Schlaflos

Esther 6, 1 – 14

1 In derselben Nacht konnte der König nicht schlafen und ließ sich das Buch mit den täglichen Meldungen bringen. Als diese dem König vorgelesen wurden, 2 fand sich’s geschrieben, dass Mordechai angezeigt hatte, wie die zwei Kämmerer des Königs, Bigtan und Teresch, die an der Schwelle die Wache hielten, danach getrachtet hatten, Hand an den König Ahasveros zu legen. 3 Und der König sprach: Welche Ehre und Würde hat Mordechai dafür bekommen?

             Auch Könige erleben schlaflose Nächte. Die Septuaginta deutet durch ihre Zusätze gegenüber dem hebräischen Text an: Es ist der HERR, der Ahasveros keinen Schlaf finden lässt. Das liegt als Gedanke nahe – ist es doch Gott, „der den Seinen Schlaf gibt.“(Psalm 127,2) Es kann also gut sein, dass er dem König den Schlaf verweigert, weil so viel auf dem Spiel steht, für die Seinen.

Aus Langweile verfällt Ahasveros aufs Aktenstudium. Er lässt sich Tagesberichte vorlesen. Für die meisten wohl eher eine absolut sichere Methode, um einzuschlafen. Nicht aber bei Ahasveros. Er wird an den vereitelten Anschlag erinnert und fragt nach: Welche Ehre und Würde hat Mordechai dafür bekommen? Es gibt Könige, die sich gerne dankbar erzeigen und nicht gerne schuldigen Dank schuldig bleiben.

 Da sprachen die Diener des Königs, die um ihn waren: Er hat nichts bekommen.

             Die Auskunft der Diener ist peinlich, erst recht für einen König Ahasveros, der es liebt, sich  großzügig zu erweisen. Es ist zuvor ja breit erzählt worden, die der König zu feiern versteht und sein Volk Anteil haben lässt an seiner Güte und Freude. Jetzt also: Die Tat ist vereitelt worden. Aber der, der sie angezeigt hat, ist leer ausgegangen. Da ist also noch eine Schuld zu begleichen. 

  4 Und der König sprach: Wer ist im Vorhof? Haman aber war in den Vorhof gekommen draußen vor des Königs Palast, um dem König zu sagen, dass man Mordechai an den Galgen hängen sollte, den er für ihn aufgerichtet hatte. 5 Und des Königs Diener sprachen zu ihm: Siehe, Haman steht im Vorhof. Der König sprach: Lasst ihn hereintreten.

 Um aktiv zu werden, braucht Ahasveros seine Beamten. Ein persischer Großkönig ordnet an. Er muss nicht selbst handeln. So fragt er nach: Wer ist an leitenden Leuten verfügbar? Haman ist schon vor Ort. Um seine Pläne voranzutreiben, die Mordechai das Leben kosten sollen. Als der König erfährt, dass sein Chefminister schon da ist, lässt er ihn rufen.

 6 Und als Haman hereinkam, sprach der König zu ihm: Was soll man dem Mann tun, den der König gern ehren will? Haman aber dachte in seinem Herzen: Wen anders sollte der König gern ehren wollen als mich? 7 Und Haman sprach zum König: Dem Mann, den der König gern ehren will, 8 soll man königliche Kleider bringen, die der König zu tragen pflegt, und ein Ross, darauf der König reitet und dessen Kopf königlichen Schmuck trägt, 9 und man soll Kleid und Ross einem Fürsten des Königs geben, dass er den Mann bekleide, den der König gern ehren will, und ihn auf dem Ross über den Platz der Stadt führen und vor ihm her ausrufen lassen: So tut man dem Mann, den der König gern ehren will.

             Es ist eine Situation, wie sie biblische Erzähler lieben, wie sie auch in Märchen nicht ganz selten vorkommen. Der eintretende Haman wird sofort mit einer Frage überfallen: Was soll man dem Mann tun, den der König gern ehren will? Er kann wohl gar nicht anders, als mit dieser Frage sich selbst gemeint sehen, erst recht, wen er an das Mahl mit König und Königin denkt, das an diesem Tag ansteht. Und so greift er weit aus und hoch hinaus. Es ist eine gar prächtige, regelrecht königliche Ehre, die er da beschreibt und die in den Worten gipfelt: So tut man dem Mann, den der König gern ehren will.

Es ist kein sonderlich weiter Weg, um eine ähnliche Konstellation zu finden. Nathan erzählt König David von einem Reichen, der dem armen Nachbarn sein Lieblingsschaf wegnimmt, weil ihm die eigenen Schafe für ein Gastmahl zu schade sind. Und noch bevor Nathan fragen kann: Was ist mit diesem Mann? heißt es: Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat. Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!“(2. Samuel 12, 5-7) Der Mund des Ahnungslosen bereitet den Weg für das, was getan werden soll. So auch hier, aber nicht zu einer Verurteilung, sondern zu einer Ehrung sondergleichen.

  10 Der König sprach zu Haman: Eile und nimm Kleid und Ross, wie du gesagt hast, und tu so mit Mordechai, dem Juden, der im Tor des Königs sitzt, und lass nichts fehlen an allem, was du gesagt hast. 11 Da nahm Haman Kleid und Ross und zog Mordechai an und führte ihn über den Platz der Stadt und rief aus vor ihm her: So geschieht dem Mann, den der König gern ehren will. 12 Und Mordechai kam wieder zum Tor des Königs.

