Das Gebet Salomos

  1. Chronik 6, 22 – 42

Es ist ein regelrechtes Fürbittengebet, das Salomo an dieser Stelle für das Volk vor Gott bringt. Auch das wieder ein priesterlicher Akt des Königs.

22 Wenn jemand an seinem Nächsten sündigt und es wird ihm ein Fluch auferlegt, sich selbst zu verfluchen, und er kommt und verflucht sich vor deinem Altar in diesem Hause, 23 so wollest du hören im Himmel und Recht schaffen deinen Knechten, dass du den Frevler als Frevler erkennen und seine Tat auf sein Haupt kommen lässt, den aber, der im Recht ist, gerecht sprichst und ihm gibst nach seiner Gerechtigkeit.

Hier geht es um den „Reinigungseid“. Jemand soll sich selbst „verfluchen“, wenn er dies oder jenes getan hat. Damit die Wahrheit zum Tragen kommt, soll Gott hören im Himmel und Recht schaffen. Er soll Lüge und Wahrheit aufdecken und den Frevler nicht davon kommen lassen und dem, der im Recht ist, zum Recht helfen.

Es ist die bedrängende Situation, dass einer durchzukommen scheint mit seinem Unrecht, seinen Lügen, seinen Tricks. Da soll der Tempel ein Ort sein, an dem es heraus kommt – so wie es ein Psalm-Beter auch formuliert.

So sann ich nach, ob ich’s begreifen könnte, aber es war mir zu schwer,                  bis ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende.                                        Ja, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund                                                                                 und stürzest sie zu Boden.                                                                                                       Wie werden sie so plötzlich zunichte!                                                                                  Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.          Psalm 73, 16 – 19

 24 Wenn dein Volk Israel vor dem Feind geschlagen wird, weil sie an dir gesündigt haben, und sie bekehren sich dann und bekennen deinen Namen, bitten und flehen vor dir in diesem Hause, 25 so wollest du hören vom Himmel her und vergeben die Sünde deines Volkes Israel und sie in das Land zurückbringen, das du ihnen und ihren Vätern gegeben hast.

Niederlagen im Krieg sind nicht einfach nur Folge militärischer Fakten. Sie werden auch verursacht durch unbereinigte Schuld. Davon erzählt unter anderem der Fall Ai (Josua 7) Darum soll der Tempel der Ort sein, an dem Israel seine Schuld vor Gott zur Sprache bringen kann. Und er, Gott, möge hören vom Himmel her und vergeben die Sünde deines Volkes Israel. Das ist die große Hoffnung: Vergebung der Sünde an diesem Ort im Lande und auf dem Berg Morija (3,1), dem Ort der Verschonung.

Dieses Gebet zu lesen in der Mitte des 4.Jahrhunderts heißt für die Lesenden: Gott hat das Gebet erhört.  Er hat es auf sich genommen, sie in das Land zurückzubringen, das er  ihnen und ihren Vätern gegeben hat.

 26 Wenn der Himmel verschlossen ist, dass es nicht regnet, weil sie an dir gesündigt haben, und sie beten dann an dieser Stätte und bekennen deinen Namen und bekehren sich von ihren Sünden, weil du sie bedrängt hast, 27 so wollest du hören im Himmel und vergeben die Sünde deiner Knechte und deines Volkes Israel, dass du sie den guten Weg lehrst, auf dem sie wandeln sollen, und regnen lässt auf dein Land, das du deinem Volk zum Erbe gegeben hast.

            Die Geschichte von Elia, der den Himmel verschlossen hat, so dass es drei Jahre lang nicht regnete (1. Könige 17, 1; 18,1) mag hier hineinspielen, auch wenn sie der Chronologie  nach ja erst später ist. Nach der Reihenfolge der Entstehung der biblischen Bücher aber ist sie schon bekannt.

„Regenmangel oder gar Regenlosigkeit macht das Land zur Steppe und entzieht dem Volk die Existenzgrundlage.“ (Hj.Bräumer, aaO.;, S. 75) Die Überzeugung ist: Der Regen bleibt nicht einfach so aus. Es mutet fast modern an: Das Verhalten der Menschen hat Einfluss auf das Wetter. Nicht so, wie wir es heute diskutieren und doch nahe dabei: Es hat auch mit Schuld und Sünde zu tun, wenn das Wetter außer Rand und Band gerät. Und wieder die Bitte: Wenn Gott hört, so möge er helfen, neue Wege zu gehen, er möge sie den guten Weg lehren, auf dem sie wandeln sollen. Vergebung ist nicht nur rückwärtsgewandt. Sie ist vor allem Eröffnung neuer Wege.

