Richter und Retter

Offenbarung 14, 14 – 20

 14 Und ich sah, und siehe, eine weiße Wolke. Und auf der Wolke saß einer, der gleich war einem Menschensohn; der hatte eine goldene Krone auf seinem Haupt und in seiner Hand eine scharfe Sichel.

             Es kann kein Zweifel sein: der auf der Wolke ist der, der von sich selbst so oft sagt: der Menschensohn. Aber in dieser Schau ist er nicht mehr der, der sich verhüllt in die Knechtsgestalt, der die Kondeszendenz (H. Bezzel), das Herabsteigen, die Niedrigkeit Gottes in Person ist. Er trägt jetzt die goldene Krone, Zeichen seiner Hoheit. Das hat seinen Niederschlag im Nimbus, im Strahlenkranz um den Kopf gefunden, mit dem Jesus in der Kunst immer wieder dargestellt wird.  

             Er ist die Mitte dieser Schau: Zuvor fällt der Blick auf drei Engel, nach ihm wird er auf drei weitere Engel fallen. Aber jetzt in der Mitte: Er. Jesus Christus. „Zum ersten Mal erscheint die Gestalt Christi selbst.“(H. Lilje, aaO.; S.189)  In seiner Hand eine scharfe Sichel. Erntewerkzeug. Gerichtswerkzeug, weil die Ernte ja durch viele Texte das Bild für das Gericht ist.

 15 Und ein andrer Engel kam aus dem Tempel und rief dem, der auf der Wolke saß, mit großer Stimme zu: Setze deine Sichel an und ernte; denn die Zeit zu ernten ist gekommen, denn die Ernte der Erde ist reif geworden. 16 Und der auf der Wolke saß, setzte seine Sichel an die Erde und die Erde wurde abgeerntet.

             Es ist ein anderer Engel, der ihn anruft, der ihn zur Ernte ruft. Aus dem anderen Engel hat man ableiten wollen, dass der auf der Wolke, der wie ein Menschensohn, nicht Christus sein kann. Ich halte das nicht für stichhaltig. Es gibt, so weit ich sehen kann, keinen Beleg für die Verwendung des Ausdrucks „Menschensohn“ als eine Engelsbezeichnung. Dann bleibt nur die Folgerung: Hier wird „der Menschensohn“ als der erhöhte Christus, dem das Gericht anvertraut ist, geschaut.

Und er lässt sich zur Ernte rufen. Die Erde wurde abgeerntet. Er übernimmt die Aufgabe des Richters. „Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ sagen wir Sonntag für Sonntag. Hier hat dieses Bekenntnis einen Haftpunkt.

 17 Und ein andrer Engel kam aus dem Tempel im Himmel, der hatte ein scharfes Winzermesser. 18 Und ein andrer Engel kam vom Altar, der hatte Macht über das Feuer und rief dem, der das scharfe Messer hatte, mit großer Stimme zu: Setze dein scharfes Winzermesser an und schneide die Trauben am Weinstock der Erde, denn seine Beeren sind reif!

             Es wirkt wie eine Doppelung, aber mit anderen handelnden Personen und einer anderen Ernte. Ein Engel mit dem Winzermesser wird gerufen, um die Trauen am Weinstock der Erde zu ernten. Die Begründung: Sie sind reif.

            Es ist nicht eine zweifache Ernte, einmal durch den Menschensohn, dann durch den Engel, sondern ein zweifaches Bild für die eine Ernte, Kornernte und Weinernte. Vielleicht ein Rückgriff auf alte Prophetie: „Greift zur Sichel, denn die Ernte ist reif! Kommt und tretet, denn die Kelter ist voll, die Kufen laufen über.“ (Joel 4,13) Seine „Bibelkenntnis“ hilft dem Seher, diese Bilderflut, die über ihn hereinbricht, zu ordnen.

Um das zweite Bild zu deuten aber wird es gut sein, sich zu erinnern: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“ (Johannes 15, 1 – 2) In dieser Ernte geht es auch um die Gemeinde, um den Ertrag, der mit ihr gegeben ist, um „die hunderfältige Frucht.“(Markus 4,8)

 19 Und der Engel setzte sein Winzermesser an die Erde und schnitt die Trauben am Weinstock der Erde und warf sie in die große Kelter des Zornes Gottes. 20 Und die Kelter wurde draußen vor der Stadt getreten, und das Blut ging von der Kelter bis an die Zäume der Pferde, tausendsechshundert Stadien weit.

             Der Engel hört und erntet. Die Trauben kommen in die Kelter des Zornes Gottes. Erst hier wird aus dem Erntebild wirklich ein Gerichtsbild. Zuvor ist es Ernte. Und in der Ernte geht es um den Ertrag eines Jahres. Um die Frucht. Selbst das Bild von der Kelter ist ja erst einmal nur ein Erntebild. Aus der Kelter kommt der Saft heraus, der einmal Wein werden wird. Die Trauben werden zermahlen, zertreten, aber doch nicht im maßlosen Zorn, sondern um der zukünftigen Frucht willen.

Der Wein, der uns im Abendmahl gereicht wird, den wir trinken, ist zuvor durch die Kelter gegangen, zermahlen und zertreten worden. Christus ist dem Gericht Gottes unterworfen, damit dieses Gericht uns nicht mehr trifft. Für mich erinnert gerade die so überflüssig erscheinende Wendung draußen vor der Stadt an dieses Geschehen. Nicht ohne Grund. Christus stirbt draußen vor dem Tor (Hebräer 13,12), damit wir leben.

Man darf das Bild nicht schönreden. Wenn hier vom Gericht die Rede ist – daran ist für mich kein Zweifel –  dann ist das ein harter, erschreckender Vorgang. Aber der, der das Gericht vollzieht, treibt es nicht, um zu vernichten, sondern um in dieser Ernte Frucht zu gewinnen, Lebensertrag. Das ändert für mich in einer letzten Tiefe die Rede vom Gericht Gottes, gerade von diesem Bild der Ernte her.

 

Herr Jesus. Jeden Sonntag sagen wir: von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Du bist der, der das letzte Wort spricht, das Urteil, an dem unser Leben hängt. Du, gekommen als der Retter der Welt, wirst unser Richter sein. Darauf vertraue ich, dass Dein Richten ein Retten ist und wäre es auch wie durchs Feuer. Amen