Warten auf Gottes Kommen

  1. Chronik 5, 1 – 14

1 Also wurde alle Arbeit vollbracht, die Salomo am Hause des HERRN tat. Und Salomo brachte hinein alles, was sein Vater David geheiligt hatte, und legte das Silber und Gold und alle Geräte in den Schatz im Hause Gottes.

            Der Bau ist fertig.Jetzt beginnt sozusagen die Innenausstattung. Zunächst mit allem, was schon David vorbereitet hatte. Man könnte auch sagen: Der Tempelschatz wird vor Ort gebracht. In den Schatz meint: In die dafür vorgesehenen Schatzkammern. Dorthin, wo der Schatz gut aufgehoben ist, wie in einem Tresor.

 2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird. 4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. 6 Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte.

               Salomo holt alle – Ältesten Israels, Häupter der Stämme und Fürsten der Sippen Israels – zusammen, damit sie beim letzten Akt beteiligt sind, wenn die Lade des Bundes des HERRN an ihren Ort im Tempel gebracht wird. Es wird ein großes Fest im siebten Monat – das Fest der Tempelweihe im September hat hier eine seiner Wurzeln.

Priester und Leviten transportieren die Lade und die Stiftshütte (=das Zelt.) „Die Verantwortung für den Transport des Zeltes hatten seit der Wüstenzeit die Priester….Als Träger waren von Anfang an die Leviten bestimmt“ (Hj.Bräumer, aaO.;, S. 59) Wieso die Stiftshütte hier auf einmal mit genannt wird und wie sie von Gibeon nach Jerusalem gelangt ist, wird nicht erwähnt. „Der rechtmäßige Kult ist fortan nur noch m Jerusalemer Tempel möglich.“ (K. Galling, aaO.; S. 92) Darauf allein kommt es an. Die Zeit der Höhenheiligtümer ist vorbei. Das ist wohl auch eine deutliche Botschaft in die Zeit  der Leser der Chronik-Bücher um 350  herum. Es gibt nur einen legitimen Gottesdienst-Ort. In Jerusalem.

 7 So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in den Chorraum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim, 8 dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her. 9 Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Chorraum in der Tempelhalle sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag. 10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.

Das wird betont: Im Allerheiligsten, unter die Flügel der Cherubim gebracht, findet die Lade ihren Standort. In ihr nichts als die Tafeln des Bundes. Mehr braucht es nicht für den wahren Gottesdienst: nur das Gesetz, das am Horeb empfangen worden ist. Das ist ja die Grundlage des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte. Und wenn Israel Zukunft haben soll, dann nur so, dass es diesen Bund treu hält.

Die Wendung: Und sie war dort bis auf diesen Tag. kann sich nicht auf die Zeit beziehen, im der die Chronik geschrieben wird. Mit der Zerstörung des Tempels in 586 ist auch die Lade dahin. Der nachexilisch gebaute Tempel hat keine Lade mehr.

 11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass sie sich an die Ordnungen hielten -, 12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13 Und es war, als wäre es “einer,” der trompetete und sänge, als hörte man “eine” Stimme loben und danken dem HERRN.

            An diesem Tag tun alle Priester Dienst. Die übliche Ordnung, nach der immer nur eine der vierundzwanzig Abteilungen „Dienst hat“, ist für diese Einweihung aufgehoben. Alle sollen beteiligt sein an diesem Fest. Und alle Leviten, die Sänger waren, sind gleichfalls beteiligt. Festlich gewandet. Eine große Szene und großartige Musik, einmütig und einstimmig. Als hörte man “eine” Stimme loben und danken dem HERRN. Ein Lobpreisgottesdienst ganz eigener, einzigartiger Art.

 Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Das, so möchte ich sagen, ist die eigentliche Einweihung des Tempels. Gott antwortet auf sein Lob mit seinem Kommen. Es ist sicherlich kein Zufall, sondern vom Chronisten bewusst notiert, dass diese Kommen zusammen trifft mit dem Lobgesang »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«. Fast könnte man sagen: Der Gottesdienst ist vorüber. Er hat sein Ziel erreicht. Gott ist da.  Das Haus des HERRN wurde erfüllt mit einer Wolke.

            Die Wolke erinnert an die Erzählung vom Wüstenweg Israels und dem Mitgehen Gottes auf diesem Weg: „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“(2. Mose 13,21-22) Sie weist weit über das Alte Testament hinaus auf die Verklärung Jesu: „Als er (Petrus) noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ (Matthäus 17,5) Schließlich ist da noch der Bericht des Lukas von der Himmelfahrt Jesu: „Als er ( Jesus) das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.“ (Apostelgeschichte 1,9)

Jedesmal ist die Wolke beides: Zeichen der Gegenwart Gott und Verhüllung. Sie erinnert daran, dass wir Gott nie ganz begreifen. So wenig wie das Wort Wolke nur eine Erscheinungsform des Himmelsgewölks aussagt – wie vielfältig sind Wolkenbildungen, die wir sehen! – so wenig können wir Gott je begreifen. Er ist da. Das genügt. Verhüllt, ins Dunkel gekleidet. Aber da. Er übersteigt jede Definition un entzieht sich unserem Begreifen. Die Gewissheit des Glaubens entsteht nicht dadurch, dass wir Gott begreifen würden. Sie entsteht darin, dass wir uns ihm anvertrauen.

            „Angesichts der unfasslichen und unanschaubaren Herrlichkeit Gottes kann der Mensch nur stillstehen und schweigen.“(Hj.Bräumer, aaO.;, S. 64) Aus dem Dienst für Gott wird der Dienst Gottes an seinen Menschen. Und dieser Dienst Gottes besteht zuallererst und zuallerletzt in dem einen, dass er da ist.

 

Heiliger Gott, der Platz ist bereitet, die Tore stehen offen. Alles wartet auf Dein Kommen. Du kommst, verhüllt, damit die Wartenden nicht vergehen.

Du nimmst gnädig an, was Dir bereitet worden ist. Du beugst Dich tief nach unten an den Ort, der von Deinem Erbarmen erzählt, von Deiner Barmherzigkeit erfüllt wird.

Die Erde ist voll Deines Erbarmens. Darüber lobe und preise ich Dich. Amen