Besser geht`s nicht – und doch ….

Esther 5, 1 – 14

1 Und am dritten Tage zog sich Ester königlich an und trat in den inneren Hof am Palast des Königs gegenüber dem Palast des Königs. Und der König saß auf seinem königlichen Thron im königlichen Saale gegenüber dem Tor des Palastes. 2 Und als der König die Königin Ester im Hofe stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Und der König streckte das goldene Zepter in seiner Hand gegen Ester aus.

             Nach drei Tagen Fasten ist Esther bereit. Sie macht sich, ungerufen, aber königlich gekleidet, auf den Weg zu Ahasveros. Ein Gang auf der Rasierklinge. Aber er gelingt. Als der König die Königin Ester im Hofe stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Es ist kein Weg in den Tod, sondern ein Schritt in die erneute Gunst und Gnade

 Da trat Ester herzu und rührte die Spitze des Zepters an. 3 Da sprach der König zu ihr: Was hast du, Ester, Königin? Und was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden. 4 Ester sprach: Gefällt es dem König, so komme der König mit Haman heute zu dem Mahl, das ich bereitet habe.

             Esther darf dem König nahen. Und, geradezu märchenhaft großzügig er zeigt sich der Perser: Was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden. Es ist offensichtlich: Esther hat ein Anliegen. Sonst wäre sie doch nicht zum König gekommen. Das spürt der Mann auf dem Thron. Und so wie er gleich zweimal fragt, will er es erfahren.

             Esther aber bringt ihr Anliegen nicht gleich zur Sprache. „Warum bringt sie ihre Bitte nicht gleich vor? Der biblische Bericht gibt an dieser Stelle keine direkt Antwort.“ (G. Maier, aaO.; S.100) Man darf also spekulieren: Weibliche Klugheit? Will sie den König auf die Folter spannen? Wartet sie auf den richtigen Augenblick, auf eine Eingebung? „Oder versagt ihr im letzten Augenblick der Mut, so dass sie die Entscheidung aufzuschieben sucht?“ (H. Ringgren, aaO.;, S.302) 

  5 Der König sprach: Eilt und holt Haman, damit geschehe, was Ester gesagt hat! Als nun der König und Haman zu dem Mahl kamen, das Ester bereitet hatte, 6 sprach der König zu Ester, als er Wein getrunken hatte: Was bittest du, Ester? Es soll dir gegeben werden. Und was begehrst du? Wäre es auch die Hälfte des Königreichs, es soll geschehen. 7 Da antwortete Ester: Meine Bitte und mein Begehren ist: 8 Hab ich Gnade gefunden vor dem König und gefällt es dem König, meine Bitte zu gewähren und zu tun nach meinem Begehren, so komme der König mit Haman zu dem Mahl, das ich für sie bereiten will. Morgen will ich dann tun, was der König gesagt hat.

Jedenfalls: Der König kommt zum Mahl und der gleichfalls eingeladene Haman mit. Um ihn geht es ja. Und, merkwürdig, die ganze Szene wiederholt sich. Der König erneuert sein Versprechen bezüglich des halben Königreichs, das er Esther anträgt. Und er fragt wieder;  Was bittest du, Ester? Und sie spielt wieder auf Zeit: Morgen will ich dann tun, was der König gesagt hat.

             Das Ganze geschieht beim Wein. Ob man daraus die Folgerung ziehen darf, dass es sich um ein regelrechtes Gelage handelt, weil Herodot so berichtet: „Sie pflegen beim Wein die wichtigsten Angelegenheiten zu verhandeln.“(G. Maier, aaO.; S. 101) steht für mich dahin. Der übermäßige Weingenuss könnte ja auch ungeduldig machen und so das Risiko erhöhen, wenn Esther ihre Frage wieder und wieder verzögert.

Rein erzähl-technisch betrachtet macht diese Verlangsamung die Bedeutung und die Gefahr der ganzen Situation spürbar. Es braucht einfach Zeit, um dieses heikle Thema anzusprechen, zumal der König ja mit seinen eigenen Befehlen konfrontiert werden wird.

 9 Da ging Haman an dem Tage hinaus fröhlich und guten Mutes.

             Haman hat die doppelte Einladung des Königspaares genossen, die die schon am Tage erfolgt ist und die, die morgen auf ihn wartet. Mehr Ehre für einen Beamten, auch einen hohen Beamten geht doch kaum. Kein Wunder, dass er fröhlich und guten Mutes seines Weges geht.

 Aber als er Mordechai im Tor des Königs sah, wie er nicht aufstand und sich nicht vor ihm fürchtete, wurde er voll Zorn über Mordechai. 10 Aber er hielt an sich.

