Der tödliche Zorn eines Königs

Esther 7, 1 – 10

1 Und als der König mit Haman zu dem Mahl kam, das die Königin Ester bereitet hatte, 2 sprach der König zu Ester auch an diesem zweiten Tage, als er Wein getrunken hatte: Was bittest du, Königin Ester, das man dir geben soll? Und was begehrst du? Wäre es auch das halbe Königreich, es soll geschehen.

             Das Mahl beginnt. Es wiederholt sich als Szene, was schon am Tag zuvor war. Der König gibt Esther gewissermaßen freie Wahl, was sie sich wünschen darf und wäre es auch das halbe Königreich. Das ist wie im Märchen. Es ist das Bild, das sich dem Leser einprägt: Dieser König ist maßlos, in seiner Großzügigkeit, aber wohl auch in seinem Zorn. „Die Tatsache, dass er dieses alles zum zweiten Mal vor einem Zeugen sagt und dass dies beim Weintrinken geschieht, macht seinen Beschluss nach persischer Sitte felsenfest.“ (G. Maier, aaO.; S.113) Die Wiederholung der Formulierung aus 5,6 bestätigt: Diese Großzügigkeit ist nicht nur eine augenblickliche Laune. Es ist der feste Wille des Königs, Esther jeden Wunsch zu erfüllen.

 3 Die Königin Ester antwortete: Hab ich Gnade vor dir gefunden, o König, und gefällt es dem König, so gib mir mein Leben um meiner Bitte willen und mein Volk um meines Begehrens willen. 4 Denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, dass wir vertilgt, getötet und umgebracht werden. Wären wir nur zu Knechten und Mägden verkauft, so wollte ich schweigen; denn die Bedrängnis wäre nicht so groß, dass man den König darum belästigen müsste.

             Jetzt zögert Esther nicht mehr. Sie nennt ihren Wunsch: Leben für sich und ihr Volk, aus dem sie stammt. Aber sie sagt noch immer nicht, um welches Volk es geht. Sie nennt nur die Fakten: Wir sollen vertilgt, getötet und umgebracht werden. Und fügt an: sollten wir nur geknechtet werden, versklavt das wäre kein Thema, dessen sich der König annehmen müsste. Aber gerade dieser Hinweis macht deutlich: Es geht wirklich um Leben und Tod – und zwar um ihr Leben. In diesen Worten bindet Esther ihr persönliches Geschick an das Geschick ihres Volkes. Es wird kein Leben für sie geben, wenn ihr Volk ausgerottet wird.

  5 Der König Ahasveros antwortete und sprach zu der Königin Ester: Wer ist der oder wo ist der, der sich hat in den Sinn kommen lassen, solches zu tun?

             Noch immer versteht der König nicht. „Er scheint entweder sein Judendekret ganz vergessen oder nicht gewusst zu haben, dass das Dekret den Juden galt – oder weiß er noch nicht, dass Esther Jüdin ist?“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 396) Es geht Ahasveros so, wie es Regierenden öfter einmal gehen mag: Sie unterschreiben etwas, was ihnen vorgelegt wird, genehmigen und haben buchstäblich keine Ahnung, wen das alles betreffen wird, welche Folgen ihre Unterschrift haben wird. So auch Ahasveros. Er hat sich ja überhaupt nicht dafür interessiert, welches Volk sein Dekret trifft und wer im Einzelnen als Jude alles betroffen sein wird.

Umso entlarvender ist jetzt sein Zorn. Er fragt nach dem Schuldigen, wo er steckt. Der Erzähler sagt es nicht, aber es ist doch für alle sorgfältiger Lesenden deutlich: Der König müsste in Wahrheit sich selbst als schuldig, mitschuldig entdecken.

 6 Ester sprach: Der Feind und Widersacher ist dieser niederträchtige Haman! Haman aber erschrak vor dem König und der Königin. 7 Und der König stand auf vom Weingelage in seinem Grimm und ging in den Garten am Palast.

             Esther antwortet – und man muss sich wohl vorstellen, wie sie mit der Hand zeigt: Der Feind und Widersacher ist dieser niederträchtige Haman! Was für eine Szene! Die Königin klagt den obersten Minister an. Sie als Frau steht gegen den obersten Ratgeber ihres Mannes. In einer Männergesellschaft, wie sie der persische Hof mit Sicherheit war, keine sonderlich starke Position. Erst recht nicht, wenn man sich erinnert: Der König hat sie dreißig Tage (4,11) lang links liegen gelassen, bevor er ihr erneut seine Huld zuwendet.

Haman fährt der Schrecken in die Glieder. „Für erschrecken steht ein Wort, das ausdrückt, dass jemand von plötzlichem Schrecken überfallen wird. So erschraken David und Daniel vor dem Engel des Herrn. (1. Chronik 21,3; Daniel 8,17) Man könnte fast sagen: Haman überfiel so etwas wie ein Gottesschrecken.“ (G. Maier, aaO.; S.115)  Haman sieht sich stürzen.

