Ein folgenschweres Nein

Esther 1, 1 – 22

1 Zu den Zeiten des Ahasveros, der König war vom Indus bis zum Nil über hundertundsiebenundzwanzig Länder, 2 als er auf seinem königlichen Thron saß in der Festung Susa, 3 im dritten Jahr seiner Herrschaft, machte er ein Festmahl für alle seine Fürsten und Großen, die Heerführer von Persien und Medien, die Edlen und Obersten in seinen Ländern, 4 damit er sehen ließe den herrlichen Reichtum seines Königtums und die köstliche Pracht seiner Majestät viele Tage lang, hundertundachtzig Tage.

So wird Geschichte erzählt. Ort und Zeit des Geschehens werden deutlich markiert. Was auch immer heute von der Geschichtlichkeit des Buches gehalten wird – hier streiten die Exegeten intensiv – für den Verfasser ist klar: er erzählt Geschichte.  Nicht nur ein Märchen. Nicht nur einen historischen Roman.

             Man schreibt das dritte Jahr seiner Herrschaft des Ahasveros. Hinter dem Namen steht wohl Xerxes I. ( 486 – 465.v.Chr.) „Dazu passt der Name „Achaschwerosch“ ausgezeichnet.“(G. Maier, Das Buch Esther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987; S.36) Dieser König, dessen Macht vom Indus bis zum Nil reicht, feiert ein Fest. In Susa,einer der Reichshauptstädte. Für einen Juden damals weit ab. Rund hundertundachtzig Tage ist seine Pracht zu besichtigen. Das macht Eindruck. Das verstärkt zugleich die eigene Machtposition.   

  5 Und als die Tage um waren, machte der König ein Festmahl für alles Volk, das in der Festung Susa war, vom Größten bis zum Kleinsten, sieben Tage lang im Hofe des Gartens beim königlichen Palast. 6 Da hingen weiße, rote und blaue Tücher, mit leinenen und scharlachroten Schnüren eingefasst, in silbernen Ringen an Marmorsäulen. Da waren Polster, golden und silbern, auf grünem, weißem, gelbem und schwarzem Marmor. 7 Und die Getränke trug man auf in goldenen Gefäßen, von denen keins wie das andere war, königlichen Wein in Menge nach königlicher Weise. 8 Und man schrieb niemand vor, was er trinken sollte; denn der König hatte allen Vorstehern in seinem Palast befohlen, dass jeder tun sollte, wie es ihm wohlgefiele.

             Auf das Fest für die Führungsriege folgt ein Festmahl für alles Volk. Gemeint ist: für alle Bediensteten in der Festung Susa. Auch da wird nicht gegeizt. Wer weiß, dass er einem großen und freigiebigen Herren dient, wird selbst ein wenig erhöht. Der Herrscher-Glanz färbt ab. Mit großer Sorgfalt beschreibt der Erzähler die reichliche Ausstattung: Kein Trinkgefäß wie das andere, eine Fülle an edlem Polstermaterial und an vielfältigem Marmor. Und: ein Zeichen der Freiheit: Man schrieb niemand vor, was er trinken sollte….Jeder tun sollte, wie es ihm wohlgefiele. – „Beim Trinken herrschte völlige Freiheit: Keiner nötigte und keiner hinderte.“(H. Ringgren, Das Buch Esther, ATD 16, Göttingen 1967, S.379) Das ist ein feiner Hinweis, und wie sich zeigen wird, folgenschwerer Hinweis auf einen großzügigen Herrscher.

  9 Und die Königin Waschti machte auch ein Festmahl für die Frauen im königlichen Palast des Königs Ahasveros.

             Parallel zum Fest des Königs richtet  die Königin Waschti ein Frauenfest aus. Das ist ungewöhnlich. Eigentlich gehören die Frauen zur Ausstattung des Männerfestes, zeigen sie doch auch etwas von seiner Macht und Pracht.  Waschti aber feiert im gleichen Palast, wenn auch getrennt von den Männern. Vermutlich ist das Frauenhaus ein Teil der Palast-Anlage.  

