Vernichtungspläne – in Gang gesetzt

Esther 3, 7 – 15

7 Im ersten Monat, das ist der Monat Nisan, im zwölften Jahr des Königs Ahasveros, wurde das Pur, das ist das Los, geworfen vor Haman, von einem Tage zum andern und von Monat zu Monat, und das Los fiel auf den dreizehnten Tag im zwölften Monat, das ist der Monat Adar.

             Haman treibt seinen Plan voran. Er sucht den günstigsten Zeitpunkt. Den bestimmt er, religiös wie er ist, nicht selbst. Haman lässt das Los werfen im Nisan. „Ńissan: das ist der Monat der Befreiung aus Ägypten, der Monat des Passafestes, der Monat, in dem Nehemia die Erlaubnis zum Bau der Mauern Jerusalems erhielt. Sol dieser Befreiungsmonat jetzt zum Monat der Vernichtung werden?  Ziehen wir die Linie bis zum NT. Im Monat Nissan starb Jesus den Sühnetod, in diesem Monat ist er auferstanden. Nissan ist auch der Befreiungsmonat für die Gemeinde des Neuen Bundes.“ (G. Maier, aaO.; S. 82)  

            Pur, das ist das Los, legt den Termin fest. Das ist zugleich die Namens-Erklärung für das Purim-Fest, das ja im Hintergrund der Esther-Erzählung immer mitschwingt. Genau betrachtet liegt der günstigste Tag für Hamans Aktions-Plan fast ein Jahr voraus.

8 Und Haman sprach zum König Ahasveros: Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen. 9 Gefällt es dem König, so lasse er schreiben, dass man sie umbringe; so will ich zehntausend Zentner Silber darwägen in die Hand der Amtleute, dass man’s bringe in die Schatzkammer des Königs.

            Jetzt muss Haman den König für sein Vorhaben gewinnen. Dafür setzt er auf eine doppelte Strategie. Er verleumdet das jüdische Volk und er verspricht der Staatskasse Einnahmen. „Ohne auch nur den Namen des Volkes zu nennen, legt Haman dem König die Anklagen vor, die zu allen Zeiten gegen die Juden erhoben worden sind.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 388) Sie sind zerstreut und abgesondert unter allen Völkern. Integrations-unwillig. Eigenartig und eigenbrötlerisch. Ghetto-Existenzen mit Sondergesetzen. Sie wollen anders sein als alle anderen.

Es ist das Arsenal, aus dem der Antisemitismus, aber auch jeder andere Fremdenhass sich seit Jahrtausenden bedient, in dem Haman seine Argumente findet. Für eine Verfolgung reicht es immer wieder, anders zu sein, fremd auszusehen, nicht wie alle anderen.   

Es ist deutlich, worauf Hamans Argumentation zielt: Diese Leute gefährden die staatliche Einheit. Sie fügen sich nicht ein in die Gesetze der Perser, sie tun nicht nach des Königs Gesetzen. Parallelen sind heutzutage leicht zu finden: Leute, die aus ihrer Herknft heraus die Scharia der demokratischen Grundordnung und der Gewaltenteilung, kurz der FDGO vorziehen, anders aussehen, anders sprechen, anders glauben. Es ist ziemlich leicht, gegen solche Leute am Stammtisch Stimmung zu machen.

Hier aber geht es nicht um die Lufthoheit am Stammtisch. Der König soll zum Handeln gebracht werden durch den Vortrag des Haman.

10 Da tat der König seinen Ring von der Hand und gab ihn Haman, dem Sohn Hammedatas, dem Agagiter, dem Feind der Juden. 11 Und der König sprach zu Haman: Das Silber sei dir gegeben, dazu das Volk, dass du mit ihm tust, was dir gefällt.

Die Idee Hamans zieht. Der König erteilt ihm Handlungsvollmacht. Mit dem Ring ist Haman bevollmächtigt, das königliche Siegel für seine Schreiben zu verwenden. „Das angebotene Geld weist der König großzügig zurück; das mag Haman selbst behalten.“ (H. Ringgren, aaO.;, S. 388)

             Es ist gespenstisch, das zu lesen. Geradezu beiläufig wird hier über Leben entschieden. Das Silber sei dir gegeben, dazu das Volk, dass du mit ihm tust, was dir gefällt. Ahasveros muss nicht einmal wissen, um wen es sich handelt, wer sie sind, wie viele. Der Name des Volkes fällt nicht. Es interessiert ihn nicht. Er ist Herr über Leben und Tod. Da kommt es auf die Ausrottung irgendeines Volkes nicht wirklich an.

