Wie es euch gefällt

Esther 8, 1 – 17

1 An dem Tage schenkte der König Ahasveros der Königin Ester das Haus Hamans, des Judenfeindes. Und Mordechai wurde vom König empfangen; denn Ester hatte ihm gesagt, wie er mit ihr verwandt sei. 2 Und der König tat ab seinen Fingerreif, den er Haman genommen hatte, und gab ihn Mordechai. Und Ester setzte Mordechai über das Haus Hamans.

             Was für eine Wende. Das Eigentum des gehängten Haman geht an die Königin über. Sein Haus gehört jetzt ihr. Aus dem Haus des Judenfeindes wird die Wohnung der jüdischen Königin. Sein Amt aber geht an Mordechai. Er tritt an Hamans Stelle. Und wird obendrein durch seine Pflegetochter auch zum Verwalter des Haman’schen Besitzes ernannt.

Man kann schon auf die Idee kommen: „Das Erzählte ist eine typisch orientalische Hofintrige.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 397) Aber es ist dennoch doppelt Vorsicht geboten. Zum Einen: Es ist nicht nur „typisch orientalisch“, was hier erzählt wird. Das gibt es in der Welt der Höfe und den Hinterhöfen der Macht doch öfters. Und zum Anderen: Der Erzähler des Esther-Buches ist gewiss kein Klatsch-Kolumnist. Er hat eine geistliche Botschaft, die er mit diesem Buch weiter geben will – wie Gott, der im Vordergrund nicht zu fassen und zu sehen ist, doch „in, mit und unter“ dem Handeln der Menschen seinen Weg geht und für seine Leute und sein Volk Sorge trägt. Auch das ist eine Botschaft dieses Buches: Es muss nicht immer ausdrücklich „fromm“ geredet werden, damit von Gottes Fürsorge die Rede ist.

3 Und Ester redete noch einmal vor dem König und fiel ihm zu Füßen und weinte und flehte ihn an, dass er zunichte mache die Bosheit Hamans, des Agagiters, und seine Anschläge, die er gegen die Juden erdacht hatte. 4 Und der König streckte das goldene Zepter gegen Ester aus. Da stand Ester auf und trat vor den König 5 und sprach: Gefällt es dem König und habe ich Gnade gefunden vor ihm, und dünkt es den König recht und gefalle ich ihm, so möge man die Schreiben mit den Anschlägen Hamans, des Sohnes Hammedatas, des Agagiters, widerrufen, die er geschrieben hat, um die Juden umzubringen in allen Ländern des Königs. 6 Denn wie kann ich dem Unheil zusehen, das mein Volk treffen würde? Und wie kann ich zusehen, dass mein Geschlecht umkäme?

             Diese Fürsorge, die durch das situationsbedingte Handeln von Menschen ihre „weltliche Gestalt“ erhält, zeigt sich im Fortgang des Geschehens. Esther wird erneut aktiv. Weil sie weiß, dass es dieses Dekret des Königs gibt – und das ist auch durch den Tod des Anstifters Haman keineswegs aufgehoben. Wieder ist es so, dass sie den König bittend und flehend bedrängt und seinen Zorn riskiert. Dieser König wird sicherlich nicht gerne erinnert an seinen Missgriff.

Aber Ahasveros schenkt Esther Gnade und Gehör. Vielleicht auch, weil Esther ganz demütig und zugleich variantenreich – gefällt es dem König und habe ich Gnade gefunden vor ihm, und dünkt es den König recht und gefalle ich ihm, – an seine Gnade appelliert. Viele Worte, um zu sagen: Bitte. Aber Ahasveros scheint das zu brauchen.

Die Bitte Esther ist ja weitreichend: Widerruf eines königlichen Dekretes. Ein Gesetz der Meder und Perser zu kassieren. Das bedeutet ja: Einen Sinneswandel des Königs vor aller Augen sichtbar werden lassen. Esther dringt darauf, weil sie sie sich an ihr Volk gebunden weiß. Die Durchführung des Dekretes ist etwas, was für sie nicht hinnehmbar ist. Starke Worte für eine Frau, die trotz aller Gnade und Gunst keine starke Stellung hat, zumal bei diesem launenhaften König.

 7 Da sprach der König Ahasveros zur Königin Ester und zu Mordechai, dem Juden: Siehe, ich habe Ester das Haus Hamans geschenkt, und ihn hat man an einen Galgen gehängt, weil er seine Hand an die Juden gelegt hat. 8 So schreibt nun ihr wegen der Juden, wie es euch gefällt, in des Königs Namen und siegelt’s mit des Königs Ring. Denn ein Schreiben, das in des Königs Namen geschrieben und mit des Königs Ring gesiegelt war, durfte niemand widerrufen.

             Zuerst stellt der König in seiner Antwort noch einmal seine Gnade heraus. Das Geschenk des Hauses an Esther und die Hinrichtung Hamans. Als wollte er sagen: Seht her, so bin ich. Das Folgende aber wirkt wie ein Ausweg, den sich Ahasveros sucht: So schreibt nun ihr wegen der Juden.

             Er hatte auch Haman schon das Juden-Dekret verfassen lassen. So lässt er jetzt Esther und Mordechai freie Hand, wie es euch gefällt, ihrerseits ein neues Schreiben aufzusetzen. So hält er sich auch aus dem Vorgang heraus. Aber: Es geht nicht an, mit diesem neuen Schreiben das vorige Dekret aufzuheben. „Es kann ja nicht rückgängig gemacht werden.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 399) Es muss also an der alten Weisung vorbei ein neuer Weg gesucht werden. Nicht zuletzt, damit König Ahasveros sein Gesicht wahren kann.

