Geist der Verwirrung

  1. Chronik 18, 1 – 27

1 Und Joschafat hatte großen Reichtum und viel Ehre und verschwägerte sich mit Ahab.

            Joschafat ist der vierte König in Juda. Er regiert von 874 bis 849 v. Chr. Er hat ein starkes Reich geerbt, aber ihm liegt daran, dies auch zu sichern. Dazu sucht er die Verbindung zu Ahab, dem König des Nordreichs. Joram, der Sohn Ahabs heiratet Joschafats Tochter. (2. Könige 8,18) Eheschließungen sind zu vielen Zeiten ein Mittel des Machterhaltes und der Machtsicherung. So auch hier.

 2 Und nach einigen Jahren zog er hinab zu Ahab nach Samaria. Und Ahab ließ für ihn und für das Volk, das bei ihm war, viele Schafe und Rinder schlachten. Und er beredete ihn, dass er hinaufzöge nach Ramot in Gilead.

            Joschafat macht sich auf den Weg zu Ahab. Sie treffen sich in Samaria. Und dort beredet Ahab den Judäer zu einem Feldzug gegen die Stadt Ramot in Gilead. Das Ziel dieses Feldzuges wird nicht benannt. Wahrscheinlich geht es um das Gewinnen eines wichtigen Punktes an der „Königsstraße“.

 3 Ahab, der König von Israel, sprach zu Joschafat, dem König von Juda: Willst du mit mir nach Ramot in Gilead ziehen? Er sprach zu ihm: Ich bin wie du und mein Volk wie dein Volk; wir wollen mit dir in den Kampf. 4 Aber Joschafat sprach zum König von Israel: Frage doch zuerst nach dem Wort des HERRN! 5 Und der König von Israel versammelte vierhundert Propheten und sprach zu ihnen: Sollen wir nach Ramot in Gilead in den Kampf ziehen oder soll ich’s lassen? Sie sprachen: Zieh hinauf! Gott wird es in des Königs Hand geben.

            Es sieht so aus, als würde dieser gemeinsame Plan die beiden Könige – und damit doch die Reiche – näher zusammenbringen. Ich bin wie du und mein Volk wie dein Volk; wir wollen mit dir in den Kampf. Das sind wohl Ahabs Worte. Es ist erstaunlich, wie weit dieser König mit diesem Worten geht, nach der langen Zeit der Trennung. Seine Worte  werben um Vertrauen.

Joschafat ist dennoch zögerlich. Und bedacht. Er weiß sich mit seinen Plänen darauf angewiesen, dass Gott „mitspielt“, einverstanden ist. Er will ein Gotteswort, ein Orakel für diese Situation.  Darum seine Aufforderung: Frage doch zuerst nach dem Wort des HERRN!

Ahab hat vierhundert Propheten zur Hand. Die werden als Hofpropheten Ahabs befragt. Und antworten unisono: Zieh hinauf! Gott wird es in des Königs Hand geben. Einstimmiger geht es nicht. Ist es so, dass sie ein „Gefälltigkeits-Orakel“ abgeben, so wie es Gefälligkeits-Gutachten gibt? Ist es so, dass der, der das Orakel „bestellt“, damt auch schon über seinen Inhalt entscheidet? Weil man weiß, was er gerne hören möchte? 

 6 Joschafat aber sprach: Ist nicht noch irgendein Prophet des HERRN hier, dass wir durch ihn den Herrn befragen? 7 Der König von Israel sprach zu Joschafat: Es ist noch “ein” Mann hier, durch den man den HERRN befragen kann; aber ich bin ihm gram, denn er weissagt über mich nichts Gutes, sondern immer nur Böses, nämlich Micha, der Sohn Jimlas.

Macht die Einstimmigkeit der Propheten Joschafat misstrauisch? Schwer zu sagen. Es könnte doch auch so sein, dass ihre Einstimmigkeit gott-gewollt ist, ein gutes Zeichen. Aber Joschafat drängt auf weitere Befragungen, „auf die Beiziehung eines echten Jahwepropheten“ (Hj.Bräumer, aaO.;, S.165) So einen gibt es in Micha, dem Sohn Jimlas. Auf ihn ist aber Ahab nicht gut zu sprechen, weil dieser Propheten immer quer liegt zu den Wünschen des Königs mit seinen Botschaften. Es klingt ehrlich, was Ahab sagt: Er weissagt über mich nichts Gutes, sondern immer nur Böses.

