Geborgen in Gott

Offenbarung 14, 6 – 13

6 Und ich sah einen andern Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern.

             Der Blick des Sehers und damit des Lesers wird nach oben gezogen. Ein anderer Engel – es werden weitere andere Engel folgen – durchquert den Himmel. Mit einer Botschaft für die Erde.  Er ruft ein ewiges Evangelium aus. Eine Freudenbotschaft für immer. Die allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern gilt. Das erinnert an den anderen Engel mit seinem Evangelium: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“(Lukas 2, 10-11) Was immer es an Botschaften, an Neuigkeiten, sonst in der Welt gibt, ausgerufen von wem auch immer – sie haben nicht diesen Ewigkeits-Bestand wie diese Botschaft.

  7 Und er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen!

             Die Aufforderung des Engels: Fürchtet, ehrt Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Es gibt auch eine Begründung für diesen Aufruf: Die Stunde seines Gerichts ist gekommen!  Ich lese  so: Die Zeit ist da, in der Gott die Welt neu ordnet, seine Ordnung vorantreibt. Für Gericht steht im Griechischen κρίσις. Unser Wort Krise hat darin seinen Ursprung. Es geht um eine Krise, durch die Gott die Welt führt, aber nicht mit dem Ziel, dass sie darin untergeht, sondern neu geordnet wird. 

 8 Und ein zweiter Engel folgte, der sprach: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Völker.

             Diese Neuordnung hat ihren Anfang im Sturz Babylons, der großen Stadt. Der Sturz der Weltmacht steht so sichtbar vor den Augen des Sehers, dass er schon jetzt, als Gegenwart, ausgerufen wird. Darum verbietet sich für mich eine Auslegung auf Rom hin. Das römische Reich hat weit über den Zeitpunkt hinaus Bestand, in dem der Seher seine Offenbarung empfängt.

Stimmig ist deshalb für mich ein Lesen, das sieht: Die Weltmächte mit ihren Ansprüchen auf ewigen Bestand, auf stetes Wachstum und immer zunehmenden Einfluss fallen – eine um die andere. Die Reiche dieser Welt haben alle keinen Ewigkeits-Bestand mit ihrer Macht. Und sie gehen alle an ihren inneren Widersprüchen zugrunde, an ihrer Hurerei, ihrer Vergötzung der eigene Macht. Es geht also nicht um die eine historisch greifbare Weltmacht, sondern um alle Weltmächte in ihren Wesen.

 9 Und ein dritter Engel folgte ihnen und sprach mit großer Stimme: Wenn jemand das Tier anbetet und sein Bild und nimmt das Zeichen an seine Stirn oder an seine Hand, 10 der wird von dem Wein des Zornes Gottes trinken, der unvermischt eingeschenkt ist in den Kelch seines Zorns, und er wird gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm. 11 Und der Rauch von ihrer Qual wird aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier anbeten und sein Bild und wer das Zeichen seines Namens annimmt.

             Die Botschaft des dritten Engels ist keine frohe Botschaft, sondern ein Drohwort. Gerichtet an die, die sich verführen lassen, die dem Tier folgen und sich von Gott abwenden. Allen Versprechungen zum Trotz ist der Weg in der Spur des Tieres eine Sackgasse, ein Irrweg. „Die Völker, die den Verführungen der Weltmacht erlegen sind, erfahren gerade darin das Verhängnis des Zornes Gottes.“ (H. Lilje aaO.; S.187)

             Wenn ich nach einem Beispiel für diese Worte suche, so lande ich fast wie von selbst beim Untergang des Dritten Reiches. Da hat sich die Verführung der Sehnsucht nach Größe und Macht und Stolz der Nation in einer dramatischen Kehre gegen sie gekehrt. Und sie mussten den Becher des Zornes bis auf den Grund leeren. Ein zerstörtes Land, seelische verstörte Menschen, eine verspielte Zukunft.

12 Hier ist Geduld der Heiligen! Hier sind, die da halten die Gebote Gottes und den Glauben an Jesus!

             Wieder der Zwischenruf des Sehers. Gefordert, um standzuhalten, ist die Geduld der Heiligen. Die Fähigkeit, unter schwierigen Bedingungen durchzuhalten, den langen Atem der Hoffnung zu bewahren. Diese Geduld findet ihre Innenseite im Glauben an Jesus und ihre Außenseite in der durchgehaltenen Orientierung an den Geboten Gottes. Der schlichte Gehorsam gegen die Weisungen Gottes lässt die Kraft zur Beständigkeit erstarken.

  13 Und ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihrer Mühsal; denn ihre Werke folgen ihnen nach.

             Die zweite Seligpreisung in der Offenbarung. Sie gilt denen, die in dem Herrn sterben von nun an. Nicht denen, die schon tot sind, die es hinter sich haben, denen die Schrecken der Zeit durch einen rechtzeitigen Tod erspart worden sind. Hier ist nicht die Rede von der „Gnade eins rechtzeitigen, frühen Todes“. Sondern die Seligpreisung gilt denen, die auch in ihrem Sterben in den Händen Gottes sind, sich in ihrem Sterben den Händen Gottes anvertrauen. Keiner von uns weiß ja, wann die Stunde seines Sterbens kommt, wie es sich anfühlen wird, wo der Tode ihn antritt. Darum ist es so wichtig: Nicht den eigenen Tod irgendwie „gestalten“ wollen, sondern sich im Leben und im Sterben in die Hände Gottes bergen.

Ich bin zögerlich, den folgenden Worten zuzustimmen: „Es ist eine starke und innerlich ganz gewisse Weise, in der hier zum Martyrium aufgerufen wird.“ (H. Lilje aaO. S.188) Ich höre keine Aufforderung, auch keine versteckte Aufforderung. Ich höre die Zusage: Sie sind aufgehoben. Ihr Leben wird nicht ins Nichts stürzen. Ihre Werke sind nicht vergeblich getan. Alles, was aus der Liebe und dem Glauben getan wird, bleibt und wird von Gott in Ewigkeit bewahrt.

So etwa lese ich diese Worte und bin erinnert an das Wort Jesu: „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (Lukas 10,20) Das muss und darf mir genügen, dass mein Name unauslöschlich im Himmel aufgeschrieben ist. Mit dem Namen bin ich selbst aufbewahrt. Was von meinem Tun in die „himmlische Ernte“ eingebracht wird, muss mich nicht mehr bekümmern. Das ist Gottes Sache, darüber zu urteilen.

 

Geborgen in den Händen Gottes, so wünsche ich mir mein Sterben. Ob ich zittern werde, ob ich Angst haben werde – Ich weiß es nicht.

Aber ich vertraue darauf, dass es zum seligen Sterben reicht, dass Du da bist, mein Gott und mich hältst. Amen