Ein Weinfest

Jesaja 5, 1 – 7

Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass ein neuer Text immer nur am Vorhergehenden anknüpft. Auch die Situation des Redenden kann eine andere sein. So ist es auch hier. Das nachfolgende „Weinberglied“ ist nicht notwendig die Fortsetzung des vorherigen Textes.  Es steht hier einfach hinter den Heilsworten aus 4, 2 – 6. Umso schärfer aber ist der Kontrast zu diesen Worten.

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Dabei fängt alles harmlos an. Ein Lied will der Sprecher singen. Bei einem Weinfest?   Von seinem Freund, für seinen Freund. Schon die Ankündigung lässt aufhorchen. Wer ist der „Liebling“ – so wörtlich im Hebräischen – des Sängers? Redet er so von Gott? Und wissen das seine Hörer von Anfang an? „Dass Gott Geliebter des Menschen sein soll, ist sehr ungewöhnlich.“ (D. Schneider, aaO.; S.112)  Was der „Normalhörer“ mit diesen Anfangsworten hören dürfte, ist deshalb auch anders: Da singt einer für seinen liebsten Freund von dessen Weinberg, das ist die Braut, und schlüpft so in die Rolle des Brautführers.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

Es ist die Welt, die die Zuhörer kennen: Da müht sich einer um seinen Weinberg. Er lässt es an nichts fehlen, nicht an Sorgfalt, nicht an Aufmerksamkeit, nicht an Zuwendung. Er tut alles, was getan werden muss, damit es gute Früchte gibt.

Es ist das Bild für ein Ringen um eine Beziehung. Alles wird versucht, damit es gut wird. Alles nimmt einer, eine in Kauf, um den Weg zu dem anderen zu finden, um es zu einem guten Miteinander kommen zu lassen.  Aber: Es wird nicht. Im Bild: Die Trauben sind Kümmerlinge. Sauer. Bitter. Der Weinberg ist eine einzige große Enttäuschung.  „Ein Weinfest“ weiterlesen

Zu der Zeit

Jesaja 4, (1).2 – 6

1 Und sieben Frauen werden zu der Zeit „einen“ Mann ergreifen und sprechen: Wir wollen uns selbst ernähren und kleiden, lass uns nur nach deinem Namen heißen, dass unsre Schmach von uns genommen werde.

In diesem Chaos sind Frauen besonders übel dran, die nicht den Schutz eines Mannes und seiner Sippe haben. Aller Reichtum nützt nichts, wenn da kein Beistand ist, keiner, der in dem männlich geprägten Rechtsraum einsteht für eine Frau, seine Frau. Was für ein Abstieg: „Unter Zurückstellung aller weiblichen Scham werden die jetzt so stolzen Zionstöchter von sich aus einen überlebenden Mann aufsuchen und sich ihm als Konkubinen, als Nebenfrauen, antragen.“  (O.Kaiser,aaO.; S.40)

            Lass uns nur nach deinem Namen heißen – das ist kein bloßer Namenswechsel bei der Eheschließung, sondern ein Rechtsakt. Sie werden so Eigentum des Mannes, Sklavinnen. Alles, nur nicht schutzlos und rechtlos alleine bleiben. Wenn das Land und die Ordnung zusammenbrechen, ist selbst Sklaverei noch besser als die völlige Schutzlosigkeit.

Im Schicksal dieser Frauen spiegelt sich das Schicksal Jerusalems und Judas, wenn das Gericht Gottes in seiner ganzen Härte Wirklichkeit werden wird.

2 Zu der Zeit wird, was der HERR sprießen lässt, lieb und wert sein und die Frucht des Landes herrlich und schön bei denen, die erhalten bleiben in Israel.