            Das ist der Konflikt, der hier aufgedeckt wird. Die einen „Berufs-Propheten“ reden positiv, sagen, was der Auftraggeber gerne hört. Sie liefern gewissermaßen theologische Gutachten, die dem Zeitgeist entsprechen. Der wahre Prophet fragt nicht danach, was sich gut anhören wird, Zustimmung finden wird. Er fragt nach der Wahrheit. Fragt und hört auf Gott und seine Stimme.

 Joschafat sprach: Der König rede so nicht. 8 Und der König von Israel rief einen seiner Kämmerer und sprach: Bringe eilends her Micha, den Sohn Jimlas!

Joschafat dringt mit seiner Bitte durch. Ahab ringt sich dazu durch, diesen Propheten-Außenseiter Micha holen zu lassen. Eilend.

 9 Und der König von Israel und Joschafat, der König von Juda, saßen ein jeder auf seinem Thron, mit ihren königlichen Kleidern angetan. Sie saßen aber auf dem Platz vor dem Tor von Samaria, und alle Propheten fingen an, vor ihnen zu weissagen. 10 Und Zidkija, der Sohn Kenaanas, machte sich eiserne Hörner und sprach: So spricht der HERR: Hiermit wirst du die Aramäer niederstoßen, bis du sie aufreibst. 11 Und alle Propheten weissagten ebenso und sprachen: Zieh hinauf nach Ramot in Gilead! Es wird dir gelingen, der HERR wird es in des Königs Hand geben.

Während Micha geholt wird, gehen die Hof-Propheten ihrem „Geschäft“ nach. „Sie versetzen sich in einen ekstatischen Zustand, um einen göttlichen Bescheid zu bekommen.“ (Hj.Bräumer, aaO.; S.165) Zidikija, wohl einer ihrer Anführer, gelangt in der Ekstase zu einer Zeichenhandlung: Er macht sich Eisenhörner, trägt sie auf dem Kopf oder in den Händen und interpretiert. Mit solchen Hörnern wirst du die Aramäer niederstoßen. Unwiderstehlich wird der Angriff sein. Jeder versteht das sofort. Und, wie zur letzten Legitimation: Der HERR wird es in des Königs Hand geben. Mit Gott an der Seite kann nichts schiefgehen bei diesem Vorhaben.

12 Und der Bote, der hingegangen war, um Micha zu rufen, sprach zu ihm: Siehe, die Worte der Propheten sind einmütig gut für den König. Lass doch auch dein Wort wie ihr Wort sein und rede Gutes. 13 Micha aber sprach: So wahr der HERR lebt: Was mein Gott sagen wird, das will ich reden.

            Micha wird derweil „gebrieft“, auf die Situation vorbereitet. So handeln verantwortungsvolle Hofbeamte. Er informiert Micha über die gute Stimmung und rät zur Zustimmung. Lass doch auch dein Wort wie ihr Wort sein und rede Gutes. Es wird sich sicherlich auch für ihn auszahlen. Es kann doch nicht so schwer sein zu sagen, was gewünscht  ist.

Micha aber legt sich fest: Nicht Gefälligkeiten, sondern was mein Gott sagen wird. Er bindet sein Sagen an sein Hören. Ein Prophet hat nichts zu sagen, wenn er nicht zuvor gehört hat, was der HERR sagt.

Der Prophet – Micha, aber auch alle anderen Propheten – sagt nicht nur, was er so sieht und denkt. Er sagt nicht seine Sicht und beruft sich nicht auf sein Hintergrundwissen. Wir neigen dazu, Propheten als Menschen mit einem kritischen Blick auf die Dinge, auch mit Durchblick zu betrachten. Sie schöpfen aus ihrem kritischen Potential. Aber das ist nicht das Bild biblischer Prophetie. Biblisch gesehen hängt der Prophet völlig davon ab, dass er zuvor gehört hat, gesehen hat. Ein Wort von Gott hat.