             Wenn man das liest, möchte man eigentlich das Gesicht Hamans sehen können. Er hat ja keine Wahl: Er gehorcht dem Befehl des Königs, den er doch selbst hervorgerufen hat. Es heißt gleich zweimal: Wie du gesagt hast. Es kann kein Zweifel sein: Das bereitet dem Erzähler schlicht Freude, den ränkesüchtigen Haman aus seinen eigenen Worten heraus so genötigt zu sehen, seinen Todfeind zu ehren.

Ob es eine zusätzliche „Strafe“ für Haman ist? Der König weiß, dass Mordechai zu den  Juden gehört. Offensichtlich bringt er dieses Wissen nicht zusammen mit dem Vernichtungs-Dekret, das er zuvor in Kraft hat setzen lassen. Für Haman ist das zusätzlich hart, spürt er doch, dass der König nicht danach fragt, ob einer Jude ist, sondern nur seine Tat ansieht. Ahasveros ist kein grundsätzlicher Judenfeind. Die Juden sind ihm so nah und so fern wie alle anderen Völker seines Riesenreichs. Muss Haman durch diese Anordnung nicht jetzt schon ahnen, dass er mit seinen Vernichtungsplänen ein gefährliche Spiel spielt, das auf ihn zurückfallen kann?

Die Szene endet auf den ersten Blick unspektakulär. Mordechai wird zwar geehrt, aber dann kehrt er einfach wieder an seinen Arbeitsplatz zurück, zum Tor des Königs. Er bleibt „der kleine Palastbeamte, der im Tor des Königs sitzt.“(G. Maier, aaO.; S.110) Seine Welt hat sich durch diese Ehrung nicht verändert. Es ist wie heute auch. Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ist zwar schön, aber lebensmäßig nicht wirklich nachhaltig und für den Alltag ohne Bedeutung.

  Haman aber eilte nach Hause, traurig und mit verhülltem Haupt, 13 und erzählte seiner Frau Seresch und allen seinen Freunden alles, was ihm begegnet war. Da sprachen zu ihm seine Freunde und seine Frau Seresch: Ist Mordechai, vor dem du zu fallen angefangen hast, vom Geschlecht der Juden, so vermagst du nichts gegen ihn, sondern du wirst vor ihm vollends zu Fall kommen.

             Für Haman aber ist eine Welt zusammengebrochen. Und es scheint so, als würden seine Leute das auch spüren. Es klingt wie eine Prophetie aus dem Mund der Ratgeber: Ist Mordechai, vor dem du zu fallen angefangen hast, vom Geschlecht der Juden, so vermagst du nichts gegen ihn, sondern du wirst vor ihm vollends zu Fall kommen. Im Volksmund: „Gegen einen Juden kann niemand an.“ (H. Ringgren, aaO.;, S.396) Bleibt die Frage: Haben die Leute um Haman nicht gewusst, gegen wen er seine Pläne richtet? Ist es eine späte Erkenntnis, als sie merken: Es geht bei Mordechai um einen Juden, und in dem Dekret um alle Juden? Haben sie auch gedacht: Irgendein Volk?

             Es mag einigermaßen müßig sein, nach Begründungen zu suchen. Wer aber unterstellt, dass die biblischen Autoren nicht auf einer einsamen Insel, sondern eher in einer weiten und vielfach miteinander vernetzten geistigen und geistlichen Atmosphäre schreiben, der findet vielleicht doch Begründungen, so wie diese: „Gesegnet sei, wer dich segnet, und verflucht, wer dich verflucht!“ (4. Mose 24,9) In dieser Erzählung wird der Segen der Völker an Israel gebunden, wie auch schon beim auszug Abrahams „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1. Mose 12,3) Wenn Israel so unter dem Segen Gottes steht, wird ein Haman scheitern müssen.

Es mag ein Erzähl-Interesse des Esther-Buches sein, den Lesern zu sagen: Wir stehen als Juden unter dem Schutz Gottes, auch in Anfeindungen. Dieser schutz Gottes ist nicht immer vor aller Augen, aber er ist immer wirksam. Und wird unsere Feinde über ihre Pläne fallen lassen.

 14 Als sie aber noch mit ihm redeten, kamen des Königs Kämmerer und geleiteten Haman eilends zu dem Mahl, das Ester bereitet hatte.

Nach diesen deprimierenden Erfahrungen und Worten zeigt sich für Haman ein Silberstreif am Horizont. Des Königs Kämmerer rufen ihn zum Mahl bei der Königin Ester. Ein wenig Freude am Leben scheint ihm doch zu bleiben.

 

Wenn der Schlaf mich meidet, Du Gott des Himmels und der Erde, wandern meine Gedanken. Sorgen melden sich, Pläne, Erinnerungen. Manchmal fallen mir Versäumnisse ein.

Es ist gut, den Sorgen Einhalt zu gebieten, die Pläne am hellen Tag noch einmal anzuschauen.

Und Du rufst mich in solchen Nächten, die Versäumnisse zu korrigieren, endlich anzurufen, den vergessenen Brief zu schreiben, den überfälligen Besuch zu verabreden. Gib Du, dass es nicht nur beim Wollen bleibt, sondern zum Tun wird nach der Unterbrechung des Schlafs. Amen