Der Weg ist frei!

Offenbarung 15, 5 – 8

5 Danach sah ich: Es wurde aufgetan der Tempel, die Stiftshütte im Himmel, 6 und aus dem Tempel kamen die sieben Engel, die die sieben Plagen hatten, angetan mit reinem, hellem Leinen und gegürtet um die Brust mit goldenen Gürteln.

             Es gibt bei dem Propheten Hesekiel (Hesekiel 47,1 – 12) die großartige Vision vom Tempelstrom, der ein Strom des Lebens ist. Wo dieser Strom hinkommt, wird das Leben heil. Darum ist diese Vision des Sehers wie eine Verkehrung der alten Prophetie des Hesekiel. Der Tempel wird in dieser Schauung zum Ausgangspunkt der sieben Plagen. Seine Tore öffnen sich zu einer Art himmlischer Prozession.

Was also folgen wird, trägt den Stempel, die Signatur eines priesterliches Handeln. Darauf deutet auch hin, dass die sieben Engel gekleidet sind wie priesterliche Gestalten. Ähnlich wie es on Christus am Anfang der Offenbarung beschrieben wird:Johannes sah „einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.“ (1,13) Es ist ein „gottesdienstlicher“ Rahmen, der hier gezeigt wird – ein Dienst, den Gott an seiner Welt tut und der am Ende doch auf die Gemeinschaft zwischen dem heiligen Gott und dem glaubenden Mensch zielen wird. Daran erinnert ja die Stiftshütte, das Zelt der Begegnung.  

  7 Und eine der vier Gestalten gab den sieben Engeln sieben goldene Schalen voll vom Zorn Gottes, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

             Das ist wichtig: Was sich da über der Erde zusammenbraut, ist Zorn Gottes, nicht Willkür und Herrschaft des Bösen. Das ist ein Signal: Es geht im Gericht Gottes nie um ein Handeln, das „den Willkürakten menschlicher Despoten“(H. Lilje aaO.; S.193) gleicht, sondern immer um das Leben. „Zorn ist bei Gott die Form seiner Liebe unter den Bedingungen des Widerstandes.“ (A.Pohl, aaO.; S.180)

             Auch das mag man mit hören: Wir sind Gott seinen Zorn wert, weil wir ihm seine Liebe wert sind. Wir sind ihm nicht gleichgültig. Was mir gleichgültig ist, löst keinen Zorn in mir aus.  Gott, der nicht mehr zornig werden kann, kann auch nicht mehr lieben. Er ist nur noch unbewegt, unberührt – und deshalb auch nicht mehr wichtig. Ein toter Götze. Der Gott der Philosophen.

             Hier aber geht es um den lebendigen Gott, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist nur zu deutlich, wie das Sehen des Johannes auch ein Schöpfen aus dem Denken des alten Gottesvolk Israel ist. Israel hat unter großen Schmerzen gelernt, Katastrophen als Folge des gerechten Gerichtes Gottes zu sehen und sie so anzunehmen und z tragen – und hinter den Katastrophen den neuen Weg des Lebens zu glauben und zu suchen.

 8 Und der Tempel wurde voll Rauch von der Herrlichkeit Gottes und von seiner Kraft; und niemand konnte in den Tempel gehen, bis die sieben Plagen der sieben Engel vollendet waren.

             Als der Tempel Salomos geweiht wird, ist es so: „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“(2. Chronik 5, 13-14) Der Tempel ist nicht zugänglich, weil die Herrlichkeit Gottes Einzug hält. Das wiederholt sich hier: Weil die Herrlichkeit Gottes und seine Kraft im Tempel sind, kann niemand dorthin gehen.

Bis die Zeit der Plagen vollendet ist, ist der Tempel nicht zugänglich. Der Tempel ist der Ort, an dem das Erbarmen Gottes gefeiert wird. An dem Menschen Zuflucht suchen können in den Schrecken der Zeit, Zuflucht im Erbarmen und Vergeben Gottes. Es ist schrecklich, wenn dieser Zugang versperrt ist, blockiert. Wenn auch nur für bestimmte Zeit, bis die sieben Plagen der sieben Engel vollendet waren. Das ist, Gott sei Dank, nicht: für immer!

Im Hintergrund mag auch das mitstehen: Im jüdischen Krieg im Jahr 70 n. Chr. Ist der Tempel in Jerusalem erneut und endgültig zerstört worden. Seitdem gibt es keinen jüdischen Tempel mehr in Jerusalem. Und allen Juden wurde der Zugang zur Stadt durch Befehl des Titus untersagt. Es ist schwer zu ermessen, was das für ein Schmerz ist für das Volk, das Jerusalem als die Wohnstatt Gottes sehen gelernt hat.

Es gibt eine Verkündigung des Evangeliums, die darin ihre Mitte hat: Der Weg zum Thron Gottes ist unverstellbar frei durch Christus. „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“ (Römer 5,1) Das lese ich wie einen Einspruch gegen dieses Bild vom verschlossenen Tempel. Es mag sein, der Tempel ist verschlossen. Aber der Weg zum Herzen Gottes ist frei – durch Christus.

 

Mein Gott, täglich darf ich zu Dir kommen, Dir mein Herz ausschütten, Dich anrufen um Dein Erbarmen. Den Zugang zu Dir darf mir nichts und niemand verstellen, nicht meine Angst, nicht meine Schuld, nicht ein Kleinglauben, nicht das Chaos, das in der Welt herrscht, nicht die Angst vor Deinen Gerichten. Und Du, Du schließt niemals die Tür. Du wartest immer mit weit ausgebreiteten Armen. Amen