Aus tiefer Not

  1. Chronik 20, 1 – 26

1 Danach kamen die Moabiter, die Ammoniter und mit ihnen auch Mëuniter, um gegen Joschafat zu kämpfen. 2 Und man kam und sagte zu Joschafat: Es kommt gegen dich eine große Menge von jenseits des Salzmeeres, von Edom, und siehe, sie sind schon in Hazezon-Tamar, das ist En-Gedi.

Joschafat ist mit Innenpolitik beschäftigt. Aber nun treten Feinde von außen auf den Plan.  Moabiter, Ammoniter und mit ihnen auch Mëuniter ziehen mit einem großen Heer herauf. Sie sind schon am Toten Meer vorbei auf der Höhe von En-Gedi. Der Weg nach Jerusalem ist für dieses Heer nicht mehr allzu weit.

 3 Joschafat aber fürchtete sich und richtete sein Angesicht darauf, den HERRN zu suchen; und er ließ in ganz Juda ein Fasten ausrufen. 4 Und Juda kam zusammen, den HERRN zu suchen; auch aus allen Städten Judas kamen sie, den HERRN zu suchen.

Die Antwort Joschafats auf diese Botschaft ist nicht als erstes Mobilmachung, sondern er  richtete sein Angesicht darauf, den HERRN zu suchen. Er ordnet ein Fasten an. Die erste Antwort auf die militärische Bedrohung ist ein religiöses Verhalten, Glauben.

 5 Und Joschafat trat hin unter die Gemeinde Judas und Jerusalems im Hause des HERRN vorn im neuen Vorhof 6 und sprach:

Alles spielt sich im Tempel ab. Im Vorhof. Dort ist die Gemeinde Judas und Jerusalems versammelt. Vor dem HERRN. Und darum beginnt Joschafat auch seine Rede nicht mit einer Ansprache an das Volk, sondern mit einem Gebet zu Gott. 

HERR, du Gott unserer Väter, bist du nicht Gott im Himmel und Herrscher über alle Königreiche der Heiden? Und in deiner Hand ist Kraft und Macht, und es ist niemand, der dir zu widerstehen vermag. 7 Hast du, unser Gott, nicht die Bewohner dieses Landes vertrieben vor deinem Volk Israel und hast es den Nachkommen Abrahams, deines Freundes, gegeben für immer? 8 Und sie wohnten darin und haben dir ein Heiligtum für deinen Namen gebaut und gesagt: 9 Wenn Unglück, Schwert, Strafe, Pest oder Hungersnot über uns kommen, werden wir vor diesem Hause und vor dir stehen – denn dein Name ist in diesem Hause – und zu dir schreien in unserer Not und du wirst hören und helfen.

            Joschafat erinnert Gott. An seine früheren Taten. Daran, dass er den Nachkommen Abrahams, deines Freundes, das Land gegeben hat, für immer.  Er erinnert ihn, dass der Tempel der Ort ist, an dem sein Name wohnt und angerufen werden kann. Er erinnert ihn: Du hast zugesagt, unsere Not zu sehen, zu hören und zu helfen.

 10 Nun siehe, die Ammoniter, Moabiter und die vom Gebirge Seïr, durch die du Israel nicht hindurchziehen ließest, als sie aus Ägyptenland kamen – sondern sie mussten vor ihnen weichen und durften sie nicht ausrotten -, 11 siehe, sie lassen uns das entgelten und kommen, uns auszutreiben aus deinem Eigentum, das du uns gegeben hast. 12 Unser Gott, willst du sie nicht richten? Denn in uns ist keine Kraft gegen dies große Heer, das gegen uns kommt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern unsere Augen sehen nach dir.

Jetzt kommt das Anliegen zur Sprache, die konkrete Bedrohung.  Es sind die uralten Rechnungen vom Exodus, vom Durchzug Israels durch diese Gebiete, die die Feinde jetzt diese Generation entgelten lassen wollen. Sie wollen Israel vertreiben – und wieder wird Gott erinnert: aus deinem Eigentum. Es ist die ganz alte Vorstellung: Das Land Israel gehört Gott, es ist dem Volk gewissermaßen nur zu Nutzung überlassen.

Und dann das Eingeständnis: Wir sind zu schwach. In uns ist keine Kraft. Die Überlegenheit der Feinde ist zu groß. Darum: unsere Augen sehen nach dir.

