Volkszählung – satanische Versuchung

  1. Chronik 21, 1 – 14

1 Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe.

            Wieder so ein Satz, in dem der Chronist wertet, eine theologische Leitlinie sichtbar macht. Das, was folgt, ist eine Verlockung des Satan. Er bringt David dazu, das Volk zählen zu lassen. So etwas, wie eine Erhebung der Truppenstärke durchführen zu lassen. In der Parallele zu unserem Abschnitt ist vom Satan keine Rede! „Und der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen das Volk und sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda!“ (2. Samuel 24,1) Ist das ein Hinweis darauf, dass der Satan immer nur „Gottes Affe“ (M. Luther) sein kann? „Hier ist der Satan der Widersacher Gottes, ja geradezu das gegengöttliche Prinzip. Nur hier innerhalb des Alten Testamentes ist Satan Eigenname.“ (K. Galling, aaO.; S. 61)

Die Folge ist allerdings wichtig: Es ist nicht Gott, der das Böse gegen Israel in Gang setzt. Er ist sozusagen von allen Anklagen frei zu sprechen.

 2 Und David sprach zu Joab und zu den Obersten des Volks: Geht hin, zählt Israel von Beerscheba bis Dan und bringt mir Kunde, damit ich weiß, wie viel ihrer sind. 3 Joab sprach: Der HERR tue zu seinem Volk, wie es jetzt ist, hundertmal so viel hinzu! Aber, mein Herr und König, sind sie nicht alle meinem Herrn untertan? Warum fragt denn mein Herr danach? Warum soll eine Schuld auf Israel kommen?

Eigentlich wollen Militärs doch gerne Planungssicherheit. Umso bemerkenswerter ist, dass Joab diesen Auftrag missbilligt. Er will das Volk nicht gezählt sehen. Er legt keinen Wert darauf zu wissen, wie viele Truppen denn im Ernstfall mobilisiert werden können. Darum geht es ja. Zählt Israel von Beerscheba bis Dan  ist die Anordnung einer Musterung.

            Dem gegenüber verweist der Feldhauptmann an die Adresse Gottes: Der HERR tue zu seinem Volk, wie es jetzt ist, hundertmal so viel hinzu! Es ist doch Gottes Sache, das Volk größer zu machen. Das liegt auf der Linie dessen, was von Joab schon vorher erzählt wird. „Sei getrost und lass uns getrost handeln für unser Volk und für die Städte unseres Gottes. Der HERR tue, was ihm gefällt! (19,13) Dieser seltsame Feldhauptmann Joab, der ein ziemlich weites Gewissen (2. Samuel 12,14 – 18;  2. Samuel 18,5 – 18) hat, weiß doch, dass Israel abhängig ist von Gott und nicht so sehr von der Stärke seiner Truppen. „Joab ahnte, dass die Volkszählung Gottes Gericht herausfordern würde. Im Vertrauen auf große Zahlen, auf menschliche Macht und Stärke würde das Gottesvolk seine geistliche Identität verlieren.“(F. Laubach, aaO.; S. 215)

 4 Aber des Königs Wort blieb fest gegenüber Joab. Und Joab ging hin und zog durch ganz Israel und kam nach Jerusalem zurück 5 und gab David die Zahl des gezählten Volks an. Es waren von ganz Israel elfmal 100000 Mann, die das Schwert trugen, und von Juda 470000 Mann, die das Schwert trugen. 6 Levi aber und Benjamin zählte er nicht mit; denn Joab war des Königs Wort ein Gräuel.

David beharrt auf seinem Befehl und Joab bleibt nichts anderes übrig als zu gehorchen. Er führt die Musterung durch. Von ganz Israel elfmal 100000 Mann dazu  von Juda 470000 Mann. Eine Riesenstreitmacht. Nur Levi und Benjamin werden nicht mit gemustert. Für die Leviten geht das auf alte Worte zurück: „Den Stamm Levi sollst du nicht zählen noch seine Summe aufnehmen unter die Israeliten:“ (4. Mose 1,49) Gemeint ist unter die wehrfähigen Israeliten.

 7 Dies alles aber missfiel Gott sehr und er schlug Israel.

Eine lapidare Feststellung. Sie korrespondiert dem ersten Satz. Und macht sogleich deutlich: Satan als der, der reizt, verlockt, verführt, entschuldigt nichts. Die Verantwortlichkeit Davids bleibt ungeschmälert. Verwunderlich ist dieser negative Blick auf die Musterung dennoch, in einem Buch, in den es von Listen und Aufstellungen nur so wimmelt – und auch im Folgenden wimmeln wird. Offensichtlich macht es einen Unterschied, ob Listen dazu dienen, die Treue Gottes zu zeigen oder ob sie dazu dienen, die Einsatzfähigkeit des Heeres in Zukunft zu sichern.

Was das bedeutet, dass Gott Israel schlug, bleibt im Dunkeln. Ist damit schon die kommende Pest gemeint? Doch wohl schwerlich. Aber was dann?

