Bedroht

Offenbarung 17, 1 – 6

1 Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten, redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir zeigen das Gericht über die große Hure, die an vielen Wassern sitzt, 2 mit der die Könige auf Erden Hurerei getrieben haben; und die auf Erden wohnen, sind betrunken geworden von dem Wein ihrer Hurerei.

             Johannes versteht nicht alles, was er sieht, wie von selbst, aus sich selbst heraus. Er braucht einen, einen von den sieben Engeln, der ihm hilft zu sehen und zu verstehe, einen angelus interpres, einen Erklärer für seine Bilder. So ähnlich, wie es auch in anderen prophetischen Büchern ist: „Als ich noch so redete in meinem Gebet, da flog der Mann Gabriel, den ich zuvor im Gesicht gesehen hatte, um die Zeit des Abendopfers dicht an mich heran. Und er unterwies mich und redete mit mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dir zum rechten Verständnis zu verhelfen.“(Daniel 9,22-23) Es sind starke Bilder, die Johannes sieht. Aber sie wollen auch verstanden sein. Dazu hilft ihm der Himmelsbote.

Johannes sieht Gericht – über eine Hure, eine, die sich verkauft hat. An Viele. Mit der Könige Hurerei getrieben haben. Allerorts, an vielen Wassern. Eine Stadt wie eine Hure. Von Zion sagen alttestamentliche Texte: „Tochter Zion“ (Jesaja 52,2) Von Jerusalem wird im Bild der Braut,der geliebten Jungfrau“ gesprochen (Jesaja 62,5).Von Babylon als der Hure. „In allen Fällen alttestamentlicher Verwendung dieses Bildes wird auf Handelsbeziehungen und Kulturaustausch großer Städte angespielt.“ (A.Pohl, aaO., S.197)

             Das ist eine Sicht auf das Wirtschafts-System und den Kulturbetrieb, die befremden kann, die aber auch Augen öffnen kann, für Verführung heute. „Babel erscheint als globale Wirtschafts- und Kulturmacht.“(A.Pohl, aaO., S.197) Heute: Innenstädte werden weltweit gleichgeschaltet durch multinationale Warenhausketten. Sie verlieren das Gesicht ihrer regionalen Tradition. Der Kultur-Betrieb wird immer mehr ein-förmig, gleich-förmig, uniformiert. Einige wenige Anbieter und Meinungsmacher lenken gigantische Waren- und Gedankenströme. Initiieren Shitstorms nach Belieben. Sie erscheinen mit allen Wassern gewaschen. Und wer vor ihren Augen keine Gnade findet, der existiert nicht – in den Augen der Öffentlichkeit. „Was es nicht in die Medien schafft, hat nicht stattgefunden“ ist das Mantra vieler Öffentlichkeitsarbeiter. Auch bei der Kirche. Das ist eine freiwillige Unterwerfung unter ein Diktat,  das von der freiwilligen Unterwerfung lebt.  

   3 Und er brachte mich im Geist in die Wüste.

             Ein Ortswechsel des Johannes, wenn auch „nur“ im Geist. Johannes wird in die Wüste gebracht. In 12,6 heißt es: „Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde.“ Das ist die Gemeinde, die in der Wüste durch Gott selbst dem Zugriff des Drachen entzogen wird. Wüste ist darin Lebensort, Ort der Bewahrung.

 Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. 4 Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll von Gräuel und Unreinheit ihrer Hurerei, 5 und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden.

             Hier dagegen sieht Johannes in der Wüste die andere Frau. Die, die die gleichen Kennzeichen hat wie der Drache aus 13,1: sieben Häupter und zehn Hörner. Und auch darin gleicht sie dem Drachen, dass sie lästerlicher Namen trägt. Unendlich reich, faszinierend und verderbt. So wird diese Frau gezeichnet.

