Die Stunde der Barmherzigkeit

  1. Chronik 28, 1 – 15

1 Ahas war zwanzig Jahre alt, als er König wurde; und er regierte sechzehn Jahre zu Jerusalem.

            Auf Jotam, der fast wie eine Art Zwischenspiel wirkt und entsprechend knapp notiert wird, folgt Ahas. Immerhin zwanzig Jahre alt, als er König wird. Und er wird sechszehn Jahre regieren. In Jerusalem

 Er tat nicht, was dem HERRN wohlgefiel, wie sein Vater David, 2 sondern wandelte in den Wegen der Könige von Israel. Dazu machte er den Baalen gegossene Bilder 3 und opferte im Tal Ben-Hinnom und verbrannte seine Söhne im Feuer nach den gräulichen Sitten der Heiden, die der HERR vor den Israeliten vertrieben hatte, 4 und opferte und räucherte auf den Höhen und auf den Hügeln und unter allen grünen Bäumen.

Seine „Benotung“ ist schrecklich. Er tat nicht, was dem HERRN wohlgefiel. Vielmehr ist es so, dass er die Könige Israels, also des Nord-Reiches, kopiert. Es sind üble Sünden: Baal-Statue, Kinder-Opfer im Hinnom-Tal, Opfer auf den Höhen, also nicht im Tempel von Jerusalem. Irgendwelche Natur- und Fruchtbarkeits-Gottheiten werden von ihm verehrt. Kein Wunder, dass er Gott nicht gefällt.

 5 Darum gab ihn der HERR, sein Gott, in die Hand des Königs von Aram, dass sie ihn schlugen und eine große Menge der Seinen gefangen wegführten und nach Damaskus brachten. Auch wurde er in die Hand des Königs von Israel gegeben; der schlug ihn hart; 6 denn Pekach, der Sohn Remaljas, schlug in Juda 120000 streitbare Männer auf „einen“ Tag, weil sie den HERRN, den Gott ihrer Väter, verlassen hatten. 7 Und Sichri, ein Kriegsmann aus Ephraim, erschlug Maaseja, den Königssohn, und Asrikam, den Vorsteher des Königshauses, und Elkana, den Ersten nach dem König. 8 Und die von Israel führten von ihren Brüdern 200000 Frauen, Söhne und Töchter gefangen weg und nahmen dazu große Beute von ihnen und brachten sie nach Samaria.

            Die Folgen sind furchtbar – für Ahas und für Juda. Im Krieg mit Pekach von Israel und Rezin von Damaskus, dem syrisch-ephraimiitschen Krieg, wird Juda schwer geschlagen. 120000 Judäer fallen am einem Tag, dazu der Königssohn Maaseja, Asrikam, der Vorsteher des Königshauses, und Elkana, der Erste nach dem König. Es ist die Führungsspitze hinter Ahas, die ausfällt. Aber damit nicht genug: 200.000 Frauen, Söhne und Töchter werden nach Samaria in die Gefangenschaft verschleppt.

9 Es war aber dort ein Prophet des HERRN, der hieß Oded. Der ging hinaus dem Heer entgegen, das nach Samaria kam, und sprach zu ihnen: Siehe, weil der HERR, der Gott eurer Väter, über Juda zornig ist, hat er sie in eure Hände gegeben; ihr aber habt sie mit solcher Wut erschlagen, dass es gen Himmel schreit. 10 Nun gedenkt ihr, die Leute von Juda und Jerusalem zu unterwerfen, dass sie eure Sklaven und Sklavinnen seien. Ist denn das nicht Schuld bei euch gegenüber dem HERRN, eurem Gott? 11 So hört nun auf mich und bringt die Gefangenen wieder hin, die ihr aus euren Brüdern weggeführt habt; denn des HERRN Zorn ist über euch entbrannt.

Es ist selten, dass das Chronikbuch über die Grenzen Judas hinaus auf das Nordreich Israel blickt. Hier aber tut es das. Bruderkriege sind furchtbar. Oftmals noch grausamer als der „normale Krieg“, wenn es denn so etwas gibt. In diesem Krieg und nach diesem Sieg tritt in Samaria, ein Prophet des HERRN auf, Oded, der Menschlichkeit anmahnt. Er tritt den Siegern und wohl damit auch dem Hochgefühl entgegen.

Einmal verweist er darauf: Dieser Sieg liegt daran, dass der HERR, der Gott eurer Väter, sich von Juda zornig distanziert hat. Er hat sie in eure Hände gegeben. Aber im gleichen Atemzug klagt er die Härte an, die die Israeliten an Juda ausgetobt haben. Sie haben ihrer Wut freien Lauf gelassen. Und nun wollen sie obendrein diese Gefangenen versklaven!

