Bauen nach Plan

  1. Chronik 28, 1 – 13 (14 – 21)

1 Und David versammelte nach Jerusalem alle Oberen Israels, nämlich die Fürsten der Stämme, die Obersten über die Ordnungen, die dem König dienten, die Obersten über tausend und über hundert, die Vorsteher über die Güter und Herden des Königs und seiner Söhne sowie die Kämmerer, die Helden und alle angesehenen Männer.

            Eine große Ratsversammlung. Alles, was im Hofstaat und der Administration des David Aufgaben hat, wird zusammen gerufen. Es wird also wichtig sein, was der König mitzuteilen hat.

 2 Und der König David stand auf und sprach: Hört mir zu, meine Brüder und mein Volk! Ich hatte mir vorgenommen, ein Haus zu bauen als Ruhestätte für die Lade des Bundes des HERRN und für den Schemel der Füße unseres Gottes, und hatte mich angeschickt, es zu bauen. 3 Aber Gott ließ mir sagen: Nicht du sollst meinem Namen ein Haus bauen; denn du bist ein Kriegsmann und hast Blut vergossen.

David beginnt seine Rede mit einem bitteren Eingeständnis. Er wollte für die Lade eine Haus bauen. Aber Gott hat es ihm verwehrt. Für alle Vorhaben hat er David unterstützt. Hier hat er ihm aber Halt geboten. Und der Grund wird deutlich benannt, wie schon einmal ( 22,6): Du bist ein Kriegsmann und hast Blut vergossen. Was in vieler Augen für David spricht, möglicherweise seinen Ruhm begründet, das spricht in diesem Vorhaben gegen ihn. Sein Herzensanliegen – „Ich hatte in meinem Herzen“ (King James Version) –  bleibt ihm unerfüllt, nicht, weil die Möglichkeiten dazu fehlten. Sondern weil er nicht der Richtige dafür ist. Und auch das hilft nicht, dass er weiß: es ist nur der Schemel der Füße unseres Gottes. Nicht das Gotteshaus.

 4 Nun hat der HERR, der Gott Israels, mich erwählt aus meines Vaters ganzem Hause, dass ich König über Israel sein sollte immerdar. Denn er hat Juda erwählt zum Fürsten und im Stamm Juda meines Vaters Haus, und unter meines Vaters Söhnen hat er an mir Gefallen gehabt, dass er mich zum König machte über ganz Israel.

Das alles aber hat David nicht wankend gemacht in seinem Wissen um seine Erwählung. Aus allen Söhnen Jakobs ist Juda zum Fürsten erwählt, aus Juda das Haus des Vaters Isai und aus den Söhnen Isais eben David. Das ist ein hohes Selbstbewusstsein, das aus dem Wissen um die Erwählung erwächst. „Mit allem Nachdruck betont David, dass es nur ein legitimes Königtum, das der Davididen gibt.“ (K. Galling, aaO.; S. 76) Aber das darf in keiner Weise Anlass zu  Hochmut werden. Das wird in den nachfolgenden Sätzen deutlich.  

 5 Und von allen meinen Söhnen – denn der HERR hat mir viele Söhne gegeben – hat er meinen Sohn Salomo erwählt, dass er sitzen soll auf dem Thron des Königtums des HERRN über Israel, 6 und er hat zu mir gesagt: Dein Sohn Salomo soll mein Haus und meine Vorhöfe bauen; denn ich habe ihn mir erwählt zum Sohn und ich will sein Vater sein 7 und will sein Königtum bestätigen ewiglich, wenn er daran festhält, zu tun nach meinen Geboten und Rechten, wie es heute geschieht.

            „David, der Erwählte Gottes, stellt nun dem Volk den neuen Erwählten vor.“ (F. Laubach, aaO.; S.262 ) Der Herr hat meinen Sohn Salomo erwählt. Also nicht einfach eine Nachfolgeregelung nach dem Gutdünken Davids. Sondern Gott selbst hat Salomo zum König erwählt. Und zum dritten Mal wird der Satz variiert, der eine Art Schlüsselsatz ist: Ich habe ihn mir erwählt zum Sohn und ich will sein Vater sein.

            Dieser Satz wird ja auch in den Königspsalmen aufgenommen, bei der Inthronisation eines neuen Königs.

Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN.                                                                        Er hat zu mir gesagt:                                                                                                                     »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.«             Psalm 2,7

Und er wird weiter wirken bis hin zu Jesus, dem Sohn Davids. Zugleich aber wird deutlich: Diese Erwählung verpflichtet. Erwählung ist im biblischen Sinn nie Privileg. Nie einfach nur Erhöhung über den Durchschnitt. Sie ist Erwählung zu einem bestimmten Weg. Und eben deshalb verbunden mit Konsequenzen.

