Schalen des Zorns

Offenbarung 16, 1 – 9

 1 Und ich hörte eine große Stimme aus dem Tempel, die sprach zu den sieben Engeln: Geht hin und gießt aus die sieben Schalen des Zornes Gottes auf die Erde!

             Es ist ein Auftrag, der durch eine große Stimme aus dem Tempel  erteilt wird. Die große Stimme könnte ein Hinweis sein: Es ist Christus, der hier spricht, den Auftrag gibt, die sieben Schalen des Zornes Gottes auszugießen. Das ist uns, mir jedenfalls, eine schwierige Vorstellung: Christus als der Richter. Das Gericht als sein Werk. Immerhin, so viel ist daran auch wieder tröstlich: Das Gericht ist nicht die Aktion des Widersachers.

Mir geht die alte Erzählung von David durch den Sinn. Als er sich mit seiner Volkszählung an Gott vergangen hat, steht er vor der Wahl: Hungersnot über Israel, in die Hände der Feinde fallen, oder drei Tage dem Schwert des Herrn ausgeliefert sein. Er entscheidet sich eindeutig: „David sprach zu Gad: Mir ist sehr angst, doch ich will in die Hand des HERRN fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr groß; aber ich will nicht in Menschenhände fallen.“(1. Chronik 21,13) Lieber dem Gericht Gottes preisgegeben sein, der in seinem Herzen Erbarmen sucht, als in die Hände der Menschen fallen, die oft genug erbarmungslos sind. Der Zorn der Gerichte Gottes wird nicht ewig währen. 

  2 Und der erste ging hin und goss seine Schale aus auf die Erde; und es entstand ein böses und schlimmes Geschwür an den Menschen, die das Zeichen des Tieres hatten und die sein Bild anbeteten.3 Und der zweite Engel goss aus seine Schale ins Meer; und es wurde zu Blut wie von einem Toten, und alle lebendigen Wesen im Meer starben. 4 Und der dritte Engel goss aus seine Schale in die Wasserströme und in die Wasserquellen; und sie wurden zu Blut.

Wenn man die Offenbarung als Ganze liest, drängt sich die Parallele der Zornes-Schalen zu den Posaunen-Schrecken aus 8, 6 – 13 auf.  Die Frage ist, ob die Schalen-Visionen nur eine Art Doppelung der Posaunen-Visionen sind.  Die Antwort heißt: Da gibt es Parallelen in den Bildern. Aber die Schalen sind gleichzeitig gewissermaßen entgrenzt. In den Schrecken der Posaunen taucht regelmäßig eine Begrenzung auf: „Der dritte Teil“ (8,7;8,8;8,10;8,12) Hier dagegen geht es um das Ganze. Beide Visionen-Reihen „bedienen“ sich in ihren Bildern auch bei den Plagen, die über Ägypten kommen und das Ende der Knechtschaft Israel vorbereiten. Das mag ein winziger Hinweis sein: Auch die Zornes-Schalen wollen ein Ende der Knechtschaft, diesmal nicht unter Ägypten oder die USA oder Russland oder die IS, wohl aber unter das Böse.

Epidemien, die alle hinraffen, die das Zeichen des Tieres hatten. Der Lebensraum Meer wird  ganz zerstört. Die Wasserquellen werden alle verseucht. Umweltkatastrophen, die nicht mehr nur lokal begrenzt sind, sondern sich global auswirken, austoben. Das alles kann man in diesen Bildern mitlesen.

Eine Auslegung aus dem Jahr 1979 spiegelt in ihrem Versuch zu verstehen die Ängste dieser Zeit der Hoch-Rüstung: „Die nachfolgenden Schalen-Visionen lassen eine andere Deutung als die von Naturkatastrophen oder militärischen Maßnahmen kaum zu… Die Verseuchung der großen Weltmeere z.B. durch atomare Kriegsfolgen oder riesige Naturkatastrophen hat solche Ausmaße angenommen, dass jegliche Vegetation in den Meeren unmöglich geworden ist.“ (K. Henning,Die Zukunft findet statt. Die Offenbarung aus der Sicht eines Ingenieurs, Wuppertal 1979; S. 242/243)