  10 Und am siebenten Tage, als der König guter Dinge war vom Wein, befahl er Mehuman, Biseta, Harbona, Bigta, Abagta, Setar und Karkas, den sieben Kämmerern, die vor dem König Ahasveros dienten, 11 dass sie die Königin Waschti mit ihrer königlichen Krone holen sollten vor den König, um dem Volk und den Fürsten ihre Schönheit zu zeigen; denn sie war schön.

             Am siebenten Tag, das Fest neigt sich dem Ende zu und der König ist „gut drauf“, fällt es   Ahasveros ein, die Königin Waschti holen zu lassen. Sie soll sich zeigen. In königlicher Pracht, samt Krone. Eine Idee aus einer „Weinlaune“ heraus. Wie sehr Ahasveros dem Wein zugesprochen haben mag, ist nicht wirklich von Interesse. Aber das ist schon wichtig: Er will die Königin vorführen lassen, um die eigene Bedeutung zu unterstreichen. „Meine Königin ist schön!“

Das erinnert an die Eitelkeit, in der heute Männer ihre Frauen der Öffentlichkeit präsentieren,  ihre gemeinsame Geschichte vermarkten, sie zum Vorzeige-Objekt machen: „Mein Haus, meine Yacht, meine Frau.“ Mit gleichberechtigtem Umgang und Achten der Würde des Anderen hat das wenig zu tun.

Es ist eine offizielle Abordnung, die zu Waschti geschickt wird: sieben Kämmerer, alle sorgfältig namentlich aufgezählt. Also nichts, was nebensächlich verhandelt wird. Hier ist großes Hofzeremoniell im Spiel.

  12 Aber die Königin Waschti wollte nicht kommen, wie der König durch seine Kämmerer geboten hatte. Da wurde der König sehr zornig, und sein Grimm entbrannte in ihm.

             Fast kühl notiert der Erzähler: Die Königin Waschti wollte nicht kommen. Sie verweigert sich dem Befehl des Königs. Es ist ja nicht nur eine Bitte, nicht nur die Frage: Hättest Du Lust, uns zu beehren? Es ist eine ausdrückliche Anordnung, unterstrichen durch die Zahl der Gesandten. So oist der Zorn des Königs verständlich. Er ist schwer gekränkt. Nicht nur in seiner Eitelkeit als besitzstolzer Mann., sondern auch in seiner Würde als König. „Sein amtlicher übermittelter Befehl wird nicht befolgt“ (H. Ringgren, aaO.; S. 380)

             Man kann es so sehen: Erst diktiert ihm der Wein, was er veranlasst und jetzt hat ihn sein Zorn fest im Griff. Ahasveros ist nicht der freie König, sondern einer, der von seinen Gefühlen und Stimmungen beherrscht wird.

  13 Und der König sprach zu den Weisen, die sich auf die Gesetze verstanden – denn des Königs Sachen mussten vor alle kommen, die sich auf Recht und Gesetz verstanden; 14 unter ihnen aber waren ihm am nächsten Karschena, Schetar, Admata, Tarsis, Meres, Marsena und Memuchan, die sieben Fürsten der Perser und Meder, die das Angesicht des Königs sehen durften und obenan saßen im Königreich -: 15 Was soll man nach dem Gesetz mit der Königin Waschti tun, weil sie nicht getan hat, wie der König durch seine Kämmerer geboten hatte?

             Wie ernst die Lage ist, zeigt sich an der Beiziehung der sieben Fürsten der Perser und Meder. Es ist der Thronrat der Juristen, dem der Sachverhalt zur Entscheidung vorgelegt wird. Und es geht ja auch um nicht weniger als um ein „regelrechtes Majestätsverbrechen“(H. Ringgren, aaO.; S. 380)