            Wieder, wie schon in V. 1:  Zu der Zeit. Als Leser reibe ich mir verwundert die Augen: Wie denn nun? Geht das alles gleichzeitig? Gibt es doch mitten im Untergang Bewahrung, Rettung? Eine Lösung, auf die Exegeten dann leicht kommen, heißt: Das ist spätere Ergänzung. Aber eine Ergänzung, ganz im Geist des Jesaja. „Nicht das Gericht ist Gottes letztes Wort über sein Volk, sondern sein Heilswille.“ (O.Kaiser,aaO.;S.41) Wir heutigen Leser haben es zu lernen: Auch was später hinzukommt zu einem ursprünglichen Text ist nicht „unecht“, „minderwertig“, sondern es hat die gleiche Autorität wie die ersten Worte. Es ist Wort aus der Wirklichkeit Gottes. „Zu der Zeit“ weiterlesen

Kein Rückzug

Jesaja 3, 1 – 15

1 Siehe, der Herr, der HERR Zebaoth, wird von Jerusalem und Juda wegnehmen Stütze und Stab: allen Vorrat an Brot und allen Vorrat an Wasser, 2 Helden und Kriegsleute, Richter und Propheten, Wahrsager und Älteste, 3 Hauptleute und Vornehme, Ratsherren und Weise, Zauberer und Beschwörer.

Diesem Text ist im Abschnitt 2, 6 – 22 eine Gerichtsankündigung voraus gegangen. Krise wird auf Krise folgen. Und alles, weil das Volk sich Gott verweigert, die großen Herren und die kleinen Leute. Und jetzt treibt das Gericht auf die Spitze zu. Stütze und Stab werden weggenommen. Nichts Verlässliches ist mehr da. Das Chaos bricht aus, weil Gott Gericht hält.

Die Vorräte werden verbraucht. Die Führungskräfte fallen genauso aus wie die Kriegsleute, die das Land und die Stadt schützen sollten. Und die Ratlosigkeit greift so um sich, dass weder die geistliche Führung noch die verpönte Kunst der Wahrsagerei irgendeine Orientierung geben kann. „Da schwatzen und da plappern die Gelehrten“ (C. Bittlinger) Es wird noch viel geredet, getalkt, aber es gibt kein Orientierung mehr.

Mir kommt die Frage: In welche Situation hinein sagt der Prophet das alles? Steht Jerusalem „am Abgrund“, kurz vor dem Fall? Ist es eine belagerte Stadt, in der nur noch eine Devise zu gelten scheint: Rette sich, wer kann? „Jesaja beschreibt, wie vor aller militärischen Niederlage die Auflösung der inneren Ordnung Judas Wirklichkeit werden wird.“ (D. Schneider, aaO.; S.94)

Das ist eine erschreckende Botschaft: Es ist nicht ausgemacht, dass sich ein Land nur dann innerlich auflöst, ins Chaos verfällt, wenn es militärisch geschlagen wird. Es gibt auch diese Auflösung aller Ordnungskräfte eines Landes, eines Volkes vor jeder Niederlage durch Feinde von außen. Oder noch schlimmer: Diese Selbstzerstörung durch den Verlust aller Ordnungen, durch das Überschreiten aller Haltelinien ist viel schlimmer, tiefergreifend als jede Niederlage im Kampf. Ein Volk, das die Orientierung verloren hat, das in seiner Seele verwirrt worden ist, ist schlimmer dran wie ein Volk, das „nur“ einen Krieg verloren hat. „Kein Rückzug“ weiterlesen

Glaue ich das noch?

Jesaja 2, 1 – 5

1 Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem:

            Es ist Neueinsatz gegenüber dem Vorhergehenden und eine feierliche Einleitung der nachfolgenden Vision. Sie wird dadurch unterstrichen, dass der Seher noch einmal ausdrücklich benannt wird: Jesaja, der Sohn des Amoz. Er empfängt diese Vision über Juda und Jerusalem, für Juda und Jerusalem.

