Du bist jetzt dran

Esther  4, 1 – 17

1 Als Mordechai alles erfuhr, was geschehen war, zerriss er seine Kleider und legte den Sack an und tat Asche aufs Haupt und ging hinaus mitten in die Stadt und schrie laut klagend 2 und kam bis vor das Tor des Königs; denn es durfte niemand in das Tor des Königs eintreten, der einen Sack anhatte.3 Und in allen Ländern, wohin des Königs Wort und Gebot gelangte, war ein großes Klagen unter den Juden, und viele fasteten, weinten, trugen Leid und lagen in Sack und Asche.

             Mordechai reagiert auf die Bekanntmachungen. In Sack und Asche. In diesem Fall kein Buß-Ritus. „Fasten, Sack und Asche waren auch Zeichen für die Trrauer, und in diesem Fall sind sie anscheinend nicht mehr als das.“ (J. Miles, Gott. Eine Biographie, München 1995, S. 413) Fast könnte man sagen: Die vorweggenommene Totenklage. Denn wie soll es Einspruch gegen diesen Befehl in der Autorität des Königs geben? Und so wie es Mordechai geht und wie er reagiert, reagieren Juden in allen Ländern, das meint: Provinzen  des Perser-Reiches.

  4 Da kamen die Dienerinnen Esters und ihre Kämmerer und erzählten ihr davon. Da erschrak die Königin sehr. Und sie sandte Kleider, dass Mordechai sie anzöge und den Sack ablegte; er aber nahm sie nicht an.

             Offensichtlich ist die Aktion Mordechais bemerkt worden. Bei Hofe. So berichten die Dienerinnen Esters ihr davon. Sie versucht ihn von seinem Verhalten abzubringen, wohl, weil sie  den wahren Grund dafür noch nicht kennt. Mordechai aber bleibt bei seiner Kleiderordnung, die ihn den Zugang zum Hof versperrt. So kann keiner vor dem König herumlaufen. Das beleidigt seine Majestät, seinen Sinn für Ästhetik.

 5 Da rief Ester Hatach, einen von des Königs Kämmerern, der ihr diente, und gab ihm Befehl wegen Mordechai, um zu erfahren, was das sei und warum er so tue. 6 Da ging Hatach hinaus zu Mordechai auf den Platz der Stadt, der vor dem Tor des Königs war. 7 Und Mordechai sagte ihm alles, was ihm begegnet war, auch die Summe des Silbers, das Haman versprochen hatte in des Königs Schatzkammer darzuwägen, wenn die Juden vertilgt würden, 8 und gab ihm eine Abschrift des Gesetzes, das in Susa angeschlagen war, sie zu vertilgen, damit er’s Ester zeige und es ihr sage und ihr gebiete, dass sie zum König hineingehe und zu ihm flehe und bei ihm Fürbitte tue für ihr Volk.

             Jetzt forscht Esther genauer nach, durch Hatach, einen von des Königs Kämmerern. Es mutet gtespenstisch an, dass Esther keine Ahnung davon hat, was im Lande geplant wird.  Das mag auch auch ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass der Haman-Plan kein Thema am Hof ist, sei es aus Geheimhalutng, sei es, weil es nicht so bdeutsam ist am Hof des Persers, wenn ein Knechts- oder Gastvolk vernichtet wird.

             Mordechai seinerseits nützt die Chance und informiert Esther. Das deckt auf, dass der Haman-Plan am Hof kein Thema ist. Aber Mordechai geht einen Schritt weiter: er fordert von Esther, dass sie zum König geht, um Fürsprache zu üben für ihr Volk. Der gleiche Mordechai hatte Esther früher geraten, ihre Identität als Jüdin zu verbergen. Jetzt fordert er in der Stunde der Gefahr ihr Solidarität mit den Volk.

  9 Und als Hatach hineinkam und Ester die Worte Mordechais sagte, 10 sprach Ester zu Hatach und gebot ihm, Mordechai zu sagen: 11 Es wissen alle Großen des Königs und das Volk in den Ländern des Königs, dass jeder, der ungerufen zum König hineingeht in den inneren Hof, Mann oder Frau, nach dem Gesetz sterben muss, es sei denn der König strecke das goldene Zepter gegen ihn aus, damit er am Leben bleibe. Ich aber bin nun seit dreißig Tagen nicht gerufen worden, zum König hineinzukommen.

             Esther hört und antwortet: Was Mordechai von ihr fordert, wird sie das Leben kosten. Niemand kann aus eigenem Antrieb ungerufen, vor dem persischen König erscheinen. Und sie ist seit dreißig Tagen nicht gerufen worden, zum König hineinzukommen. Das mag auch ein Signal dafür sein, dass sie nicht mehr sonderlich hoch in der königlichen Gunst steht. Es gibt reichlich andere Frauen zu seiner Befriedigung. Was Mordechai will, ist also geradezu eine höfische Unmöglichkeit.