28 Wenn eine Hungersnot im Lande sein wird oder Pest oder Dürre, Getreidebrand, Heuschrecken, Raupen oder wenn sein Feind im Lande seine Städte belagert oder irgendeine Plage oder Krankheit da ist, – 29 wer dann bittet oder fleht, es seien einzelne Menschen oder dein ganzes Volk Israel, wenn jemand seine Plage und Schmerzen fühlt und seine Hände ausbreitet zu diesem Hause, 30 so wollest du hören vom Himmel her, vom Sitz deiner Wohnung, und gnädig sein und jedermann geben nach all seinem Wandel, wie du sein Herz erkennst – denn du allein erkennst das Herz der Menschenkinder -, 31 damit sie dich fürchten und wandeln in deinen Wegen alle Tage, solange sie in dem Lande leben, das du unsern Vätern gegeben hast.

Es gibt Situationen, in denen Einzelne und das Volk geradezu schicksalhaft ausgeliefert sind – an Hungersnot, Pest, Dürre, Getreidebrand, Heuschrecken, Raupen und was dergleichen Plagen mehr sind. Dann ist der Tempel der Ort der Klage vor Gott. Und Gott ist ja der, der das Herz der Menschenkinder kennt – er allein, in der Tiefe, die selbst den größten Seelenkennern verschlossen ist.  Und dann bittet Salomo, möge Gott hören, und gnädig sein und jedermann geben nach all seinem Wandel. Das ist nicht die Bitte um ein Aufheben des Zusammenhangs von Tun und Ergehen, wohl aber um ein Geben, dass dann doch neue Schritte ermöglicht.

 32 Auch wenn ein Fremder, der nicht von deinem Volk Israel ist, aus fernen Landen kommt um deines großen Namens und deiner mächtigen Hand und deines ausgereckten Arms willen und zu diesem Hause hin betet, 33 so wollest du hören vom Himmel her, vom Sitz deiner Wohnung, und alles tun, worum er dich anruft, auf dass alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen und dich fürchten wie dein Volk Israel und innewerden, dass dein Name über diesem Hause genannt ist, das ich gebaut habe.

In dieser Weite überschreitet Salomo – und ihn referierend der Chronist  – die Enge, die bei Esra und Nehemia in der Frage der Mischehen sichtbar wird. Er glaubt, dass der Tempel auch der Ort ist, an dem die Gehör finden werden, die nicht zu Israel gehören. Der Fremde, der sich angezogen fühlt vom HERRN, vom Gott Israels. Wunderbar wird hier die Hoffnung auf die Völkerwallfahrt zum Zion aufgegriffen, vorweggenommen. Oder genauer gesprochen: Aktualisiert für das 4. Jahrhundert. „Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln!“ (Micha 4, 1-2) Und in anderer Weise ein Zeitgenosse des Chronisten: „Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden “einen” jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“ (Sacharja 8,23)

Es hat in Israel seit dem Exil immer auch die Stimmen gegeben, die die Erwählung Israels als Heil für die Völker verstanden haben und die deshalb auch den Tempel nicht nur als den Ort des Gebetes für Israel sehen konnten. Sie wollten ihn geöffnet sehen für alle Völker. Weil Gott alle will.

 34 Wenn dein Volk auszieht in den Krieg gegen seine Feinde auf dem Wege, den du sie senden wirst, und sie zu dir beten nach dieser Stadt hin, die du erwählt hast, und nach dem Hause hin, das ich deinem Namen gebaut habe, 35 so wollest du ihr Gebet und Flehen hören vom Himmel her und ihnen zu ihrem Recht helfen.

Krieg gehört zur erlebten Wirklichkeit des Volkes Israel. Krieg ist nicht weit weg. Er kann sich als notwendig erweisen. Wenn denn Israel zu Kriegen genötigt ist, zu Kriegen, auf dem Wege, den du sie senden wirst, dann möge Gott ihr Beten hören. Das ist kein erbeteter Freibrief für Machtpolitik. Es ist vielmehr die Erinnerung daran, dass es Gottes Sache ist, ihnen zum Recht zu helfen, ich ergänze: zum Frieden. Und es ist wohl auch die Andeutung eines Wissens, dass Kriege nicht den Königsweg zu Frieden und Gerechtigkeit darstellen.