 8 Da sprach David zu Gott: Ich habe schwer gesündigt, dass ich das getan habe. Nun aber nimm weg die Schuld deines Knechts; denn ich habe sehr töricht getan. 

Die Reaktion Davids allerdings ist eindeutig. Er erkennt seine Schuld, seine Sünde. Dass er sich mit dieser Musterung von Gott entfernt hat, aus dem Vertrauen auf ihn gelöst. Sehr töricht nennt er sein Verhalten. Das ist nicht nur bußfertige Rhetorik Es ist die Überzeugung des Chronisten: Es gibt keine Autonomie gegenüber dem Willen Gottes, keinen Weg des Lebens ohne Gott. Seinen Weg jenseits der Wirklichkeit, dass Gott da ist und der Herr ist, gehen zu wollen ist zugleich Sünde und töricht. Sünde, weil es Gott die Anerkennung verweigert. Töricht, weil es die Wirklichkeit verkennt,

Und auch das weiß David: Dass das Volk geschlagen ist, ist Folge seiner Schuld. Es muss also seine Schuld weggenommen werden, damit das Volk wieder einen Weg hat. Das ist aber ein Satz, der weit über die akute Situation hinaus greift. Damit Israel nach 586 wieder einen Weg hat, muss die Schuld der Könige Israels weggeräumt werden. Und noch weiter gedacht: es gibt keinen neuen Weg zum Leben, wenn nicht die Altlasten der Schuld geklärt werden. Das gilt bis heute.

9 Und der HERR redete mit Gad, dem Seher Davids, und sprach: 10 Geh hin, rede mit David und sprich: So spricht der HERR: Dreierlei lege ich dir vor; erwähle dir eins davon, dass ich es dir tue. 11 Und als Gad zu David kam, sprach er zu ihm: So spricht der HERR: Erwähle dir 12 entweder drei Jahre Hungersnot oder drei Monate Flucht vor deinen Widersachern und vor dem Schwert deiner Feinde, dass es dich ergreife, oder drei Tage das Schwert des HERRN und Pest im Lande, dass der Engel des HERRN Verderben anrichte im ganzen Gebiet Israels. So sieh nun zu, was ich antworten soll dem, der mich gesandt hat.

            Gad ist, neben Nathan, einer der beiden Propheten, die David begleiten. Er wird der Überbringer des Gottesspruchs. David darf wählen: Drei Jahre Hunger, drei Monate Flucht oder drei Tage Pest. Der Hunger ist anonym, die Feinde sind David nur zu gut bekannt. Und hinter der Pest steht der Engel des HERRN.

 13 David sprach zu Gad: Mir ist sehr angst, doch ich will in die Hand des HERRN fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr groß; aber ich will nicht in Menschenhände fallen.

            Das ist stark: Mir ist sehr angst. Der König gesteht dem Propheten seine Angst. Seine innere Not. Doch wohl auch sein Verzagen. Und trifft so seine Wahl:  Ich will in die Hand des HERRN fallen. Fast möchte man ergänzen: Da weiß ich doch, was ich habe. Dieser König, der bei seinen Heer-Zügen Ströme von Blut vergossen hat, ist nicht der starke, unberührte Mann.  Und weil er sich selbst kennt, auch seine Schatten seiten, weiß er wohl auch, was ihm blüht, wenn er in die Hände seiner Widersacher fällt. Darum: Ich will nicht in Menschenhände fallen.

Statt dessen lieber drei Tage Pest, lieber der Engel des HERRN, der Verderben anrichte in ganz Israel.  Denn da ist doch noch eine verwegene Hoffnung: Seine Barmherzigkeit ist sehr groß. Vor Gott zu Gott fliehen. Das also könnte man von David lernen.

 14 Da ließ der HERR eine Pest über Israel kommen, sodass siebzigtausend Menschen aus Israel starben.

Drei Tage. Siebzigtausend Tote. Ich schreibe das auf, wenige Tage nach dem 4. August. Und denke an den 4. August 1945. 120000 Tote an einem Tag. In Hiroshima. Opfer des menschlichen Hochmutes auf beiden Seiten.  Und lese es wieder am 1. September, 75 Jahre Nach dem Überfall von Hitlers Wehrmacht auf Polen. Folge eines gottlosen Kalküls mit der eigenen Stärke und der Angst der anderen Staaten vor einem Krieg. Zeichen eines gottlosen Hochmuts, der nur auf sich selbst vertraut.

 

Mein Gott, es fällt so schwer zu gestehen: Ich bin schuld. Es fällt so schwer, sich den Folgen des eigenen Handelns zu stellen. Aber es gibt keinen Weg nach vorne, wenn wir nicht die Schuld eingestehen, nicht unsre Fehler sehen, nicht wirklich zur Reue finden.

Ich bitte Dich, dass ich es lerne, meine Schuld nicht zu leugnen, sie nicht anderen anzulasten, sondern mich zu ihr zu stellen.

Wie sonst sollst Du Dich denn zu mir stellen können. Amen