Die Konsequenz, die hier benannt wird: Wenn er daran festhält, zu tun nach meinen Geboten und Rechten, wie es heute geschieht. Also keine bedingungslose Zusage, sondern eine, die nach der Lebenskonsequenz fragt. Die Gebote und Rechte Gottes festhalten, ihnen folgen, ihnen Geltung verschaffen, im eigenen Leben und im Leben des Volkes.

Es ist das Programm der deuteronomistischen Schriften, das hier als Bedingung für ein gesegnetes Leben formuliert wird.

 8 Nun denn – vor den Augen ganz Israels, der Gemeinde des HERRN, und vor den Ohren unseres Gottes -: Haltet und sucht alle Gebote des HERRN, eures Gottes, damit ihr das gute Land besitzt und auf eure Kinder nach euch für alle Zeiten vererbt!

            Diese Worte aber gelten nicht nur für den zukünftigen König. Sie gelten auch für die Gemeinde, ganz Israel. „Aus der Situation heraus erweitert der Chronist die dem König geltende Forderung zur Treue gegenüber Gottes Gesetz auch auf die Gemeinde; nur so wird ihr das verheißene Land bleiben.“ (K. Galling, aaO.; S. 76)  Das Volk kann sich nicht herausreden: Das Königshaus hat es an Treue und Glauben fehlen lassen. Das Königshaus kann sich nicht herausreden: Das Volk ist uns nicht gefolgt. Mag sein „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ . Aber diese Ausrede wird hier verstellt. Weder „die da oben“ noch „die da unten“ geht. Es gibt eine gemeinsame Verpflichtung für alle, vom großen König bis zum letzten Diener: Die Gebote und Rechte Gottes festhalten. Ihnen Raum geben in der eigene Lebenspraxis.

Nur so gibt es eine Zukunftsperspektive im Land der Verheißung.  Das ist der Satz, der auf die Leserinnen und Leser der Chronik gemünzt ist. Ihre Treue zu Gott und seinem Gebot öffnet Zukunft, ihre Untreue wird zur Wiederholung der früheren Verluste an Land und Tempel führen. Ein Satz, der weit über die Zeiten hinausgreift: „In der Verwirklichung der Thora liegt Israels Freiheit und Sicherheit begründet.“ (T. Willi, Die Chronik als Auslegung, Göttingen 1972, S. 149) Fast möchte ich sagen: wenn doch das heutige Israel das auch hören würde.

9 Und du, mein Sohn Salomo, erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm mit ganzem Herzen und mit williger Seele. Denn der HERR erforscht alle Herzen und versteht alles Dichten und Trachten der Gedanken. Wirst du ihn suchen, so wirst du ihn finden; wirst du ihn aber verlassen, so wird er dich verwerfen ewiglich! 10 So sieh nun zu, denn der HERR hat dich erwählt, dass du ein Haus baust als Heiligtum. Sei getrost und richte es aus!

Es folgt eine direkte Anrede an Salomo. Anrührend. Erkenne den Gott deines Vaters. Das ist mehr als nur Bewahrung der Tradition. Ein Erkennen, das zugleich Anerkennen hervor bringt. Gehorsam. Die Wendung  diene ihm mit ganzem Herzen und mit williger Seele erinnert an Grundtexte Israels, an das „schəma jisraëil“: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. (5. Mose 6, 4-5)

Die Begründung wird gleich mitgeliefert: Gott ist der Kenner der Herzen. Bis in die Tiefen hinein. Vor ihm gibt es kein Verbergen der Gedanken, Wünsche, Hoffnungen. Ganz so, wie es der Psalm sagt, der David zugeschrieben ist.

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                     du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                              Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                und siehst alle meine Wege.                                                                                                      Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                das du, HERR, nicht schon wüsstest.            Psalm 139, 2 – 4

Es ist, als würde der Chronist dann mit seiner Zusage, die er David in den Mund legt, an die große Verheißung Jeremias anknüpfen, vor dem Exil und über das Exil hinaus: „Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“ (Jeremia 29, 13-14) Darüber hinaus kommt für mich das Wort Jesu in den Blick: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7) Immer geht es darum: wenn wir uns wirklich auf die Suche nach Gott machen, werden wir nicht ins Leere laufen. Schon auf der Suche wird uns „das Herz aufleben“ (Psalm 69,33).

Wie eine Zusammenfassung. Genug ermahnt. Jetzt gilt es zu handeln. Sei getrost und richte es aus!

11 Und David gab seinem Sohn Salomo einen Entwurf für die Vorhalle des Tempels und für seinen Bau, seine Gemächer und Obergemächer und inneren Kammern und für den Raum des Gnadenthrones; 12 dazu Entwürfe für alles, was ihm durch den Geist in den Sinn gekommen war: für die Vorhöfe am Hause des HERRN und alle Gemächer ringsum, bestimmt für die Schätze im Hause Gottes und für die Schätze der geheiligten Gaben 13 und für die Ordnungen der Priester und Leviten und für alle Geschäfte und Geräte des Dienstes im Hause des HERRN.

