Bewahrt

Offenbarung 12, 1 -6

1 Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.

             Ein großes Zeichen am Himmel. Ein Zeichen, σημεῖον, ist mehr als nur ein Bild, ein Eindruck. Das Zeichen weist über sich selbst hinaus. Ein Licht im Dunkel. Eine Frau, mit der Sonne bekleidet. Etwas, was unser Begreifen übersteigt. „HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast.“ (Psalm 104, 1 – 2) sagt der Beter von Gott. Hier sieht Johannes „die Himmelskönigin“ (H. Lilje, aaO. S.159) im Schmuck ihrer Majestät.

Wer ist diese Frau? Oder anders gefragt: Für wen steht sie? Soviel steht allein durch das Wort groß schon fest: Was hier von Johannes gesehen wird, ist keine Nebensächlichkeit.

 2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.

             Es gibt einen Text, der diesen Worten nahe steht: „Ehe sie Wehen bekommt, hat sie geboren; ehe sie in Kindsnöte kommt, ist sie eines Knaben genesen. Wer hat solches je gehört? Wer hat solches je gesehen? Ward ein Land an “einem” Tage geboren? Ist ein Volk auf einmal zur Welt gekommen? Kaum in Wehen, hat Zion schon ihre Kinder geboren.“ (Jesaja 66, 6 – 8) Da ist es die Tochter Zion, die gebiert, unter Schmerzen. Das legt es nahe: Diese Frau, Himmelskönigin, ist ein Bild in dieser Parallele, für das Gottesvolk. „Mit den vielen Kindern, die sie geboren hat (12,17), und dem einen, einzigartigen Sohn erkennt der Leser, die Leserin in ihr das Gottesvolk, zu dessen Samen (so 12,17 genauer für Nachkommen) er/sie gehört.“ (M. Karrer, aaO.  S.51) 

 3 Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, 4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde.

             Diese Frau ist nicht das einzige Zeichen, das der Seher sieht. Ein großer, roter Drache ist das andere Zeichen. Er ist machtvoll. „Die sieben Häupter sprechen aus, dass ihm eine konzentrierte Intelligenz zu eigen ist, dass er über unheimliche geistige Fähigkeiten verfügt.“ (E. Schnepel, aaO. S.137) Es geht nicht um Einzelzüge, wohl auch nicht um eine allzu exakte zeitgeschichtliche Deutung. Auch nicht lediglich darum, die Gleichsetzung zu vollziehen: Drache = Satan. Der Drache ist der Gegenspieler der Frau – das genügt. 

 Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße. 5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.

             Jetzt erreicht die Dramatik der Szene ihren Höhepunkt. Vor der Frau, die im Begriff steht zu gebären, baut sich der Drache auf. Er will ihr Kind. Nichts Machtloseres, Ausgelieferteres ist ja vorstellbar als ein neugeborenes Kind. Ein Neugeborenes ist der Inbegriff der Ohnmacht.

             Gleich, was über diesen neugeborenen Knaben gesagt wird. Durch das, was über ihn gesagt wird, ist aber klar: Das ist der Christus, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. In diesen Worten wird Psalm 2 zitiert:

Ich  will dir Völker zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum.                    Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen…                   Psalm 2,8-9

Auf den ersten Blick mag man dann an die Erzählung vom bethlehemitischen Kindermord denken und die Geburt Jesu, die in Armut und Flucht geschieht. Aber ich finde auch den anderen Gedanken erwägenswert: „Das Geschehen wird dargestellt unter dem Bild der Neugeburt des Sohnes, der diesmal nicht als der Retter der Welt, sondern als ihr Richter kommt. Hieran wird deutlich, dass es sich nicht um die erste Geburt Jesu handelt, sondern um seine „zweite Geburt“ als der, der wiederkommt zu richten die Lebendigen und die Toten.“ (E. Schnepel, aaO.  S.139)

               Aber dieser Knabe, neu geboren, wird entrückt. Ἡρπάσθη. Weggenommen, hinauf gehoben, “was caught up to God“( King James Bible). „geraubt“ könnten man auch sagen. Dieses so völlig ohnmächtge Kind wird dem Zugriff des Drachen entzogen und an den Ort gebracht, von dem der Seher weiß: das ist das Zentrum aller Macht im Himmel und auf Erden. Der Thron Gottes.

  6 Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertundsechzig Tage.

             Die Frau aber entflieht. Als Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. in den Krieg gegen Titus verwickelt ist und der Ring der Belagerung sich um die Stadt schließt, ist zuvor die junge christliche Gemeinde aus der Stadt geflohen. In die Wüste. „Die letzte Nachricht über die Gemeinde vor dem Krieg (Euseb, Kirchengeschichte III 5) besagt, dass sie vor dem Ausbruch des Krieges aufgrund einer Offenbarung die Stadt verließ und nach Pella, einer hellenistischen Stadt im Ostjordanland, übersiedelte.“( H.Conzelmann, Geschichte des Urchristentums, NTD Erg. 5; Göttingen 1971, S. 94) Steht das als lebendige Erfahrung von Bewahrung vor dem Untergang hinter diesen Worten?

Es mag aber auch sein, dass sich hier alte Erinnerungen aus dem Glaubenschatz Israels wieder melden. „Darum siehe, ich will sie locken und will sie in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden. Dann will ich ihr von dorther ihre Weinberge geben und das Tal Achor zum Tor der Hoffnung machen. Und dorthin wird sie willig folgen wie zur Zeit ihrer Jugend, als sie aus Ägyptenland zog.“ (Hosea 1, 16-17) In dieser Sicht ist die Wüste kein Todesort, auch nicht nur Zufluchtsort in höchster Not, sondern der Ort der ersten Liebe. Der Ort, an dem das Volk Gottes ganz geborgen ist in der Obhut seines Gottes.

Auf diese Bergung deutet die Tageszahl: tausendzweihundertundsechzig Tage. 42 Monate, dreieinhalb Jahre. Das ist „eine halbe Ewigkeit“.  Mehr Bergung gibt es in der Weltzeit nicht.

Wer ist die Frau, die gebären soll? Wofür steht sie? Ich gebe ihr einen Namen: Maria. Aber: „Diese Maria steht nie nur für die Mutter Jesu, sondern zugleich für Maria, die Mutter oder Bezugsperson der Gemeinde.“ (M. Karrer, aaO.; S.54) In der evangelischen Kirche Einartshausen, in der ich Gottesdienst mit-feiere und  manchmal predigen darf, steht eine kleine Marien-Statue. Nicht im Sonnenmantel, aber auf der Mondkugel. Eine Einladung zum Glauben.  

             Es ist mit Maria so ähnlich wie mit der Tochter Zion. Sie ist nicht nur eine konkrete Gestalt, sondern eine Gestalt, die für ein „Kollektiv“ steht. So „ist“ diese Maria in diesen Versen beides – die Mutter des Herrn Jesus und sie steht für die glaubende Gemeinde.

 

Es ist mir ein großer Trost, mein Gott: Der altböse Feind hat keinen Zugriff. Die Gemeinde steht unter Deinem Schutz. Du nährst sie, birgst sie, hütest sie.

Wir müssen nicht selbst groß und stark sein, mächtig als Kirche, wehrhaft. Es genügt, dass Du uns in Deine Obhut nimmst. Amen