Ein Gemetzel

Esther 9, 1 – 19

1 Im zwölften Monat, das ist der Monat Adar, am dreizehnten Tage, als des Königs Wort und Gesetz ausgeführt werden sollte, eben an dem Tage, als die Feinde der Juden hofften, sie zu überwältigen, und sich’s wandte, dass nun die Juden ihre Feinde überwältigen sollten, 2 da versammelten sich die Juden in ihren Städten in allen Ländern des Königs Ahasveros, um Hand anzulegen an die, die ihnen übel wollten. Und niemand konnte ihnen widerstehen; denn die Furcht vor ihnen war über alle Völker gekommen.

             Die Zeit vergeht. Elf Monat lang gibt es nichts Neues zu erzählen. Aber als der Tag gekommen ist, der dreizehnte Tag im zwölften Monat, sammeln sich die Juden zur Abwehr. Bis dahin aber: lähmende Stille oder alles geht seinen Gang. Dann aber: So wehrhaft treten die Juden ihren Widersachern entgegen, dass es kein Widerstehen gibt.

  3 Auch alle Obersten in den Ländern und die Fürsten und Statthalter und Amtleute des Königs halfen den Juden; denn die Furcht vor Mordechai war über sie gekommen. 4 Denn Mordechai war groß am Hof des Königs und die Kunde von ihm erscholl in allen Ländern, wie er immer mächtiger werde. 5 So schlugen die Juden alle ihre Feinde mit dem Schwert und töteten und brachten um und taten nach ihrem Gefallen an denen, die ihnen Feind waren. 6 Und in der Festung Susa töteten und brachten die Juden um fünfhundert Mann. 7 Dazu töteten sie Parschandata, Dalfon, Aspata, 8 Porata, Adalja, Aridata, 9 Parmaschta, Arisai, Aridai und Wajesata, 10 die zehn Söhne Hamans, des Sohnes Hammedatas, des Judenfeindes. Aber an die Güter legten sie ihre Hände nicht.

             Ein richtiger Bürgerkrieg ist das nicht. Eher so etwas wie die Bartholomäus-Nacht in Frankreich (23. zum 24. August 1572) Eine Gemetzel, das von oben her geduldet, ja gefördert ist. So stark ist Mordechai  inzwischen am Hof, dass alle Obersten in den Ländern und die Fürsten und Statthalter und Amtleute des Königs seinen Leuten zur Seite stehen. Selbst vor der königlichen Festung Susa macht das Töten nicht halt. Bei dieser Gelegenheit werden auch alle Söhne Hamans zur Seite gebracht.

Es scheint, dass dem Erzähler daran liegt: Diese Aktion dient nicht der Bereicherung. Am Besitz der Getöteten vergreift man sich nicht. Wie anders war das von Haman geplant. Wie anders laufen solche Aktionen auch zu anderen Zeiten ab. Die Staatskasse profitiert gerne von der Eliminierung derer, die auf eine schwarze Liste geraten sind. 

  11 Zu derselben Zeit kam die Zahl der Getöteten in der Festung Susa vor den König. 12 Und der König sprach zu der Königin Ester: Die Juden haben in der Festung Susa fünfhundert Mann getötet und umgebracht, auch die zehn Söhne Hamans; was werden sie getan haben in den andern Ländern des Königs? Was bittest du, dass man dir’s gebe? Und was begehrst du mehr, dass man’s tue? 13 Ester sprach: Gefällt’s dem König, so lasse er auch morgen die Juden in Susa tun nach dem Gesetz für den heutigen Tag, aber die zehn Söhne Hamans soll man an den Galgen hängen. 14 Und der König befahl, so zu tun. Und das Gesetz wurde zu Susa gegeben, und die zehn Söhne Hamans wurden gehängt.

