Verweigerte Unterwerfung

Esther 2, 19 – 3,6

19 Und als man nun die übrigen Jungfrauen in das andere Frauenhaus brachte, saß Mordechai im Tor des Königs. 20 Und Ester hatte noch nichts gesagt von ihrer Herkunft und von ihrem Volk, wie ihr Mordechai geboten hatte; denn Ester tat nach dem Wort Mordechais wie zur Zeit, als er ihr Pflegevater war.

             Die Verhältnisse werden jetzt neu geordnet. Die jungen Frauen, die ursprünglich mit Esther „gesammelt“ worden waren, kommen in das andere Frauenhaus. Wohl unter die Obhut des Schaaschgas, des königlichen Kämmerers, des Hüters der Nebenfrauen.(2,14) Mordechai ist einfach nur anwesend im Palast, an seinem Arbeitsplatz. Eher unauffällig. Auch die Verbindung Esthers zu Mordechai und zum Volk der Juden ist noch kein Thema geworden. Esther aber ist auch als Königin die Tochter, die dem Wort Mordechais folgt. Das zeigt, wie viel Zutrauen sie zu ihm hat und wie weit entfernt sie von allem Hochmut ist.

 21 In jenen Tagen, als Mordechai im Tor des Königs saß, gerieten zwei Kämmerer des Königs, Bigtan und Teresch, die die Tür hüteten, in Zorn und trachteten danach, Hand an den König Ahasveros zu legen. 22 Als das Mordechai zu wissen bekam, sagte er es der Königin Ester und Ester sagte es dem König in Mordechais Namen. 23 Und als man nachforschte, wurde es als richtig befunden, und sie wurden beide an den Galgen gehängt. Und es wurde aufgezeichnet im Buch der täglichen Meldungen für den König.

             Durch seine Anwesenheit wird Mordechai Zeuge einer Verschwörung gegen Ahasveros. Zwei Kämmerer trachten ihm nach dem Leben. Der Grund für ihren Zorn bleibt unklar. Aber die beiden sind gefährlich. „Denn sie gehören zu den Wachen (wörtlich: den Hütern der Schwelle). Sie hatten also Zugang zum königlichen Palast.“(G.Maier, aaO.; S.74) Mordechai informiert Esther, die ihrerseits sofort den König informiert, in Mordechais Namen.

             Das löst Nachforschungen aus, die die Meldung bestätigen. Die beiden Verschwörer werden gefasst und hingerichtet. Der Vorgang kommt zu den Akten. Aber damit hat es sich auch. Auf den ersten Blick. Mordechai als wertvoller Informant bleibt ohne Belohnung.      

3,1 Nach diesen Geschichten erhob der König Ahasveros den Haman, den Sohn Hammedatas, den Agagiter, und machte ihn groß und setzte seinen Stuhl über alle Fürsten, die bei ihm waren. 2 Und alle Großen des Königs, die im Tor des Königs waren, beugten die Knie und fielen vor Haman nieder; denn der König hatte es so geboten.

             Hofpolitik. Ahasveros befördert Haman zum obersten Berater. Seine Herkunft lässt die jüdischen Leser des Buches nichts Gutes von ihm erwarten. Agag, der König der Amalekiter, von dem man seinen Namen ableiten kann, war einer der Feinde Sauls. Saul...“nahm Agag, den König von Amalek, lebendig gefangen, und an allem Volk vollstreckte er den Bann mit der Schärfe des Schwerts. Aber Saul und das Volk verschonten Agag…(1. Samuel 15,8-9) Es gibt noch andere Deutungen. Sie alle laufen darauf hinaus, dass Haman gewissermaßen durch seine Herkunft schon als Judenfeind prädestiniert ist.

Alle müssen Haman huldigen. So will es der König. Das ist nichts Ungewöhnliches. Der in der Stellung Niedriger wirft sich vor dem Höheren zu Boden. Alle machen es, weil es üblich ist. Man muss nicht groß darüber nachdenken.