  9 Da wurden gerufen des Königs Schreiber zu jener Zeit im dritten Monat, das ist der Monat Siwan, am dreiundzwanzigsten Tage, und es wurde geschrieben, wie Mordechai gebot, an die Juden und an die Fürsten, Statthalter und Obersten in den Ländern vom Indus bis zum Nil, hundertundsiebenundzwanzig Ländern, einem jeden Lande in seiner Schrift, einem jeden Volk in seiner Sprache und auch den Juden in ihrer Schrift und Sprache. 10 Und es wurde geschrieben in des Königs Ahasveros Namen und mit des Königs Ring gesiegelt. Und man sandte die Schreiben durch reitende Boten auf den besten Pferden. 11 Darin gab der König den Juden, in welchen Städten sie auch waren, die Erlaubnis, sich zu versammeln und ihr Leben zu verteidigen und alle Macht des Volks und Landes, die sie angreifen würden, zu vertilgen, zu töten und umzubringen samt den Kindern und Frauen und ihr Hab und Gut zu plündern 12 an “einem” Tag in allen Ländern des Königs Ahasveros, nämlich am dreizehnten Tage des zwölften Monats, das ist der Monat Adar. 13 Eine Abschrift des Schreibens aber sollte als Gesetz erlassen werden in allen Ländern, um allen Völkern zu eröffnen, dass die Juden sich für diesen Tag bereithalten würden, sich zu rächen an ihren Feinden. 14 Und die reitenden Boten auf den besten Pferden ritten aus schnell und eilends nach dem Wort des Königs, und das Gesetz wurde in der Festung Susa angeschlagen.

             Was jetzt erzählt wird, erinnert im Wortlaut und Hergang stark an die Art, wie über die Durchführung des Juden-Dekretes (3,12-15) berichtet worden ist. Wieder wird die Schreibstube aktiviert und die reitenden Boten werden in Gang gesetzt, in alle Provinzen des Teiches. Der Behördenweg wird erneut beschritten und sorgfältig eingehalten.

Nur der Inhalt des königlichen Dekretes ist neu. Statt der Ermordung der Juden wird jetzt ihr Recht verfügt, sich diesem Pogrom entgegen zu stellen und ihrerseits zu vertilgen, zu töten und umzubringen, die sie angreifen würden. Das Datum bleibt das alte, im Haman-Dekret genannte, am dreizehnten Tage des zwölften Monats, das ist der Monat Adar. Diesmal siegelt Mordechai im Namen des Königs.

            Wenn man so will: Ein „begrenztes Notwehrrecht“ (G. Maier, aaO.; S.126), sich zu verteidigen. Für das jüdische Volk eine wichtige Botschaft, die ihre Wirkung bis auf den heutigen Tag hat. Die Bergfestung Massada auf den Höhen zum Toten Meer steht für dieses Notwehr-Recht. Israel will aus der Opfer-Rolle heraus, die es fast der völligen Vernichtung preisgegeben hat. Es will legitimiert sein, das eigene Volk und Leben zu schützen, und sei es mit Waffengewalt.

 15 Mordechai aber ging hinaus von dem König in königlichen Kleidern, blau und weiß, und mit einer großen goldenen Krone, angetan mit einem Mantel aus Leinen und Purpurwolle. Und die Stadt Susa jauchzte und war fröhlich. 16 Für die Juden aber war Licht und Freude und Wonne und Ehre gekommen. 17 Und in allen Ländern und Städten, an welchen Ort auch immer des Königs Wort und Gesetz gelangte, da war Freude und Wonne unter den Juden, Gastmahl und Festtag; und viele aus den Völkern im Lande wurden Juden; denn die Furcht vor den Juden war über sie gekommen.

Das ist das Kontrast-Programm zu dem, was früher erzählt worden ist. Hat das Haman-Dekret zur Folge, dass „ein großes Klagen unter den Juden war, und viele fasteten, weinten, trugen Leid und lagen in Sack und Asche“ (4,3), so löst das Dekret des Mordechai Freude und Wonne unter den Juden, Gastmahl und Festtag aus. Ein Fest der Lebensfreude – sicher schon eine leise  Anspielung auf das Purim-Fest.

Und, das unterstreicht den Wechsel in der Atmosphäre: Viele aus den Völkern im Lande wurden Juden; denn die Furcht vor den Juden war über sie gekommen. Plötzlich ist es chic, zu den Juden zu gehören. Wie tief solche Konversionen gehen, mag dahin gestellt bleiben. Furcht ist in meinen Augen kein sonderlich fester Boden, um sich religiös neu zu orientieren.

Zeitgenossen des Esther-Buches erhoffen auch eine Wende der Völker zu Israel, im Tiefsten zu dem Gott, den das jüdische Volk verehrt und dem es folgt. „So spricht der HERR Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden “einen” jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist. (Sacharja 8,23) Da bestimmt nicht die Furcht die Zuwendung zu jüdischen Menschen, sondern die Sehnsucht.

 

Mein Gott, Du wendest Herzen, so dass Menschen sich neu orientieren, neue Gedanken denken, neue Wege gehen, neu handeln.

Du hilfst, dass es zur Umkehr kommt und das Leben eine neue Chance erhält. Das braucht oft den Mut Einzelner zu bitten, zu flehen, die eigene Sicherheit gering zu achten und sich auf unsicheres Gelände zu wagen.

Stärke Du uns diesen Mut, damit wir dem Leben den Weg bereiten in unseren Familien, an unserem Ort, in unserem Land. Amen