Die Vision wird in fast gleichen Worten auch im Buch des Propheten Micha überliefert (Micha 4, 1-5). Dort fehlt aber genau dieser Einleitungsvers, der die Vision Jesaja zuschreibt. Das könnte ein Hinweis sein, dass sie bei Jesaja ihren ursprünglichen Ort hat und bei Micha „nur“ Zitat ist. Aber auch dann ist es gut, sich erinnern zu lassen: „Die Bedeutung eines biblischen Textes entscheidet sich nicht an der Verfasserfrage, sondern an seiner Aussage.“ (O.Kaiser,aaO.;S.20)

 2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

            Zur letzten Zeit, in den späteren Tagen. Das ist „die Zeit, da Gott etwas völlig Neues tut. Nach dem Textzusammenhang ist aber nicht eine jenseitige Welt gemeint – dennoch sprengt das, was in V. 2-4 angesagt wird, die Möglichkeiten dieser Weltzeit völlig.“ (D. Schneider, aaO.; S.74)  Wahr ist ja: Die Zeiten, in der sich Berge weit über ihr seitheriges Niveau aufgetürmt haben, gehören der Entstehungszeit der Erde an. Nicht mehr unseren Zeiten.

Aber vielleicht muss ich ja gar nicht so lesen, als würde hier die Erdbeschaffenheit rund um den Zion gewandelt. Auch die Auskunft, dass „der Zion mit einem hoher Götterberg im Norden gleichgesetzt“ (R Albertz Hört, denn der Herr redet, 7 Abschnitte aus Jesaja 1 – 29, Texte zur Bibel 3, Neukirchen 1987, S. 41) sein könnte, scheint mir nicht zwingend. Gemeint sein könnte doch auch, dass der Zionsberg auf einmal eine Bedeutung gewinnt, die ihn alle Berge überragen lässt. Der Berg, auf dem das Haus des Herrn steht. Der Berg, auf dem das Heil der Welt sich entscheidet im Kreuz Jesu.

Zu diesem Berg beginnt in den späteren Tagen eine regelrechte Völkerwallfahrt. Menschen aus  allen Völkern laufen herzu, werden angezogen von diesem Berg, suchen den Weg zum Haus des Gottes Jakobs. Sie gehen den Weg nach, den Israel einst gezogen ist, aus Ägypten zum Horeb und vom Horeb zum Zion. Sie werden Pilger zum Haus Gottes, die dort auf Wegweisung hoffen.    „Glaue ich das noch?“ weiterlesen

Noch ist Zeit

Jesaja 1, 10 – 20

 10 Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!

Was für eine Attacke! Wenn es stimmt, dass diese ganze Szene im Tempel spielt, beim Opferfest im Herbst, „in Verbindung mit einem Klagegottesdienst, wie er in Israel ausgerufen wurde, wenn ein nationaler Notstand das Land erschütterte“(D. Schneider, aaO.; S.58), dann wird die Schärfe in den Worten  des Propheten erst richtig spürbar.  Es ist die gottesdienstliche Gemeinde, Führer des Volkes und „Fromme“, die Jesaja so angeht: Sodoms-Fürsten. Gomorra-Volk. Was für eine Parallele. Und ist das nicht schon Urteil über die, die so dastehen? Aber Jesaja sagt ihnen: Hört! Nehmt zu Ohren!  So, als rechnete er immer noch damit dass es über den Hören zu einem Umkehren kommen könnte.

 11 Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. 12 Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? 13 Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! 14 Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen.

            Das hat in Israel Tradition: Opfer im Überfluß. „Der König aber und das ganze Volk opferten vor dem HERRN; zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe opferte der König Salomo.“ (2. Chronik 7,4-5) Viel hilft viel. So ist der Gedanke und er ist bis heute kaum verändert in Kraft.