 Aber Mordechai beugte die Knie nicht und fiel nicht nieder. 3 Da sprachen die Großen des Königs, die im Tor des Königs waren, zu Mordechai: Warum übertrittst du des Königs Gebot? 4 Und als sie das täglich zu ihm sagten und er nicht auf sie hörte, sagten sie es Haman, damit sie sähen, ob solch ein Tun Mordechais bestehen würde; denn er hatte ihnen gesagt, dass er ein Jude sei.

             Mordochai aber verweigert. Nicht nur einmal. Wahrscheinlich hat seine Weigerung doch einen religiösen Hintergrund und ist nicht nur persönliche Sturheit. Die Septuaginta übersetzt beugten die Knie und fielen nieder mit προσεκύνουν. Das ist mehr als nur eine höfische Huldigung. Proskynese steht, so die jüdische Überzeugung, allein der Gottheit zu, dem HERRN.  Mag sein, Mordechai mochte den „Amalekiter“ Haman nicht, wenn denn das seine Herkunft ist. Aber hier geht es um mehr und anderes als um eine Aversion gegen einen Menschen anderer Herkunft.

Die Hofleute, die Mordechais Verhalten beobachten, denunzieren ihn bei Haman. Das ist eine harte Anklage: Einer bleibt dem höchsten Beamten den Gehorsam und die Ehrerbietung  schuldig. Als Waschti sich so vergangen hat, wurde sie vom Hof entfernt. Die Informanten Hamans liefern auch gleich Mordechais Begründung mit: Er hatte ihnen gesagt, dass er ein Jude sei. Das ist in meinen Augen ein Hinweis, dass Mordechai nicht nur höfische Sitte verweigert. Für ihn geht es um eine Unterwerfung, die er nicht zu leisten willens ist. Weil sie ihn in einen inneren Konflikt stürzen würde, doch wohl mit seinem Judesein.

5 Und als Haman sah, dass Mordechai nicht die Knie beugte noch vor ihm niederfiel, wurde er voll Grimm. 6 Aber es war ihm zu wenig, dass er nur an Mordechai die Hand legen sollte, denn sie hatten ihm gesagt, von welchem Volk Mordechai sei; sondern er trachtete danach, das Volk Mordechais, alle Juden, die im ganzen Königreich des Ahasveros waren, zu vertilgen.

Jetzt erst wird Haman auf den Abweichler im Verhalten am Hofe richtig aufmerksam und voll Grimm. Und wieder ist es wie bei Waschti. Das Verhalten des Einzelnen wird als „gefährlich ansteckend“ gewertet, als Indiz für mögliche Rebellion. Der Satz, der hier unausgesprochen mitschwingt, heißt: „So sind sie, die Juden, alle.“ Aus dem widerständigen Mordechai wird in den Augen Hamans der Anfang einer Gefahr für das Reich. Deshalb beschließt Haman, „nicht nur Mordechai, sondern die ganze jüdische Diaspora im persischen Reich zu vernichten, denn es ist ja zu erwarten, dass die anderen Juden sich wie Mordechai benehmen werden.“(H. Ringgren, aaO.;, S. 387)

Es sind Gedankengänge wie aus dem Lehrbuch des Antisemitismus, die hier vorgeführt werden. Der Schluss vom Verhalten des Einzelnen auf alle. Die Sippenhaft. Das Ergebnis dieser Gedanken ist schauerlich. Das Programm zur Endlösung der Judenfrage hat im Kopf Hamans ein grausiges Vorspiel. So wird also ein Genozid aus gekränkter Eitelkeit ins Auge gefasst.

 

Gott, vor Dir knie ich. Vor Dir bin ich demütig. Vor Menschen aber will ich aufrecht stehen.

Es ist ein so schmaler Grat zwischen einer einfachen Geste und einem Zeichen der Unterwerfung, der Unterwürfigkeit.

Gib Du uns die Weisheit zu widerstehen, wenn wir uns unterwerfen sollen, die eigene Identität verleugnen und uns so selbst zu verlieren drohen.

Gib uns den Mut zu sagen: Nein, ich nicht. Amen