Von der Reue Gottes

  1. Chronik 21, 15 – 22,1

15 Und Gott sandte den Engel nach Jerusalem, es zu verderben. Aber während des Verderbens sah der HERR darein und es reute ihn das Übel. Und er sprach zum Engel, der das Verderben anrichtete: Es ist genug; lass deine Hand ab!

Hier halte ich den Atem an. Gott fällt sich selbst in den Arm. Er hält seinen Engel auf.   Diese wenigen Worte stehen für mich neben alten  biblischen Texten. Neben dem Ende der Sintflut. Auch da als eine Reaktion, die das Verderben nicht bis zum Äußersten treibt: Der HERR „sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,21-22)

Und auch das ist – so denke ich – eine Parallele: Abraham „reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts.“ (1.Mose 22,10-12) Auch hier wieder: Nicht bis zum Äußersten. Hier hält Gott den Arm des Menschen auf, fällt ihm in den Arm.

Vor Jerusalem fällt er sich selbst in den Arm. Ist es so, dass wir als Leser das zu lernen haben: Gott zieht seine Gerichte nicht durch. Er fürchtet sich nicht vor dem, dass man ihn für inkonsequent halten könnte, ihm seine Gnade, sein Erbarmen als Schwäche vorhalten könnte.  Ist es so, dass wir hier in das Herz Gottes sehen? Jahrzehnte zuvor hat der Prophet geschaut: „Mein Herz ist andern Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen, zu verheeren.“ (Hosea 11, 8-9) Es ist die Umkehr Gottes, die „Reue Gottes“ (J. Jeremias), die dann auch möglich macht, dass sein Volk umkehrt, dass David umkehrt. 

Der Engel des HERRN aber stand bei der Tenne Araunas, des Jebusiters. 16 Und David hob seine Augen auf und sah den Engel des HERRN stehen zwischen Himmel und Erde und ein bloßes Schwert in seiner Hand ausgestreckt über Jerusalem. Da fielen David und die Ältesten, mit Säcken angetan, auf ihr Antlitz. 17 Und David sprach zu Gott: Bin ich’s nicht, der das Volk zählen ließ? Ich bin’s doch, der gesündigt und das Übel getan hat; diese Schafe aber, was haben sie getan? HERR, mein Gott, lass deine Hand gegen mich und meines Vaters Haus sein und nicht gegen dein Volk, es zu plagen.

David weiß noch nichts von dieser Reue Gottes. Er sieht – hellsichtig für die Wirklichkeit Gottes durch die Wirklichkeit der Welt hindurch den Engel des HERRN stehen zwischen Himmel und Erde. Wie es zu solchem Sehen kommt, verschweigt uns der Chronist. Es ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass David sieht. Das Gericht ist da.

Und nun fällt er, zusammen mit den Ältesten, auf die Erde. Mit Säcken angetan, auf ihr Antlitz. Waren sie zu einer Art „Bußgottesdienst“ beieinander? Das liegt durch die Säcke nahe. Vom König von Ninive wird das als Reaktion auf die Predigt des Jona erzählt, als Bußakt: „Er hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche.“ (Jona 3,6)

David hat es verstanden: Ich bin’s doch, der gesündigt hat. Er hat sich verrannt mit seiner Musterung. Es ist seine Schuld, nicht die des Volkes. Und darum bittet er: Lass ab vom Volk. Wenn denn Zorn sein muss, dann gegen mich und meines Vaters Haus sein.

Das ist nicht die Denkart der Könige. Da ist es meistens anders herum: Das Volk muß gerade stehen für die Schuld der „Könige“. Bis heute ist das so: Die Völker bezahlen für das, was die Regierungen nicht geregelt bekommen. Sanktionen treffen nie oben, sie treffen immer nur unten.

 18 Und der Engel des HERRN sprach zu Gad, er solle David sagen, dass David hinaufgehe und dem HERRN einen Altar aufrichte auf der Tenne Araunas, des Jebusiters. 19 Da ging David hinauf nach dem Wort Gads, das dieser geredet hatte in des HERRN Namen.

            Die Antwort auf dieses Schuldengeständnis Davids ist ein neues Wort an Gad. Ein neuer Auftrag, den der Prophet an David weitergibt: einen Altar aufzurichten auf der Tenne Araunas, des Jebusiters. David hört  das Wort Gads und geht. Hören und Gehorchen sind eins.

            „Der Platz, an dem ein einfacher Bauer bisher seine Arbeit verrichtet hatte, sollte in Zukunft für Gott geheiligt sein.“(F. Laubach, aaO.; S. 219) Das löst Phantasien aus: Wird damit nicht auch die Arbeit irgendwie geheiligt? Und: Es müssen nicht immer die Plätze sein, die die eigene Frömmigkeit wählen würde, die Gott zu seinem Ort bestimmt. Ein Dreschboden ist gut genug für Gott. So wie früher ein Stein bei Bethel und ein Dornbusch in der Wüste. Später ein Stall in Bethlehem und ein Kreuz auf Golgatha.

 20 Arauna aber wandte sich um und sah den Engel und versteckte sich und seine vier Söhne mit ihm. Arauna aber drosch Weizen. 21 Als nun David zu Arauna kam, sah Arauna auf und ward David gewahr. Und er ging von der Tenne weg und fiel vor David zur Erde nieder auf sein Antlitz.

