Unberatbar?

  1. Chronik 10, 1 – 19

1 Rehabeam zog nach Sichem; denn ganz Israel war nach Sichem gekommen, um ihn zum König zu machen.

Die Nachfolge ist geregelt. Aber sie muss auch in Kraft gesetzt werden. Rehabeam braucht die Zustimmung des Volkes. Ganz Israel versammelt sich in Sichem. Um ihn zu bestätigen und damit zum König zu machen. Ohne diese Bestätigung wäre er nicht der König Israels, selbst wenn er noch so viel Macht hätte.

Warum wird Sichem als Ort dieser Inthronisation gewählt? David war in Hebron zum König gemacht worden, Salomo in Jerusalem. Warum jetzt also Sichem? Es scheint, als wäre diese Ortswahl ein Entgegenkommen gegenüber den Nordstämmen.

 2 Und als das Jerobeam hörte, der Sohn Nebats, der in Ägypten war, wohin er vor dem König Salomo geflohen war, kam er aus Ägypten zurück. 3 Und sie sandten hin und ließen ihn rufen. Und Jerobeam kam mit ganz Israel und sie redeten mit Rehabeam und sprachen: 4 Dein Vater hat unser Joch zu hart gemacht. So erleichtere nun du den harten Dienst deines Vaters und das schwere Joch, das er auf uns gelegt hat, so wollen wir dir untertan sein. 5 Er sprach zu ihnen: Kommt nach drei Tagen wieder zu mir! Und das Volk ging hin.

Jerobeam, so erfahren wir, war vor Salomo geflüchtet. Der Chronist erklärt nicht, aus welchem Grund. Nach dem Tod Salomos kehrt er zurück. Er wird zum Wortführer derer, die sich von dem Thronwechsel Erleichterungen erhoffen. Erleichterung, nicht völlige Befreiung.  Die Pracht Salomos hatte eine dunkle Schattenseite: Eine drückende Abgabenlast und schwere Arbeitsverpflichtungen. Es liest sich wie ein später Kommentar: „Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde.“(Sprüche 29,4)  Darum hoffen viele auf frischen Wind und Änderungen. 

 6 Und der König Rehabeam hielt einen Rat mit den Ältesten, die vor seinem Vater Salomo gestanden hatten, als er noch am Leben war, und sprach: Wie ratet ihr, dass ich diesem Volk Antwort gebe? 7 Sie sprachen zu ihm: Wirst du zu diesem Volk freundlich sein und sie gütig behandeln und ihnen gute Worte geben, so werden sie dir untertan sein allezeit.

            Rehabeam zeigt sich hier nicht als einsamer Entscheider. Er befragt den Kreis der Ältesten, die schon Salomo beraten haben. Sie raten ihm zu Milde, zu Erleichterungen. Sie sind überzeugt: So ein Akt gewinnt dem neuen König die Herzen der Stämme. Es ist auch offensichtlich so: Diese Ältesten wissen, was für ein zerbrechliches Gebilde die Einheit der zwölf Stämme ist. „Ganz Israel“ ist mehr eine – auch theologisch-geistliche – Wunschgröße als unproblematische Realität.

 8 Er aber ließ außer Acht den Rat der Ältesten, den sie ihm gegeben hatten, und hielt einen Rat mit den Jüngeren, die mit ihm aufgewachsen waren und vor ihm standen, 9 und sprach zu ihnen: Was ratet ihr, dass wir diesem Volk antworten, das zu mir gesagt hat: Erleichtere das Joch, das dein Vater auf uns gelegt hat? 10 Die Jüngeren aber, die mit ihm aufgewachsen waren, sprachen zu ihm: So sollst du sagen zu dem Volk, das zu dir gesprochen hat: »Dein Vater hat unser Joch zu schwer gemacht; mach du unser Joch leichter« – so sollst du zu ihnen sagen: Mein kleiner Finger soll dicker sein als meines Vaters Lenden. 11 Hat nun mein Vater auf euch ein schweres Joch gelegt, so will ich euern  Joch noch schwerer machen. Mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt, ich will euch mit Skorpionen züchtigen.

Ob Rehabeam mit diesem Rat nicht zufrieden ist? Jedenfalls folgt er ihm nicht, vielmehr lässt er ihn außer Acht. Und befragt die eigenen Altersgenossen. Die, die noch auf neue Karrieresachritte hoffen unter dem neuen König. Sie raten zu Härte. Zu unnachsichtigem Einsetzen der Macht. Er soll neue Abgaben, neue Frondienste ankündigen. Die Sprache, derer sie sich bedienen, ist obszön – der kleiner Finger ist ein Euphemismus für das Glied -, voller Verachtung, für das Volk und auch für den verstorbenen König.

