Keiner geht Dir verloren

Offenbarung 14, 1 – 5

1 Und ich sah, und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben auf ihrer Stirn.

Jetzt öffnet sich dem Seher eine neue Szene, eine neue Sicht. Nicht mehr die Welt als der Ort des Kampfes, sondern der Berg Zion steht ihm vor Augen. Berg der Hoffnungen Israels durch all die Jahrhunderte hindurch. „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen… Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ (Jesaja 2, 3) Und auf dem Berg das Lamm, Jesus Christus, und die, die zu dem Lamm gehören, die seinen Namen und den Namen seines Vaters auf ihrer Stirn tragen. Wenn man so will: Ein Heils-Tatoo.

Hundertvierundvierzigtausend. Keine absolute Zahl, sondern eine, die Vollkommenheit signalisiert. Zwölf mal Zwölf mal Tausend. Es ist der Irrtum ängstlicher Gemüter und eines angstbesetzten Denkens von Gott, diese Zahl als absolute Begrenzung zu lesen. „Trotz der Visionen in Kapitel 13 erscheint die Gemeinde nicht dezimiert und zerrieben, sondern als unvermindert und unverletzt.“ (A.Pohl, aaO., S.150) 

             Das Kinderlied mit seiner Kinder-Theologie hat unvergleichlich treffend zur Sprache gebracht, was hier als Glaubensgewissheit gesagt wird.

          Weißt du wieviel Sterne stehen an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du wieviel Wolken gehen weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet, daß ihm auch nicht eines fehlet,
an der ganzen großen Zahl.

             Weißt du, wieviel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf,
Dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen,
Kennt auch dich und hat dich lieb.               W. Hey 1837, EG 511

Christus verliert keinen von denen, die seinen Namen tragen. So sagt Jesus es, den der Seher als das Lamm sieht: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ (Johannes 10, 27-28) Ein Herzwort meines Glaubens.

 2 Und ich hörte eine Stimme vom Himmel wie die Stimme eines großen Wassers und wie die Stimme eines großen Donners, und die Stimme, die ich hörte, war wie von Harfenspielern, die auf ihren Harfen spielen. 3 Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Gestalten und den Ältesten; und niemand konnte das Lied lernen außer den hundertvierundvierzigtausend, die erkauft sind von der Erde.

             Aus dem Sehen wird, wie öfters in der Offenbarung Hören. Eine Stimme vom Himmel  – das kommt Bibellesenden vertraut vor. „Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach“ (Matthäus 3,17) Aber hier ist es, im Unterschied zur Taufe Jesu, nicht die Stimme Gottes, sondern es ist wie Sphärenmusik, Himmelsgesang. Ein neues Lied, das die hundertvierundvierzigtausend anstimmen. In der unverhüllten Gegenwart des Thrones. Keiner von den alten Hassgesängen der Welt. Dafür ist dort kein Platz mehr. Ein Lied, „dessen Lobpreis die himmlischen Räume erfüllt.“ (H. Lilje aaO.; S.183) Über alle Worte hinaus.

4 Diese sind’s, die sich mit Frauen nicht befleckt haben, denn sie sind jungfräulich; die folgen dem Lamm nach, wohin es geht.

             Das ist für den heutigen Leser irritierend, weil es leibfeindlich klingt. So, als wäre der Umgang mit einer Frau ein Ausschluss-Grund vom Heil, von der Vollendung. Richtig ist, Paulus hat in seiner Gemeinde geraten, im Blick auf die Härte der Zeiten sei es besser, ehelos zu bleiben. Er kann sagen: „Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“(1. Korinther 7, 7) Aber nirgends in der ganzen Schrift wird die Ehelosigkeit zur Voraussetzung für die endgültige und vollkommenen Zugehörigkeit zu Gottes Welt. So also auch hier nicht.

Dann bleibt, in meinen Augen nur eine Auslegung übrig. „Im Bild vom Ehebruch wird den auf dem Zion Geschauten bescheinigt, dass sie frei sind vom Götzendienst.“(A.Pohl, aaO.; S.153) Sie sind unbefleckt, sie haben das Bild des Tieres nicht angebetet. Wieder zeigt es sich, wie der Seher in seinen Bildern und seinem Sehen aus dem schöpft, was schon im Alten Testament bildgebend ist. Götzendienst als Bild des Ehebruchs, der verleugneten Treue zu Gott.

 Diese sind erkauft aus den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm, 5 und in ihrem Mund wurde kein Falsch gefunden; sie sind untadelig.

             Deutet das Wort Erstlinge auf eine nachfolgende größere Zahl hin? Christus ist der Erstling der Auferstehung. (1. Korinther 15,20) Beidemal wird das gleiche griechische Wort gebraucht: ἀπαρχὴ. Und so wie es bei Paulus der Anfang einer Bewegung ist, so wird es auch hier sein: Es geht im den Hundertvierundvierzigtausend um den Anfang, der schließlich im neuen Himmel und der neuen Erde  seine Vollendung findet.       

             „Sie sind Asketen; sie sind Märtyrer, die dem Lamm in den Bluttod gefolgt sind; sie sind treue Bekenner…“(H. Lilje, aaO. S.184) Was über sie gesagt wird, ist nicht Aufnahmebedingung. Sonst wäre ein Petrus, der verleugnet hat, nicht bei ihnen zu finden. Sie sind untadelig, weil Gott sie so sieht.

Einmal mehr lese ich einen Bibeltext angeleitet durch Martin Luther: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand. …. Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ ( 1518 in der Heidelberger Disputation – 28. These, zit. Nach Luther, Werke Deutsch, Bd. 1; Göttingen 1983, S. 393  )

 

Mein Gott, darauf traue ich, dass Dir niemand verloren geht, Du niemanden preisgibst. Darauf traue ich, dass uns keine Macht der Erde Deinen Händen entreißen kann.

Das wehrt allen Ängsten vor der eigenen Schwäche, vor dem Zweifel, dem Sich verrennen, vor der Schuld. Aller Angst auch um mein bisschen Glauben und Vertrauen.

Du hältst an uns fest. Und wir sind gehalten in Ewigkeit. Amen