Jetzt kommt Arauna ins Spiel. Auch er sieht den Engel – und versteckt sich. Mitten in seinem Alltag Besuch aus der Welt Gottes. Das ist zum Fürchten. Auch wenn es hier nicht heißt: „Fürchte dich nicht!“ Arauna sieht im Folgenden nur noch David. Den König. Das reicht ihm, um sich auf die Erde nieder zu werfen.

Eine entfernte Parallele zu diesem Sehen des Arauna geht mir durch den Sinn. In der Verklärungsgeschichte heißt es am Ende, nachdem die Jünger Mose und Elia gesehen, die Stimme vom Himmel gehört haben: „Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.“(Matthäus 17,8) Der Durchblick in die Wirklichkeit Gottes ist auch da kein Dauerzustand. Er kommt ans Ende und es bleibt der Blick auf den König vor Augen. Bei David und auf dem Tabor.

22 Und David sprach zu Arauna: Gib mir den Platz der Tenne, dass ich dem HERRN einen Altar darauf baue; für den vollen Preis sollst du ihn mir geben, damit die Plage unter dem Volk aufhöre. 23 Arauna aber sprach zu David: Nimm ihn dir und mache, mein Herr und König, wie dir’s gefällt. Siehe, ich gebe die Rinder zum Brandopfer und die Dreschschlitten als Brennholz und Weizen zum Speisopfer; das alles gebe ich.

            Arauna hat gehört, was David will. Aber er fürchtet, dass es eine Anfrage ist, die er in keiner Weise ablehnen kann. Kein Geschäft unter Gleichgestellten. Es könnte sein, es ist die Angst vor dem Mächtigen, die Aurana sagen lässt: Nimm  dir und mache, wie dir’s gefällt. Alles wird er ihm geben, und noch mehr, als David erbeten hat, obendrein, weil er weiß, dass es gefährlich ist, königlichen Wünschen zu widerstreben.

Eine weit hergeholte Assoziation: Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.“ (Lukas 19,8-9) Auch Arauna steht vor einem König. Auch er ist bereit zu geben. Und auch er wird von dem König empfangen.

24 Aber der König David sprach zu Arauna: Nicht doch! Sondern für den vollen Preis will ich’s kaufen; denn ich will nicht, was dein ist, für den HERRN nehmen und will’s nicht umsonst zum Brandopfer haben. 25 So gab David dem Arauna für den Platz Gold im Gewicht von sechshundert Lot.

            David aber besteht darauf, dass er bezahlen will. Kein Geschenk. Nichts, was aus Angst ihm überlassen wird. Daran liegt David offensichtlich:  Dieser zukünftige Tempel-Platz soll zuvor sein Eigentum sein und nicht das Eigentum des Jebusiters. Hat Gott ihm und seinem Volk das Leben geschenkt, so ist ihm nun doch das ein geringes Opfer, dass er den Preis für die Tenne entrichtet.

 26 Und David baute dem HERRN dort einen Altar und opferte Brandopfer und Dankopfer. Und als er den HERRN anrief, erhörte er ihn durch das Feuer, das vom Himmel fiel auf den Altar mit dem Opfer. 27 Und der HERR gebot dem Engel, dass er sein Schwert in seine Scheide stecke.

            David führt den Auftrag Gads aus. Erbaut dem HERR einen Altar. Er opfert auf diesem Altar. Und findet Gnade. Erhörung. Wie viel später auf den Altar des Elia auf dem Karmel (1. Könige 18,38), so fällt auch hier Feuer auf den Altar mit dem Opfer. Das ist das ersehnte Signal. Keine Furcht mehr vor Strafe. Der HERR gebot dem Engel, dass er sein Schwert in seine Scheide stecke. Er hat das Opfer gnädig angesehen.

 28 Damals, als David sah, dass ihn der HERR erhört hatte auf der Tenne Araunas, des Jebusiters, und er dort Opfer darbrachte – 29 aber die Wohnung des HERRN, die Mose in der Wüste gemacht hatte, und der Brandopferaltar waren zu der Zeit auf der Höhe bei Gibeon;

            Das ist wie eine Notiz, um die Orte zu klären. Der Opferort ist die Tenne Araunas. Die Wohnung des Herrn, die Stiftshütte steht zu dieser Zeit  auf der Höhe bei Gibeon.

 30 David aber konnte nicht hingehen und vor ihn treten, um Gott zu befragen, so erschrocken war er vor dem Schwert des Engels des HERRN -, 22,1 da sprach David: Hier soll das Haus Gottes, des HERRN, sein und dies der Altar für die Brandopfer Israels.

            Dorthin, nach Gibeon aber ist in Zukunft David der Weg versperrt. Die Stiftshütte ist kein Ort mehr, an dem er Orakel-Sprüche einholen kann.  Denn das hat David jetzt verstanden: Hier, auf der Tenne Araunas ist in Zukunft der Ort für das Haus Gottes, des HERRN. Ein erster Schritt auf dem Weg der Zentralisierung des Gottesdienstes im zukünftigen Tempel. Und ein Schritt zur Ablösung der vielen Heiligtümer und Altäre überall im Land.  Damit auch ein Schritt, der es ermöglicht, den Kult am Tempel so zu ordnen, dass er recht-gläubig und rechtmäßig durchgeführt wird. Das ist eines der Anliegen, die dem Chronisten auf der Seele liegen.

 

Einen Ort haben um zu beten, vor Dir still zu werden, zu hören, mein Gott. Was für ein Geschenk.

Du selbst, Heiliger Gott, zeigst uns diesen Ort, gibst uns Deinen Sohn, damit wir Dich suchen und finden können in ihm. Dafür danke ich Dir. Amen