 14 Und als er zum König kam, sprach der König zu ihm: Micha, sollen wir nach Ramot in Gilead in den Kampf ziehen oder soll ich’s lassen? Er sprach: Ja, zieht hinauf! Es wird euch gelingen, sie werden in eure Hände gegeben werden.

So tritt Micha vor Ahab – und bestätigt die Worte der Vierhundert. Er gibt „grünes Licht“.

 15 Aber der König sprach zu ihm: Wie oft soll ich dich beschwören, dass du mir im Namen des HERRN nichts als die Wahrheit sagst! 16 Da sprach er: Ich sah ganz Israel zerstreut auf den Bergen wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und der HERR sprach: Diese haben keinen Herrn. Ein jeder kehre wieder heim mit Frieden!

            Es ist zu spüren, wie perplex Ahab über diese Botschaft ist. Darum greift er nun zu dem Mittel, von dem er weiß, dass es Micha nötigen wird zu sagen, was er gesehen und gehört  hat. Wie oft soll ich dich beschwören, dass du mir im Namen des HERRN nichts als die Wahrheit sagst! Da ist kein Platz für Ironie, für Unwahrheit, für Gefälligkeit: Im Namen des HERRN. 

            Ahab behält Recht. Und erfährt, was Micha gesehen und gehört hat. Ganz Israel zerstreut auf den Bergen. Herrenlos. Umherirrend. Vom Untergang bedroht.  Es ist dann das Wort des HERRN, dass dieses düstere Bild ein wenig aufhellt: Ein jeder kehre wieder heim mit Frieden!

            Micha sieht Israel wie Schafe, die keinen Hirten haben. Dieser Satz hat Langzeit-Wirkung, weit über diesen Propheten hinaus. „Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Matthäus 9,36) Und es ist die Lebens-Aufgabe Jesu, dass die Schafe einen Hirten erhalten, der ihnen den Heimweg öffnet, damit sie, jede und jeder, wieder heim kehren mit Frieden!

 17 Da sprach der König von Israel zu Joschafat: Sagte ich dir nicht: Er weissagt nichts Gutes über mich, sondern nur Böses? 18 Micha aber sprach: Darum höret des HERRN Wort! Ich sah den HERRN sitzen auf seinem Thron, und das ganze himmlische Heer stand zu seiner Rechten und zu seiner Linken. 19 Und der HERR sprach: Wer will Ahab, den König von Israel, betören, dass er hinaufziehe und falle bei Ramot in Gilead? Und als dieser so und jener anders redete, 20 trat ein Geist vor und stellte sich vor den HERRN und sprach: Ich will ihn betören. Der HERR aber sprach zu ihm: Womit? 21 Er sprach: Ich will ausfahren und ein Lügengeist sein in aller seiner Propheten Mund. Und der Herr sprach: Du wirst ihn betören und wirst es ausrichten; fahr hin und tu das! 22 Nun siehe, der HERR hat einen Lügengeist in den Mund dieser deiner Propheten gegeben, und der HERR hat Unheil gegen dich geredet.

Ahab fühlt sich in seinem Urteil über Micha bestätigt. Er sagt wieder nur Böses. Er versteht nicht, dass das Wort Michas ihn zur Umkehr ruft. Dass er diesem Bösen entgehen kann, in dem er von seinen Kriegsplänen Abstand nimmt.

Jetzt aber deckt Micha die Wirklichkeit auf, die hinter der ganzen Szene liegt. Es ist unheimlich, was er da sagt. Er hat einen Blick in der himmlischen Thronsaal geöffnet bekommen. Was uns verborgen ist, das sieht Micha. „Wer will Ahab verlocken, betören, der gerade dabei ist, Joschafat zu verlocken, zu betören?“ Es findet sich ein Geist, der das auf sich nimmt: Als Lügengeist  in aller seiner Propheten Mund. Ein schärferes Urteil über die vierhundert Hofpropheten ist nicht denkbar. Sie alle, sagt Micha, sind Diener dieses Lügengeistes, sind da, um Ahab zu verderben. Der HERR hat Unheil gegen dich geredet. Die angeblich gute Botschaft der Propheten ist ein Lügengespinst und wird Ahab ins Unheil stürzen, wenn er ihr folgt.