Es ist eine erschreckende Symbiose, die sich hier zeigt: „Im Vordergrund das faszinierende Weib, im Hintergrund die fletschenden Zähne der Bestie, falls die Menschen zu üppig werden.“ (A.Pohl, aaO.; S.201) Welteinheits-Staat und Welteinheitskultur, die sich gegenseitig befruchten, stützen und bestärken. Das alles immer unter der Flagge des Fortschritts, der Freiheit, der unbeschränkten Möglichkeiten. Man muss kein Kultur-Pessimist sein und auch kein ewig gestriger Verweigerer, um in diesen Bildern Züge der globalisierten Kultur und Wirtschaft und auch der staatlichen Omnipräsenz durch Überwachung a la NSA zu sehen.

6 Und ich sah die Frau, betrunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu. Und ich wunderte mich sehr, als ich sie sah.

             Dieser Frau fallen Christen zum Opfer. Sie ist wie besoffen von ihrem Tod. Von Sinnen. Oder: Sie werden ihr geopfert. „Babel ist nicht nur Kultur ohne Gott, sondern auch Kultur gegen Christus. Eben weil sie Kultur  ohne Gott ist, muss sie mit jenen Leuten, die Gott beharrlich zur Sprache bringen, in Konflikt geraten.“ (A. Pohl, aaO.; S.201)

Darf man so weit gehen, dass man die Kultur unserer Zeit hier mit gezeichnet sieht? Der christliche Glaube hat in den Medien – trotz Gottesdienstübertragungen am Sonntag – keinen sonderlich hohen Stellenwert. Und im Kulturbetrieb schon gar nicht. Die Zahl der Schriftsteller, die aus einem ausgesprochen und deutlich erkennbaren christlichen Hintergrund schreiben, ist mit den großen Namen Böll, Schaper, Wiechert, und den kleineren wie Wohmann, Zeller, Tolkien rasch erschöpft. Was öffentlich ankommt, sind Kabarett-Nummern, in denen der Glaube – gleich ob christlich oder islamisch – zur Lachnummer gemacht wird. Religiosität ist für  so manchen Kulturschaffenden nur noch ein kurioses Relikt aus vergangenen Zeiten. Und keiner  besonderen Achtung oder gar Respektes mehr würdig.

„Aus der Sicht der Johannes-Offenbarung ist eine Wohlstandsgesellschaft, wie wir sie heute in Mitteleuropa und Nordamerika vorfinden, ähnlich gottfeindlich ausgerichtet wie etwa eine totalitäre Staatsstruktur nach dem Muster Chinas.“ (K. Henning, aaO.; S.257) Was für eine herausfordernde These!

Gedanken, die mich beschäftigen. Auch wenn ich zur Kenntnis nehme, dass es in der Auslegungsgeschichte eine Deutung der Hure Babylon auf die Stadt Rom gibt. Nicht zuletzt, weil Babel im damaligen Judentum eine gebräuchliche Bezeichnung für Rom war. Aber mir will scheinen, dass es hier nicht um die eine historische Stadt geht, sondern um das Wesen einer Verbindung von Macht und Kultur, das sich in unterschiedlichen Spielarten immer neu wiederholt und die Gemeinde Christi herausfordert, dieser Verbindung gegenüber den eigenen Standort zu klären.  Nicht im prinzipieller Staats- und Kulturfeindlichkeit, aber auch nicht in der Anpassung an Staat und Kultur. Die Offenbarung ist das Zeugnis eines Christentums, das um seine Differenz zur umgebenden Gesellschaft und zum Staat deutlich weiß.

 

Mein Gott, ich lese diese Worte und spüre den Abstand. Ich werde nicht gejagt, bedroht, verfolgt. Meine Kirche steht nicht unter Verdacht, ist nicht „nur eine Sekte“.

Aber ich spüre auch, wie wir neu unseren Platz finden müssen als Christen in einer Gesellschaft, die den Glauben nur nur noch für eine Option hält, nicht mehr unbedingt für die Mehrheitsoption.

Leite Du uns durch Deinen Geist, dass wir den richtigen Weg finden. Amen