Gott aber, der HERR, lässt seinen Propheten sagen: Ich habe diese Opfer satt. Ich bin sie satt. Ich will mich nicht an ihnen sättigen. Der ganze Betrieb am Tempel gerät in die Kritik, nicht von Menschen, die die Verschwendung geißeln, sondern von Gott, der sich einen anderen Gottesdienst wünscht, nicht nur einen „etwas anderen Gottesdienst“. Und noch schärfer: Wenn sie so vor ihn kommen, zertreten sie den Vorhof. Der falsche Gottesdienst der Opfer schändet den Tempel. Was für Worte in den Ohren von Leuten, die am Tempel hängen, ihn als Zufluchtsort suchen.  „Noch ist Zeit“ weiterlesen

Von Kopf bis Fuß – krank

Jesaja 1, 1 – 9

1 Dies ist die Offenbarung, die Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem zur Zeit des Usija, Jotam, Ahas und Hiskia, der Könige von Juda.

Mit diesem ersten Satz wird nicht nur der Prophet vorgestellt. Sondern vor allem seine Botschaft, Offenbarung über Juda und Jerusalem. „Ein Gesicht…das Hören, Sehen und Verstehen eines von Gott in den Dienst genommenen Menschen in Anspruch nimmt und formt“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 1. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1988, S.41) Offenbarung meint ja mehr als eine Vision. Es geht um eine Schauung aus der Wirklichkeit Gottes. Hinter allem, was folgen wird an Worten, Bildern, Liedern, Berichten, steht Gott als der eigentliche „Autor“. Aber nicht zeitlos, sondern in eine bestimmte Zeit hinein.

Die Angaben der Namen von Usija bis Hiskia deuten auf einen Zeitraum zwischen 787 v.Chr.  bis 697 v. was mir nicht gefiel, und hatten ihre Lust an dem, woran ich kein Wohlgefallen hatte. Chr.. Nun zeigen schon diese Zahlen, die neunzig Jahre umfassen, dass das kaum vorstellbar ist. Etliche Exegeten lesen später Kapitel 6 als die erste Berufung Jesaja und nicht als eine erneute Berufung, die seinen Weg, der schon zuvor angefangen hat, noch einmal in ein neues Licht stellt. Dann wäre das  Jahr 736 der Anfang der Wirkens Jesaja als Prophet. Aber manches spricht doch dafür, dass Jesaja auch schon vor dieser Vision im Tempel prophetisch geredet hat. Darum wird meistens eingegrenzt auf einen Anfang seines Wirkens unter Usija um 750 v. Chr. und ein Ende seines Wirkens, des ersten Jesaja, wird vor dem Tod des Hiskia vermutet.

 2 Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der HERR redet! Ich habe Kinder  großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen! 3 Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.

             Vor den Augen entsteht eine Gerichtsszene. Und Jesaja, der Prophet ruft Himmel und Erde als Zeugen auf für die Anklage. Die Anklage, die Gott gegen seine Volk erhebt. Diese Anklage heißt: Sie vergelten mir die Wohltaten mit Abkehr, die Liebe mit Abfall.

               Das ist die Anklage Gottes: Ich habe Kinder  großgezogen – aber sie haben sich abgewendet. Sind ihrer Wege gegangen. Bei Hosea heißt es: „Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten; aber wenn man sie jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalen und räuchern den Bildern. Ich lehrte Ephraim gehen und nahm ihn auf meine Arme; aber sie merkten’s nicht, wie ich ihnen half.“ (Hosea 11, 1 – 3) Es ist die väterliche, sorgende Zuwendung, die auch hier angedeutet wird und die keinen Widerhall im Verhalten des Volkes findet. „Von Kopf bis Fuß – krank“ weiterlesen

Gnade für die Welt

Offenbarung 22, 16 – 21

 16 Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeugen für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern.

             Den Schluss der Offenbarung bilden nicht mehr Bilder, sondern Worte. Wir hören nur noch Stimmen. Rufe. Zuerst die Erinnerung: Alles, was Johannes gesehen hat, ist für die Gemeinden bestimmt. Ephesus und Smyrna, Pergamon und Thyatira, Sardes und Philadelphia und Laodizea. Und dann stellt ER sich noch einmal vor. Denn er ist ja der eigentliche Autor dieses Briefes an die Gemeinden. Wieder steht da die Formel, in der Gott selbst sich vorstellt am brennenden Dornbusch, in der Jesus sich zu erkennen gibt auf seinen Wegen durch die Zeit:  ἐγώ εἰμι. Ich bin.