 12 Und als Esters Worte Mordechai gesagt wurden, 13 ließ Mordechai Ester antworten: Denke nicht, dass du dein Leben errettest, weil du im Palast des Königs bist, du allein von allen Juden. 14 Denn wenn du zu dieser Zeit schweigen wirst, so wird eine Hilfe und Errettung von einem andern Ort her den Juden erstehen, du aber und deines Vaters Haus, ihr werdet umkommen. Und wer weiß, ob du nicht gerade um dieser Zeit willen zur königlichen Würde gekommen bist?

             Das ist in meinen Augen ein Höhepunkt des Esther-Buches. Man kann sein Leben nicht retten durch die Aufkündigung der Solidarität mit dem eigenen Volk. Was wäre das auch für ein Leben, bei dem man sich immer sagen muss: Ich habe mich in Sicherheit gebracht, während alle anderen sterben mussten.

Und auch das ist bewegend: Wenn du zu dieser Zeit schweigen wirst, so wird eine Hilfe und Errettung von einem andern Ort her den Juden erstehen. Gott hat nicht nur die eine Möglichkeit. Gott ist nicht am Ende mit seinem Latein, wenn wir uns ihm als Handlanger verweigern. Gott hat mehr Hände als unsere Hände, mehr Füße als unsere Füße.

Genau darauf verzichtet Mordechai, Esther unter Druck zu setzen. Etwa mit den folgenden Worten:

 “Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.            Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.            Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.  Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.                                                                        Verfasser: unbekannt

Das ist der Versuch, jemand zu sagen: Wenn du nicht aktiv wirst… Mordechai aber eröffnet mit seinem Hinweis Esther einen Raum der Freiheit. Sie kann für sich entscheiden, wo sie steht, ob sie sich an die Seite ihrer Brüder und Schwestern stellt. Gleich, wie ihre Entscheidung fällt, es wird nicht das Ende der Möglichkeiten Gottes sein.

Und dann und das ist jetzt in dieser Freiheit eine wirkliche Frage und nicht ein subtiles Drängen: Wer weiß, ob du nicht gerade um dieser Zeit willen zur königlichen Würde gekommen bist? Es ist deutlich, das Esther-Buch schweigt von Gott, redet nicht direkt von ihm. Aber in dieser Passiv-Form könnte ein sehr leiser Hinweis stehen für das, was wir providentia dei nennen, die Vorsehung Gottes. Es mag sein: Vordergründig ist Gott aus dem Spiel. Aber in Wahrheit ist er mit auf dem Plan. Und es ist dann – so die überaus vorsichtige Deutung in der Frage – nichts anderes als eine Platzanweisung Gottes, die Ester in den Palast des Königs gebracht hat.

 15 Ester ließ Mordechai antworten: 16 So geh hin und versammle alle Juden, die in Susa sind, und fastet für mich, dass ihr nicht esst und trinkt drei Tage lang, weder Tag noch Nacht. Auch ich und meine Dienerinnen wollen so fasten. Und dann will ich zum König hineingehen entgegen dem Gesetz. Komme ich um, so komme ich um. 17 Mordechai ging hin und tat alles, was ihm Ester geboten hatte.

Jetzt ist Esther „bezwungen“, innerlich bereit geworden durch diesen Hinweis auf den verborgenen göttlichen Ratschluss. Aber sie will, dass ihre Leute, alle Juden in Susa, ihren Gang zum König vorbereiten. Sie sollen sich versammeln – hier steht eine Form für das Wort knesset. Es geht um eine gottesdienstliche Versammlung.  Durch Fasten und – darf ich ergänzen: und Beten? – soll der Weg bereitet werden.

Esther weiß um das Risiko ihres Weges: Komme ich um, so komme ich um. Sie wird möglicherweise, lange vor dem angesetzten Termin, das erste Opfer des Haman-Planes werden.  Das nimmt sie auf sich. Und Mordechai geht und ruft die Juden zusammen.

 

Gott spannt leise feine Fäden. Aber was Du im Verborgen tust, vorbereitest, mein Gott, das sehen wir oft nicht. Wir sehen nur, was vor Augen ist.

Darum bitte ich Dich, dass ich das Vertrauen lerne zu Dir, dass Du weißt, wo der richtige Platz zum Leben ist, wo wir tun können, was nötig ist, dass Du uns still und leise dahin führst, wo Du uns brauchen kannst.

Gib dann auch den Mut zum Tun. Amen