Durch Gericht und Gnade

Chronik 36, 22 – 23

22 Aber im ersten Jahr des Kyrus, des Königs von Persien, erweckte der HERR – damit erfüllt würde das Wort des HERRN durch den Mund Jeremias – den Geist des Kyrus, des Königs von Persien, dass er in seinem ganzen Königreich mündlich und auch schriftlich verkünden ließ:

Was für ein „Aber“. Es klingt in meinen Ohren wie das „Nun aber“ mit dem Paulus die Auferstehung Jesu bezeugt: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ (1. Korinther 15,20) Ein neuer Anfang, wo menschlich gesehen nichts mehr zu erhoffen ist. Davon ist jetzt die Rede.

Wieder ist es Weltgeschichte, die hier mit-erzählt wird. Im Jahr 539 v.Chr. erobert der Perserkönig Kyros II. Babylon. Ein Jahr später kommt es zum ersten großen „Toleranz-Edikt“ der Weltgeschichte, dem Kyros-Erlass. (Hj.Bräumer, aaO.;, S.327) Unter Kyros kommt es zu einer Revision der Politik der Babylonier. Er lässt verschleppte Völker in ihre Heimat zurück kehren. Er gestattet religiöse Selbstständigkeit und erlaubt auch wieder, die einheimischen Tempel aufzubauen.

Was für Kyros nur eine Maßnahme politischer Vernunft und Weitsicht sein mag, wird vom Chronisten so gedeutet: Der HERR erweckte den Geist des Kyrus. War der Babylonier Nebukadnezar Gottes Gerichtswerkzeug, so wird der Perser Kyros Gottes Werkzeug, um Israel den Weg nach Hause zu öffnen. Werkzeug eines neuen Anfanges.  Der Chronist vergisst nicht, hinzuzufügen: Damit erfüllt würde das Wort des HERRN durch den Mund Jeremias.

            Dieser Satz lässt einen Bogen schlagen zu dem Gotteswort, das sich bei dem dritten Jesaja findet: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 10-11) Das ist einer der theologischen Grund-Sätze des Glaubens Israels, des Glaubens auch, den wir Christen teilen. Gottes Wort ist wirkendes Wort. Er erfüllt die Worte seiner Verheißungen durch den Mund seiner Propheten.

  23 So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben und hat mir befohlen, ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem in Juda. Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei der HERR, sein Gott, und er ziehe hinauf!

Es folgt als Abschluss der Chronik-Bücher ein „Zitat“ aus dem Kyrus-Edikt. Das ist wortgleich der Anfang des Esra-Buches. Zweier Zeugen Mund stehen für diese Wahrheit.

Hier werden auch die Machtverhältnisse geklärt. Der große Perser-König wird zu einem Befehlsempfänger: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben und hat mir befohlen, ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem in Juda. Schwer vorstellbar im Mund des Persers. Aber das mutet der Chronist seinen Lesern zu. Und stärkt so das Selbstbewusstsein derer, die dies in dürftigen Zeiten in Juda lesen. Und über alle Zeiten hinweg ist die Botschaft: die Mächtigen der Erde müssen doch dem willen Gottes dienstbar sein.

Es liegt dem Chronisten ganz offensichtlich viel daran, dass sein Buch nicht mit dem Untergang Jerusalems und Judas abschließt, sondern dass der neue Anfang in den Blick kommt. Eine Platzanweisung durch den persischen König: Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei der HERR, sein Gott, und er ziehe hinauf! Die Leserinnen und Leser der Chronik dürfen es auch als eine Segenswort für sich hören: Mit euch, die ihr vom Volk Gottes seid, sei der Herr.

Ein Mutmach-Wort zum Abschluss, um zu zeigen, dass der Augenblick des Zornes vorbei ist und der Weg der Gnade weit offen. Bei dem großen Propheten Jesaja klingt das so und hat den gleichen Sinn: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.“ (Jesaja 54, 7-8)

 

Du heiliger Gott, Deine Gerichte sind gerecht. Dein Erbarmen ist groß. Du hältst auch durch den Untergang hindurch fest an Deinen Verheißungen. Du lässt Dein Wort wahr werden. Durch Gericht und Gnade suchst Du uns, unser Herz, unsere Liebe. Du suchst unser Vertrauen, damit wir den Weg der Welt, den Weg unseres Lebens in Deine Hände geben und so die Hände frei bekommen zum Tun, zu einem Weg des Lebens, der Deinem Willen entspricht, uns heimbringt zu Dir. Amen