Das ist der große Plan. Ein Entwurf nach dem anderen. Entwürfe für alles, was ihm durch den Geist in den Sinn gekommen war. Das ist zugleich ein starkes Signal dafür, wie sehr David sich diesen Tempelbau wünscht. Wie gerne er ihn selbst durchgeführt htte.

 14 Und er setzte fest das Goldgewicht für alle Geräte je nach ihrem Zweck und alles Silbergewicht für alle Geräte je nach ihrem Zweck 15 und das Gewicht für die goldenen Leuchter und goldenen Lampen, für jeden Leuchter und seine Lampen sein Gewicht, auch für die silbernen Leuchter, für jeden Leuchter und seine Lampen, nach dem Zweck eines jeden Leuchters. 16 Auch setzte er das Goldgewicht fest für die Tische der Schaubrote, für jeden Tisch sein Gewicht; ebenso auch das des Silbers für die silbernen Tische; 17 und für die Gabeln, Becken und Kannen von lauterem Gold und für die goldenen Becher, für jeden Becher sein Gewicht, und für die silbernen Becher, für jeden Becher sein Gewicht, 18 und für den Räucheraltar vom allerlautersten Gold sein Gewicht. Auch gab er einen Entwurf des Thronwagens mit den goldenen Cherubim, die sich ausbreiteten und oben die Lade des Bundes des HERRN bedeckten. 19 – Das alles steht in einer Schrift, gegeben von der Hand des HERRN, der mich unterwies über alle Werke des Entwurfes.

Die Worte sind gesagt. Jetzt folgt die Planung. Ausführungsbestimmungen. David gab seinem Sohn Salomo einen Entwurf. Andere Übersetzungen für das hebräische tabnit: Plan, Bauplan, Modell. Jedenfalls nicht nur ein Auftrag, sondern viel mehr: Ausführungs-Bestimmungen bis ins Detail,  Entwürfe für alles, was ihm durch den Geist in den Sinn gekommen war. Dabei fällt auf, wie kleinteilig die Vorgaben Davids sind. Gewichte, Maße, Materialien. Alles festgelegt durch David, der doch nicht selbst bauen darf. Aber doch nicht Davids Tempel. Denn auch die Details sind nicht seine Details. Alles steht in einer Schrift, gegeben von der Hand des HERRN.

Es entsteht so der Eindruck, und er ist wohl auch gewollt: Dieser Bau wird nach einem himmlischen Modell ausgeführt. Nicht nur nach den Gedanken eines kleinen Königs. Sein eigentliches Modell ist im Himmel. Ganz so, wie es auch von der Stiftshütte berichtet wird: „Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne. Genau nach dem Bild, das ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.“ (2. Mose 25, 8-9) Für „Bild“ steht hier gleichfalls tabnit. Auch der Schemel der Füße Gottes wird nicht einfach nach menschlichem Belieben erbaut.

Es ist auch in der Umwelt Israels kein ungewöhnlicher Gedanke: Die irdische Wirklichkeit bildet die himmlische Wirklichkeit ab. Und je besser ihr das gelingt, umso näher ist sie am Göttlichen, umso näher auch an einem guten Leben.

 20 Und David sprach zu seinem Sohn Salomo: Sei getrost und unverzagt und richte es aus! Fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken! Gott der HERR, mein Gott, wird mit dir sein und wird die Hand nicht abziehen und dich nicht verlassen, bis du jedes Werk für den Dienst im Hause des HERRN vollendet hast. 21 Siehe, da sind die Ordnungen der Priester und Leviten zu jedem Dienst im Hause Gottes; auch hast du zu jedem Werk Leute, die willig und weise sind zu jedem Dienst, dazu auch die Fürsten und alles Volk zu allem, was du tun wirst.

Weil es diesen Plan gibt, dieses Modell, kann sich Salomo getrost ans Werk machen. Die Ermutigungsworte Davids erinnern an die Ermutigung Josuas vor dem Einzug in das gelobte Land. „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“ (Josua 1,9) Das ist, denke ich, eine gewollte Parallele. Der Bau des Tempels gleicht gewissermaßen der Landnahme.

Zum Schluss: Salomo muss ja den Tempel nicht allein bauen. Du hast zu jedem Werk Leute, die willig und weise sind zu jedem Dienst. Bauleute. Priester. Beamte, das Volk.

 

Gott, Du Herr aller Welt, Du Kenner der Menschenherzen, Du weißt, wen Du Dir rufst, welche Aufgaben Du jedem von uns anvertraust. Du kennst unsere Sinne, unser Herz, unseren Mut, aber auch unser Verzagen und unsere Ängste.

Es ist gut, dass Du uns durch Menschen und ihre Worte Rückenwind gibst, den Mut stärkst, damit wir uns unseren Aufgaben stellen.

Ich danke Dir für alle, die mich für meine Wege ermutigt haben, aus mancher Müdigkeit heraus geholfen haben und mir neue Wege geöffnet haben. Du lässt uns nicht allein auf unseren Wegen. Amen