkt ihr ein! Denn sie spricht in ihrem Herzen: Ich throne hier und bin eine Königin und bin keine Witwe, und Leid werde ich nicht sehen.

             Noch einmal wird es benannt: Ihre Sünden reichen bis an den Himmel. Ganz so wie das Geschrei über Sodom und Gomorra bis vor Gott im Himmel gekommen war. (1. Mose 18,20.21) Sie aber, die stolze Stadt, sieht nur ihren eigenen Glanz und Reichtum. Ihre Herrlichkeit und Üppigkeit. Das Unrecht schreit zum Himmel. Tag für Tag sehen wir das. In den Fürbitten im Gottesdienst leihen wir den Leidenden unsere Stimme. „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“ (Sprüche 31, 8-9)

             Aber nicht: Vergilt! Es ist nicht die Sache der Gemeinde, das Gericht an der Hure zu vollziehen. Der Aufruf: Bezahlt ihr…, schenkt ihr zweifach ein … geht nicht an die Christen. Rache ist nicht ihre Sache. Hier folge ich Paulus: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“(Römer 12,9)

  8 Darum werden ihre Plagen an “einem” Tag kommen, Tod, Leid und Hunger, und mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richtet. 9 Und es werden sie beweinen und beklagen die Könige auf Erden, die mit ihr gehurt und geprasst haben, wenn sie sehen werden den Rauch von ihrem Brand, in dem sie verbrennt. 10 Sie werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer Qual und sprechen: Weh, weh, du große Stadt Babylon, du starke Stadt, in einer Stunde ist dein Gericht gekommen!

             Aber der Tag kommt, an dem dieses System kollabiert. Zusammenbricht an seinen inneren Widersprüchen.  Kein schleichender Prozess. An einem Tag. Alle Krisen, die über die Welt gehen, irgendwie bewältigt werden, sind wie der Hinweis auf die eine große Krise. Dann wird das Klagen laut sein und das Erschrecken groß. „Die Stätten des modernen Lebens sinken in Schutt und Asche.“ (E. Schnepel, aaO.  S. 224) Katastrophenfilme und Katastrophen-Bilder unserer Zeit illustrieren solche Sätze geradezu beängstigend präzise. Vor dem inneren Augen entstehen fast von selbst Bilder.

11 Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen um sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird: 12 Gold und Silber und Edelsteine und Perlen und feines Leinen und Purpur und Seide und Scharlach und allerlei wohlriechende Hölzer und allerlei Gerät aus Elfenbein und allerlei Gerät aus kostbarem Holz und Erz und Eisen und Marmor 13 und Zimt und Balsam und Räucherwerk und Myrrhe und Weihrauch und Wein und Öl und feinstes Mehl und Weizen und Vieh und Schafe und Pferde und Wagen und Leiber und Seelen von Menschen. 14 Und das Obst, an dem deine Seele Lust hatte, ist dahin; und alles, was glänzend und herrlich war, ist für dich verloren und man wird es nicht mehr finden.

             „Die ganze Palette menschlicher Geschäftstüchtigkeit bis hin zum Menschenhandel ist in dieser Aufzählung enthalten.“ (K. Henning,aaO.  S.276)  Und doch: Irgendwann merkt es auch der Letzte: Geld kann man nicht essen. Und Luxus ist nichts, was dem Leben Sinn gibt. Was für ein Urteil: Alles, was glänzend und herrlich war, ist für dich verloren und man wird es nicht mehr finden. Auf der Flucht zählt allein das nackte Leben. Unvorstellbar, solange man vom eigenen Reichtum umgeben und verblendet ist.

 15 Die Kaufleute, die durch diesen Handel mit ihr reich geworden sind, werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer Qual, werden weinen und klagen: 16 Weh, weh, du große Stadt, die bekleidet war mit feinem Leinen und Purpur und Scharlach und geschmückt war mit Gold und Edelsteinen und Perlen, 17 denn in “einer” Stunde ist verwüstet solcher Reichtum! Und alle Schiffsherren und alle Steuerleute und die Seefahrer und die auf dem Meer arbeiten standen fernab 18 und schrien, als sie den Rauch von ihrem Brand sahen: Wer ist der großen Stadt gleich? 19 Und sie warfen Staub auf ihre Häupter und schrien, weinten und klagten: Weh, weh, du große Stadt, von deren Überfluss reich geworden sind alle, die Schiffe auf dem Meer hatten; denn in “einer” Stunde ist sie verwüstet!

             In einer Stunde ist alles dahin. Gleich dreimal heißt es: In einer Stunde. (18,10;18,17,18,19) Wieder stelle ich mir die Frage, ob sich in solchen Worten nicht auch die Erinnerung an den Untergang von Pompei spiegelt. Zumindest liefert diese zeitgeschichtliche Katastrophe womöglich Anschauungsmaterial.  Es bleibt nur noch das Sehen aus Abstand, die Klage über den Untergang, der Schmerz über die Verwüstung von so viel Reichtum. Kulturgüter von unschätzbarem Wert – für immer zerstört.

 20 Freue dich über sie, Himmel, und ihr Heiligen und Apostel und Propheten! Denn Gott hat sie gerichtet um euretwillen.

Was für ein krasser Kontrast – dieser Aufruf zur Freude. Verständlich, wenn ich mir vor Augen halte: die das damals hören, für die es geschrieben ist, sind gejagt worden, gehetzt, geschändet. Für mich in meiner Sicherheit  bleibt es ein fremdes Wort, das mich auch befremdet.