16 Da sprach Memuchan vor dem König und den Fürsten: Die Königin Waschti hat sich nicht allein an dem König verfehlt, sondern auch an allen Fürsten und an allen Völkern in allen Ländern des Königs Ahasveros. 17 Denn es wird diese Tat der Königin allen Frauen bekannt werden, sodass sie ihre Männer verachten und sagen: Der König Ahasveros gebot der Königin Waschti, vor ihn zu kommen; aber sie wollte nicht. 18 Dann werden die Fürstinnen in Persien und Medien auch so sagen zu allen Fürsten des Königs, wenn sie von dieser Tat der Königin hören; und es wird Verachtung und Zorn genug geben. 19 Gefällt es dem König, so lasse man ein königliches Gebot von ihm ausgehen und unter die Gesetze der Perser und Meder aufnehmen, sodass man es nicht aufheben darf, dass Waschti nicht mehr vor den König Ahasveros kommen dürfe und der König ihre königliche Würde einer andern geben solle, die besser ist als sie. 20 Und wenn dieser Erlass des Königs, den er geben wird, bekannt würde in seinem ganzen Reich, welches groß ist, so würden alle Frauen ihre Männer in Ehren halten bei Hoch und Niedrig.

             Einer der juristischen Ratgeber, Memuchan, ergreift das Wort. Es ist eine geschickte Rede. Er verwandelt die Kränkung des Ahasveros in einen Angriff auf alle Männer. Waschti wird in seiner Sicht zu einer gefährlichen Feministin. Sie lehnt sich auf gegen der Mann  und König. Sie stürzt die Ordnung um. Das ist keine Laune, die man einer Frau nachsehen könnte. Das ist eine sehr ernst Angelegenheit.„Für Ehemann steht das Wort Baal = „(Ehe-)Herr.“(G. Maier, aaO.; S.53)  Das ist sicher kein Zufall. So werden die Männer gesehen: wie der Ba’al, der heidnische Gott. Es geht also, so könnte man wohl auch sagen, um die „göttliche“ Ordnung.

Diese Argumentation dient dem König. Sie lässt vergessen, dass er persönlich gekränkt ist. Hier zählt nicht Ahasveros und seine Eitelkeit. Hier geht es um die Weltordnung! Wenn also Waschti gestraft wird, dann werden damit alle „Aufstandsversuche“ von Frauen im Kein erstickt. Man muss den Anfängen wehren.  Wenn die Strafe publiziert wird, der Fall Waschti öffentlich wird als Exempel, dann werden alle Frauen ihre Männer in Ehren halten bei Hoch und Niedrig.

 21 Das gefiel dem König und den Fürsten und der König tat nach dem Wort Memuchans. 22 Da wurden Schreiben ausgesandt in alle Länder des Königs, in jedes Land nach seiner Schrift und zu jedem Volk nach seiner Sprache, dass ein jeder Mann der Herr in seinem Hause sei.

             So gefällt es dem König. So wird es gemacht. Waschti wird als Königin abgesetzt, verbannt. Irgendwann wird es eine Nachfolgerin geben, die besser ist als sie. Durch ein Schreiben, in dem Vielvölkerstaat notwendigerweise in allen Sprachen abgefasst, wird zwar nicht der Fall Waschti kundgetan – davon schweigt diese Notiz –  wohl aber wird mit ihm die Anordnung verbunden, dass ein jeder Mann der Herr in seinem Hause sei. Das Patriarchat wird gestärkt. Zum gesetzlichen Normalfall erhoben. Geschützt durch höchste Anordnung.

Die Frage drängt sich auf: Wie schwach müssen Männer in ihrem Selbstwertgefühl sein, dass sie solch ein Schreiben brauchen? Aber auch: wie viel Unheil ist aus dieser Festschreibung von Männerrechten wohl entstanden – und nicht nur im persischen Reich?

 

Mein Gott, wie viel Angst ist im Spiel, wenn Männer Frauen klein halten, zum Gehorsam zwingen wollen, sie unterwürfig sehen wollen. Wie viel Angst ist im Spiel, wenn wir es nicht aushalten, dass der Andere sich verweigert, seinen eigenen Weg geht, seine Zeit selbst ordnet.

Mache uns frei von diesen Ängsten, die es dem anderen eng machen, uns Männer und uns Frauen. Amen