             Die Meldungen über das Geschehen kommen zum König. Er nimmt sie zur Kenntnis und fragt bei Esther nach: Was begehrst du mehr, dass man’s tue? Das könnte man so lesen: Isz es jetzt genug? Esthers Antwort: Noch einen Tag lass geschehen, was geschieht. Und Hamans Söhne sollen gehängt werden. Nachdem zuvor schön erzählt worden ist, dass sie getötet wurden, muss das heißen: Ihre Leichname werden zur Schau gestellt. Vergleichbar dem Vorgehen der Feinde Sauls: „Da hieben sie ihm sein Haupt ab und nahmen ihm seine Rüstung ab und sandten sie im Philisterland umher, um es zu verkünden im Hause ihrer Götzen und unter dem Volk.“(1. Samuel 31,9) Im Orient – und nicht nur dort – ist man in Kriegen nicht sonderlich feinfühlig im Umgang mit gefallenen Gegnern.

 15 Und die Juden in Susa versammelten sich auch am vierzehnten Tage des Monats Adar und töteten in Susa dreihundert Mann; aber an ihre Güter legten sie die Hände nicht. 16 Auch die andern Juden in den Ländern des Königs kamen zusammen, um ihr Leben zu verteidigen und sich vor ihren Feinden Ruhe zu verschaffen, und töteten fünfundsiebzigtausend von ihren Feinden; aber an die Güter legten sie die Hände nicht.

             Das Töten geht also noch einen Tag weiter. Esther hat nicht um Gnade für die Feinde gebeten. Darf man ihr das vorwerfen? Oder muss man sie darüber verteidigen? „Sollten sie (Esther und die Juden) nicht Barmherzigkeit üben? Diese scheinbar berechtigte Frage übersieht, dass Israel unter den Bedingungen einer gefallenen Welt als Volk überleben musste.“(G. Maier, aaO.; S. 135) Aber vielleicht sind ja sowohl der Vorwurf als auch die Verteidigung völlig daneben. Der Erzähler erzählt und er urteilt nicht: So geht es in der Welt zu. Und wir, die Leser, müssen uns in dieser Welt zurechtfinden. Nicht, ob Esther richtig oder falsch lag, ist unser Thema: wie wir in einer ähnlichen Situation handeln könnten, ist die Frage, die vor uns steht.

Im Übrigen: „Der Bericht ist kurz, ohne Gefühl, ohne Beschreibung der Einzelheiten: nur ein Datum, die Taten, eine Zahl.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 401) Wenn man so will: eine dpa-Meldung.

17 Das geschah am dreizehnten Tage des Monats Adar und sie ruhten am vierzehnten Tage desselben Monats. Den machten sie zum Tage des Festmahls und der Freude. 18 Aber die Juden in Susa waren zusammengekommen am dreizehnten und vierzehnten Tage und ruhten am fünfzehnten Tage, und diesen Tag machten sie zum Tage des Festmahls und der Freude. 19 Darum machen die Juden, die in den Dörfern und Höfen wohnen, den vierzehnten Tag des Monats Adar zum Tag des Festmahls und der Freude und senden einer dem andern Geschenke.

Jetzt wird der Horizont der Geschichte verlassen. Gegenwart wird gedeutet, genauer: Das Purim-Fest wird erklärt. Es hat seine Wurzel in der Freude derer, die in diesen beiden Tagen überlebt haben und ihr Überleben gefeiert haben. Tage des Festmahls und der Freude. Wir sind noch einmal davon gekommen. Solche Erinnerungstage an die Bewahrung in großer Gefahr werden auch heute gefeiert. Das schreibe ich auf am 10. Oktober, am Tag nach dem 9. Oktober, an dem sich viele daran erinnert haben, dass am 9. Oktober 1989 kein Schuss gefallen ist, es kein Blutvergießen gab. Keine Gewalt. Gott sei Dank.

 

Ein „Gemetzel biblischen Ausmaßes“ lese ich in der Zeitung und ärgere mich und muss mir doch eingestehen. Das gibt es. Davon erzählt die Bibel nicht nur einmal. Es gibt keine Rechtfertigung für diese Gemetzel, weder damals noch heute. Aber es gibt sie. Die Auge davor zu verschließen nützt nichts. 

Mein Gott, ich stehe vor solchen Geschichten, damals und heute hilflos. Ich weiß nicht, wie damit umgehen. Meine Sehnsucht ist anders, angezündet aus dem Blick auf Dich. Frieden. Keine Gewalt. Leben ohne Furcht. Amen