 – 36 Wenn sie an dir sündigen werden – denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt – und du über sie zürnst und sie vor ihren Feinden dahingibst und diese sie gefangen wegführen in ein fernes oder nahes Land 37 und sie nehmen es sich dann zu Herzen in dem Lande, in dem sie gefangen sind, und bekehren sich und flehen zu dir im Lande ihrer Feinde und sprechen: »Wir haben gesündigt, übel getan und sind gottlos gewesen«, 38 und sich von ganzem Herzen und von ganzer Seele zu dir bekehren im Lande ihrer Feinde, in dem man sie gefangen hält, und sie beten nach ihrem Lande hin, das du ihren Vätern gegeben hast, und nach der Stadt hin, die du erwählt hast, und nach dem Hause hin, das ich deinem Namen gebaut habe, 39 so wollest du ihr Gebet und Flehen hören vom Himmel her, vom Sitz deiner Wohnung, und ihnen zu ihrem Recht helfen und deinem Volk vergeben, das an dir gesündigt hat.

In dieser letzten Bitte spiegelt sich die Situation Israels nach dem Exil. Ein großer Teil ist zurück gekehrt. Aber ein anderer, wohl genau so großer Teil ist weiter im Exil. In Babylon, in Ägypten. Das Exil ist der Anfang der jüdischen Diaspora, Zerstreuung. Für sie alle betet über die Zeiten hinweg Salomo: So wollest du ihr Gebet und Flehen hören vom Himmel her, vom Sitz deiner Wohnung, und ihnen zu ihrem Recht helfen und deinem Volk vergeben. Dass Gott ihr Beten hört, auch wenn es nicht am Ort des Tempels laut wird. Dass er ihnen Recht schafft, Leben ermöglicht, wie auch immer. Und, wohl das wichtigste: dass er vergibt. Es gibt keine Zukunft ohne Vergebung. Nicht in der Zeit und nicht in Ewigkeit.

Der Chronist „leiht“ sich gewissermaßen die Worte Salomos zur „Predigt“ für seine Zeit. „Für ihn war ja trotz der Rückkehr von Teilen der babylonischen Judenschaft unter Serubbabel und unter Esra die Existenz der Diaspora sowohl in Babylon als auch in Ägypten ein unleugbares Faktum, und er mag damit gerechnet haben, dass diese Diaspora noch auf lange zeit bestehen blieb.“  (K. Galling, aaO.; S. 93)

40 So lass nun, mein Gott, deine Augen offen sein und deine Ohren aufmerken auf das Gebet an dieser Stätte. 41 Und nun mache dich auf, HERR, Gott, zu deiner Ruhe, du und die Lade deiner Macht. Lass deine Priester, HERR, Gott, mit Heil angetan werden und deine Heiligen sich freuen des Guten. 42 Du, HERR, Gott, weise nicht ab das Antlitz deines Gesalbten! Gedenk an die Gnaden, die du deinem Knechte David verheißen hast.

Das ist das Ende dieses Gebetes: Sieh und höre unser Gebet. Salomo weiß: Es gibt keinen Anspruch. Aber es gibt das Recht zu bitten: Du, HERR, Gott, weise nicht ab das Antlitz deines Gesalbten! Und es gibt diese Sehnsucht, dass Gott diesen Ort des Tempels zu seinem Ort macht, dass er hört und sieht. Dauerhaft, bleibend. Darum die Bitte: Nun mache dich auf, HERR, Gott, zu deiner Ruhe, du und die Lade deiner Macht. Die Zeit des Umherziehens soll zu Ende sein, auch für Gott. Aus dem Gott, der mitgeht soll ein Gott werden, der da ist.

So lass nun, mein Gott, deine Augen offen sein und deine Ohren aufmerken auf das Gebet an dieser Stätte. Wenn Gott diese Bitte nicht hört, ist der Tempel nichts als ein imposantes Gebäude, ein Steinhaufen ohne Verheißung. Es ist Gott, der den Tempel wirklich zum Tempel macht, nicht irgendeine noch so fromme und religiöse Architektur. Wenn es denn so etwas überhaupt gibt.

Ein Letztes zu diesem Gebet: Gedenk an die Gnaden, die du deinem Knechte David verheißen hast. Eine Wendung mit einer Nähe zu dieser Bitte findet sich beim Propheten Jesaja, als Wort Gottes: „Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.“(Jesaja 55,3) Sich auf die Gnaden Davids zu berufen, hat also in Israel Tradition, über das Exil hinaus.

 

Mein Gott, unser Glauben ist nie fertig, nie ohne Schatten, nie ohne wenn und aber. Unser Glauben ist immer zu klein, zu halbherzig, zu ängstlich.

Wir versäumen das Vertrauen auf Dich, verlieren den Weg des Gehorsams, verirren uns in unseren Ängsten.

Du aber höre vom Himmel her unser Rufen. Höre unsere Bitten. Erbarme Dich über uns, die wir Dir so oft unser Leben schuldig bleiben, unsere Liebe, unser Vertrauen. Höre Du uns aus der Tiefe. Amen