Auch wenn ich dieser Sicht nicht unbedingt folgen möchte, eines scheint mir erkannt: Die Schalen des Zornes bringen nicht irgendetwas über die Menschen, das sich der Himmel ausdenkt. So grausam ist der Himmel nicht. Gott im Himmel hat keine Lust daran, Menschen zu quälen. Sondern Inhalt der Schalen ist, dass die Menschen die Folgen des eigenen Tuns, der eigenen Gewaltakte, der eigenen Allmachtsphantasien zu spüren bekommen. Die Entscheidungen der Menschen richten sich gegen sie selbst. Der Zorn Gottes verdichtet sich in der Erfahrung, dass wir dem preis-gegeben sind, was wir selbst über uns bringen. Tausendfach belegt – ob es um das Dynamit geht, die Kernspaltung, die Erfindung des Schießpulvers oder so harmlose Sachen wie das Internet. Plötzlich sind wir Gefangene des „Fortschritts“ und nicht mehr frei.

5 Und ich hörte den Engel der Wasser sagen: Gerecht bist du, der du bist und der du warst, du Heiliger, dass du dieses Urteil gesprochen hast; 6 denn sie haben das Blut der Heiligen und der Propheten vergossen, und Blut hast du ihnen zu trinken gegeben; sie sind’s wert. 7 Und ich hörte den Altar sagen: Ja, Herr, allmächtiger Gott, deine Gerichte sind wahrhaftig und gerecht.

             Die Visionen-Folge wird unterbrochen durch einen Zwischenruf. Einen Lobpreis Gottes, der seine Gerechtigkeit rühmt. Es geht in der Offenbarung immer wieder um die Gerechtigkeit Gottes.  Das ist für eine angefochtene, verfolgte Gemeinde zentral: Über uns steht die Gerechtigkeit Gottes. Und was uns und der Welt begegnet, kommt aus ihr.

Die Antwort auf die Verfolgung ist also nicht Rache, die Gott übt an denen, die seine Leute gequält haben. Sondern Gericht. Gerechtes Gericht.

Ein wenig irritiert, dass Johannes den Altar sagen hört. Ein sprechender Altar? Wie soll man sich das denken. Ich höre: Es sind Stimmen, die vom  Altar her kommen. Die Stimmen der Gemeinde. Aus Sardes und Thyatira, Pergamon und Laodica, Ephesus und Philadelphia und  Smyrna. Und diese Stimmen geben Gott Recht.

Schweigen müssen nun die Feinde vor dem Sieg von Golgatha.                                  Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja!                                                      Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu;                                      ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.                                                        Friedrich von Bodelschwingh 1938, EG 93

  8 Und der vierte Engel goss aus seine Schale über die Sonne; und es wurde ihr Macht gegeben, die Menschen zu versengen mit Feuer. 9 Und die Menschen wurden versengt von der großen Hitze und lästerten den Namen Gottes, der Macht hat über diese Plagen, und bekehrten sich nicht, ihm die Ehre zu geben.

Was ist hier noch groß zu erklären? Es gibt einen Text, der auf diese Vision zurückgeht. Am vierten Tage gingen drei von vier Milliarden Menschen zugrunde. Die einen an den Krankheiten, die der Mensch gezüchtet hatte, denn einer hatte vergessen, die Behälter zu schließen, die für den nächsten Krieg bereitstanden. Und ihre Medikamente halfen nichts. Die hatten zu lange schon wirken müssen in Hautcremes und Schweinelendchen. Die anderen starben am Hunger, weil etliche von ihnen den Schlüssel zu den Getreidesilos versteckt hatten. Und sie fluchten Gott, der ihnen doch das Glück schuldig war. Er war doch der liebe Gott!“ (J. Zink 1970, Die Welt hat noch eine Zukunft – eine Einladung zum Gespräch, Stuttgart, Kreuz-Verlag, 1971)

            Das, was für mich beängstigend ist: Es wirkt so, als sei hier kein Raum mehr zur Umkehr. Es gilt nicht mehr: Not lehrt beten. Es gibt nur noch Anklagen gegen Gott, Widerstand gegen ihn, weil eine große Blindheit verdeckt, dass es unsere Taten sind, die sich an uns „austoben.“

 

Mein Gott, wie groß ist Dein Schmerz um Deine Menschheit, um unsere Verirrungen, unseren Eigensinn, unseren gnadenlosen Machtwillen. Wie groß ist Dein Schmerz um unsere Erbarmungslosigkeit.

Lehre mich in meinen Schmerz um unsere Welt, die aus tausend Wunden blutet, zu Dir zu fliehen, Dein Herz zu suchen und Deinem Erbarmen meine Hände zu leihen. Amen