Meine Augen sehen stets auf den HERRN;                                                                               denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.     Psalm 25,15

Was im Psalm zum Gebet eines Einzelnen geworden ist, das ist hier die Bitte des Volkes. Angesichts der Not ist keine andere Hoffnung mehr. Man könnte auch sagen: Jetzt hilft nur noch beten.

 13 Und ganz Juda stand vor dem HERRN mit seinen Alten, Frauen und Kindern. 14 Aber der Geist des HERRN kam mitten in der Gemeinde auf Jahasiël, den Sohn Secharjas, des Sohnes Benajas, des Sohnes Jehiëls, des Sohnes Mattanjas, den Leviten aus den Söhnen Asaf. 15 Und Jahasiël sprach: Merkt auf, ganz Juda und ihr Einwohner von Jerusalem und du, König Joschafat! So spricht der HERR zu euch: Ihr sollt euch nicht fürchten und nicht verzagen vor diesem großen Heer; denn nicht ihr kämpft, sondern Gott. 16 Morgen sollt ihr gegen sie hinabziehen. Wenn sie den Höhenweg von Ziz heraufkommen, werdet ihr auf sie treffen, wo das Tal endet, vor der Wüste Jeruël. 17 Aber nicht ihr werdet dabei kämpfen; tretet nur hin und steht und seht die Hilfe des HERRN, der mit euch ist, Juda und Jerusalem! Fürchtet euch nicht und verzagt nicht! Morgen zieht ihnen entgegen! Der HERR ist mit euch.

In der Gemeinde steht ein Levit aus der Sippe des Asaf, mit Namen  Jahasiël. Dieser Name „heißt übersetzt: Gott sieht“(Hj.Bräumer, aaO. S. 179) Über diesen  Jahasiël kommt der Geist des HERRN, so dass er prophetisch redet. Ihr sollt euch nicht fürchten und nicht verzagen vor diesem großen Heer; denn nicht ihr kämpft, sondern Gott. Eine Beistandszusage Gottes ruft er der Gemeinde und dem König zu. Und weil Gott auf der Seite Judas ist, müssen sie sich nicht fürchten und nicht verzagen.  Nicht zum Kampf, sondern als Zeugen für das, was geschehen wird, sollen sie morgen ausziehen.

 18 Da beugte sich Joschafat mit seinem Antlitz zur Erde, und ganz Juda und die Einwohner von Jerusalem fielen vor dem HERRN nieder und beteten den HERRN an. 19 Und die Leviten von den Söhnen Kehat und von den Söhnen Korach schickten sich an, den HERRN, den Gott Israels, zu loben mit laut schallender Stimme.

            Die Antwort auf diese Botschaft: Alle, König und Gemeinde, Leute aus Juda und Jerusalem,  fielen vor dem HERRN nieder und beteten den HERRN an. Ein Lobpreis-Gottesdienst am Vorabend des Kampfes!

 20 Und sie machten sich früh am Morgen auf und zogen aus zur Wüste Tekoa. Und als sie auszogen, trat Joschafat hin und sprach: Hört mir zu, Juda und ihr Einwohner von Jerusalem! Glaubt an den HERRN, euren Gott, so werdet ihr sicher sein, und glaubt seinen Propheten, so wird es euch gelingen. 21 Und er beriet sich mit dem Volk und bestellte Sänger für den HERRN, dass sie in heiligem Schmuck Loblieder sängen und vor den Kriegsleuten herzögen und sprächen: Danket dem HERRN; denn seine Barmherzigkeit währet ewiglich.

            Der Aufbruch am nächsten Tag hat mehr von einer Prozession, einem Weg zu einem Gottesdienst draußen in der freien Wildnis als von einem Kriegszug. Ein Liedvers wird als Thema, als Losung vorgeben.  Danket dem HERRN; denn seine Barmherzigkeit währet ewiglich.

 22 Und als sie anfingen mit Danken und Loben, ließ der HERR einen Hinterhalt kommen über die Ammoniter und Moabiter und die vom Gebirge Seïr, die gegen Juda ausgezogen waren, und sie wurden geschlagen. 23 Es stellten sich die Ammoniter und Moabiter gegen die Leute vom Gebirge Seïr, um sie auszurotten und zu vertilgen. Und als sie die Leute vom Gebirge Seïr alle aufgerieben hatten, kehrte sich einer gegen den andern und sie wurden einander zum Verderben.

