In der Schlacht

  1. Chronik 18, 28 – 19,3

28 So zogen der König von Israel und Joschafat, der König von Juda, hinauf nach Ramot in Gilead. 29 Und der König von Israel sprach zu Joschafat: Ich will mich verkleiden und in den Kampf ziehen, du aber behalte deine königlichen Kleider an! Und der König von Israel verkleidete sich und sie zogen in den Kampf.

Ohne das Wort des Micha zu achten, aber mit dem Zuspruch der vierhundert Propheten, so ziehen die Könige nach Ramot in Gilead. Siegessicher. Das erhöht die Kampfeslust, auch bei den Königen selbst. Der König von Israel, Ahab, will sich in die Schlacht einmischen, mittun als Kämpfer. So kleidet sich  der König von Israel wie ein gewöhnlicher Soldat ein und zieht in den Kampf.

Mir fällt in der ganzen Erzählung auf, dass der König von Israel fast nie mit seinem Namen Ahab genannt wird, ganz im Gegenteil zu Joschafat. Von ihm heißt es nicht durchgängig: Der König von Juda.  Es ist so, als verschwände Ahab als Person hinter seiner Funktion „König von Israel“, während bei Joschafat fast das Amt hinter der Person verschwindet. Er ist nur Joschafat.

 30 Aber der König von Aram hatte den Obersten über seine Wagen geboten: Ihr sollt nicht kämpfen gegen Geringe und Hohe, sondern allein gegen den König von Israel. 31 Als nun die Obersten der Wagen Joschafat sahen, dachten sie, es sei der König von Israel, und umringten ihn, um gegen ihn zu kämpfen. Aber Joschafat schrie und der HERR half ihm und Gott lockte sie von ihm weg. 32 Denn als die Obersten der Wagen merkten, dass er nicht der König von Israel war, wandten sie sich von ihm ab.

Es ist gängige Taktik, die Heeresleitung des Gegners auszuschalten. Wenn der König fällt, ist die Schlacht schon halb gewonnen. So lenkt der König von Aram den Angriff seiner Truppen  allein gegen den König von Israel. Die Truppen sehen eine prächtig geschmückten Mann und halten ihn für den König von Israel. Hat Ahab das taktische Kalkül der Gegner selbst einkalkuliert? „Ahab gefährdet mit voller Absicht das Leben Joschafats.“(Hj.Bräumer, aaO.;, S.169) So das Urteil nicht nur eines Exegeten. Mich überzeugt das nicht wirklich. Ahab hat doch das durch und durch positive Votum seiner vierhundert (19,5) samt dem prophetischen Zeichen des  Zidkija(19,10). Warum also soll er sich angstvoll verkleiden? Ich denke, er will den Sieg als Kämpfer auskosten. Es ist nicht Angst, sondern Übermut und Hochmut, der Ahab so handeln lässt. Er sucht den Sieg und den Ruhm.    

Nichtsdestotrotz: Joschafat gerät durch den Angriff in tödliche Gefahr. Er schreit auf. „Das hier gewählte Wort für „schreien“ (hebr.: zā‛aq) ist einer der Hauptbegriffe des Gebetes  im AT, das stets an eine aktuelle Notlage gebunden ist.“ (Hj.Bräumer, aaO.;, S.169) Der Notschrei wirkt. Die Aramäer lassen von Joschafat ab. Gott lockt sie weg. 

Mitten in der Schlacht erweist sich Gott als der Retter.  Es ist so, dass er die Einsicht der Gegner: „Wir jagen hier den falschen Mann“, nutzt, um sein Leben zu bewahren. Sein Weglocken besteht gewissermaßen im Durchblick der Gegner.

 33 Es spannte aber ein Mann seinen Bogen von ungefähr und schoss den König von Israel zwischen Panzer und Wehrgehänge. Da sprach er zu seinem Wagenlenker: Wende um und führe mich aus dem Kampf; denn ich bin verwundet! 34 Aber der Kampf nahm immer mehr zu an jenem Tage, und der König von Israel blieb in seinem Wagen stehen gegenüber den Aramäern bis zum Abend; und er starb, als die Sonne unterging.

Das Schicksal des  Königs von Israel aber vollendet sich.  Ein Mann des Feindes, ein einfacher aramäischer Soldat, schießt ihn ab, trifft ihn trotz seiner Panzerung. Er weiß nicht, wen er da getroffen hat. Der verwundete König will heraus aus der Schlacht, aber er muss sich buchstäblich auf seinem Kampfwagen durchstehen bis ans bittere Ende.  Er starb, als die Sonne unterging.

