Kein Raum mehr für Anklagen

Offenbarung 12, 7 – 12

 7 Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, 8 und sie siegten nicht und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. 9 Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.

             Der Kampf auf der Erde hat seine Entsprechung im Kampf im Himmel. Dieser Kampf wird offensichtlich eröffnet durch Michael und seine Engel. Es ist kein Abwehrkampf unter Gleichen.  Es ist der Angriff der göttlichen Macht auf den Drachen und es ist eindeutig: Michael siegt. Der Drachen hat keinen Ort mehr im Himmel.

Was hier beschrieben wird, ist keine Aufforderung zum „heiligen Krieg.“ es ist eine Hintergrund-Deutung des Weltgeschehens. Es hat schon seine Bedeutung, dass hier nicht Menschen kämpfen, sondern Engel, Mächte und Gewalten (Römer 8, 38).  „Die Entscheidung über die Macht des Bösen fällt nicht auf eine innergeschichtliche Weise.Wie der Ursprung des Bösen, so greift auch seine Überwindung über den Rahmen der Geschichte hinaus.“ (H. Lilje aaO.; S.168)

             Mich erinnert diese Passage an ein Wort Jesu: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (Lukas 10,18) Auch da geht es um den Verlust des Ortes im Himmels. Er, der so viel Macht beansprucht, der sich aufspielt, als sei er der Herr der Welt, der Fürst der Welt, er wird hinausgeworfen.

             Es ist eine der wenigen Stellen in der Bibel, wo es ausführlicher um den Widersacher geht. Es ist eine Fülle an Namen, die ihm beigelegt wird, Spiegel seines schillernden Wesens, hinter dem er sich verbirgt. Paulus sagt von ihm: „Er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts.“ (2. Korinther 11,14)  Aber trotz dieser Fülle an Namen widersteht der Schreiber der Versuchung, so etwas wie eine „Satanslehre“ zu entwickeln. „Gottes Volk hat darauf zu achten, dass es ihm diese Ehre nicht antut.“(A.Pohl, aaO., S.104)   

 10 Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.

             Das, worauf es in diesem Bild ankommt: Der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. Mit diesen Worten wird zurückgegriffen auf biblisches Wissen. Der Verkläger – das ist ja die Rolle, die Satan spielt: „Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne1 kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen. Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. Der HERR sprach zum Satan: Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?“ (Hiob 1, 6-9) Der Verkläger ist der, der unermüdlich einklagt, dass Menschen Gott die Ehre schuldig bleiben, den Gehorsam, die Liebe. Er kann nur das, hat nur diese eine Wesensäußerung: Verklagen. Tag und Nacht.

Es mag ein winziger Hinweis sein. Wieder hört der Seher eine große Stimme. Wie ganz am Anfang des Buches in seiner Berufungs-Vision (1,10). Die gleiche große Stimme, die von Jesus am Kreuz (Matthäus 27,50) gesagt wird. Dann ist es seine Stimme, die des Erlösers, des Retters, die sagt, dass der Verkläger keine Stimme mehr hat vor dem Thron Gottes.

Für die Gemeinde, für die Johannes schreibt, ist das eine starke Botschaft. Sie erleben das ja oft genug, wie sie verklagt werden, beschuldigt, vor Gericht gezerrt. Und nun die Botschaft: Da, wo das letzte Wort gesprochen wird, gibt es keinen Vertreter der Anklage mehr.

Ein Teufel, ein Satan, der verführt, der trickst, der täuscht, ist schlimm genug. Aber er ist nicht das oder der, der am Ende furchtbar ist. Einer, der mit Fug und Recht anklagend vor Gott sagen könnte: Sieh ihn an – so ist er: Den müsste ich wirklich fürchten. Aber das kann er nicht mehr. Er hat seinen Ort vor Gott verloren. „In der Michael-Szenen-folge wird er aus dem Himmel gestürzt und verliert dadurch alle Handlungsfähigkeit in Gottes und Christi heiligem Thron-Raum.“ (M. Karrer, aaO.; S.53)  – und alle seinen dienstbaren Geister mit ihm. In irdischer Konsequenz heißt das: Wir als Christen und Christinnen sollen auch aufhören, Verkläger unserer Brüder und Schwestern zu sein. Keine vernichtende Wahrheit mehr! Nur noch: alles zum Besten kehren, Gutes reden, unsere Stimme dem Fürsprecher leihen.

  11 Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis hin zum Tod. 12 Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen! Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat.

             Jetzt wendet sich der Blick aus dem Himmel auf die Erde, auf die Wirklichkeit der Gemeinde. Auch ihr Weg ist ein „Kampfweg – das zeigt schon das Wort „Überwunden“. „Gesiegt“ steht da im griechischen Text: ἐνίκησαν. Das Wort kennen wir als Markenzeichen: Nike. Sieg. Aber es ist eine merkwürdige Art Sieg: durch des Lammes Blut und durch die Hingabe des eigenen Lebens.

Diese Worte blicken ganz offensichtlich auf Märtyrer um des Glaubens willen. Aber es sind Menschen, die niemand mit in den Tod reißen, die nicht Gewalt üben, die nicht eine himmlische Zukunft mit Gewalt an sich reißen wollen und dafür den eigenen Tod in Kauf nehmen. Sie haben ihr Leben nicht geliebt bis hin zum Tod.

             Es liegt nahe, hier an ein Wort Jesu zu erinnern: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.  Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.“ (Lukas 9, 23-24) Genau diese Haltung wird hier als der „Lebensstil“ der Märtyrer beschrieben. Das ist alles andere als eine „fast wilde Freude am Martyrium“. (W. Bousset, zit. nach A.Pohl, aaO., S.110) Es ist die Hingabe, die in Jesus ihr Ein und Alles gefunden hat, die Liebe, die sich bis zum Äußersten (Johannes 12,1) schenkt und dadurch auch eine Hingabe bis zum Äußersten möglich werden lässt.

Es bleibt der nüchterne Blick: Diese himmlische Wirklichkeit hat noch keine Entsprechung auf der Erde. Da ist der Weg noch nicht am Ziel. Da toben sich die Gewalten noch aus. Auch wenn der Sieg im Himmel schon errungen ist und die Zeit des Bösen abgelaufen.

Was ist das für eine Befreiung – die Bedrängnisse der Welt nicht als eine einzige Eskalations-Spirale zu sehen, sondern es zu glauben: das sind nur die letzten Zuckungen. Die Zukunft aber wird eine andere sein. In der Wirklichkeit Gottes, in der der Jubel schon angestimmt wird und die Wohnungen schon bereitet sind.

 

Mein Gott, vor Deinem Thron ist kein Raum mehr für Anklagen, nur noch für die Fürsprache, für den Fürsprecher. Schweigen müssen alle Stimmen, die zu Recht sagen könnten, was fehlt, falsch war, versäumt, Schuld.

Vor Deinem Thron ist nur noch eine Stimme. Die Stimme des liebenden Christus, der in seiner Liebe bis zum Äußersten geht. Deine Stimme. Amen