Die Hände, die das Weltall tragen

Offenbarung 1, 1 – 8

1 Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan, 2 der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat.

             Offenbar wird Jesus Christus. Und durch ihn wird sichtbar, was in Kürze geschehen soll. Aber der Ton liegt darauf, dass er offenbar wird. Erkennbar als der Herr. Und ich denke, dass das bedeutet: Wir als Leserinnen und Leser sollen auf ihn schauen lernen, mehr als auf die Ereignisse, die kommen. Mehr als auf die Mächte, die drohen und sich aufspielen.

Ich werde erinnert an die Erzählung aus dem Evangelium: „Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!“ (Matthäus 14,28-30) In allen Schrecken der Zeit Jesus nicht aus den Augen verlieren – das ist es, was die Eingangsworte nahelegen.

Der Schreiber des Buches, Johannes, bezeichnet sich selbst als Knecht und schließt sich zusammen mit seinen anderen Knechten, die gleichfalls Offenbarungen empfangen. Seine Autorität begründet sich ausschließlich in dem, dass er ein Empfangender ist. Gott hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan. Sie – diese Offenbarung. Ἀποκάλυψις – Apokalypse steht da und es löst beim heutigen Leser sofort Phantasien aus, zumeist Schreckensbilder. Aber es geht zuerst schlicht um Enthüllung, Sichtbar-werden.

Der so diese Enthüllung, Offenbarung empfängt, hat sich zuvor bewährt als einer, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat. Der sich treu erwiesen hat in seinem Reden, in seinem Einstehen für Christus. „Er bringt nicht eigene Verkündigung, sondern das, was Gott ihm aufgetragen hat. Dadurch allein ist seine Prophetie legitimiert.“ (H. Lilje, Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 46)

 3 Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.

             Das ist die erste von insgesamt sieben Seligpreisungen, die diese Buch durchziehen. Eine, die wie ein gottesdienstlich gesprochenes Wort klingt, an den Satz nach der Schriftlesung erinnert : „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Zugleich ein erster, kleiner Hinweis: Unser Gottesdienst heute ist liturgisch vielfach geprägt durch Worte der Offenbarung.

Formuliert wird die Gewissheit: Diese Worte helfen zur Seligkeit. Zur Festigkeit im Glauben, zur Beständigkeit. Sie machen widerstandsfähig.

4 Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, 5 und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut 6 und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

             Das liest sich wie ein Briefanfang. Selbstvorstellung, Segensworte, Nennung der Adressaten, Dankgebet. Elemente, die zu einem Brief damals dazu gehören, die wir in den Briefen des Paulus so auch wiederfinden. Johannes, der hier schreibt, stellt sich nicht weiter vor. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass er bekannt ist, eine Persönlichkeit, die darauf verzichten kann, sich durch Zusätze zu identifizieren und zu legitimieren. Es reicht:  Knecht, δοῦλος ich ergänze: Jesu Christi. So stellt sich ja auch Paulus vor:  δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ (Römer 1,1).

Schon in diesem Auftakt zeigt sich die Grundüberzeugung des ganzen Buches: Hier meldet sich durch die Worte des Johannes hindurch der zu Wort, in dem Frieden ist, der da ist und der da war und der da kommt. Das knüpft an jüdische Formulierungen an, die in der Scheu vor dem Aussprechen des Gottesnamens ganz ähnlich reden.

Und wird Gott so dreifach beschrieben, geht es auch bei Jesus in einer dreifachen Beschreibung weiter: der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden. Das sind nicht nur Aussagen über Jesus, sondern gleichzeitig Hoffnungsinhalte für die Christen, an die das Buch gerichtet ist: Sie sollen treue Zeugen sein, sie dürfen sich halten an den, der als Erster die Schar der Auferstehung anführt und sie gehören zu dem, der der Herr aller ist. Keine Macht der Erde wird ihm standhalten können. „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28, 18) sagt der Auferstandene.

Diese Macht zeigt sich darin, dass er uns liebt und erlöst, zeigt sich in seiner Hingabe am Kreuz. Es ist ein Reden, das von Anfang an deutlich macht: Hier wird nicht nur Himmel verhandelt. Sondern in allem Reden über Gott, über Jesus, wird davon geredet, wer, was wir als Christen sind. Es gibt für die Offenbarung kein Zeugnis über die himmlische und göttliche Wirklichkeit, das nicht zugleich auch in Blick nimmt, was das für die Christen als Lebenswirklichkeit, als Existenz bedeutet.

Diese Beschreibungen haben ihren Zielpunkt darin, dass sie zum Lobpreis überführen. Die der Schreiber anredet, sollen mit ihm einstimmen in das Lob. Dazu sind sie berufen. Sie, die Jesus  zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater. Sagt der Seher von denen, deren Lebenswirklichkeit er doch kennt: Sie werden gejagt, unterdrückt, angefeindet. Aber das ist „nur“ die eine Seite der Wirklichkeit. Die Andere, vor Gott: Könige und Priester.

7 Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.

             Er – das ist Jesus. So wie er „in der Wolke hinweggenommen worden ist“ (Apostelgeschichte 1,)) so kommt er mit den Wolken. Alle werden ihn sehen. Es ist typisch für diesen Seher, dass er hier  Worte aus Sacharja (12, 10.14) zitiert. Er schöpft in so vielen Wendungen aus den Schriften des Alten Testamentes.

 8 Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.

             Ein Ich-bin-Wort Gottes. Es erinnert an die Ich-bin-Worte des Johannes-Evangeliums. Aber hier hat der das Wort, der im Himmel ist, sich aus dem Himmel zu Wort meldet. Der die Zeit in Händen hat, ihr Ursprung ist, ihr Ziel. Fast wie von selbst gerate ich beim Nachsprechen in eine Sprache, die nicht mehr erklärt, sondern staunt, sich dem Beten nähert.

            „Seit den Tagen der Propheten war nie mehr eine „Raunung Jahves“ neu formuliert; nun ist wieder ein Prophet des Herren da, darum kann es aufs Neue heißen: So spricht der Herr.“  (H. Lilje  aaO. S. 51)

Das letzte Wort: Der Allmächtige. ὁ παντοκράτωρ. Pantokrator. Die biblischen Schriften gehen sparsam mit diesem Wort um. Paulus verwendet es ein einziges Mal. In der Offenbarung wird es neunmal gebraucht. Es eignet sich nicht als abstraktes Gottes-Prädikat. Es ist ein Wort voller Staunen, voller Hoffnung auch: Diese Welt, in der es so viel Schmerz gibt, so viel Leid, so viel Unrecht, so viel Dunkel ist doch die Welt, die er umspannt, der Alpha und Omega ist, Anfang und Ende. Das lässt hoffen.

„Die Hände, die das Weltall tragen,                                                                                           sie tragen dich, o Menschenkind,                                                                                           wie solltest du im Staub verzagen,                                                                                           wo Staub und All durch ihn nur sind?“          H. Hümmer

 

Du Herr der Welt, in Deinen Händen sind wir geborgen, aufgehoben. Du sprichst zu uns aus der Höhe des Himmels, zeigst Dich als der, in dessen Händen die Welt ist, aufgehoben in ihren tausend Ängsten.

Du willst uns leiten, den Weg weisen, helfen, dass wir in unserer Zeit Glauben leben, das Vertrauen auf Dich uns trägt. Amen