Ich höre mit: Die Wurzel Jesse. „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ (Jesaja 11, 1) Ich kann auch das mit hören: „Nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11,18) Wir, Juden und Christen werden in gleicher Weise getragen von ihm, der die Wurzel ist. Werden beschienen von ihm, der der helle Morgenstern ist. Auch hier wieder schwingt uralte Verheißung mit: „Es sagt Bileam, der Sohn Beors, es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind, es sagt der Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis des Höchsten hat, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet: Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen .“ (4. Mose 24, 15 – 17)

            An diese Worte, an dieses Versprechen erinnern wir uns und nehmen es auf als Hoffnung für unsere Zeit, wenn wir singen:

Der Morgenstern ist aufgedrungen,
er leucht‘ daher zu dieser Stunde
hoch über Berg und tiefe Tal,
vor Freud singt uns der lieben Engel Schar.                                                                                              Unbekannter Autor, 15. Jahrhundert
, EG 69

17 Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm!

Auf diese Ankündigungen gibt es nur eine Antwort: Komm! Es ist die Antwort der Sehnsucht, der Liebe, die sonst nichts mehr zu sagen braucht. Und – meisterhaft – der Kreis derer, die so sprechen, öffnet sich, hin zu allen, die es hören, hin zu uns, die wir es heute lesen und hören.

Der Geist ist voller Sehnsucht –  das ist die Liebe innerhalb der Trinität. Gott selbst, so lese ich hier, ist sehnsüchtig in der Liebe – der Vater nach dem Sohn, der Sohn nach dem Vater, der Geist nach dem Sohn. Das innersten Wesen Gottes, wenn man sich überhaupt wagen darf, so etwas  zu sagen, als könnte unsereiner wissen, was das innerste Wesen Gottes ist, ist Liebe.

Und die Gemeinde, die Braut, ist ihrem Wesen nach Sehnsucht. Ausgestreckt zu Jesus hin, hoffend auf seine Gegenwart, wartend auf sein Kommen.

            Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen, / o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze / mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze, / mir kund und wissend sei.

            Ihr dürft euch nicht bemühen / noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen / mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen, / ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen, / die ihm an euch bewußt.                                                                                                       P. Gerhardt 1653 EG 11

             Es stimmt schon: „Ursprung und ganzer Geschichtsablauf, Anfang und Weg, Schöpfung und Erfüllung; alles ist in Jesus Christus zusammen gefasst.“ (H. Lilje aaO.; S. 249)

 Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.

             Auch das Zitat, Aufnahme eines Wortes aus den Propheten Israels. „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ (Jesaja 55,1) Und auch Zitat aus der großen Vision zuvor, dem Bild vom himmlischen Jerusalem. „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (21,6) Es ist die Form, die der Heilandsruf aus dem Matthäus-Evangelium – „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“Matthäus 11,28) –  in der Offenbarung annimmt. Auch der wiederkommende Herr ist nicht nur Richter. Er ist zugleich Heiland.

 18 Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. 19 Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht.

             Das ist steil, atemberaubend.  Aber nicht einmalig. „Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf dass ihr bewahrt die Gebote des HERRN, eures Gottes, die ich euch gebiete.“ (5. Mose 4,2) Oder: „Predige denen, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten im Hause des HERRN, alle Worte, die ich dir befohlen habe, ihnen zu sagen, und tu nichts davon weg.“ (Jeremia 26,2) Allerdings einmalig ist, dass die Treue zu diesem Wort sozusagen heilsnotwendig wird, wenn man die Ausschlussformel ernst nimmt: Wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt.