Es ist der Herr, der die Schlacht führt. Die Gegner Judas reiben sich gegenseitig auf.  Verblendet fallen sie übereinander her. Sie geraten in einen Hinterhalt, unterliegen einer Täuschung und vernichten sich selbst. Was da im einzelnen geschieht, bleibt wohl bewusst in der Schwebe, im nur Angedeuteten. Es genügt: sie wurden einander zum Verderben.

 24 Als aber Juda an den Ort kam, wo man in die Wüste sehen kann, und sie sich gegen das Heer wenden wollten, siehe, da lagen nur Leichname auf der Erde; keiner war entronnen. 25 Und Joschafat kam mit seinem Volk, die Beute auszuteilen, und sie fanden Vieh in Menge und Güter und Kleider und kostbare Geräte und nahmen sich so viel weg, dass es kaum zu tragen war, und teilten drei Tage die Beute aus; denn es war viel. 26 Am vierten Tage aber kamen sie zusammen im Lobetal; denn dort lobten sie den HERRN. Daher heißt die Stätte »Lobetal« bis auf diesen Tag.

Joschafat und seine Leute finden, als sie ankommen und einen Überblicke gewinnen, nur Leichname auf der Erde. Es gibt nichts mehr zu känpfen. Nur noch die Beute auszuteilen. Die ist so beträchtlich, dass das drei Tage in Anspruch nimmt.  Als das geschehen ist, wird die ganze Aktion mit einem weiteren Gottesdienst beendet,  im Lobetal. Von diesem Gottesdienst, so notiert der Chronist, hat der Ort seinen Namen. 

27 So kehrte jedermann von Juda und Jerusalem wieder um und Joschafat an der Spitze, dass sie nach Jerusalem zögen mit Freuden; denn der HERR hatte ihnen Freude gegeben an ihren Feinden. 28 Und sie zogen in Jerusalem ein mit Psaltern, Harfen und Trompeten zum Hause des HERRN. 29 Und der Schrecken Gottes kam über alle Königreiche der Länder, als sie hörten, dass der HERR gegen die Feinde Israels gestritten hatte. 30 Also hatte das Königreich Joschafats Frieden, und sein Gott gab ihm Ruhe ringsumher.

Im Lobetal ist kein Bleiben für immer. Die ganze Schar kehrt nach Jerusalem zurück und dort, im Tempel, findet alles seinen Abschluss. Ein Kriegszug, der von Anfang bis Ende eine Prozession ist! Es ist kein Wunder, dass alle ringsum davon erschreckt sind. Es ist der Schrecken Gottes, der  alle Königreiche der Länder ringsum ergreift. Weil sie sehen: Gott schützt sein Volk.

Die Folge: Joschafats Königreich  hatte Frieden, und sein Gott gab ihm Ruhe ringsumher. Diese letzte Wendung erinnert an Aussagen, wie sie auch im Buch Josua stehen: „Das Land war zur Ruhe gekommen vom Kriege.“(Josua 11,23) Wiederholt auch im Richterbuch, über lange Zeitspannen – vierzig Jahre, achtzig Jahre. Es gibt eine große Sehnsucht nach der Ruhe, dem Frieden in Israel. Damals wie heute.

 

Das lerne ich mühsam genug, mich zu Dir flüchten, meine Ängste Dir hinhalten, nicht aufhören, nach Deiner Hilfe zu rufen, mein Gott und Herr.

Es sind keine Feinde unter Waffen, die mich bedrohen. Gott sei Dank nicht. Aber es sind mächtige Gegner, die Ängste und Schrecken, die Furcht um die, die mir lieb sind. Gegner, denen ich nicht gewachsen bin.

Manchmal habe ich erlebt, wie sich Furcht in Nichts aufgelöst hat, wie sich das undurchsichtige Dunkel geklärt hat, aufgehellt und ein neuer Weg sichtbar geworden ist, der vorher nicht da war.

Aber das erspart es mir nicht, in erneuter Angst wieder nach Dir zu rufen, mich meinen Ängsten zu stellen und Dir zu trauen, dass Du stärker bist als alles, was mich begründet ängstigt, stärker auch als alle Angst des Herzens. Amen