             Der König aber ringt um Fassung. Er verlässt das Mahl, wohl, weil er doch einmal einen klaren Kopf braucht. Wein ist jetzt kein guter Ratgeber mehr, wenn er es denn jemals war. Statt dessen ergeht er sich im Garten. Er sucht Klarheit.

 Aber Haman trat vor und bat die Königin Ester um sein Leben; denn er sah, dass sein Unglück vom König schon beschlossen war.

             Haman sieht nur noch einen Ausweg für sich: Er fleht Esther um Gnade an, um sein Leben. Vom König, den er in seinem Wesen kennt, weiß er nichts mehr zu erhoffen. Der ist so verletzt, so ergrimmt, dass sein Urteil schon feststeht. Es ist die klare Einsicht: Ich habe den König für meinen Plan missbraucht und das wird er mir nie verzeihen – es sei denn, die Königin erbarmt sich meiner und bittet für mich.

  8 Und als der König zurückkam aus dem Garten am Palast in den Saal, wo man gegessen hatte, lag Haman vor dem Lager, auf dem Ester ruhte. Da sprach der König: Will er auch der Königin Gewalt antun bei mir im Palast?

             Es ist eine auf den ersten, erregten Blick missverständliche Szene: Die Königin Esther ausgestreckt auf dem Lager. Haman vor ihr auf den Knien. Der König sieht und missdeutet: Haman wird über-griffig – erst mir gegenüber, indem er mich benützt, und jetzt auch der Königin gegenüber.

Es ist, hier wird der jüdische Leser sich erinnern, die umgedrehte Situation wie bei Joseph und Potiphars Weib. (1. Mose 39, 11 – 18) Sie klagt den jüdischen Sklaven an, über-griffig, sexuell belästigend geworden zu sein. Nichts davon stimmte. Auch hier stimmt nichts. Aber wie der böse Schein gegen Joseph gewendet wird, so wendet sich hier der bloße Anschein gegen Haman.

  Als das Wort aus des Königs Munde gekommen war, verhüllten sie Haman das Antlitz.

             Kaum hat der König gesprochen, sind die Diener da. Das Urteil ist eindeutig. Sie verhüllten Haman das Antlitz. Da ist keine Zukunft mehr, kein Licht am Ende des Horizontes.  Es ist niemand da, der für ihn spricht.

 9 Und Harbona, einer der Kämmerer vor dem König, sprach: Siehe, es steht ein Galgen beim Hause Hamans, fünfzig Ellen hoch, den er für Mordechai aufgerichtet hat, der doch zum Wohl des Königs geredet hat.

             Statt dessen findet sich sofort der willfährige Hinweis: Siehe, es steht ein Galgen beim Hause Hamans. Und auch das wird gesagt: Der war für Mordechai bestimmt, der doch dem König das Leben gerettet hat. Braucht es noch mehr?

 Der König sprach: Hängt ihn daran auf! 10 So hängte man Haman an den Galgen, den er für Mordechai aufgerichtet hatte. Da legte sich des Königs Zorn.

             Der König fällt das endgültige Urteil. Hängt ihn daran auf! Der Befehl wird ausgeführt. Der Rollentausch ist perfekt. Haman landet an dem Galgen, den er Mordechai zugedacht, aufgerichtet  hatte. „Wer eine Grube macht, der wird hineinfallen; und wer einen Stein wälzt, auf den wird er zurückkommen.“ (Sprüche 26,27) Dieser Satz liest sich wie ein Fazit aus dem Weg Hamans.

Mir geht der König Ahasveros nach und der Gedanke: Ich wollte nicht unter einem solchen Herrscher leben müssen. Es stimmt ja: „Er folgt dem Eindruck des Augenblicks und handelt nicht nach einem überlegten Plan.“ (H. Ringgren, aaO.;, S.397) Da ist die Willkür des absoluten Herrschers, der sich selbst mit rigoroser Härte reinwäscht und seinen Anteil durch den Tod des Missetäters verschwinden lassen will. Das ist nicht befriedigend.

Und weiter gehen meine Gedanken: Was für ein Segen, dass der Ankläger nicht zugleich der Richter sein darf, dass es in unserem Land eine Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative gibt. Wie gut, dass bei uns keiner mehr Todesurteile anordnen kann, wie es noch vor 70 Jahren war, als Hitler schlicht die Ermordung derer anordnen konnte, die sich gegen ihn gestellt hatten. Seine Henker sind in meinen Augen späte Nachfahren des Harbona. 

 

Mein Gott, ich bin tief dankbar für alle Rechtssicherheit, mit der ich Zeit meines Leben lebe. Ich muss keine Furcht vor Willkür-Urteilen haben, vor dem Zorn eines Regierenden,  vor der Maßlosigkeit eines Mächtigen. Keine Furcht vor dem Befehl, der mich das Leben kosten könnte.

Lass mich dieses Geschenk unserer Zeit nie gering achten. Lass mich die ehren, die dafür sorgen, dass Prozesse fair geführt werden, kein Richter nur dem Augenschein nach urteilen darf.

Du bist ein Gott, der die Gerechtigkeit liebt, die barmherzig ist. Amen