23 Da trat herzu Zidkija, der Sohn Kenaanas, und schlug Micha auf die Backe und sprach: Auf welchem Wege sollte der Geist des HERRN von mir gewichen sein, um nun durch dich zu reden?

Das alles muss Zidkija unendlich provozieren. So wird er handgreiflich gegen Micha. Was uns wie eine wüste Prügelei vorkommen mag, ist aber anderes. „Der Schlag auf die Wange ist mehr als ein entehrender Schlag aus ganz bestimmtem Grund. Er trifft den Geschlagenen als Ketzer.“(Hj.Bräumer, aaO.;, S. 168) Das ist die Absicht  Zidkijas: Er will Micha als Ketzer brandmarken.

  24 Micha sprach: Wahrlich, an jenem Tage wirst du’s sehen, wenn du von einer Kammer in die andere gehst, um dich zu verstecken.

            Micha hält dagegen: Die Wahrheit wird an den Tag kommen. Wer der wahre Prophet ist, wird sich in der Zukunft erweisen. Das ist eine wegweisendes Wort für die Frage, wie denn wahre und falsche Prophetie zu unterscheiden sind. Sie sind es nicht in dem Augenblick, in den sie ergehen. Sie werden durch die Ereignisse der Zukunft verifiziert oder falsifiziert, sich als wahr oder unwahr erweisen. Das Hören auf Propheten hat immer dieses Risiko: Ihre Wahrheit  erweist sich erst mit der Zeit.

 25 Aber der König von Israel sprach: Nehmt Micha und bringt ihn zu Amon, dem Stadthauptmann, und zu Joasch, dem Sohn des Königs, 26 und sagt: So spricht der König: Legt diesen ins Gefängnis und speist ihn nur kärglich mit Brot und Wasser, bis ich wiederkomme mit Frieden!

            Zumindest das gelingt Zidkija: Ahab lässt den Propheten festsetzen. Bei Wasser und Brot. Nur nicht üppig. Und zugleich signalisiert Ahab, dass er nicht gewillt ist, auf Micha zu hören: So lange soll die Haft dauern, bis ich wiederkomme mit Frieden! Also: bis nach dem erfolgreichen Feldzug.

 27 Micha sprach: Kommst du mit Frieden wieder, so hat der HERR nicht durch mich geredet. Und er sprach: Höret, alle Völker!

Micha behält das letzte Wort. Es ist eine Art Reinigungseid. Das stellt er klar – und geht damit weit über Zidkija hinaus: Er, Micha, ist ein Lügenprophet, wenn der König in Frieden heimkehrt. Dann hätte er geredet ohne Auftrag, ohne zuvor zu hören und zu sehen. Dann wird er die Konsequenzen tragen.

Höret, alle Völker! Das ist wie ein Zeugenaufruf im Prozess. Micha ruft die Völker auf, Zeugen zu sein im Prozess um die wahre und die falsche Prophetie. Dieses Wort ist, in meinem Denken, auch eine Aufforderung an die Leser der Chronik. Sie sollen Zeugen sein, wer sich als der wahre Prophet erwiesen hat und wer als Lügenprophet entlarvt, enttarnt worden ist. Die Geschichte hat es doch schon an den Tag gebracht.

Der Feststellung ist nichts hinzuzufügen: „Dem Chronisten ist in der ganzen Erzählung das Gegenüber des wahren Propheten Micha ben Jimla und der falschen Propheten die eigentliche Pointe.“  (K. Galling, aaO.; S.121)

 

Das ist mir unheimlich, dass Du, Gott, auch einen Geist senden könntest, der verführt, verwirrt, in die Irre führt, weil er gut heißt, was wir uns ausgedacht haben, unsere Herzenswünsche und Machtsehnsüchte.

Ich bitte Dich, dass ich die warnenden Stimmen höre, sie nicht verachte, mich ihnen nicht verschließe. Ich bitte Dich, dass ich durch all das Stimmengewirr der Zeit hindurch Deine Stimme vernehme und Dir folge. Amen