Diese Drohung steht innerhalb des biblischen Kanons ziemlich isoliert. Und sie hat wohl ein bisschen einem Verständnis Vorschub geleistet, dass den wortwörtlichen Glauben an alles, was in der Schrift seht, für heilsnotwendig hält. Wahr bleibt: Das Wort der Schrift will uns leiten. Die Worte der Offenbarung wollen uns ermutigen und den Rücken stärken. Ich tue mir keinen Gefallen, wenn ich an diesen Worten achtlos vorbei gehe. Ich will sie achten, auch dann, wenn ich sie nicht alle verstehe.

 20 Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald. – Amen, ja, komm, Herr Jesus!

             Das ist das letzte Wort – ein Dialog. Noch einmal hat Jesus, der Christus das Wort. Ja, ich komme bald. Man könnte ταχύ auch so übersetzen: „Schnell. Geschwind. Plötzlich.“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch,  München/Wien 1957, S.731) Er wird uns nicht über Gebühr warten lassen. Er verzieht nicht.

             Und die Antwort ist wiederum der Ruf der Sehnsucht. Diesmal wohl des Sehers selbst, der hier für sich das Wort nimmt. Amen, ja, komm, Herr Jesus! Μαρανα θα. Maranatha, heißt das auf Aramäisch. So mögen es Christen gerufen haben, deren erste Sprache nicht Griechisch war. Aber so oder so: Es ist die Sehnsucht, die nach dem Kommen Christi ruft. Emotion. Hoffnung.

  21 Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!

             Das ist das letzte Wort der Schrift. Ein wunderbares Wort auf den Weg – für alle, die mit diesem Wort der Offenbarung und der ganzen Heiligen Schrift umgehen. Segenswort. Im Segen gehen wir ja über das hinaus, was unsere Worte vermögen, was unser Tun vermag – und vertrauen uns der größeren Kraft Gottes an. Seine Gnade wird tun, was wir nicht zu Stande bringen. Zurecht bringen, was uns entgleitet. Ans Ziel bringen, was uns zu schwer ist.

Was für ein wunderbares Wort: Gnade uns allen. Gnade für die Welt.

 

Jesus, Namen über allen Namen, Herr aller Herren, König aller Könige, Menschensohn und Gotteslamm. Dir warte ich entgegen mit dieser ganzen Welt, die sich nach Erlösung sehnt. Lass uns nicht zu lange warten. Komm, Du Heiland der Bedrängten, Du Retter der Schuldigen, Du Liebe über alles Lieben. Auf Dich warte ich. Amen

 

 

Bald

Offenbarung 22, 6 – 15

 6 Und er sprach zu mir: Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig; und der Herr, der Gott des Geistes der Propheten, hat seinen Engel gesandt, zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muss. 7 Siehe, ich komme bald. Selig ist, der die Worte der Weissagung in diesem Buch bewahrt.

             Manches prägt sich erst durch Wiederholung in seiner Bedeutung ein. Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig. Das ist im Wortlaut gleich dem Wort Gottes aus der Vision vom kommenden neuen Jerusalem (21,5) Als ob es noch einmal eingeschärft werden müsste. Als ob die Bilderflut der Offenbarung davor geschützt werden müsste, als bloße Bilderflut abgetan zu werden.

Es ist ein Zurückgreifen auf den Anfang des ganzen Buches, der jetzt geschieht. Erinnerung: Der Herr, der Gott des Geistes der Propheten, hat seinen Engel gesandt, zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muss. Es ist nicht Prophetie aus eigener Vollmacht. Es ist Wort, das auf der Sendung Gottes beruht. Johannes hat sich nichts selbst ausgedacht und zusammengeschrieben. Er hat gesehen, gehört und geschrieben.