Es ist sicherlich kein erzählerischer Zufall: Joschafat wird gerettet, weil den Feinden die Augen aufgehen. Der König von Israel stirbt, weil einer zwar gut sieht und zielt, aber in keiner Weise weiß, wen er da vor sich hat. „Wenn ein feindlicher Bogenschütze von ungefähr und nichtsahnend dem israelitischen König Ahab die tödliche Wunde beibringt, so sollen wir mit dem Chronisten ohne Zweifel diesen „Zufall“ als Gottesentscheid verstehen.“(K. Galling, aaO.; S.122) Es ist beängstigend, wie nahe Rettung und Untergang beieinander liegen – beide im Denken des Chronisten wohl  Gottesentscheide. 

1 Joschafat aber, der König von Juda, kam wieder heim mit Frieden nach Jerusalem. 2 Und es ging ihm der Seher Jehu, der Sohn Hananis, entgegen und sprach zum König Joschafat: Sollst du so dem Gottlosen  helfen und die lieben, die den HERRN hassen? Darum kommt über dich der Zorn vom HERRN. 3 Etwas Gutes ist aber doch an dir gefunden, dass du die Bilder der Aschera aus dem Lande ausgetilgt und dein Herz darauf gerichtet hast, Gott zu suchen.

Der Ausgang der Schlacht um Ramot in Gilead interessiert den Chronisten nicht mehr. Joschafat kommt heim mit Frieden nach Jerusalem. Er ist noch einmal davon gekommen. Aber er wird hart getadelt durch das Wort des Sehers Jehu. Der tritt ihm entgegen. Das iist wohl wörtlich zu nehmen: Er konfrontiert ihn. Das Bündnis mit Ahab war ein Fehlgriff. Er hätte es wissen müssen, allein schon durch die Priester und Leviten, die aus dem Nordreich vertrieben worden waren und die in Juda Zuflucht gesucht hatten(11, 13-14).

Diese Leute, mit denen Joschafat sich eingelassen hatte, waren Gottlose, die den HERRN hassen. Das verbietet  Bündnisse mit ihnen.  Dahinter taucht ein Denken auf, das uns heute völlig fremd vorkommt: Außenpolitik ist nur dann wirklich gute Außenpolitik, wenn sie sich an moralischen Standards orientiert. Und das heißt: Mit denen, die Gott hassen paktiert man nicht. Die wahrhaft interessengeleitete Außenpolitik ist die, die mit dem Dazwischen-sein Gottes (=Interesse) rechnet und nicht einfach gängigem Machtkalkül folgt. „Dass Joschafat dem Gottlosen Waffenhilfe leistete, ruft den Zorn Gottes herbei.“(K. Galling, aaO.; S.122) Das wird Joschafat noch ausbaden müssen.

Aber: Gott sieht nicht nur diese Verirrung. Er sieht, findet auch das Gute. Die Passiv-Form ist an dir gefunden deutet darauf hin, dass Gott das Gute gefunden hat. Das Gute an Joschafat ist die Abkehr vom Götzendienst, die Zerstörung – so muss man wohl vertilgt lesen – der Aschera-Statuen. Diesem äußeren Tun entspricht die innere Hinwendung des Herzen  darauf, Gott zu suchen.

Zumindest nachdenken kann man darüber, ob diese kritischen Worte des Sehers Jehu nicht zugleich so gewählt sind, dass sie für die lesenden Zeitgenossen des 4. Jahrhunderts eine Warnung sind im Blick auf samaritanische Gruppen und ihre Verehrung Gottes auf dem Garizim. Die gilt ja rechtgläubigen Juden nicht als eine legitime Variante des Glaubens an Jahwe, sondern als Götzendienst.  Von denen muss man sich fernhalten. Eine Entscheidung, die ihre Spuren auch im Neuen Testament hinterlassen hat.

 

Himmlischer Vater, ich weiß es gar nicht, wie vielen Gefahren ich entgangen bin, ohne dass ich es gemerkt habe, Beinahe-Unfällen, falschen Entscheidungen, Ratschlägen, die mich verführen wollten und die ich ohne klare Einsicht überhört habe.

Du hast immer wieder Deine Hand schützend über uns gehalten, damit wir im Frieden heimkehren, damit es weiter geht mit unserem Weg, immer Dir nach. Amen