             Wieder erweist sich der Erzähler als ein Meister seines Faches. Man sieht es regelrecht, wie Haman die Laune verdorben wird. Da sitzt dieser Mordechai im Tor und verweigert ihm die Huldigung. Alles, dass Haman nicht gleich handgreiflich wird. Aber das wäre ja unter seiner Würde. So hält er an sich.

  Und als er heimkam, sandte er hin und ließ seine Freunde holen und seine Frau Seresch 11 und zählte ihnen auf die Herrlichkeit seines Reichtums und die Menge seiner Söhne und alles, wie ihn der König so groß gemacht habe und dass er über die Fürsten und Großen des Königs erhoben sei. 12 Auch sprach Haman: Und die Königin Ester hat niemand kommen lassen mit dem König zum Mahl, das sie bereitet hat, als nur mich, und auch morgen bin ich zu ihr geladen mit dem König.

Zuhause angekommen, macht er sich Luft. Alle, seine Freunde und seine Frau Serech müssen es sich anhören: Ich habe es geschafft. Ich bin ganz oben. Damit er es sich selbst glaubt, und es den anderen zeigt, zählt er auf, die ganze Karriere und jetzt auch die Anerkennung durch den König und durch Esther. Morgen ein Mahl, nur sie drei – Haman, die Königin Esther und der König.  Besser geht`s nicht.

  13 Aber das alles ist mir nicht genug, solange ich den Juden Mordechai sitzen sehe im Tor des Königs. 14 Da sprachen zu ihm seine Frau Seresch und alle seine Freunde: Man mache einen Galgen, fünfzig Ellen hoch, und morgen früh sage dem König, dass man Mordechai daran aufhänge. Dann geh du mit dem König fröhlich zum Mahl. Das gefiel Haman gut und er ließ einen Galgen aufrichten.

             Und dann doch dieser Wermutstropfen: da ist dieser Jude Mordechai. Er verdirbt Haman auch den schönsten Tag, einfach dadurch, dass er da ist. Im Tor des Königs.

             Aber da ist Trost für Haman bereit in den Worten der Freunde und seiner Frau: Man mache einen Galgen, fünfzig Ellen hoch, und morgen früh sage dem König, dass man Mordechai daran aufhänge. Das Problem ist doch lösbar für einen, der das Ohr des Königs hat. Warum also sich den Tag verderben lassen.

             Mich erinnert die Szene an eine andere Szene in einem israelischen Königspalast. Es geht um Naboths Weinberg: Aber Nabot sprach zu Ahab: Das lasse der HERR fern von mir sein, dass ich dir meiner Väter Erbe geben sollte! Da kam Ahab heim voller Unmut und zornig um des Wortes willen, das Nabot, der Jesreeliter, zu ihm gesagt hatte: Ich will dir meiner Väter Erbe nicht geben. Und er legte sich auf sein Bett und wandte sein Antlitz ab und aß nicht. Da kam seine Frau Isebel zu ihm hinein und redete mit ihm: Was ist’s, dass dein Geist so voller Unmut ist und dass du nicht isst? Er sprach zu ihr: Ich habe mit Nabot, dem Jesreeliter, geredet und gesagt: Gib mir deinen Weinberg für Geld oder, wenn es dir lieber ist, will ich dir einen andern dafür geben. Er aber sprach: Ich will dir meinen Weinberg nicht geben. Da sprach seine Frau Isebel zu ihm: Du bist doch König über Israel! Steh auf und iss und sei guten Mutes! Ich werde dir den Weinberg Nabots, des Jesreeliters, verschaffen.“ (1. Könige 21, 3 – 7) Es ist die gleiche unverschämte Vorstellung, dass die Macht einem auch das Recht gibt, über Leben zu verfügen. Sie ist religions-unabhängig, auch geschlechtsunabhängig, auch zeitunabhängig. Eine Gefahr, die sich an die hohe Macht knüpft.

So getröstet von den Seinen ist Haman wieder guten Mutes. Der Galgen wird errichtet.

 

Mein Gott, Wann ist genug genug? Warum geht es nicht, zufrieden sein mit dem, was ich habe? Warum kann ein anderer mir die Freude verderben mit seinem Glück, seinem Dasein, seiner Vorstellung vom Leben?

Wie schnell wird eigenes Glück vergiftet durch den Vergleich mit anderem Glück. Wie wenig tröstet im eigenen Unglück, dass andere auch unglücklich sind.

Heiliger Gott, hilf mir, mein Leben zu nehmen im Schweren und Schönen, Schmerz und Freude und es nicht zu vergleichen mit anderem Leben. Es ist doch genug, dass Du bei mir bist. Amen