Geduld und Glaube der Heiligen

Offenbarung 13, 1 – 10

1 Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. 2 Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen.

             Es ist eine Warnung, die es zu hören und zu achten gilt: „Kaum einem anderen Kapitel der Apokalypse ist durch eine eilfertige Vergegenwärtigung so viel Gewalt angetan wie diesem.“ (H. Lilje aaO.; S.171)

             Der Seher steht am Meer und sieht, wie sich aus dem Meer ein Tier erhebt, eine Bestie, furchterregend.  Zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen. Insignien der Macht, der Stärke. Es gibt geradezu alberne Deutungen wie die auf die EU. Es ist für mich aber  ziemlich sicher: Der Leser damals sieht darin die Macht des römischen Reiches charakterisiert, ohne dass das Bild darin aufgeht.

Dieses Tier setzt sich zusammen aus vielen Bildern – und erinnnert darin an die große Vision Daniels: „Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere. Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel genommen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben. Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friss viel Fleisch! Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben. Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.“ (Daniel 7,3-7) Diese Daniel-Vision zielt auf eine Abfolge von Weltreichen. Darin sind sich die Exegeten weithin einig.

Hier aber ist keine Abfolge. Hier sind die Eigenschaften aller Weltreiche in einem Tier vereinigt. Das ist wohl auch der Aussage-Sinn: Es geht um das Wesen der Weltreiche, das in diesem einen Tier sozusagen verdichtet ist, „grauenhaft zusammengefasst.“ (H. Lilje aaO. S.172) Mir scheint, darin liegt auch eine eher grundsätzliche Leseanweisung für das ganze Buch: Es geht nicht um geschichtliche Deutung, auch nicht um Geschichtsabfolge: Es geht um die Aufdeckung des Wesens der Geschichte und des Staates. Er kann, wenn er sich selbst absolut setzt, totalitär wird, zu so einem Tier entarten. 

 Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. 3 Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier, 4 und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?

             Hinter dem Tier steht der Drache. Er gibt ihm seine Kraft und Machtfülle. Für mich ist kein Zweifel: Das ist Anmaßung, wider-göttliche Anmaßung – und, ich gebrauche so ein Wort so gut wie nie: satanisch. „Der so Erscheinende erhält universale Macht, „exusia“, ein Begriff im 1. Jahrhundert für göttliche Vollmacht wie für staatliche Macht. Tatsächlich beansprucht Roma, die Göttin, Stadt und Staatsexekutive, im 1. Jahrhundert beides.“ (M. Karrer, aaO.; S.63)

             Was ist mit dem tödlich verwundeten Haupt, das heil wird? Zwei zeitgeschichtliche Deutungen sind möglich. Nach Neros Tod gibt es eine tiefe Staatskrise in Rom im Vier-Kaiser-Jahr“ 68/69, in der für einen Augenblick der Zusammenbruch des römischen Reiches möglich erscheint. Durch den Sieg im jüdischen Krieg erholt sich das Imperium aber rasch.

Die andere Deutung: Nach dem Selbstmord Neros in 68 kommen rasch Zweifel daran auf und es gibt die Erwartung, dass er wiederkehre, „nicht als römischer Besatzer, sondern als Roms Feind. Nero-Prätendenten traten auf, ein besonders wichtiger etwa zwanzig Jahre nach Neros frühem Tod.“ (M. Karrer, aaO.;  S. 64) 

             Wieder ist zum Verstehen über diesen Einzelaspekt hinaus ein Blick in die Evangelien hilfreich: „Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“(Matthäus 4,8-9) Das Tier erhält tatsächlich seine Macht von dem Drachen – in demn Worten des Evangeliums: vom Teufel – und es erfährt die Anbetung der ganzen Erde. In seiner Anbetung wird der Drache angebetet.

             Es ist die dämonische Umkehr des großen biblischen Hymnus. „HERR, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig ist?“(2. Mose 15,11) Darin wird deutlich: hier geht es nicht nur um einen menschlich überheblichen Staat, sondern hier ist die staatliche Macht im Blick, die sich anmaßt, an die Stelle Gottes zu treten, die ihm seine Macht, ἐξουσία, streitig macht.

Der Anspruch auf alle Macht im Himmel und auf Erden (Matthäus 28,19) ist ja der Anspruch Jesu. Dieser Anspruch steht im Konflikt mit dem Anspruch des Tieres, hinter dem der Drache steht. Genau darum geht der Kampf. Und er ist, allem zum Trotz, was auf Erden geschieht, schon entschieden.

  5 Und es wurde ihm ein Maul gegeben, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ihm wurde Macht gegeben, es zu tun zweiundvierzig Monate lang. 6 Und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen und sein Haus und die im Himmel wohnen. 7 Und ihm wurde Macht gegeben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und ihm wurde Macht gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen.