So wichtig aber sind diese Worte, dass die sechste Seligpreisung der Offenbarung sich auf das Lesen und Bewahren dieser Worte bezieht. Man kann zumindest darüber nachdenken, ob unser „Spruch“ nach der Schriftlesung im Gottesdienst nicht hier seinen Anfangsort hat: „Selig sind, die Gottes Wort höre und bewahren.“

Und der, der Johannes diese Bilder „geschickt hat“, der kündigt sein Kommen an. Bald. „In Kürze“ hatte es in 1,1 geheißen. Über das Geschehen, das angesagt wurde, angekündigt. Aber jetzt wird, wie am Anfang, der Blick vom Geschehen weg gelenkt auf Ihn, auf den kommenden Herrn. Immer ging es in der Offenbarung um Ihn! „Bald“ weiterlesen

Du, nur noch Du

Offenbarung 22, 1 – 5

 1 Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; 2 mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.

             Das ist ein Bild, das der Bibelleser schon kennt. Vom Paradies-Strom redet das 1. Buch Mose. Dem Strom, der den Garten Eden umgibt und aus ihm entspringt (1. Mose 2, 10.14). Und von einem Heils-Strom weiß der Prophet Hesekiel: „Und er führte mich wieder zu der Tür des Tempels. Und siehe, da floss ein Wasser heraus unter der Schwelle des Tempels nach Osten; denn die vordere Seite des Tempels lag gegen Osten. Und das Wasser lief unten an der südlichen Seitenwand des Tempels hinab, südlich am Altar vorbei.“ (Hesekiel 47,1) Und einige Verse später lese ich: „Und wenn es ins Meer fließt, soll dessen Wasser gesund werden, und alles, was darin lebt und webt, wohin der Strom kommt, das soll leben.“ (Hesekiel 47, 8-9) Der Tempelstrom, der dem Leben dient, überall, wohin er kommt.

Hier geht der Strom des lebendigen Wassers nicht mehr vom Tempel aus – der ist ja nicht mehr! – sondern direkt vom Thron Gottes und des Lammes. Das Wort Jesu erfüllt sich. „Das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (Johannes 4, 14) Alle Wirkungen des Tempelsstromes aus der alten Schau des Propheten sind um ein Vielfaches überboten. Zwölfmal Früchte im Jahr, Blätter, die dem Heil dienen. Das Leben gesundet. „Du, nur noch Du“ weiterlesen

In deinem Licht sehen wir das Licht

Offenbarung 21, 22 – 27

22 Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. 23 Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.

             In dieser vollkommenen Stadt ist kein Tempel. Er ist nicht mehr nötig. Ist doch der Tempel der Wohnort Gottes in unserer Welt, der Ort, an dem wir ihn anrufen können, zu ihm flehen, ihm klagen. In dem sein Name wohnt (2. Chronik 7,16). Wenn Gott aber selbst, in Person, Wohnung genommen hat unter seinen Menschen, bei ihnen, in ihrer Mitte zeltet (Johannes 1,14), dann braucht es keinen Tempel mehr.

Es ist eine Linie, die in der Folge der Schriften angelegt ist. Im Bund mit Israel ist der Tempel der Ort, an dem Gott sich finden lassen will. Nicht der einzige Ort – jeder alte Dornbusch ist gut genug, Gottes Ort zu werden,  aber doch ein Ort, an dem Gott sich versprochen hat. In der Verkündigung Jesu hören wir schon neue Töne: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4, 20 – 24) Da wird die Frage nach dem Ort umgewandelt in die Frage nach der Art und Weise der Anbetung.

Und bei Paulus wird die Tempelfrage noch einmal umgewandelt, wenn er fragt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Korinther 6,19) Da sind es auf einmal die Christen – und zwar ihr Leib und nicht nur ihr Geist, in denen Gott seine Gegenwart aufleuchten lassen will.  In der Welt. Hier und heute. Und jetzt also, in der Johannes-Offenbarung noch einmal der eine Schritt weiter: Gott ist gegenwärtig, unverstellt – und da ist der Tempel überholt. „In deinem Licht sehen wir das Licht“ weiterlesen