21 Und ein starker Engel hob einen Stein auf, groß wie ein Mühlstein, warf ihn ins Meer und sprach: So wird in einem Sturm niedergeworfen die große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden. 22 Und die Stimme der Sänger und Saitenspieler, Flötenspieler und Posaunenbläser soll nicht mehr in dir gehört werden, und kein Handwerker irgendeines Handwerks soll mehr in dir gefunden werden, und das Geräusch der Mühle soll nicht mehr in dir gehört werden, 23 und das Licht der Lampe soll nicht mehr in dir leuchten, und die Stimme des Bräutigams und der Braut soll nicht mehr in dir gehört werden. Denn deine Kaufleute waren Fürsten auf Erden, und durch deine Zauberei sind verführt worden alle Völker; 24 und das Blut der Propheten und der Heiligen ist in ihr gefunden worden und das Blut aller derer, die auf Erden umgebracht worden sind.

Kein Leben mehr. Verödete Straßen, leere Häuser, der Handel is völlig zum Eregen gekommen. Nur noch eine Totenstadt. Nur noch Trümmerfelder – äußerlich und innerlich. Selbst die Liebe zwischen Mann und Frau findet keine Sprache, keinen Ausdruck mehr. Vor dem inneren Augen sehe ich Bilder wie nach einem Atom-Krieg. Bilder, die ich, Gott sei Dank, nicht aus eigener Erfahrung, sondern nur aus literarischen Texten kenne.

In einer der härtesten Passagen des Jeremia-Buches heißt es: „So spricht der HERR: Du sollst in kein Trauerhaus gehen, weder um zu klagen noch um zu trösten; denn ich habe meinen Frieden von diesem Volk weggenommen, die Gnade und die Barmherzigkeit, spricht der HERR. Große und Kleine sollen sterben in diesem Lande und nicht begraben noch beklagt werden, und niemand wird sich ihretwegen wund ritzen oder kahl scheren. Auch wird man keinem das Trauerbrot brechen, um ihn zu trösten wegen eines Toten, und auch nicht den Trostbecher zu trinken geben wegen seines Vaters oder seiner Mutter. Du sollst auch in kein Hochzeitshaus gehen, um bei ihnen zu sitzen zum Essen und zum Trinken. Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will an diesem Ort vor euren Augen und zu euren Lebzeiten ein Ende machen dem Jubel der Freude und Wonne, der Stimme des Bräutigams und der Braut.“(Jeremia 16, 5 – 9)

Das Wort an Jeremia, als an einen Einzelnen gerichtet, wird hier zur Wirklichkeit weltweit. Es ist, als würde das Gericht, das früher über Jerusalem wegen ihrer Treulosigkeit erging, jetzt erweitert auf die ganze Welt. Die Worte des Engels sind kein Triumphlied mehr, sondern „ein lyrisches, fast zartes Totenlied.“  (H. Lilje aaO. S.215) Das Leben ist erloschen. Der Glanz ist dahinter. Die Lichter sind ausgegangen. Alle.

Die Wirklichkeit hat sich enthüllt als das, was sie in Wahrheit war: eine große Lüge. Verführung. Das Blut der Verfolgten hat zum Himmel geschrien. Und Gehör gefunden. Und Gott? Er trauert – auch über diese große Stadt. Anders kann ich mir Gott nicht denken.

Du fragst mich,    wo mein Gott denn war beim Anflug auf Hiroshima.                         Wo hat er sich verkrochen?                                                                                                      Hat er noch dabei zugesehn, wie Menschen dort zugrunde gehen?                                Hat er den Brand gerochen?

Ich weiß es nicht.  Und es mag sein, ich wollt es gar nicht wissen                             Doch glaub ich, als die Bombe fiel, hat sie auch Gott zerrissen.

 Du fragst mich,  wo mein Gott denn war beim Angriff auf Amerika.                          An dem Septembermorgen.                                                                                                   Hat Gott die Opfer nicht gekannt? Hat er die Augen abgewandt,                                im Himmel sich verborgen?

 Ich hoffe nicht. Und es mag sein, ich möchte darauf hoffen:                                         Als Terror diese Menschen traf, hat er auch Gott getroffen.

 Du fragst, wer braucht so einen Gott, der nichts tut in der Menschen Not              und sie darin erfrieren lässt.                                                                                                    Du fragst, wie ich es fassen kann, dass Gott so viele, Frau und Mann,                     von Folterhand krepieren lässt.

 Ich fass es nicht. Und glaube doch: Es ist auch nicht zu fassen,                                wenn Jesus schreit: mein Gott, warum nur hast du mich verlassen?

 Du fragst: Wie hältst Du das nur aus, an diesen Gott zu glauben?                             Ich halt‘s nicht aus und lass mir doch die Zuversicht nicht rauben.

 Es kommt der Tag, da finden wir das leere Grab des Lebens.                                      Da wischt Gott alle Tränen ab. Wir LIEBEN nicht vergebens.                                                         M. Buchholz, CD Alles Liebe, Felsenfest-Verlag 2004

 

Herr des Himmels, Du Gott, der in die Tiefe des Schmerzes steigt, nach Dir rufe ich, auf Dein Erbarmen hoffe ich für uns alle, die Schuldigen und die Unschuldigen, die Bösartigen und die vermeintlich Guten, die Frommen und die Gottlosen.

Ohne Dein Erbarmen bleibt nur das Gericht, in dem alles vergeht, geht Deine geliebte Welt zugrunde an unserem Hochmut, unserer Grenzenlosigkeit, unserer Ausbeutung auch noch der letzten Güter der Erde.

Ohne Dein Erbarmen richten wir uns erbarmungslos zu Grunde. Rette Du Deine geliebte Welt. Wir können es nicht. Kyrie eleison. Herr erbarme Dich. Amen