             Für eine „halbe Ewigkeit“, zweiundvierzig Monate, hat das Tier seine Macht. In dieser Zeit führt es einen „Propaganda-Krieg“ gegen die Heiligen. Und gewinnt. Das ist die bedrängende Erfahrung der Zeitgenossen des Sehers: Sie sind der staatlichen Macht schutzlos ausgeliefert. Die Verfolgungen unter Nero früher und unter Domitian toben sich aus und fordern ungezählte Opfer. Es gibt keinen Widerstand gegen sie.

 8 Und alle, die auf Erden wohnen, beten es an, deren Namen nicht vom Anfang der Welt an geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet ist.  

             Alle unterwerfen sich, fallen auf die Knie, beten die Macht dieses Tieres an. So groß ist die Ausstrahlungskraft, die von seiner Macht ausgeht. „Wo immer jemand im Sinn des ersten und zweiten Tieres handelt, da vermag er, Macht und Religion, Prophetie und Wissenschaft, zu vereinigen, da bringt er Menschen zum Staunen und da gewinnt er ihre religiösen Gefühle, da begeistert er die größten Köpfe seiner Zeit für sich, da verbindet er konträre gesellschaftliche Schichten und da vereinigt er verfeindete Völker. Alle, die sich gewonnen lassen, können leben und arbeiten und werden versorgt.“ (H. Frische, Visionen, die aufblicken lassen, Neuendettelsau 2008, S.141)

Es ist die Versuchung bis heute, die Macht des Staates zu überhöhen und zu glauben, dass in ihr das Heil gegeben sei. Ein Staat, der vergisst, dass er Grenzen hat, dass er eben nicht alles regeln darf, dass Anfang und Ende des Lebens nicht in seiner Hand liegen, der gerät in die Gefahr, dass er sich selbst zum Objekt der Anbetung macht. So ganz weit ist diese Gefahr auch in unseren aufgeklärten Tagen nicht entfernt: Manchmal erwartet auch nur die Gesellschaft als freiwillige Leistung, was früher der Staat in totalitärer Anwandlung gefordert hat. So sehe ich: Nicht mehr der Welteinheitsstaat, sondern die weltweite Einheitsgesellschaft steht drohend am Horizont. Und sie fordert Unterwerfung in der Form der Teilhabe. Immer und überall. Über twitter, facebook und, und, und….

Dieser Forderung nach Anbetung widerstehen, die um die wahre Anbetung wissen, deren Leben verankert ist im Lebensbuch des Lammes. Es ist mehr als ein routinemäßiges Zitieren: das geschlachtet ist. Das ist ja der Gegensatz: Hier das Lamm, das ohne weltliche Macht ist, sich selbst gibt, ans Kreuz geheftet ist – da das Tier mit allen Insignien und Zeichen weltlicher Macht und Gewalttat.

9 Hat jemand Ohren, der höre!

             Fast wortgleich heißt es am Ende mancher Gleichnisse Jesu. Sicher kein Zufall. Sondern die Aufforderung, sich festzumachen im Glauben. Die Worte zu Herzen nehmen. Die Zeichen der Zeit, auch wo sie ins Leiden weisen, verstehen. Sich nicht verführen lassen.

10 Wenn jemand ins Gefängnis soll, dann wird er ins Gefängnis kommen; wenn jemand mit dem Schwert getötet werden soll, dann wird er mit dem Schwert getötet werden. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen!

             Das hört sich fatalistisch an. Es kommt, wie es kommt. Oder, anders gesagt: „In den Zeiten des totalen Gerichtes bleibt nichts anders, als sich dem heiligen unabänderlichen Willen Gottes zu fügen.“ (H. Lilje aaO.; S.178) Es bleibt allerdings dennoch zu fragen: Vollzieht sich in solchen Wegen der Wille Gottes oder die Willkür des Staates? Wie tief ist aber dann der Heilswille Gottes verborgen!

               Wie weit entfernt sind diese Worte auch von der freundlichen Sicht eines Paulus auf den römischen Staat: „Vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst.“ (Römer 13,3-4) Johannes dagegen sieht „für seine Leser einen unausweichlichen Weg in das Martyrium. Es wäre falsche Rücksicht gewesen, sie darüber im Unklaren zu lassen.“  (A.Pohl, aaO., S.133) 

Genau in der Mitte des Buches: Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen! Keine Aufforderung. Eher eine Zusage:  Das, was ihr in solchen Zeit nötig habt, das wird euch zuwachsen. Gegeben werden. Von ihm, der überwunden hat.

 

Mein Gott, lehre Du uns. Öffne uns die Augen, dass wir Verführungen durchschauen. Öffne uns die Ohren, dass wir falsche Worte erkennen. Gib uns den Verstand alles zu prüfen, das Gute aber zu behalten. Öffne uns das Herz, dass wir Dich aufnehmen und so mit Dir verbunden werden, dass uns nichts von Dir trennen kann. Stärke uns den Glauben und die Geduld. Amen