 12 Da rief man die Schreiber des Königs am dreizehnten Tage des ersten Monats; und es wurde geschrieben, wie Haman befahl, an die Fürsten des Königs und an die Statthalter hin und her in den Ländern und an die Obersten eines jeden Volks in den Ländern hin und her in der Schrift eines jeden Volks und in seiner Sprache, im Namen des Königs Ahasveros und mit des Königs Ring gesiegelt. 13 Und die Schreiben wurden gesandt durch die Läufer in alle Länder des Königs, man solle vertilgen, töten und umbringen alle Juden, Jung und Alt, Kinder und Frauen, auf “einen” Tag, nämlich am dreizehnten Tag des zwölften Monats, das ist der Monat Adar, und ihr Hab und Gut plündern. 14 Eine Abschrift des Schreibens sollte als Gesetz erlassen werden in allen Ländern, um allen Völkern zu eröffnen, dass sie sich auf diesen Tag bereithalten sollten. 15 Und die Läufer gingen eilends aus nach des Königs Wort und in der Festung Susa wurde das Gesetz angeschlagen.

             Jetzt wird der Apparat in Gang gesetzt. Schreiben werden ausgefertigt. In allen Sprachen der Völker des persischen Reiches. Für die Provinz Juda also auch! Boten werden gesandt. Und der Befehl ist eindeutig: man solle vertilgen, töten und umbringen alle Juden, Jung und Alt, Kinder und Frauen, auf “einen” Tag, nämlich am dreizehnten Tag des zwölften Monats, das ist der Monat Adar, und ihr Hab und Gut plündern. Das ist das Ende des jüdischen Volkes. Die Endlösung der Judenfrage durch den Befehl des Königs. Was an Zeit jetzt noch bleibt, ist eine letzte Frist für die Juden, eine Art Galgenfrist.

 Und der König und Haman saßen und tranken; aber die Stadt Susa war bestürzt.

Man muss den Eindruck haben: Nachdem das Geschäftliche erledigt ist, lassen es sich die beiden Herren gut gehen. Es kümmert sie nicht, dass sie gerade mit einem Federstrich die Vernichtung von Abertausenden Kindern, Frauen, Männern, Greisen beschlossen und angeordnet haben.

Als die Anordnungen in der Stadt Susa bekannt werden, „plakatiert“, lösen sie Verwirrung aus, Bestürzung. Vielleicht nicht zuletzt auch deshalb, weil es Nachbarn treffen wird, Menschen, die man kennt.

           „Saufgelage hier, Verwirrung dort. Bald wird Angst und Trauer bei den Juden dazu kommen. So bewahrheitet sich Sprüche 29,2: „Wenn der Gottlose herrscht, seufzt das Volk.“ (G. Maier, aaO.; S. 90) 

             Für mich ist es erschreckend, wie präzise ein unmenschlicher Befehl überführt wird in einen Verwaltungsvorgang. Keiner macht sich die Hände schmutzig. Alle funktionieren. Alle führen ja nur Befehle aus. Die Organisation läuft wie geschmiert. Es sind gut-bürgerliche oder meinetwegen auch groß-bürgerliche Akteure, die hier am Werk sind, keine Proleten oder Asoziale. So wie es in der Zeit des 3. Reiches auch war. Als hätten Eichmann, Todt & Co das Buch Esther gelsen und bei Haman gelernt.

Und Gott? Von Gott ist hier nirgends die Rede. Er ist im Hintergrund. Es reicht, dass Menschen im Vordergrund agieren.

 

Es sind Schreckensbilder, die ich Tag um Tag sehe. Menschen ordnen den Tod an. Verwaltungakte. Klinisch saubere Aktionen mit Kollateralschäden als Folge.

Mein Gott, Du Liebhaber des Lebens, Du wirst Dich nie damit abfinden, wenn so hingerichtet wird. Lass uns dann auch nicht stillhalten, sondern das Leben schützen. Amen