12 Als nun Jerobeam und alles Volk am dritten Tage zu Rehabeam kam, wie der König gesagt hatte: »Kommt wieder zu mir am dritten Tage«, 13 antwortete ihnen der König hart. Und der König Rehabeam ließ außer Acht den Rat der Ältesten 14 und redete mit ihnen nach dem Rat der Jüngeren und sprach: Hat mein Vater euer Joch schwer gemacht, so will ich’s noch schwerer machen. Mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt, ich aber will euch mit Skorpionen züchtigen. 15 So hörte der König nicht auf das Volk; denn es war so von Gott bestimmt, damit der HERR sein Wort wahr machte, das er durch Ahija von Silo zu Jerobeam, dem Sohn Nebats, gesagt hatte.

Jerobeam kommt zum König in Erwartung einer Antwort. Rehabeam antwortet. Er gibt den Rat der Jugendfreunde wörtlich weiter: Hat mein Vater euer Joch schwer gemacht, so will ich’s noch schwerer machen. Mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt, ich aber will euch mit Skorpionen züchtigen. Es ist die Androhung einer Gewaltherrschaft.

Der Chronist weiß, warum Reahabeam so jenseits aller Klugheit antwortet. In dieser staatsmännischen Dummheit machte der HERR sein Wort wahr. Ahija von Silo hatte offensichtlich eine entsprechende Weissagung an Jerobeam ausgesprochen. Der Chronist verschweigt den Wortlaut seiner Botschaft an Jerobeam. Ihren Inhalt kennen wir nur aus dem 1. Könige 11, 29 – 40. Da kündigt Ahija zu Lebzeiten Salomos schon (!) die Teilung des Reiches an und dass Jerobeam König des Nordens werden wird. Grund genug für Salomo, danach „zu trachten, Jerobeam zu töten. Da machte sich Jerobeam auf und floh nach Ägypten zu Schischak, dem König von Ägypten, und blieb in Ägypten, bis Salomo starb.“ (1. Könige 11,40)

16 Als aber ganz Israel sah, dass der König nicht auf es hörte, antwortete das Volk dem König und sprach: Was haben wir für Teil an David oder Erbe am Sohn Isais? Jedermann von Israel, auf zu seiner Hütte! So sorge nun du für dein Haus, David! – Und ganz Israel ging heim, 17 sodass Rehabeam nur über die Israeliten regierte, die in den Städten Judas wohnten. 18 Und als der König Rehabeam den Fronvogt Adoniram sandte, steinigten ihn die von Israel zu Tode. Aber der König Rehabeam stieg eilends auf seinen Wagen und floh nach Jerusalem. 19 Also fiel Israel ab vom Hause David bis auf diesen Tag.

Hat Rehabeam nicht weiter gedacht? Jedenfalls führt seine harsche Antwort dazu, dass ganz Israel zerfällt. Die Nordstämme trennen sich von Rehabeam. Ihm verbleiben nur die Israeliten, die in den Städten Judas wohnten als Gefolgschaft. Ein Versuch, die Macht über den Norden zurück zu gewinnen, scheitert. Der Fronvogt Adoniram wird gesteinigt. Der in seinen Worten so gewaltige König flieht nach Jerusalem.

Das Ergebnis ist die Reichsteilung im Jahr 926 v. Chr. Entstanden aus einem Akt unfassbarer politischer Dummheit. Wer eine Reich einen will, unterschiedliche Stämme zusammen halten, der muss Freiheit gewähren und nicht Zwang androhen.  Der Zwölf-Stämme-Bund war nie so einig, wie wir das gerne Glauben, wenn wir unterschiedslos vom „Volk Israel“ oder gar vom „Volk Gottes“ reden.

Zugleich, so deutet der Chronist, ist die Teilung des Reiches Verhängnis von Gott her. „So geschieht es, dass „die freie Entscheidung des Menschen das von Gott „zu seinem Zweck und Ziel“ Vorherbestimmte in sich einschließt.“ (K. Galling, aaO.; S.102) So kurz hat das gewaltige salomonische Reich Bestand. Weisheit lässt sich nicht wie Macht vererben.

 

Mein Gott, davor habe ich Angst, dass ich unberatbar bin, mein Ohr den falschen Ratschlägen öffne, mich Ratgebern anvertraue, die nur ihren eigenen Interessen folgen. Davor habe ich Angst, dass ich leichtfertig andere belaste, ihnen Mühen zumute ohne Rücksicht, ohne Sorgfalt, ohne sie wirklich ernst zu nehmen

Mein Gott, gib mir offene Ohren für guten Rat. Gib mir klare Einsicht. Stärke mir den Mut zu tun, was Deinem Willen entspricht. Amen