Ein geweiteter Horizont

Esther 9, 29 – 10,3

29 Und die Königin Ester, die Tochter Abihails, und Mordechai, der Jude, schrieben mit ganzem Ernst ein zweites Schreiben über das Purimfest, um es zu bestätigen. 30 Und man sandte die Schreiben allen Juden in den 127 Ländern des Königreichs des Ahasveros mit Grußworten des Friedens und der Treue: 31 dass sie annähmen die Purimtage auf ihre bestimmte Zeit, wie sie Mordechai, der Jude, und die Königin Ester für sie festgesetzt hatten und wie sie für sich selbst und für ihre Nachkommen die Einsetzung der Fasten und ihrer Klage festgesetzt hatten. 32 Und der Befehl der Ester bestätigte die Einsetzung dieser Purimtage. Und es wurde in ein Buch geschrieben.

             Nur eine Wiederholung? Nur das Versehen des Schreibers, der nicht merkt, dass er doch schon alles gesagt hat? Inhaltlich kommt in der Tat kaum etwas Neues. Wenn man überliest, dass in diesem zweiten Schreiben das Fasten und die Klage ausdrücklich benannt werden. Das ist der dunkle Hintergrund der Freude. Purim ist nicht nur das Fest ausgelassener Freude und liebevoller Geschenke. Es ist eben auch das Fest der Erinnerung an die Gefährdung des Volkes, an die schon angestimmte Totenklage, an das Fasten in letzter Verzweiflung, um Klarheit für die nächsten Schritte zu erlangen.

Vielleicht ist dieses zweite Schreiben ja auch nötig, weil es nicht so leicht war, das Purimfest  zu etablieren. Nicht alle werden es von Anfang an gemocht haben. „Vielleicht sind die Diskussionen im Talmud, ob Purim überhaupt biblisch begründet sei, ein spätes Echo dieser Opposition.“ (G. Maier, aaO.; S. 144)  All diesen Skeptikern wird der Befehl der Ester entgegen gestellt. Ihre Autorität ist durch das Buch, in das geschrieben wurde, unbezweifelbar. Gemeint ist damit wohl nicht das Esther-Buch selbst, sondern eine andere Schrift. Vielleicht eine Chronik der Perser. 

 1 Und der König Ahasveros legte eine Steuer aufs Land und auf die Inseln im Meer. 2 Aber alle Taten seiner Herrschaft und Macht und die große Herrlichkeit Mordechais, die ihm der König gab, siehe, das ist geschrieben in der Chronik der Könige von Medien und Persien. 3 Denn Mordechai, der Jude, war der Erste nach dem König Ahasveros und groß unter den Juden und beliebt unter der Menge seiner Brüder, weil er für sein Volk Gutes suchte und redete, was seinem ganzen Geschlecht zum Besten diente.

             In den wenigen Schluss-Worten wandelt sich der Stil des Erzählers und auch sein Blickwinkel. Jetzt ist er Geschichtsschreiber. Wenn man so will: Historiker. Noch einmal wird Ahasveros ins Bild gerückt. Er ist ja der, der trotz allem das Sagen hat. Er ist der, menschlich gesprochen, der Mordechai groß macht, erhöht. Und Mordechai erscheint in diesen Worten wie ein zweiter Joseph. Ihm wird vom König die Ausübung der Herrschaft anvertraut. Und ihm fliegt die Liebe seiner Brüder zu, gemeint sind wohl die Juden, weil er für sein Volk Gutes suchte und redete, was seinem ganzen Geschlecht zum Besten diente.

Ob man so weit gehen darf oder muss, wie die folgenden Worte, ist mir fraglich: „Ester und Mordechai sind nicht der fleischgewordene Gott. Um sie so zu bezeichnen, müsste man zumindest das Wort „Gott“ aussprechen. Aber sie kommen einer Inkarnation von Gottes erlösendem Handeln sehr nahe. Für die Juden unter Ahasveros tun sie das, was der Herr für Israel unter Pharao getan hat.“ (J. Miles, Gott. Eine Biographie, München 1995, S. 417)

            Das ist eingestandenermaßen sehr extrem, erklärt aber vielleicht, warum dieses so wenig fromme Buch in der Bibel “gelandet“ ist. Esther ist eine Rettungserzählung, die der Auszugs-Erzählung als Rettungserzählung nahe kommt. Und sie stellt das Handeln der Menschen n den Vordergrund, ohne freilich – das unterscheidet sich mein Lesen von Jack Miles – zu vergessen, dass Gott im Hintergrund beteiligt ist. Leicht zu übersehen, leicht zu vergessen, aber doch da.

Man könnte die Worte Josephs nach dem Tod des Erzvaters Jakob wie einen Kommentar zum Aufstieg des Mordechai nehmen, aber diesmal nicht an die angstvollen Brüder gerichtet, sondern verallgemeinert: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“(1. Mose 50,20) Aber so ausdrücklich von Gottes guter Fügung zu reden, ist nicht die Art des Esther-Buches.

            Denk nicht in deiner Drangsalshitze, daß du von Gott verlassen seyst
Und daß Gott der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glükke speist.
Die Folgezeit verändert viel und setzet Jeglichem sein Ziel.                                                            P. Gerhard 1659

Seltsam genug: In diesem Schlussworten ist die Namensgeberin des Buches, Königin Esther, kein Thema mehr.

 

Am Ende, mein Gott, steht nur dieses Eine, dass der Weg Deines Volkes noch nicht zu Ende ist, dass es noch Gutes auf dem Weg gibt, das getan werden will, gelebt werden soll, das Du schenken willst durch Menschenhand hindurch.

Am Ende leuchtet das große Ziel auf, ungesagt, aber deutlich: Alles muss gut werden für Dein Volk, wenn Dein Reich vollendet wird. Auf Erden wie im Himmel. Amen