Dem steht das Gesetz entgegen, das doch die Israeliten im Nordreich genauso bindet wie die Judäer im Südreich. „Wenn dein Bruder neben dir verarmt und sich dir verkauft, so sollst du ihn nicht als Sklaven dienen lassen; sondern wie ein Tagelöhner, wie ein Beisasse soll er bei dir sein und bis an das Erlassjahr bei dir dienen. Dann soll er von dir frei ausgehen und seine Kinder mit ihm und soll zurückkehren zu seiner Sippe und wieder zu seiner Väter Habe kommen. Denn sie sind meine Knechte, die ich aus Ägyptenland geführt habe. Darum soll man sie nicht als Sklaven verkaufen. Du sollst nicht mit Härte über sie herrschen, sondern dich fürchten vor deinem Gott. ….Aber von euren Brüdern, den Israeliten, soll keiner über den andern herrschen mit Härte.( 3. Mose 25, 39 – 43.46)

Das ist die Gefahr, die ihnen Oded vor Augen malt: Im Siegestaumel vergehen sie sich gegen den Gott ihrer Väter. Und bringen so den Zorn Gottes auf sich. Grund genug, die Gefangenen wieder heimkehren zu lassen. Das Gebot menschlicher und politischer Klugheit verbindet sich mit dem Gebot des Glaubens.

Wir heute tun gut daran, uns nicht moralisch über diese Sieger zu erheben. In einer Zeit, in der gefangene Soldaten in den Städten vorgeführt werden, in denen besiegten Gegnern die Köpfe abgeschlagen und als Trophäen mitgeführt werden, in der es zu den gebräuchlichen „Kriegsmitteln“ gehört, Frauen zu vergewaltigen, keineswegs unterbunden durch die obersten Kommandoebenen. Der humane Fortschritt im Umgang mit den Besiegten ist durchaus übersichtlich. Trotz Genfer Konvention.

12 Da traten auf einige Sippenhäupter von Ephraim – Asarja, der Sohn Johanans, Berechja, der Sohn Meschillemots, Jehiskija, der Sohn Schallums, und Amasa, der Sohn Hadlais – gegen die, die aus dem Kampf kamen, 13 und sprachen zu ihnen: Ihr sollt die Gefangenen nicht hierher bringen; denn ihr bringt Schuld vor dem HERRN über uns, sodass ihr unsere Sünde und Schuld nur noch größer macht. Es ist schon genug der Schuld und der Zorn des HERRN ist über Israel entbrannt.

            Der eine tapfere Mann macht andere tapfer. Einige der Sippenhäupter aus Ephraim machen sich den Appell des Oded zu eigen. Damit schützen sie den einzelnen Propheten. Es zeigt sich auch, dass das Nordreich nicht ganz und gar gottvergessen ist. Und sie wenden sich gegen ein Verhalten, dass den Zorn Gottes herauf beschwören muss. Es ist zugleich eine Bewertung des Bruderkrieges: Er ist Schuld vor dem HERRN.  Keine Lappalie im politischen Spiel.

 14 Da gaben die Kriegsleute die Gefangenen und die Beute frei vor den Obersten und vor der ganzen Gemeinde. 15 Und jene Männer, die mit Namen genannt sind, nahmen die Gefangenen und bekleideten alle, die bloß unter ihnen waren, mit Kleidern aus der Beute und zogen ihnen Schuhe an und gaben ihnen zu essen und zu trinken und salbten sie, und alle, die schwach waren, führten sie auf Eseln und brachten sie nach Jericho, zur Palmenstadt, zu ihren Brüdern und kehrten nach Samaria zurück.

Diese Einsprüche zeigen Wirkung. Es kommt zu einem wunderbar menschlichen Akt. Die Gefangenen werden frei gelassen. Mehr noch: Asarja, der Sohn Johanans, Berechja, der Sohn Meschillemots, Jehiskija, der Sohn Schallums, und Amasa, der Sohn Hadlais – sie alle kleiden die bloßgestellten Gefangenen neu ein. Sie versorgen sie mit Nahrung. Ja, sie salben sie. Und dann setzt sich der lange Gefangenenzug in Gang auf den Heimweg, geleitet von diesen Männern, bis nach Jericho.

Eine Ehrentafel der Menschlichkeit – geschmückt mit Namen, die keiner kennt, die aber der Chronist festhält. Asarja, der Sohn Johanans, Berechja, der Sohn Meschillemots, Jehiskija, der Sohn Schallums, und Amasa, der Sohn Hadlais – frühe Vorfahren des unbekannten barmherzigen Samariters, der auf der Straße von Jericho auch bekleidet, versorgt, salbt, auf seinem Esel trasportiert. Ob Jesus die Namen dieser Ephraimiten als Kind gelernt hat? Leuchtende Beispiele, denen er in seinem Gleichnis (Lukas 10, 25 – 35) ein Denkmal setzt.

 

Vater im Himmel. Bei Dir sind die Namen eingezeichnet, unvergessen, die Namen der Mutigen, die anderen ihre Würde bewahren, die sich derer annehmen, die der Willkür preisgegeben sind.

In Dein Gedächtnis hast Du ihre Namen eingegraben, die die Kranken versorgt haben, die Gefangenen geschützt, die Verwundeten verbunden, die Missachteten geachtet.

Gib Du doch, dass wir sie ehren, ihre Menschlichkeit, mehr als die großen Siege, bei denen Blut geflossen ist.  Ihre Stunde ist die Stunde der Barmherzigkeit. Deine Stunde und Dein Tag. Amen