Der Wut entzogen

Offenbarung 12, 13 – 18

  13 Und als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. 14 Und es wurden der Frau gegeben die zwei Flügel des großen Adlers, dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt werden sollte eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit fern von dem Angesicht der Schlange.

             Wieder wird ein neue Szene eingeblendet. Der Drache verfolgt die Frau. Er lässt nicht von ihr ab. Wenn er schon den Himmel verloren hat, so will er doch die Erde behaupten und auf ihr seine Macht. Darum gibt es keine Ruhe für die Gemeinde. Auch deshalb, weil sie für die Frau steht, die den Knaben geboren hatte. Das deckt auf: Die Feindschaft, die die Frau trifft, gilt dem Knaben – über das Bild hinaus: Die Feindschaft, die die Gemeinde trifft, gilt Jesus.

Die Gemeinde entgeht den Nachstellungen der Macht nicht. Aber sie wird ihnen entzogen, in die Wüste. Durch Adlersschwingen. So wie es von altersher in Israel gebetet wird:

Denn auf dich traut meine Seele,                                                                                         und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht,                                             bis das Unglück vorübergehe.                       Psalm 57,2

             Wieder ist es eine „halbe Ewigkeit“, die hier in den Zahlenangaben angedeutet wird. In dieser Zeit ist die Gemeinde bewahrt, gut aufgehoben. Sie wird ernährt am unwirtlichen Ort, so wie einst Elia am Bach Krit, von den Raben Gottes (1. Könige 17,2-6). Die Wüste – so lese ich, ist so ein Ort, an dem auch der Glaube der Gemeinde ernährt wird.

             „Der Kampf hat sein Maß. Die vielen Zahlenangaben der Apokalypse kommen in diesem Kapitel zu ihrem vollen Sinn. Ursprünglich nur aus überkommenen apokalyptischen Schemata übernommen, gewinnen sie ihre eigentliche Bedeutung. Alle Zeit ist Gottes Zeit, das gilt nie deutlicher als in der Endzeit.“(H. Lilje aaO.; S.169)

  15 Und die Schlange stieß aus ihrem Rachen Wasser aus wie einen Strom hinter der Frau her, um sie zu ersäufen. 16 Aber die Erde half der Frau und tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache ausstieß aus seinem Rachen.

Wie ein ohnmächtiger, überwältigender Wutausbruch liest es sich: Die Schlange stieß aus ihrem Rachen Wasser aus wie einen Strom hinter der Frau her, um sie zu ersäufen. Der Feind kommt mit aller seiner Macht nicht weiter. Auch deshalb nicht, weil sich  die Erde auftut. Es ist der trockene Wüstensand, der den Strom aufsaugt. Oder anders gesagt: Die Schöpfung verbündet sich mit der gefährdeten Gemeinde.

Auch das ist als Deutung möglich, dass es so eine Art „Wüstendasein der Jünger Jesu“ gibt. „Sie sind so namenlose, unbekannte Leute, dass sie völlig aus dem Leben verschwunden sind.Sie sind im öffentlichen Leben, in Handel und Industrie und in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen so ausgelöscht, dass die Polizeiorgane des Staates.. gar nicht mehr in der Lange sind, die versprengten, namenlosen Leute Jesu aufzuspüren.“ (E. Schnepel, aaO.  S.146) Untergetaucht. Für eine Kirche, für die Gemeinde in unserem Staat keine wirkliche Vorstellung. Eine Existenz im Verborgenen. Und doch hat es das im Lauf der jüngeren Kirchengeschichte ja wieder und wieder gegeben.

  17 Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu kämpfen gegen die Übrigen von ihrem Geschlecht, die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu. 18 Und er trat an den Strand des Meeres.

             Kein Wunder, dass der Zorn des Drachen wächst. Und wenn er schon nicht alle kriegen kann, dann doch die Übrigen. Es sind ja nicht alle Christen von der Bildfläche verschwunden. Immer wieder werden einige auffällig durch ihre Orientierung an Gottes Geboten und auch durch ihr Zeugnis. Sie haben das Zeugnis Jesu meint ja nicht nur: Jesus spricht für sie, sondern auch: Sie stehen für ihn in ihrem Glauben ein und werden so erkennbar, sichtbar.

Im Buch der Offenbarung tauchen solche Doppelwendungen häufiger auf. Sie verbinden mehr als einfache Begriffe miteinander. Sie machen in dieser Doppelung etwas vom Wesen des Lebens, des Glaubens, auch vom Wesen Gottes sichtbar.

 

In wie viel Not hast Du, unser Gott, Deine Kirche erhalten, sie bewahrt vor Irrwegen, bewahrt vor dem Verlust des Glaubens, vor dem Zugriff der Mächtigen.

In wie viel Not hast Du, unser Gott, einen neuen Weg aufgetan, den wir noch gar nicht sehen konnten.

Ich danke Dir, dass Du der bist, der in der Not da ist, ungerufen und unerwartet, einfach da. Amen